Liebesfilm aus Saudi-Arabien Sinnlichkeit gegen Sittlichkeit

Eine Romantic Comedy aus Saudi-Arabien? Allerdings. "Barakah meets Barakah" wischt Klischees beiseite und erfühlt den Puls einer jungen saudi-arabischen Generation, die mit religiösem Eifer nichts mehr anfangen kann.

Trigon-Film

Von Johannes Bluth


Der Mittzwanziger Barakah (Hisham Fageeh) führt ein bescheidenes, aber rundum sorgloses Leben in der Saudi-arabischen Hafenstadt Djidda: Der liebenswürdige Lockenkopf wohnt noch zuhause, seine Tante trägt ihm die Wäsche hinterher und Barakah hat einen sicheren Posten bei der Stadtverwaltung. Als örtlicher Sittenwächter des Quartiers hat er jeden Verstoß gegen die öffentliche Ordnung zu sanktionieren.

Doch eigentlich ist Barakah ein viel zu herzensguter Mensch, um die drakonischen Strafen wirklich zu verhängen und drückt meist mindestens ein Auge zu. In seiner Freizeit spielt er sowieso viel lieber im örtlichen Amateurtheater die Ophelia in Shakespeares Hamlet, als sich mit seinen Peers draußen auf eine Shisha zu treffen. Frauen sind für Barakah ohnehin kein Thema, allein seine zähe Tante versucht den widerwilligen Jungspund schnellstmöglich zu verheiraten. Aber Liebe ohne Romantik, das fühlt sich für Barakah irgendwie angestaubt bis seltsam an, und damit ist er - wie sich bald herausstellt - nicht der Einzige.

"Denkst du wie in den Achtzigern?"

Mahmoud Sabbaghs Komödie "Barakah meets Barakah" beginnt als stechende Persiflage auf die saudische Gesellschaft und ist obendrein ein veritables Generationenportrait: Die gleichaltrige und überaus hübsche Bibi (Fatima AlBanawi) ist Model und landesweit bekannter Instagram-Star. Ihren Followern predigt sie Konsumkritik, während sie für die Kollektion ihrer Adoptivmutter und Modeschöpferin Madame Mayyada (Reem Habib) vor der Kamera posiert.

Ein illegales Fotoshooting am Strand ruft die Moralpolizei auf den Plan und schon stehen sich Web-Ikone Bibi und Ordnungshüter Barakah unvermittelt gegenüber. Liebe auf den ersten Blick? Wer weiß, "Barakah meets Barakah" zeigt zunächst eine simple Begegnung: Zwei Menschen treffen aufeinander, etwas liegt in der Luft. Doch schon beginnen die Probleme. Das Kennenlernen in dieser Gesellschaft voller Regeln und Verbote: ein einziges Desaster. Bibi ist nämlich Kind der Oberschicht, Barakah hingegen stammt aus der Mittelklasse. Eine Beziehung zwischen beiden ist für beide Familien unvorstellbar.

Doch auch Bibis und Barakahs zwischenmenschliche Kommunikation gerät von Anfang an zur - freilich höchstsympathischen - Pannenserie: Als Barakah Bibi beim ersten unbeobachteten Date am Strand nach alter Väter Sitte einen Tanga zum Geschenk macht, kann diese nur mit dem Kopf schütteln. "Denkst du wie in den Achtzigern?" Rosen müssen es sein, wie im Westen, das weiß doch jedes Kind.

Wie kann man moralisch im Mittelalter leben, wenn jedem Kind per Smartphone bereits die gesamte vernetzte Welt zu Füßen liegt? Diese Frage stellt sich "Barakah meets Barakah". In zunächst kleinen wie feinen Momenten wird die allgegenwärtige Zensur sichtbar: Auf Bibis Instagram-Clips ist nie ihr ganzes unverschleiertes Gesicht zu sehen, einzelne Teile der Filmbilder wie nackte Bäuche oder Alkohol sind bewusst verpixelt - alles bissige Seitenhiebe auf die mürrischen Moralapostel im wahhabitischen Königreich.

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"Barakah meets Barakah": Rosenstrauß statt Tanga

Beeindruckend agil und in einer bewussten Web- und Clip-Ästhetik zieht Regisseur Sabbagh alle Register einer so kritischen wie humorvollen Bestandsaufnahme des heutigen Saudi-Arabien, stets aus der fragenden Perspektive der Jugend. Den konservativen Gegenpol bildet Barakahs Familie. Die Alten, sie schweigen entweder oder sind verrückt geworden. Wie Barakahs Ziehonkel Maqqbol (Abdulmajeed Al-Ruhaidi), der früher eine Spur zu heftig gefeiert hat und nun als haschischabhängiger Querulant den Jungen weise Ratschläge zu erteilen meint. Oder die nörgelige Tante Sa'adiya (Khairia Nazmi), die sich in ihrem überbordenden Kontrollzwang über die mangelnde Sittsamkeit ihrer Zeitgenossen ereifert.

Das verlorene Paradies der Eltern

In kurzen Zwischenpassagen werden mitunter Fotos eingeblendet, wie ein Familienalbum aus der Vergangenheit, das plötzlich aufklappt. In Off-Kommentaren prangert Barakah darin die Sittenstrenge seines Landes unverblümt an und stilisiert den früheren liberalen Geist seiner Elterngeneration zu einem verlorenen Paradies. Hier wird "Barakah meets Barakah" auf einmal persönlich und verlässt das ironische Parkett, auf dem sich der Film sonst so stilsicher bewegt. Unzweifelhaft verschränkt sich hier die eigene Lebensgeschichte von Regisseur Mahmoud Sabbagh mit dem Film - allerdings ohne die Historie des Landes genauer zu erläutern. Die jüngere Geschichte Saudi-Arabiens ist ein wenig bekanntes Kapitel, daher steht der belehrende Exkurs letztlich etwas vereinsamt inmitten der aberwitzigen Filmhandlung.


"Barakah meets Barakah"

UAE 2016
Regie und Drehbuch: Mahmoud Sabbagh
Darsteller: Hisham Fageeh, Fatima AlBanawi
Produktion: El Housh Productions
Verleih: Arsenal Institut
Länge: 88 Minuten
Start: 9. März 2017


Störrische Sittlichkeit

Viel stärker ist "Barakah meets Barakah" ohnehin in der Gegenwart: Terrassen von Cafés werden geschlossen, unverheiratete Männer auf der Straße abgeführt, eine Vernissage von der Polizei aufgelöst. Es entsteht ein Gefühl dafür, wie es sich anfühlt, in einem Land zu leben, dessen Regierung alle menschliche Begegnungen im öffentlichen Raum zu unterbinden versucht.

Sabbaghs gestalterischer Clou besteht darin, diese monotone Welt der störrischen Sittlichkeit in knallbunte, vor Plastizität strotzende Bilder zu kleiden. Damit gelingt dem Film so etwas wie eine harmlose Pointiertheit, die in ihrem Stil außergewöhnlich ist. Die Liebesgeschichte beispielsweise plätschert vor sich hin, aber nicht aus dramaturgischer Laschheit, sondern weil eine romantische Annäherung tatsächlich nicht stattfinden kann. Was alles hätte zwischen uns sein können? Das fragen sich die beiden Protagonisten, und sie fragen es sich zurecht.

Im Video: Der Trailer zu "Barakah meets Barakah"

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Zwang zum Underground

In hiesigen Bildern über die Länder der arabischen Welt ist das Positive im Regelfall eher abwesend; dass in all diesen Staaten abseits offiziell verlautbarter Spießigkeit ein alltägliches Leben stattfindet, ist hierzulande kaum ein Thema. "Barakah meets Barakah" lässt gleichzeitig sehr gut den Vibe einer islamisch durchregulierten Gesellschaft spüren, in der jegliche Kulturäußerung zwangsläufig Underground ist.

In Saudi-Arabien selbst wird der Film übrigens aus einem recht einfachen Grund nicht in die Kinos kommen: Es gibt keine. Zwar wird über eine Liberalisierung debattiert, doch bislang bleibt wohlhabenden Saudis dafür nur der Wochenendausflug nach Abu Dhabi, wo sich in riesigen Malls das Shopping- mit dem Kinovergnügen verbinden lässt.

Ironie der Geschichte: Ein saudi-arabisches Komitee hat "Barakah meets Barakah" hochoffiziell als nationalen Beitrag ins Rennen um die 89. Oscars geschickt. Großes Kino also aus einem Land, in dem öffentliche Filmvorführungen prinzipiell verboten sind? Dass Regisseur Sabbagh "Barakah meets Barakah" vollständig in Saudi-Arabien produziert und finanziert hat, zeigt in jedem Fall, dass die lokale Filmszene viel beweglicher und freier ist, als es der offizielle Drang zu kultureller Sanktionierung und Schicklichkeit vermuten lässt.

Dass schwere Themen sich oft am besten mit Witz begegnen lassen, beweist Hauptdarsteller Hisham Fageeh übrigens auch an anderer Stelle: Er ist selbst eine Youtube-Koryphäe. Sein in den USA produzierter Clip "No Woman, no drive", in dem er sich über das Fahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien lustig macht, ging im heimischen Saudi-Arabien viral durch die Decke, wurde weltweit 14 Millionen Mal angeklickt und machte Fageeh auf einen Schlag berühmt.

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