Baseball-Film "Moneyball": Ganz großer Wurf, Brad Pitt!

Von David Kleingers

Ein statistikbesessener Sportmanager geht seinen Weg: Selbst Kinozuschauer, die keine Ahnung von Baseball haben, werden von "Moneyball" gefesselt sein. Woran das liegt? An einem virtuosen Drehbuch. Und einem brillanten Brad Pitt in der Rolle des lakonischen Baseball-Reformers.

Sony Pictures

Baseball hat schon viele Geschichten geschrieben. Etliche Dramen sind darunter, sowie auch einige Märchen. Immer noch haben die Namen von Spielerlegenden wie Babe Ruth, Joe DiMaggio, Willie Mays oder Jackie Robinson einen magischen Klang, und kein anderer US-Sport ist derart fest in der Alltags- und Popkultur des Landes verankert. Nahezu jeder Heranwachsende fängt zumindest mal einen Ball, und in der Pubertät messen amerikanische Teenager ihre sexuellen Erfahrungen weiterhin daran, ob sie mit ihrem Partner die First, Second oder Third Base erreichen.

Sicher, im mächtigen Fernseh- und Werbemarkt spielen heute Basketball und Football eine gewichtigere Rolle als America's favourite pasttime. Dafür ist die metaphernreichste unter den amerikanischen Profisportarten aber ein unverändert beliebtes Sujet in der Literatur oder eben im Kino. Filme wie das Lou Gehrig-Biopic "The Pride of the Yankees" (1942), Barry Levinsons Drama "The Natural" (1984), die Komödie "Bull Durham" (1988) und die rührige Phantasie "Field of Dreams" (1989) teilen dabei trotz aller Unterschiede eine im Grunde romantische Sicht auf das Spiel und seine Protagonisten. Auch deshalb ist "Moneyball" ein außergewöhnlicher Wurf, denn Sentimentalität hat im Film von Bennett Miller ("Capote") die meiste Zeit einen sehr schweren Stand.

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Baseball-Film "Moneyball": Freude am (Zahlen-)Spiel
Die Vorlage lieferte der Journalist Michael Lewis mit seinem 2003 erschienenen Sachbuch "Moneyball: The Art of Winning an Unfair Game", dessen nüchterne Faktenfülle die Drehbuchstars Steven Zaillian ("Schindlers Liste") und Aaron Sorkin ("The West Wing", "The Social Network") subtil in einer dramatischen Erzählung verdichteten. Co-Produzent und Hauptdarsteller Brad Pitt verkörpert darin den realexistenten Ex-Baseballprofi Billy Beane, der nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn den Posten des General Managers bei den Oakland Athletics übernahm.

Talentsuche per Tabellenprogramm

Der Film, der im deutschen Verleih "Die Kunst zu gewinnen - Moneyball" heißt, beginnt mit den Nachwehen der Saison von 2001, in der die Athletics erneut in den Playoffs scheiterten. Zudem verfügt das Team nicht über die finanziellen Mittel, um seine prominentesten Spieler zu halten. Konfrontiert mit der Aussicht, nur noch als Ausbildungsbetrieb für die reichen Baseballunternehmen aus Boston oder New York zu dienen, wagt der illusionsfreie Realist Beane einen radikalen Bruch mit den hergebrachten Regeln des Managements: Anstatt wie üblich auf das Urteil der einflussreichen Scouts zu vertrauen, die nach vermeintlich kompletten oder besonders charismatischen Nachwuchsspielern suchen, engagiert Beane den jungen Yale-Absolventen Peter Brand (Jonah Hill) als seinen neuen Assistenten. Brand hat die statistische, als "Sabremetrics" bekannte und höchst umstrittene Analyse von Baseballspielern weiterentwickelt.

Anhand von Brands Tabellenprogrammen fängt Beane an, einen neuen Kader für die Saison 2002 zusammenzustellen. Dabei zählen keine schillernden Namen mehr, sondern lediglich empirisch verifizierbare Werte, die bisher geflissentlich ignoriert wurden. Ein gemeinhin als glücklos geltender Spieler kann bei entsprechender Aufstellung, die genau seinen ermittelten Fähigkeiten entspricht, durchaus ein kostengünstiger Gewinn für das Team sein. So zumindest die Theorie, nach der Beane nun aussortierte oder gar teilinvalide Profis, wie etwa den First Baseman Scott Hatteberg (Chris Pratt) und den Pitcher Chad Bradford (Casey Bond), rekrutiert.

Mit seiner unorthodoxen Einkaufspolitik brüskiert er den Teamtrainer Art Howe (Philip Seymour Hofmann) und das Scoutsystem, das auf einer intuitiven Beurteilung von Talenten beharrt. Als der Saisonstart misslingt, hat Beane neben dem aufgebrachtem Club-Establishment auch die öffentliche Meinung gegen sich. Doch Beane, der aus Aberglaube die Auftritte seines Teams aus Hinterbänklern nie live im Stadion verfolgt, wagt das Vabanquespiel. Und in dem geht es nicht allein um seine professionelle Zukunft, sondern auch um die seines Sports.

Brad Pitt als lakonischer Reformer

Schon in den ersten Szenen wird die grandiose Erzählleistung dieses Films deutlich, der durch Detailtiefe fasziniert, aber dennoch bei seinem Publikum keinerlei Vorkenntnis voraussetzt: Selbst Zuschauer, die noch nie in ihrem Leben mit Baseball in Berührung gekommen sind, werden dank des virtuosen Skripts sofort die dramatische Dimension begreifen, die Beanes Abkehr vom Althergebrachten hat.

Und es ist schlicht eine Freude, einen brillant aufspielenden Brad Pitt in der Rolle des lakonischen Reformers zu sehen: Die unspektakuläre Uniform aus Polohemd, Windjacke und Chinos verleugnet dabei jegliche revolutionäre Geste, und für idealistische Sportsmannsprüche hat sein Billy Beane ohnehin nichts übrig. Denn es wird zwar reichlich und zwingend geredet in "Moneyball", doch die inspirierende Kabinenansprache vor dem großen Spiel fehlt ebenso wie andere Klischees des Genres.

Stattdessen sieht man exakt, wie die Mechanismen des Profigeschäfts greifen, ob in den schnöden Betongängen des Oakland Coliseum oder den prächtigen Logen von Fenway Park. In einer Branche, in der während eines Flurgesprächs Spieler transferiert, getauscht oder aufs Abstellgleis geschoben werden, hält Beane die größtmögliche Distanz zu seinem flüchtigen Humankapital. Beanes Motivation? Eine enttäuschende Spielerkarriere, die auf den Fehleinschätzungen eines Scouts beruhte, das diffizile Verhältnis zu Ex-Frau Sharon (Robin Wright Penn) und die innige, aber fragile Beziehung zur heranwachsenden Tochter Casey (Kerris Dorsey).

Während Pitts Beane also ein vorsichtiger, beschädigter Held ist, der nicht mehr den lauten Triumph, sondern die stille Genugtuung sucht, steht ausgerechnet der zahlenjonglierende Nerd Brand für die ursprüngliche Freude am Spiel. Brand ist es denn auch, der Beane zumindest für einen Moment wieder mit der Baseballromantik versöhnt. Dass dieser anrührende Augenblick nicht etwa am Spielfeldrand, sondern im abgedunkelten Videoanalyseraum stattfindet, spricht für die Konsequenz eines herausragenden Films. Denn "Moneyball" weiß um die Poesie der genauen Beobachtung und die Euphorie der Erkenntnis, dass ein abstrakter Gedanke plötzlich Gestalt werden kann.

Dafür gab es fraglos gerechtfertigte Oscar-Nominierungen für Schnitt, Drehbuch, Haupt- und Nebendarsteller, sowie für den besten Film. Aber selbst wenn am Ende keine Trophäe stehen sollte, hat der Baseball dem Kino doch in jedem Fall eine wahrhafte und schöne Geschichte mehr geschrieben.

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1.
TravisIsh 01.02.2012
Es heißt "pastime" (Zeitvertreib) - hat nichts mit Vergangenheit zu tun...
2. Nice
KTRoadkill 02.02.2012
Zitat von sysopEin Statistik-besessener Sportmanager geht seinen Weg: Selbst Kinozuschauer, die*keine Ahnung von*Baseball haben, werden von "Moneyball" gefesselt sein. Woran das liegt? An einem virtuosen Drehbuch. Und einem brillanten Brad Pitt in der Rolle des lakonischen Baseball-Reformers. Baseball-Film "Moneyball": Ganz großer*Wurf, Brad Pitt! - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,812424,00.html)
Guter, hintergründiger Artikel. Den Film schau ich mir sowieso an, ist für Baseball-Enthusiasten Pflicht ;-) Die würden übrigens nie zugeben, dass Football UND Basketball mittlerweile populärer sind. Football, ok. Basketball hat es durch den Streik vorerst hinter sich.
3.
greensox21 02.02.2012
Hallo Mal schauen , ich denke ich werde den Film auch anschauen . Wenn das als Baseball Fan Pflicht ist . Schön , das meinem Lieblinssport in Deutschland auch etwas Aufmerksamkeit zu Teil wird. Das er in der Zuschauergunst hinter Football steht glaube ich allerdings nicht . Football ist halt Wintersport und Baseball Sommersport . Die Baseball Fans brauchen halt im Winter auch Sport . Ich glaube über die NBA brauchen wir gar nicht zu reden , die kommt an Football und Baseball überhaupt nicht ran . Billy Beane ist übrigends immer noch GM in Oakland , und mann wird es kaum glauben er hat bis jetzt trotz seinem " Neuen Scouting " in seiner Zeit nicht einen Titel gewonnen . Aber vieleicht wird es besser wenn es endlich zum Umzug des Teams nach San Jose kommt . Bis dann
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"Die Kunst zu gewinnen - Moneyball"

USA 2011

Regie: Bennett Miller

Drehbuch: Steven Zaillian, Aaron Sorkin

Darsteller: Brad Pitt, Philip Seymour Hoffman, Robin Wright Penn, Kathryn Morris, Jonah Hill, Kerris Dorsey, Chris Pratt, Stephen Bishop

Produktion: Michael De Luca Productions

Verleih: Sony Pictures

Länge: 133 Minuten

FSK: 0 Jahre

Start: 2. Februar 2012

Offizielle Website zum Film