Backstage bei der Oscar-Verleihung Hollywood verkalkt

Die Oscar-Verleihung 2011 erstickte in einem Korsett aus Pomp und zwanghafter Planung. Spontaneität? Fehlanzeige. Kein Wunder, dass manche Kritiker die ausrichtende Akademie mit dem Kreml vergleichen. Nur hinter der Bühne des Auditoriums flackerte gelegentlich Widerstandsgeist auf.

Aus Los Angeles berichtet


Als Melissa Leo von der Bühne des Kodak Theatres kommt, entschuldigt sie sich als erstes. "Ich bitte alle um Verzeihung", sagt sie zu den Wartenden im Backstage-Bereich. "Das war wahrscheinlich der unpassendste Ort, dieses spezielle Wort zu benutzen."

Das spezielle Wort ist "fuck", das Leo Minuten zuvor ausspricht, als sie den Oscar als beste Nebendarstellerin entgegennimmt - vor der versammelten Hollywood-Prominenz und, so fürchtet sie auch jetzt noch, vor Hunderten Millionen TV-Zuschauern. Es rutscht ihr einfach so raus, in einem verquasten Satz über Kate Winslet, die den gleichen Oscar 2009 gewonnen hat, was damals doch "so fucking easy" ausgesehen habe. "Oh", erschrickt Leo sofort und greift sich an die Stirn, während der greise Kirk Douglas, 94, versteinert zuschaut.

Doch nur die geschockten Stars im Theater selbst hören den undamenhaften Ausdruck aus dem Munde der Dame in der Marc-Bowden-Robe. Weder die Journalisten hinter der Bühne noch das globale Fernsehpublikum bekommen etwas mit von diesem einzigen, schlüpfrigen Fauxpas in einer sonst durch und durch konventionell-konservativen Langeweil-Show.

Denn die Oscar-Regie sorgt mit dem flinken Ausblendeknopf dafür, dass es "fuck" nie übers Auditorium hinaus schafft, sondern auf dem Weg in den Rest der Welt flugs hinweggepiept wird. "Live" heißt bei den Oscars bekanntlich nicht live - sondern stets "fünf Sekunden zeitverzögert". Man weiß ja nie.

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Melissa Leo: Das Oscar-Aufregerchen
Es ist ein bezeichnender Augenblick bei dieser Oscar-Gala in Hollywood - einer Gala, die an ihrer eigenen Wichtigkeit und Würde erstickt. Auf der Bühne wie im Backstage-Labyrinth dahinter legt sich schon gleich nach der bemühten Eröffnungssequenz mit den gequält lockeren Jungstars Anne Hathaway und James Franco die bleierne Gewissheit aufs Gemüt: Die Academy of Motion Picture Arts und Sciences (Ampas), nie für Risikofreude bekannt, spielt diesmal ganz besonders auf Nummer sicher.

"Wie ein kommunistischer Häuserblock"

Die Preisträger, die Inszenierung, das Beiwerk: Nichts ist spontan, unerwartet, überraschend oder lebendig an diesem kühlen Abend am Hollywood Boulevard. Keine Underdogs, die auftrumpfen. Keine Indie-Filme, die die etablierte Studiowelt durcheinanderwirbeln. Keine schwarzen Stars, die die Oscar-"Weißwäsche" ("New York Times") aufmischen könnten. Es ist, als verbunkere sich die US-Filmbranche hinter Tradition, habe Angst vor dem Neuen, Fremden und Unberechenbaren.

Dahinter steckt vor allem die eiserne Faust der Academy. Sie ist eine enorme Bürokratie, die sich nur schwer bewegt, selbst wenn sie das bewegte Bild inszeniert. Ihre Mitgliedschaft altert und hinkt dem Rest der diversen, ethnisch bunten USA demografisch hinterher.

"Sie ist groß, kompakt und gänzlich undefinierbar", lästert der Filmkritiker Brian Moylan am Rande der Show über die Ampas. "Wie ein kommunistischer Häuserblock steht sie da, ausdruckslos und immerwährend, und zwingt uns, auf bessere Tage zu hoffen." Das offizielle Hochglanz-Programm, das die Oscar-Gäste im Kodak Theatre überreicht bekommen, bestätigt das: Auf mehreren Seiten listet es allein die einzelnen "Ausschüsse" der Academy auf, als handele es sich um ein Parlament.

Dass die Ampas längst dem Kreml Konkurrenz macht, das zeigt sich auch schon tags zuvor. Da enthüllt die verhasste Klatschkolumnistin Nikki Finke den Ablaufplan der Oscar-Show, ein Tabubruch, für den sie prompt mit Platzverweis bestraft wird. Finkes korrektes Orakel über das größte Hollywood-Ereignis des Jahres: "Das wird mal wieder eine Schnarchnummer."

Zwar haben die Produzenten Bruce Cohen und Don Mischer - wie alle Produzenten in all den Jahren vor ihnen - eine "neue, frische" Show versprochen, mit viel digitalem Trara und ohne langweilige Reden. Sie wollten den Gewinnern sogar die Papierzettel mit ihren Namenslisten verbieten. Trotzdem bleibt alles beim Alten: Müde Sketche, triefende Tribute - und langweilige Reden, bis auf Melissa Leos "fuck".

Die wenigen faszinierenden Momente des Abends finden denn auch fast ausnahmslos hinter der Bühne statt, abseits der Kameras. So outet sich David Seidler, der für sein Drehbuch zu "The King's Speech" gewinnt, jenes gefällige Historiendrama über den stotternden König George VI., selbst als lebenslanger Stotterer: "Ich kenne alle Tricks, Sie merken's nur nicht."

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Die Sieger: And the Oscar goes to...
Natalie Portman, Gewinnerin als beste Schauspielerin für "Black Swan", wird im Backstage-Bereich mit Applaus begrüßt. Sie wirkt scheu, spricht fast unhörbar leise und hält ihren Oscar mit beiden Händen vor ihrem hochschwangeren Bauch umklammert - ein seltenes Bild bewegender Bescheidenheit.

"Es fühlt sich sehr wie in einem Traum an", sagt sie. "Ich weiß nicht wirklich, wo ich bin." Ein Reporter bekennt: "Ich bin nervöser, Ihnen eine Frage zu stellen, als ich es im Irak war." Darauf Portman: "Keine Sorge, ich werde Ihnen nichts Schlimmes antun." Was sie nun als nächstes machen wolle? "Im Bett bleiben, meine Jogginghose anbehalten, relaxen."

Jungmoderatoren bei der Veteranen-Show

Colin Firth wiegt seinen Oscar wie ein Baby in den Armen, als er frisch vom Sieg nach hinten kommt. Vorne auf der Bühne ist er artig, dahinter jedoch hält er sich nicht an die Ampas-Order der inszenierten Eintracht. In einer raren, persönlichen Meinungsäußerung protestiert er statt dessen dagegen, dass "The King's Speech" für die USA familienfreundlich zusammengeschnitten werden solle - ohne Flüche und Schimpfworte, um die Zensoren zu besänftigen und ein breiteres Publikum zu erreichen. "Das unterstütze ich nicht", sagt Firth in typisch-britischem Understatement.

Aber auch diese Mini-Kontroverse passt natürlich völlig ins Bild der handzahmen Oscars. Der Durchmarsch von "The King's Speech" ist, wie alles an diesem Abend, völlig vorhersehbar. Selbst wenn die Verkündung der letzten Kategorie - "Best Picture" - durch Regisseur-Legende Steven Spielberg vom obligatorischen Trommelwirbel untermalt wird.

Spielberg ist einer der vielen Altmeister, deren Auftritte diese Oscars zu einer regelrechten Veteranen-Show machen. Das Moderatorenduo - das jüngste in der Geschichte der Oscars - steht in krassem Kontrast zu den anderen, faltigen Gesichtern, die da über die goldene Bühne rotieren. Am schlimmsten ist der Auftritt von Kirk Douglas, dessen anzügliche Scherze den Zuschauern im Backstage-Bereich die Gourmet-Shrimps im Hals stecken lassen.

In welche Richtung sich das alles wälzt, deutet sich schon nachmittags an, beim Countdown zu den Oscars. "Ich will Spaß haben", ruft Vorjahressiegerin Sandra Bullock zwar, die schon früh (ohne Herrenbegleitung) über den roten Teppich anrauscht - jenen zum grellen Open-Air-Studio gedopten Laufsteg, über den die PR-Agenten ihre Klienten scheuchen, an den klickenden Kameras vorbei.

Doch allein die lackierten Kulissen ringsum signalisieren alles andere als Spaß. Sie sind stattdessen eine biedere Hommage ans alte, farblose Hollywood: schwarz-weiß-silber. Entsprechend die Kleider der Ladys: viel Weiß, viel Silber, Stummfilmschick. Die Krisenjahre sind überstanden - nun bloß nicht auffallen!

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Mode auf dem Oscar-Teppich: The Good, the Bad, the...

Und so entpuppt sich am Ende das Buffet hinter der Bühne als größte Attraktion: Pasta, Spießchen, Schinken- und Käsebaguettes sowie jede Menge Sahnetörtchen. Die internationalen Reporter, die die Show per Kopfhörer verfolgen, halten sich bald lieber im kulinarisch bestückten Flur auf als vor den Monitoren. So groß ist der Andrang, dass das Buffet bald mehrfach nachgefüllt werden muss.

Die Show ist kaum zu Ende, da bauen die Kellner die Essenstische aber auch schon wieder ab. Binnen kürzester Zeit zerstreuen sich die Gäste in die Nacht. Auf dem Hollywood Boulevard demontieren Bauarbeiter die Tribünen und rollen den roten Teppich ein, um ihn ins Lager zu bringen, fürs nächste Jahr.

Bevor Co-Moderator James Franco den Nachtflieger nach New York nimmt, um dort an die Uni zurückzukehren, schickt er über Twitter noch ein letztes Foto aus dem Kodak Theatre an seine Fans. Es zeigt Bruce Vilanch, einen der Autoren der Oscar-Show, hinter der Bühne an seinem Schreibtisch - im Tiefschlaf, Augen geschossen, Mund geöffnet. Es ist das ehrlichste Bild der ganzen Nacht.



insgesamt 61 Beiträge
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mkda 28.02.2011
1. Fucking - kein Piep
Also bei der Übertragung auf Pro7 wurde das Fucking von keinem Piep übertönt. War zwar schon spät, aber ich glaube nicht, dass ich es ihr von den Lippen abgelesen habe.
mbschmid, 28.02.2011
2. Wahrscheinlich ...
Zitat von mkdaAlso bei der Übertragung auf Pro7 wurde das Fucking von keinem Piep übertönt. War zwar schon spät, aber ich glaube nicht, dass ich es ihr von den Lippen abgelesen habe.
Wahrscheinlich ist es den Amis egal, was die Europäer senden. In deren Augen herrscht bei uns so oder Sodom und Gomorra. :-)
goologne 28.02.2011
3. Kein Piepton bei Pro7
@mkda Ich kann Deine Feststellung nur bestätigen. Pro7 Zuschauer kamen in den Genuß der "unzensierten" Übertragung. Ich war zunächst überrascht weil seit dem Nippelgate mit Janet Jackson diese 5 Sekunden Verzögerung eingeführt wurde. Ich dachte dass mit den Jahren die Fernsehsender wieder relaxter geworden sind. Zumindest gilt die 5 Sekunden Verzögerung dann wohl nur innerhalb der USA und das internationale Signal bleibt anscheinend live in "Echtzeit", weil der Rest der Welt solche "Kraftausdrücke" besser vertragen kann :D.
swede2011 28.02.2011
4. Kein Biep in Schweden
In Schweden war auch nichts ausgeblendet oder überpiept. Alles gut zu hören ... ansonsten unglaublich langweilige Geschichte diese Oscars ... war am lustigsten bei Twitter...
Rockker, 28.02.2011
5. Gähn
Die langweilgste Verleihung seit Jahren. So ist wenn man als Moderatoren, zwei junge Leute nimmt, die weder Comedian sind, noch komisch. Wo sind Billy Crystal, Steve Martin, Whoopy Goldberg, Jon Stewart, Robin Williams und Co? Oder wollten die Veranstalter jetzt gar keine Witzeleien und damit gar keinen Ärger. Was heisst diese abfällige Bemerkung des Autors über all die Alten die da sitzen und die jungen Moderatoren seien angeblich so toll. Jung ist nicht gleich besser. Das waren die langweiligsten und schlechtesten Moderatoren aller Zeiten. Konnte man aber ahnen das es so wird. Der eigentliche Highlight, bzw. der einzige war der alte Douglas gleich am Anfang. Danach kam nichts, oder fast nichts. Colin Firth war doch auch nicht schlecht.
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