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"Bad Santa": Ist das Leben nicht scheiße?

Von Oliver Hüttmann

Er flucht, säuft, klaut, hurt und hasst Kinder: Billy Bob Thornton brilliert als fatalistischer Weihnachtsmann in der schmerzhaften Kino-Satire "Bad Santa", die derbe und desperat die besinnliche Festtagsmoral zerlegt.

Billy Bob Thornton als "Bad Santa": 147 Mal "fuck", 74 Mal "shit"
Columbia TriStar

Billy Bob Thornton als "Bad Santa": 147 Mal "fuck", 74 Mal "shit"

Leise rieselt der Schnee und etwas Erbrochenes. In der Seitengasse neben einer Bar lehnt der Weihnachtsmann an einer Mauer und kotzt sich die Seele aus dem Leib. Kindern sollte man spätestens nach der Auftaktsequenz die Augen zuhalten und vor allem die Ohren - am besten, man nimmt sie gar nicht erst mit ins Kino. Denn Regisseur Terry Zwigoff hat kein erbauliches Festtagsmärchen mit flockigem Humor gedreht, wie sie uns Hollywood alle Jahre wieder beschert. "Bad Santa" ist ein derber, desperater Abgesang auf besinnlichen Konsum und beschauliches Glück im Kreise der Familie. Unter heftigen Flüchen geht die schöne Moral konsequent zum Teufel.

In der amerikanischen Originalfassung soll 147 Mal "fuck" und 74 Mal "shit" gesagt werden. Und meistens kommt es aus dem Mund von Willie (Billie Bob Thornton). Das klingt erst mal profan. Aber nicht die Häufigkeit ist entscheidend, sondern wie er es sagt. Wie dieser Trinker damit die Welt und jedes Gefühl von sich fernhält. Und wie er dabei andere anblickt. Mal ins Leere starrt, mal verächtlich blinzelt. Als würde er fragen: Ist das Leben nicht scheiße? "Bad Santa" gibt sich vordergründig als Komödie, erweist sich dahinter aber als existenzialistische Tragödie. Er wirkt wie ein boshafter, burlesker Zwitter aus "Leaving Las Vegas", wo Nicolas Cage sich zu Tode säuft, und Frank Capras Erlösungsklassiker "Ist das Leben nicht schön?" mit James Stewart, den an Heiligabend ein Engel vom Selbstmord abhält.

Szene aus "Bad Santa": Willie hasst Kinder
Columbia TriStar

Szene aus "Bad Santa": Willie hasst Kinder

Die eher selbstmitleidigen Figuren von Cage und Stewart jedoch kontert Thornton bei seinem Charakter mit widerborstigen Fatalismus. Ebenso hält Zwigoff es eisern durch, den Zuschauer nicht zu rühren, sondern vor den Kopf zu stoßen. Willie hasst Kinder. Angewidert lässt er sie dennoch jedes Jahr auf seinen Schoß, wenn er alljährlich als Weihnachtsmann in Kaufhäusern ihre Geschenkwünsche entgegennimmt. Allerdings trägt er das schmuddelige Kostüm und den schlecht sitzenden Bart nur, weil er die Einnahmen stehlen will. Sein kleinwüchsiger, als Elfe verkleideter Komplize Marcus (Tony Cox) versteckt sich nach Geschäftsschluss, schaltet dann die Alarmanlage aus und lässt Willie herein, der die Tresore knackt und ausräumt.

Bis dahin aber ist Willies stoische Trunkenheit ein unberechenbares Risiko, das von Szene zu Szene mit eher erschütternden als erheiternden Gags steigt. Er kommt stets betrunken und zu spät zum Dienst. Beschimpft immer wüster die Kinder. Pinkelt sich dabei in die Hose. Und er wird fast gefeuert, als ihn der Kaufhausmanager (John Ritter) beim Sex mit einer Kundin in der Umkleidekabine erwischt. Einmal ist er derart besoffen, dass er vor Dutzenden Kindern wie im Wahn mit einem Plastikrentier ringt, dem er dann den Kopf abschlägt. Man hört ihn nur Schreien und Schnaufen. Danach ist es still und einem das Lachen im Hals stecken geblieben.

Willie mit "Erlöserin" Sue (Lauren Graham): Fetisch-Sex statt Erleuchtung
Columbia TriStar

Willie mit "Erlöserin" Sue (Lauren Graham): Fetisch-Sex statt Erleuchtung

Wie in jedem Märchen tauchen auch in "Bad Santa" jene Personen auf, die den garstigen Typen läutern sollen. Die Kellnerin Sue (Lauren Graham) entspricht zwar dem Bild von der heiligen Hure, ihr steht der Sinn aber auch mehr nach Fetisch-Sex als nach errettender Erleuchtung. Und ein dicker Junge (Brett Kelly), der mit blonden Löckchen aussieht wie eine Putte, ist eher das schrecklich nervige Kind als jene niedliche Inkarnation, die einen in Filmen sonst immer zur Änderung seines Lebenswandels nötigt. Die Einsicht kommt Willie zwar doch noch. Aber als er auf dem Weg zum Happy End zu Weihnachts-Evergreens von der Polizei gestellt wird, ist es längst zu spät.

Terry Zwigoff rutscht auf manchen allzu platten Zoten aus, als dass man "Bad Santa" als rundum gelungene Tragikomödie preisen könnte. Er konnte als Regisseur auch keine visuelle Raffinesse entwickeln wie etwa Joel und Ethan Coen, die hier als Produzenten tätig waren und sogar das Drehbuch überarbeitet haben. Es ist vor allem Billy Bob Thornton, der diesen Film erinnerungswürdig macht - mit einem meisterhaften Minimalismus zwischen verkaterter Lakonik und knurrigen Eskapaden. Wenn er am Flipperautomaten einer Blondine zeigt, wie man die Hüfte einsetzen muss, oder er mit hängenden Schultern einfach nur zwischen zerknüllten Bierdosen steht, sagt das mehr als jede geschliffene Pointe. Sein Willie mag ein schlechter Nikolaus sein, ein böser Kerl ist er nicht.


Bad Santa

USA 2003. Regie: Terry Zwigoff. Drehbuch: Glenn Ficarra, John Requa. Darsteller: Billy Bob Thornton, Tony Cox, Lauren Graham, Brett Kelly, Bernie Mac, John Ritter, Cloris Leachman. Produktion: Triptych Pictures, Joel und Ethan Coen. Verleih: Columbia TriStar. Länge: 91 Minuten. Start: 18. November 2004

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