Actionfilm "Baby Driver" Benzin-Ballett

"La La Land" trifft "Drive": Edgar Wrights Bankräuberfilm "Baby Driver" verleiht Verfolgungsjagden eine coole Popchoreografie. Der Regisseur empfiehlt sich als Nachwuchs-Tarantino.

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Gute Actionfilme, besonders die mit langen Autoverfolgungsjagden, sind im Grunde Ballett-Inszenierungen: Körper und Karren tänzeln, rasen, kollidieren in einem steten, rhythmischen Auf- und Abwogen kinetischer Energie. Eine gute Verfolgungsjagd, in "French Connection" beispielsweise oder in "Bullitt", hat einen distinktiven Groove, erzeugt von pulsierender Musik und sinister grollenden Motoren. Toll!

Noch toller - oder besser: tollkühner ist es, wenn man dieses Konzept auf die Spitze treibt. So wie der britische Regisseur Edgar Wright ("Hot Fuzz", "Scott Pilgrim") in seinem neuen Film "Baby Driver", eine unverschämte Fusion aus "La La Land"-Kitsch und der Coolness von "Drive". Dass es dabei nicht zur Karambolage gekommen ist, grenzt an ein Wunder. Stattdessen hat "Baby Driver" mit seiner stilsicheren Treibstoffmischung aus Action, Romantik und Evergreen-Soundtrack Potential, zum kommenden Kultfilm der Millennials-Generation zu werden.

Zu verdanken ist das den Obsessionen eines Regisseurs, der die Idee für dieses Heist-Musical schon Anfang der Nullerjahre hatte, als er noch Musikvideos drehte: Sieht man sich noch einmal den Clip zu "Blue Song" von den längst vergessenen Mint Royale an, hat man "Baby Driver" als Blaupause. Allerdings längst noch nicht so elegant - und ohne Ansel Elgort ("Das Schicksal ist ein mieser Verräter") in der Titelrolle eines jungen, aber sehr virtuosen Fluchtfahrers. Der 23-Jährige, der mit dieser Rolle endgültig zu einem der begehrtesten Jungstars werden wird, überzeugt als attraktives Babyface, das seine postadoleszenten Unsicherheiten und Marotten durch eine obercoole Attitüde zu übertünchen weiß. Was wäre Kino ohne solche liebenswert soziopathischen Figuren?

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"Baby Driver": Car-Chase Karaoke

"Baby", wie er nur genannt wird, ist ein ehemaliger Joyrider, ein jugendlicher Delinquent, der einst das falsche Auto klaute und deshalb beim Gangsterboss "Doc" (Kevin Spacey) seine Schulden abarbeiten muss. Seit einem miterlebten Unfall als Kind, bei dem seine Mutter ums Leben kann, hat er einen lästigen Tinnitus und eine schwere Macke: Gestohlene iPods mit allerlei diversen Playlisten für jede Lebenslage besitzt er mindestens ebenso viele wie dunkle Wayfarer-Sonnenbrillen, beide Accessoires benutzt er obsessiv, was ihm eine latent autistische Aura verleiht. Die Dauerbeschallung per Ohrstöpsel blendet nicht nur das Fiepen im Gehörgang aus, sie liefert auch den Soundtrack für seinen Fahrstil. "Baby Driver" dürfte der erste Actionfilm sein, der sich einen eigenen, ziemlich hippen Choreografen leistet: Ryan Heffington verantwortete unter anderem die Grammy-nominierte Tanzperformance in Sias "Chandelier"-Video.

Wie es sich anfühlt, wenn Wright, Elgort und Heffington ihre spezielle Magie entfachen, ist im Eröffnungs-Set-Piece zu erleben: Baby wartet im Wagen auf die Rückkehr seiner Gang nach vollzogenem Raubzug. Mit dem sich allmählich brachial steigernden "Bellbottoms" der Jon Spencer Blues Explosion bringt er sich in Startposition, durch die folgende Autojagd steuert er den knallroten Subaru im Rhythmus des Songs. Soundtrack, Schnitt und Bildregie spielen auf geradezu atemberaubende Weise zusammen und setzen den Groove des gesamten Films. Statt New York, wie in "Bellbottoms", dient jedoch Atlanta als Kulisse. Und statt zu singen, bewegt Baby bei seinem Drive nur die Lippen zu den Lyrics: Car Chase-Karaoke.


"Baby Driver"
UK/USA 2017

Regie/Drehbuch: Edgar Wright
Darsteller: Ansel Elgort, Lily James, Kevin Spacey, Jon Hamm, Jamie Foxx, Eiza González, Flea, Lanny Joon, Jon Bernthal, Sky Ferreira
Produktion: Working Title Films, Big Talk Pictures, Double Negative
Verleih: Sony
Länge: 113 Minuten
FSK: ab 16
Start: 27. Juli 2017


Weniger aufregend ist dann der Plot, der sich um das rasende Wunderkind entfaltet. Er verknallt sich in die Kellnerin Debora (die gerne "B-A-B-Y" von Carla Thomas vor sich hin summt, er kontert mit "Debora" von T-Rex) - und addiert Love zu seinen beiden Obsessionen. Natürlich wollen die beiden durchbrennen, nach Westen, "with a car I can't afford and a plan I don't have", wie Debora es zusammenfasst. Aber natürlich muss Baby vorher noch einen letzten Job erledigen. Und natürlich geht der mächtig schief. Was zu noch mehr Auto-Action und Audio-Alarm führt.

Das Generische dieser Erzählung fegt Wright mit Verve aus dem Bewusstsein seines Publikums, indem er Baby ein exzellentes Nebendarsteller-Ensemble zur Seite stellt (u.a. Jon Hamm, Jamie Foxx und Eiza González als "Buddy", "Bats" und "Darling"). Sie bilden eine bis zur Karikatur überzeichnete Bankräuber-Posse, gegen deren "Issues" die Psycho-Probleme Babys wie Kinderkram wirken - inklusive der wahrlich unguten Implikation, dass Debora nur ein Ersatz für die vergötterte Mutti (Kurzauftritt Sky Ferreira) ist, die ihm vom Fahrersitz aus immer vorgesungen hat. Aber ehe man in derart psychologische Tiefe vordringt, wird man wieder eingetaktet. So wie Baby, der selbst beim Kaffeeholen für die Bande in ein Fred-Astaire-Tänzchen zu Bob & Earls "Harlem Shuffle" verfällt: Hitch, hitch-hike Baby…, yeah, yeah, yeah.

Die Souveränität, die Wright in seinem Genre-Mashup zeigt, das mit seinem Vintage-Wahn (schnelle Autos, alte Musik, große Liebe) dem konservativen Zeitgeist entspricht, erinnert an Quentin Tarantinos frühe Filme und Drehbücher. "True Romance" grüßt in "Baby Driver" ebenso aus dem Off wie "Blues Brothers", Walter Hills "The Driver" und Baz Luhrmanns "Romeo & Julia". Die musikalische Bandbreite des Regie führenden Connaisseurs und seines Leinwand-Alter-Egos reicht vom titelgebenden Simon-&-Garfunkel-Stampfer über Dave-Brubeck-Jazz und Punkrock von The Damned ("Neat Neat Neat") bis zu Wrights Lieblingsband Queen. Über deren "Brighton Rock" wird dann im Film auch ausführlich diskutiert, ein ganz persönliches Update der "Madonna Speech" aus "Reservoir Dogs".

Filmtrailer ansehen: "Baby Driver"

Die Radikalität Tarantinos, sowohl in der Darstellung von Gewalt und Obsession, als auch in der Abgründigkeit von Story und Humor, erreicht Wright allerdings nicht. Er will nicht schockieren, nur charmieren, er will das Kino nicht revolutionieren, sondern zelebrieren. Der Gestus seines Benzinballetts bleibt spielerisch, aber das heißt nicht, dass es nicht rockt. Uh, Baby.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
judaspriest 27.07.2017
1.
Was ein Müll. Wie der Autor auf Ähnlichkeiten zu Walter Hills Driver kommt bleibt mir rätselhaft. Der Trailer sieht sich wie ein Vorspann zu The Fast and The Furious Teil 107. Stussige Dialoge und diverse Wayfarer ergeben null 'Coolness', das Jungchen ist also auf dem Weg zum begehrten 'Star' zu mutieren. Bei mir jedenfalls nicht, Teeniekomödien im Stil von Cobra 11 soll sich ansehen wer mag.
chramb80 27.07.2017
2. Gesehen?
Zitat von judaspriestWas ein Müll. Wie der Autor auf Ähnlichkeiten zu Walter Hills Driver kommt bleibt mir rätselhaft. Der Trailer sieht sich wie ein Vorspann zu The Fast and The Furious Teil 107. Stussige Dialoge und diverse Wayfarer ergeben null 'Coolness', das Jungchen ist also auf dem Weg zum begehrten 'Star' zu mutieren. Bei mir jedenfalls nicht, Teeniekomödien im Stil von Cobra 11 soll sich ansehen wer mag.
Allein der Schnitt und die Chorographie sind brilliant, alles passt auf den Beat, Müll von Tenniekomödie und Cobra 11 zu quatschen ist schon ordentlicher BS.
.patou 27.07.2017
3.
Zitat von judaspriestWas ein Müll. Wie der Autor auf Ähnlichkeiten zu Walter Hills Driver kommt bleibt mir rätselhaft. Der Trailer sieht sich wie ein Vorspann zu The Fast and The Furious Teil 107. Stussige Dialoge und diverse Wayfarer ergeben null 'Coolness', das Jungchen ist also auf dem Weg zum begehrten 'Star' zu mutieren. Bei mir jedenfalls nicht, Teeniekomödien im Stil von Cobra 11 soll sich ansehen wer mag.
Wieso rätselhaft? Beide Filme sind Varianten des Themas "Fluchtwagenfahrer". Ich mag "Drive", den jungen Tarantino und den hemmungslosen Kitsch von "La La Land". Ich glaube, der Film wird mir gefallen. Die Soundtrack-Liste liest sich, wie immer bei Wright, sehr gut. Außerdem finde ich es begrüßenswert, dass der junge Protagonist iPods klaut und diese dadurch vielleicht wieder hip macht. Womöglich hat das ja den Nebeneffekt, dass ich mich von meinem eigenen Nachwuchs nicht mehr als völlig aus der Zeit gefallen bespötteln lassen muss, weil ich mich nicht von meinem heiß geliebten iPod classic trennen kann. Jon Hamm sollte beim Bart bleiben.
MickyLaus 27.07.2017
4. PRackk!
Trailer gesehen, fremdgeschämt. Danke. Obwohl ich Auto- und Actionfan bin denke ich das dieser Film einfach nur peinlich ist.
derjo201 27.07.2017
5. @judaspriest und MickyLaus
"Was ein Müll. ... Der Trailer sieht sich wie ein Vorspann zu The Fast and The Furious Teil 107. " "Trailer gesehen, fremdgeschämt. Danke. Obwohl ich Auto- und Actionfan bin denke ich das dieser Film einfach nur peinlich ist." Auf einen Film einzudreschen, den man nicht einmal gesehen hat, ist schon extrem peinlich. Vor allem auf einen, der international vom Publikum und den Kritikern überwiegend gefeiert wird.
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