Hollywood-Hoffnung Ansel Elgort Der Baby-Brando

Seine Vorbilder sind James Dean und Marlon Brando: Als lässiger Actionheld "Baby Driver" steht Ansel Elgort vor seinem Durchbruch in Hollywood. Wie cool ist er im echten Leben? Eine Begegnung.

Sony Pictures

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Mal sehen, wie cool Ansel Elgort wirklich ist: "Hey, hast du gesehen? Da draußen vor dem Hotel stehen ganz viele Fans, vor allem Mädchen. Sind die wegen dir da?" Elgort, 23, heiß gehandeltes Kino-Nachwuchstalent und Teenieschwarm aus New York, geht zum Fenster im Hochparterre des noblen Londoner Corinthia nahe Charing Cross, guckt runter: "Wirklich?" Tatsächlich stehen unten ein paar Autogrammjäger herum, allerdings, so hatte zuvor eine Blitzumfrage ergeben, warteten sie vorrangig auf den Rapper Will.i.Am, der hier an diesem Tag ebenfalls Interviews gibt.

Elgort setzt ein gelassenes, schiefes Lächeln auf, das man auch aus seinen Filmrollen kennt, ein unverschämt-verschmitztes Was-kostet-die-Welt-Gesicht: "Ah, okay, aber die Mädchen waren sicher auch für mich hier", sagt er betont gelangweilt. "Glaubst du nicht? Ist immer so. Letztes Mal, als ich zu einer Filmpremiere in London war, standen 100 vor dem Kino. Ich habe mit jeder von ihnen ein Selfie gemacht." Er schlendert zurück zum Sofa, setzt sich. Okay, er ist ganz schön cool.

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Ansel Elgort: Schauspieler, Musiker, Mädchenschwarm

Dabei dürfte Ansel Elgort durchaus ein bisschen nervös sein. Mit seiner Hauptrolle in "Baby Driver", einem rasant durchchoreografierten Actionfilm des britischen Regisseurs Edgar Wright, steht er kurz davor, neben "Spider Man" Tom Holland und Lucas Hedges ("Manchester by the Sea") zu einem der definierenden Hollywoodstars der Millennials-Generation zu werden. Elgorts Karriere im Filmgeschäft ist denkbar kurz, er spielte in den Young-Adult-Romanverfilmungen "Divergent" und "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" und agiert abseits der Schauspielerei als EDM-DJ und Elektronik-Pop-Musiker. Unter dem Namen Ansolo hat er bereits diverse Mixtapes und Singles veröffentlicht.

Auf Instagram, das er eifrig mit Bildern bestückt, folgen ihm mehr als acht Millionen, bei Twitter sind es noch mal drei. Weibliche Follower beschwärmen ihn als "soooo cute and handsome" und würden ihn am liebsten gleich heiraten. Elgort ist jedoch schon seit 2012 (mit Unterbrechungen) mit seiner Highschool-Liebe Violetta Komyshan zusammen, einer Tänzerin. Das Internet ist voller verliebter Foto-Postings des attraktiven Pärchens, das gemeinsam in Elgorts topsanierten Brownstone-Haus in Brooklyn wohnt, gekauft von seinen ersten größeren Gagen.

"Es ist leicht, mich zu hassen", sagt Elgort, wenn man ihn auf sein scheinbar so privilegiertes Leben anspricht: Seine Eltern sind die Operndirektorin Grethe Barrett Holby und der berühmte "Vogue"-Fotograf Arthur Elgort, er wuchs an der Upper West Side in Manhattan auf, besuchte die aus "Fame" bekannte LaGuardia-Schule für Gesang und Tanz, spielte Theater und 2013, noch als Teenager, seine erste größere Kinorolle in der Neuverfilmung von "Carrie". Elgort ist jung, weiß, männlich, gut aussehend und multipel begabt - ein Hollywood-Traumtyp, dem alles zuzufliegen scheint, mühelos.

Perks of having a ballerina girlfriend.

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"Ich weiß, dass es so wirkt", sagt er, "aber jeder hat seine eigenen Widrigkeiten im Leben. Als ich fünfzehn war, erlitt mein Vater einen Schlaganfall, plötzlich war ich der Mann im Haus. Wir hatten Geld, ja, was immer das in New York bedeutet, aber das heißt nicht, dass ich nicht hart arbeiten musste." Als er anfing, sich für Schauspielerei zu interessieren und sich für eine Profilaufbahn entschied, dachte er in bescheidenen Bahnen: "Meine größte Vorstellung war damals, in 'Law & Order' oder so etwas mitzuspielen. Ich wollte einfach nur arbeiten. Mein Traum war, meine Miete mit Schauspielen bezahlen zu können, dann hätte ich es geschafft."

Dass seine Eltern Künstler seien, habe es für ihn leichter gemacht, weiß Elgort. Als er beschloss, sich auf der Bühne zu versuchen, legten sie ihm keine Sorgen und Steine in den Weg, sondern unterstützten ihn: mit Verständnis, Zuspruch - und gewiss auch dem einen oder anderen Zugang zu Schulen und Institutionen. "Selbst als ich zu meiner Mom sagte: Oh, und nebenbei, ich will nicht aufs College gehen, sagte sie nur: Verstehe ich gut, wollte ich damals auch nicht."

Ansel Elgort: Thief

Elgort erzählt das alles ruhig und unaufgeregt in einem leichten New Yorker Akzent voller "wannas" und "gonnas". Er denkt nach, bevor er auf Fragen antwortet, die unter die Oberfläche zielen. Er beherrscht aber natürlich auch die Floskeln, wie "great" es war, mit Edgar Wright zu drehen, was er alles für spätere Versuche als Filmemacher von ihm gelernt habe ("Ich habe mir Notizen gemacht"), wie einfach es ihm Stars wie Kevin Spacey, Jamie Foxx und Jon Hamm machten, mit denen er in "Baby Driver" zusammen auftritt. Gern erzählt er auch nochmals die Geschichte, wie er beim Vorsprechen "Easy" von den Commodores sang - und Wright davon so begeistert war, dass er den Song in den Film einbaute: "Ich habe eine Tanzausbildung, ich habe einen musikalischen Hintergrund…, es war einfach die richtige Rolle für mich."

Das coole, sich ständig per iPod beschallendes Fluchtfahrer-As mit traumatischer Kindheit, das sich in eine Kellnerin verliebt und noch einen letzten Job erledigen muss, bevor er mit ihr durchbrennt, ist eine ikonische Kinofigur. Ein stiller, konzentrierter Rebellenpart, wie er unter anderen Zeitgeistvorgaben auch Elgorts Vorbild James Dean gefallen hätte. Ein anderer Hollywoodgigant, den er verehrt, heißt Marlon Brando.

Vor allem von dessen Gravitas, der in den besten Momenten unaufdringlichen Suggestion von Tiefe und Tragik, besitzt Elgort viel, wenn er spielt. Aber ein so zerrüttetes Leben wie Brando, sagte Elgort einmal, möchte er lieber nicht führen müssen. Stattdessen schweben ihm wie seinem Charakter in "Baby Driver" ruhigere Bahnen vor, eine Familie, ein paar Kinder. Überraschend konservative Werte, die man von einem jungen, aufkommenden Kinostar mit allen Möglichkeiten nicht unbedingt erwartet, die aber vielleicht typisch sind für seine Generation. Elgort, der viele seiner Altersgenossen und Kollegen mit 1,93 Körpergröße überragt, wirkt manchmal erwachsener, als er sein müsste.

Ansel Elgort in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" (2014, mit Shailene Woodley)
20th Century Fox

Ansel Elgort in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" (2014, mit Shailene Woodley)

Wegen dieser Abgeklärtheit lässt ihn womöglich auch das Gerede über seinen vermeintlichen Durchbruch und den zu erwartenden Ruhm und Rummel kalt: "Ich sehe meine Karriere mehr als Marathon denn als Sprint", sagt er. "Baby Driver" sei "der richtige Schritt" gewesen. Im Moment sei er zufrieden, wenn möglichst viele Menschen den Film sehen und sich an den Typen aus "Baby Driver" erinnern, der ihnen vielleicht auch schon in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" gefallen hat. "Ich erwarte nicht, dass jeder meinen Namen kennt. Wenn ich Glück habe und weitermachen kann, dann wird mich jeder kennen, wenn ich 50 bin."

Selbst im kurzen Gespräch mit Elgort ist spürbar, dass sein größter Druck nicht von außen, von Presse, Fans und Hollywood-Hysterie kommt, sondern von innen, dass die coole New Yorker Smugness, natürlich, eine Maskerade ist: "Es sieht wirklich alles ganz mühelos aus, und das sollte es auch. Ich bin froh, dass es so wirkt. Aber in Wahrheit ist es das nicht für mich. Ich neige dazu, perfektionistisch zu sein, über alles Bescheid wissen zu wollen." Als echter Künstler aber, beschwört er sich selbst, müsse man lernen, seinen Instinkten zu folgen, Spaß zu haben und Erfolge zu genießen, auch temporäre. "Das ist die größte Herausforderung, an der ich ständig arbeite: Ich will mir erlauben, mir selbst zu vertrauen."

Bisher, könnte man sagen, klappt das schon ganz gut.

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insgesamt 2 Beiträge
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Newspeak 30.07.2017
1. ...
Wenn der Mann wirklich so denkt, wie er in dem Interview rueberkommt, dann finde ich das bemerkenswert abgeklaert. Denn es ist doch wirklich so. Die Medien versuchen aus solchen Jungstars den totalen Hype zu machen, um sie aus unerfindlichen Gruenden groesstenteils nur ein paar Jahre spaeter wieder fallen zu lassen. "Baby Driver" mag ja ein guter Film sein, um sich Aufmerksamkeit eines breiten Publikums zu schaffen, aber das ist doch kein Shakespeare. Wenn er Pech hat, und die falschen Entscheidungen trifft, wird er typegecastet, und dann folgt dann "Baby Driver 7 - The second Prequel" die Ernuechterung, und die Medien werden die Ersten sein, die ihn totschreiben.
micheleyquem 30.07.2017
2. Es gäbe da ein recht berühmtes Buch....
Wer jene Welt, aus der dieser neue "Superstar" kommt, etwas genauer kennen lernen will, dem sei "Fegefeuer der Eitelkeiten" der wunderbare Roman von Thomas Wolfe empfohlen. Sogar die Verfilmung ist ganz hervorragend gelungen...
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