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Film über Mädchengang: Vogelfrei in der Vorstadt

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Klauen, tanzen, prügeln: Der französische Film "Bande de Filles" erzählt von einer Mädchengang, die sich in der Banlieue behaupten muss. Ein kraftvolles, ungeschöntes Bild vom Heranwachsen unter verschärften Bedingungen.

Am Anfang des Films trägt Marieme (Karidja Touré) riesige Schulterpolster und einen Helm. Sie ist 16 Jahre alt und spielt nach der Schule American Football. Anders als in Rüstung sieht man die Schülerin in den nächsten zwei Kinostunden nie - denn auch die schwere Lederjacke und das dicke Make-up, das sie bald trägt, sind nichts anderes als Ausstattung für einen Kampf, und der Kampf heißt Überleben in der Banlieue.

"Bande de Filles" ist der dritte Film der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin Céline Sciamma. Waren ihre ersten Arbeiten "Waterlilies" und "Tomboy" noch behutsame Erkundungen des weiblichen Coming-of-Age, legt sie mit "Bande de Filles" einen ungleich wuchtigeren Film vor.

Die vier Mädchen aus der titelgebenden Mädchengang können es sich nicht leisten, anders als selbstbewusst aufzutreten, wollen sie auf den Straßen und in den Wohnungen ihres Viertels bestehen. Die raue Energie, die die vier entwickeln, fängt der Film aber nicht nur ein, er überträgt sie unmittelbar durch seine leuchtenden Bilder, die pulsierende Musik von Para One und nicht zuletzt durch das ungeschliffene Spiel seiner Laiendarstellerinnen. Das macht "Bande de Filles" so aufregend und wischt jede Befürchtung vom Tisch, man könnte es hier mit einem bleiernen Sozialdrama zu tun haben.

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"Bande de Filles": Vier Kämpferinnen für ein wenig Glück
Ein, zwei Mal muss die zurückhaltende Marieme aufgefordert werden, dann schließt sie sich der aufsässigen Lady (Assa Sylla) und ihrer Gang an. An ruhigeren Tagen ziehen sie gemeinsam durchs Viertel, essen Fast Food und quatschen mit den Jungs. An wilderen Tagen knöpfen sie ihren Mitschülerinnen Schutzgeld ab, fahren in die Stadt zum Klauen und liefern sich mit anderen Gangs Prügelduelle, die der Rest des Viertels später dank Handyclips im Internet ansehen kann. Die Mädchen erscheinen vogelfrei - wären da nicht die Männer.

Ergaunertes Glück für eine Nacht

Auf den Straßen herrschen die Dealer und Zuhälter, und die entscheiden, welches Mädchen ihnen für was zu Dienste sein könnte. In den Wohnungen herrschen die Brüder, die mit ihren sexuellen Eroberungen prahlen, aber ausrasten, wenn sich jemand ihren Schwestern nähert. In diesem Umfeld, das von wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und patriarchaler Maßregelung geprägt ist, versuchen die Mädchen, so selbstbestimmt wie möglich zu leben. Und Marieme ist die Erste, die dafür bereit ist, an Grenzen zu gehen.

"Girlhood" lautete der internationale Titel von "Bande de Filles" eine Zeit lang. Das klang wohl zu anbiedernd an Richard Linklaters Coming-of-Age-Epos "Boyhood", weshalb man von Verleihseite aus zum französischen Originaltitel zurückkehrte. Dabei hat "Bande de Filles" auch etwas Universelles übers Erwachsenwerden zu erzählen - nur eben aus weiblicher Perspektive.

Bei aller Genauigkeit, mit der Sciamma die Dynamiken im Problemviertel darlegt, bedient sie nämlich nicht die Exotisierung ihrer Hauptfiguren, sondern zeigt, dass auch unter verschärften Bedingungen die Abnabelung von der Familie ganz ähnlich verläuft und der erste Sex bei erprobten Straßenkämpferinnen genauso unbeholfen sein kann wie bei behüteten Gymnasiastinnen.

In der stärksten Szene des Films fallen beide Ebenen, die exakte Zeichnung des Milieus und des Erwachsenwerdens, aber zusammen. Die Mädchen haben ihr erpresstes Geld zusammengelegt und sich ein Hotelzimmer angemietet, um eine Nacht ungestört unter sich sein zu können. Mit Tüten voller Cola, Alkohol und Abendkleidern, an denen noch die Preisschilder hängen, damit sie sie wieder zurückgeben können, rücken sie ein. Nacheinander führen sie sich ihre neuen Outfits vor, schließlich finden sie sich gemeinsam vor dem großen Spiegel im Zimmer zusammen und singen "Diamonds" von Rihanna.

Es ist ein ergaunertes Glück, das die Mädchen da feiern. Aber gerade weil man nicht weiß, wie sie sich sonst einige Momente von Sorglosigkeit verschaffen sollten, gönnt man ihnen diese Nacht umso mehr. Eye to Eye, So Alive/We're Beautiful Like Diamonds in the Sky.

Bande de Filles

Frankreich 2014

Buch und Regie: Céline Sciamma

Darsteller: Karidja Touré, Assa Sylla, Lindsay Karamoh, Mariétou Touré, Idrissa Diabaté

Produktion: Hold Up Films, Lilies Films, Arte France Cinéma et al.

Verleih: Peripher

Länge: 113 Minuten

Start: 26. Februar 2015

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insgesamt 3 Beiträge
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    Seite 1    
1. Vogelfrei?
Moskito747 26.02.2015
Ich kenne die Bezeichnung "Vogelfrei" nur in einem nagativem zusammenhang, eine geächtete Person. In diesem Sinne paßt es auch viel besser, die Mädchen sind gegenüber Männern vogelfrei. Jeder, kann mit Ihnen machen was er will. Das Vogelfrei, dass der Autor hier verwendet, gibt es in einem Ghetto nicht, schon gar nicht für Frauen.
2. Vogelfrei
inselreiter 26.02.2015
Liebe Hannah Pilarczyk, lassen Sie sich von einem Kollegen nochmal den Begriff "Vogelfrei" erklären. Ansonsten war es eine Rezension, die Interesse weckt und Lust auf den Film macht.
3. vogelfrei!
e-cdg 18.05.2016
Wenn auch Hannah Pilarczyk sich von einem Kollegen nochmal den Begriff "Vogelfrei" erklären laessen sollte, war es eine Rezension, die Interesse weckt und Lust auf den Film macht. Der Großteil der Banlieues in Frankreich entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, als massive Wohnungsnot zum Bau neuer Hochhaussiedlungen (Grands Ensembles bzw. cités) in die Nähe der Industriestandorte führte. Sollte die moderne Architektur der Großwohnsiedlungen ursprünglich Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs und eines neuen Lebensstils sein, so verlor sie jedoch schnell an Attraktivität. Infrastrukturelle Mängel infolge einer strikten Trennung von Wohnen und Arbeiten sowie bauliche Missstände wurden schnell sichtbar. Wer es sich leisten konnte, zog in die Einfamilienhausgebiete im suburbanen Raum oder in die Innenstadt. Größtenteils bezogen Einwanderer insbesondere aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika die leer stehenden Wohnungen. In den 1970er Jahren führten Wirtschaftskrise und Desindustrialisierung zu hoher Arbeitslosigkeit unter den Vorstadtbewohnern. So entwickelten sich die Banlieues rasch zu einem Auffangbecken für die sogenannte Problembevölkerung. Sozialräumliche Ausgrenzung, infrastrukturelle Mängel und politische Vernachlässigung bilden seither eine explosive Mischung, die sich regelmäßig in kollektiver Gewalt entlädt. 2006 kam es zu Unruhen im Stadtteil Le Mirail von Toulouse. Brennende Autos waren das sichtbare Zeichen für ein Fanal in Europa. Wenn hier nicht eingegriffen wird, beherrscht der Islam demnächst Frankreich, Belgien und Deutschland.
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