Banksy-Film Borat-Therapie für Kunstschnösel

Je dämlicher das Werk, desto begeisterter die Käufer: Street-Art-Legende Banksy hat mit seinem Debütfilm "Exit Through The Gift Shop" eine böse Satire auf den Kunstmarkt abgeliefert.

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Alamode Film

Eine runde Minute gibt uns Banksy Zeit zum Schwelgen: Richard Hawley singt seine wunderbare Schmachtnummer "Tonight The Streets Are Ours", dazu springen junge Männer mit Mützen und Kapuzen, aber ohne erkennbare Gesichter durch die Nacht. Sie sprayen, taggen und malen auf Wände, Dächer und U-Bahn-Waggons. Teils hinterlassen sie Schmierereien, teils elaborierte Kunstwerke. Wer sie verfolgt, wird mit waghalsigen Parkour-Moves abgehängt. So souverän wie sie sich durch die Städte bewegen, gibt es keinen Zweifel: Heute Nacht gehören die Straßen wirklich ihnen.

Bevor falsche Romantik aufkommt, folgt ein harter Schnitt, der Titel des Films wird eingeblendet und wir kriegen den Mann mit Mütze und Kapuze, aber ohne erkennbares Gesichts zu sehen, um den es hier wirklich geht: Banksy.

Banksy ist die Legende unter den Street-Art-Künstlern. Wenig ist über ihn persönlich bekannt. Verbürgt ist allein, dass er Mitte 30 ist, im englischen Bristol geboren wurde und mit Nachnamen Banks heißt. Dafür sind seine Bilder umso bekannter. Der Autonome, der statt eines Pflastersteins einen Blumenstrauß wirft; das Polizistenpärchen, das sich leidenschaftlich küsst; oder die Szene aus "Pulp Fiction", in der John Travolta und Samuel L. Jackson statt Pistolen leuchtend gelbe Bananen in den Händen halten: Banksys Bilder brennen sich ins Gedächtnis ein. Gekonnt bedienen sie sich beim allgemeinen Bildbestand der Populärkultur und geben ihm einen subversiven Twist, der zwar irritiert, aber nie überfordert. Das Gefühl, das Banksys Kunst auslöst, ist nicht Verstörung, sondern Erleichterung: Versatzstücke erkannt, Witz verstanden!

So einfach funktioniert "Exit Through The Gift Shop" zum Glück nicht.

Am Anfang des Films erklärt der verhüllte Banksy mit verzerrter Stimme zunächst, worum es in den folgenden 86 Minuten geht - nämlich um einen Film, den der Franzose Thierry Guetta über den Street-Art-Künstler Banksy hatte drehen wollen. Im Laufe der Dreharbeiten hätten sich die Dinge aber in ihr Gegenteil verkehrt und Banksy hätte schließlich einen Film über den Street-Art-Künstler Thierry Guetta gedreht.

Nach dem Kunstwerk ist vor der Flucht

Wie es dazu gekommen ist, erzählt jetzt der Schauspieler Rhys Ifans ("Notting Hill", "Greenberg") wie ein böses Märchen aus der Pop-Zauberwelt - wobei Guetta das schnauzbärtige Rumpelstilzchen mit zweifelhaftem französischen Akzent gibt. In den achtziger Jahren ist er mit seiner Familie aus Frankreich nach L.A. gekommen. Wie sich Frau und Kinder an der Westküste einleben, filmt Guetta obsessiv mit dem Camcorder, bis er 1999 ein aufregenderes Motiv vor die Kamera bekommt: seinen Cousin, den Graffiti-Künstler Space Invader, der die Stadt mit Motiven aus dem gleichnamigen Videospiel verziert.

Fortan schlägt sich Guetta die Nacht um die Ohren, um die Arbeit von Space Invader und seinen Freunden zu dokumentieren. Diese Aufnahmen atmen den Geist des Filmauftakts: Wir bekommen Street Art als eine Leidenschaft vorgeführt, die sich gleichermaßen aus Aerosol-Dampf wie Adrenalin speist. Nach dem Kunstwerk ist immer vor der Flucht. Denn Spuren hinterlassen, ohne selber gefunden zu werden, ist das Prinzip der Straßenkunst.

Leider passt dieses Prinzip nicht zu der Art von Kunst, mit der man in den Nullerjahren irrsinniges Geld machen kann: Die muss nämlich auf Papier oder Leinwand oder als Skulptur als Ware handhabbar sein. Passenderweise arbeitet Banksy auch auf Leinwand oder Papier oder als Bildhauer. Prompt landen seine Arbeiten in Galerien und Ausstellungen, wo sie sich wie richtige Kunst blendend verkaufen - gern greifen auch Prominente wie Christina Aguilera oder Brad Pitt zu.

Die Hipster stehen Schlange

Guetta erkennt Banksys Erfolgsgeheimnis und macht es sich zu eigen. Warum noch dem bekanntesten und reichsten Street-Art-Künstler mit der Kamera hinterherdackeln, wenn man das Geld selber von der Straße sammeln kann? Als Mr. Brainwash macht Guetta fortan selbst Kunst. Die ist zwar schockierend unoriginell, denn die Versatzstücke aus dem Pop-Art-Bestand von Warhol, Basquiat und auch Banksy sind offensichtlich. Doch das Kunstpublikum kümmert's nicht: Für Mr. Brainwashs Debüt-Ausstellung "Life is beautiful" in L.A. stehen die Hipster im Sommer 2008 Schlange.

Es ist ein hochnotkomisches Licht, dass Banksy auf den Kunstmarkt wirft. Je begeisterter die Käufer und Sammler sind, desto dämlicher erscheint die Kunst, die sie kaufen. Investitionsdenke verdrängt Sachverstand. Zurück bleibt eine wahnwitzige Blase, die erst die Finanzkrise zum Platzen bringt - und die Frage, wer eigentlich Thierry Guetta ist.

Mit dickem Bauch, Basecap und pünktlich zur Vernissage gebrochenem Bein gibt Guetta nämlich einen Kunst-Kasper ab, der viel zu lustig ist, um wahr zu sein. Vor der "Life is beautiful"-Show gibt es keine Hinweise auf seine Person. Und was sich danach an vermeintlichen Arbeitsbelegen findet - zum Beispiel das Cover von Madonnas Best-of-Album "Celebration" -, kann man getrost als Banksy-Streiche werten.

Als "Borat der Kunstwelt" hat das "New York Magazine" Thierry Guetta deshalb schon bezeichnet. Aber der Vergleich hinkt, denn nicht Guetta, sondern Banksy hält hier die Strippen in der Hand. Er ist das heimliche Mastermind, das immer mehr in den Vordergrund tritt. Je glaubhafter Guetta erscheint, desto genialer erscheint Banksy. Sich selbst mit Hilfe der Bilder eines anderen zu inszenieren - so gut wie in diesem Film ist Banksys Arbeitsprinzip wahrscheinlich noch nie aufgegangen.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
gigamesh 21.10.2010
1.
Auf DVD ist der Film schon seit über einem Monat erhältlich. SPON ist mal wieder turboschnell gewesen ;-)
artpate 22.10.2010
2. nur die engl. DVD
Ja, die engl. Fassung gibt es schon als DVD. Aber eine dt. Fassung kommt im Januar raus (siehe hier http://amzn.to/aRhmXY). Der Film lief ja bereits zur Berlinale und danach in ein paar ausgewählten Kinos. Warum die Meldung jetzt bei Spon und anderen größeren Verlagen die Runde macht, könnte am deutschen Verleih des Films liegen. Die haben wahrscheinlich eine kleine PR-Aktion gestartet. Mehr zu Banksy: http://www.artinfo24.com/kuenstler-verzeichnis.php?id=372
Charles Atane, 14.08.2011
3. *g*
Aufmerksam geworden bin ich auf den Film durch einen ttt-Beitrag. Als er schon nach kurzer Zeit auf arte lief, hab ich leider die erste Hälfte verpasst. Seit kurzem habe ich die DVD, den Film zum eineinhalbten Male gesehen, und mich diebisch amüsiert. Einer der Filme, die beim wiederholten Sehen besser werden. Eine herrliche Satiere auf den Kunstbetrieb, und oft fühlte ich mich erinnert an die "Tage der offenen Ateliers", die ich zwei Wochen vorher besucht hatte - je dämlicher die Kunst, um so verzückter das pseudointellektuelle Publikum.
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