"Batman Begins" Aus die (Fleder-)Maus

Die Voraussetzungen für den fünften "Batman"-Film waren prächtig: Ein junger, innovativer Regisseur und ein talentierter Drehbuchautor traten an, um die Comic-Figur neu zu erfinden. Wie Hollywood ihnen einen Strich durch die Rechnung machte, zeigt das tumbe Action-Spektakel "Batman Begins".

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Filmheld Batman: Verschmelzen mit der Urangst
Warner Bros.

Filmheld Batman: Verschmelzen mit der Urangst

Eigentlich konnte man nicht mehr viel falsch machen. In den neunziger Jahren waren die "Batman"-Filme von Regisseur Joel Schumacher in Grund und Boden gestampft worden. Nur mit Gruseln mag man sich noch an "Batman & Robin" erinnern, der George Clooney, Uma Thurman und "Iceman" Arnold Schwarzenegger sinnlos in einem fast schon parodistischen Plot herumstolpern ließ. Über Tim Burtons ambitionierter Art-Deco-Vision des "Batman"-Stoffes, die der Regisseur 1989 und 1992 in zwei fulminanten Filmen ausgebreitet hatte, war eine große Tüte gezuckertes Popcorn ausgeschüttet worden.

Gezeichnet von Kalkül

Sieben Jahre zogen ins Land, in denen die großen Studios das Genre der Comic-Adaption dank bahnbrechender Effekttechniken neu entdeckten. Die "Matrix"-Trilogie, "X-Men" und "Spider-Man" setzten neue Maßstäbe und sorgten für Millionen-Umsätze. Auch Warner Brothers, Inhaber der Rechte an den DC-Comichelden Batman und Superman, dachten über eine Revitalisierung der "Batman"-Reihe nach. Nach langem Hin und Her verpflichtete man schließlich ein wahres Dreamteam für die Umsetzung: den jungen britischen Regisseur Christopher Nolan ("Memento") und den Comic-erprobten Drehbuchautor David S. Goyer ("Blade", "Dark City"). Für die Hauptrolle heuerte man den Charakterdarsteller Christian Bale an, der zuvor als "American Psycho" und hungerleidender "Maschinist" überzeugt hatte.

Doch wenn "Batman Begins" nun diese Woche weltweit in den Kinos anläuft, wird sich schnell herbe Enttäuschung verbreiten: Langweiliger, humorloser und uninspirierter kann man sich eine Comicverfilmung kaum vorstellen. Selbst die unsäglichen Fox-Machwerke "Daredevil" und "Elektra" wirken neben dem neuesten "Batman" ganz unterhaltsam.

Batman-Darsteller Bale: Selbstzerstörerische Sinnsuche
Warner Bros.

Batman-Darsteller Bale: Selbstzerstörerische Sinnsuche

Was ist geschehen? Ganz offensichtlich gerieten Nolan und Goyer in die Mühlen der Hollywood-Industrie. Im härter werdenden Kampf der großen Studios um die wenigen verbliebenen Kinogänger, die noch nicht an den DVD-Markt und die Spiele-Industrie verloren gingen, schrumpft das Konzept für einen großen Sommer-Blockbuster auf ein paar Schlüsselbegriffe zusammen: Schauwerte, schnelle Schnitte, Spektakel. Die Krux liegt in der starren Fixierung der Firmen auf die Zielgruppe der Teenager. Um dieser flüchtigen Klientel hinterherzuhetzen, werden Actionfilme in Plot und Ambiente immer mehr wie Computerspiele gestaltet. Für künstlerische Ecken und Kanten bleibt kaum Raum im strengen Marktkalkül.

Von der Amnesie zur Phobie

Dabei deutet der von Autor und Regisseur verfolgte Ansatz durchaus in die richtige Richtung. Tatsächlich kann man "Batman Begins" als Abschluss einer Christopher-Nolan-Trilogie über Abgründe der menschlichen Psyche betrachten: Nach Gedächtnisverlust ("Memento") und Schlaflosigkeit ("Insomnia) beschäftigt er sich hier mit dem Problem der Phobie. Zu Beginn des Films sehen wir, wie der spätere Batman Bruce Wayne als Knabe in eine Höhle fällt und von Hunderten Fledermäusen umschwärmt wird. Den Horror dieser Erfahrung wird er nie wieder los.

Eine zweite einschneidende Erfahrung macht der junge Bruce, als seine Eltern überfallen und erschossen werden. Wayne Senior, ein sanfter Mann, ist so etwas wie der gute Geist der Megalopolis Gotham City, ein Industrie-Magnat, der sich um die Ärmsten der Gesellschaft bemüht, aber letztlich - Ironie des Drehbuchs - ausgerechnet von einem verzweifelten Landstreicher ermordet wird.

Bruce erbt das Imperium und das riesige Anwesen seiner Familie samt Butler, entscheidet sich jedoch nicht für das behütete Leben an der Spitze der Gesellschaft, sondern bricht zu einer selbstzerstörerischen Sinnsuche auf, die ihn bis in ein Gefängnis nach Asien führt, wo er als Gefangener unter Gefangenen die Natur des Verbrechens ergründen will. Nachdem ihn einige brutale Mithäftlinge fast zu Tode prügeln, wird er von einer Art Ninja-Vereinigung in die Geheimnisse asiatischer Kampfkunst eingeführt. Batman und Martial Arts - ein Zugeständnis an den Zeitgeist.

Szene aus "Batman Begins": Schauwerte, schnelle Schnitte, Spektakel
Warner Bros.

Szene aus "Batman Begins": Schauwerte, schnelle Schnitte, Spektakel

Doch es kommt noch kühner: Der Generalsekretär der wilden Truppe wird von Liam Neeson dargestellt, der hier als moralisch ambivalentes Pendant seines Jedi-Ritters Qui-Gon Jinn auftritt und sich mit seinem neuen Schüler im ewigen Eis tibetanischer Gletscher misst - allerdings ohne Lichtschwert. Er konfrontiert Bruce mit seinem Fledermaus-Trauma und bietet ihm die Aufnahme in die Kampf-Gruppe an. Leider erinnert auch manch pseudo-therapeutischer Dialog ("Um die Angst zu besiegen, musst du eins mit ihr werden") unangenehm an den Holzschnitt der Marke "Star Wars".

Kostümfilm und Klamotte

Die Ninja-Sekte entpuppt sich als Terror-Organisation, woraufhin Bruce die Flucht ergreift. Er kehrt nach Gotham City zurück und richtet sich mit einer Tarnidentität als tumber, reicher Playboy ein, während er nachts - ganz mit seiner Urangst verschmolzen - als Fledermaus verkleidet auf Gaunerjagd geht. Schön ist, wie Christian Bale als süffisantes Party-Animal Bruce Wayne seinen "American Psycho" zitiert. Schön ist auch der trockene Humor des Butlers Alfred (Michael Caine). Unschön hingegen ist, dass es den Kostümbildnern zum fünften Mal nicht gelungen ist, ein Batman-Outfit auch nur annähernd cool aussehen zu lassen. Starr, plump, unelegant und mit einer dräuenden Donnerstimme ausgestattet, wird der Protagonist hier zur Metapher für den ganzen missratenen Film.

Denn wo Tim Burton sich einst um die Sinnlichkeit des "dunklen Ritters" bemühte, herrscht in "Batman Begins" die rationale Action-Ästhetik: Quälend lange Kampfszenen wurden so kurz hintereinander zusammenmontiert, dass sich jede Dramatik in einem gleichförmigen Flirren verliert. Geradezu ärgerlich ist, wie hochkarätige Schauspieler in lapidaren Nebenrollen verheizt werden: Morgan Freeman stattet den Helden mit Gimmicks aus, als hieße der Bond, nicht Batman. Gary Oldman wird als braver Polizei-Inspektor Gordon zur stichwortgebenden Randfigur degradiert - und Ken Watanabe, stolzer Krieger in "Last Samurai", wird als Ninja-Führer R'as Al Ghul zur radebrechenden Asiaten-Karikatur. Auf die beeindruckend unbegabte Katie Holmes als Jugendliebe Bruce Waynes hätte man gleich ganz verzichten sollen.

Regisseur Nolan: Verlockungen Hollywoods erlegen
AP

Regisseur Nolan: Verlockungen Hollywoods erlegen

Spürbar ist, wie sehr Nolan und Goyer um ein ernsthaftes Psychogramm ihrer Figur und einen harten Realismus gekämpft haben. Design und Ausstattung des Films wirken düster und verwittert, Gotham City erscheint als postkapitalistische Hölle, in der es nur Elend, Luxus und Verbrechen gibt. Am Ende bekommt es Batman erneut mit der Ninja-Sekte zu tun, die den Sündenpfuhl Gotham vernichten will. Eine idealistische Terrorgruppe, die der westlichen Dekadenz den Kampf ansagt, das ist durchaus zeitgemäß. Auch eine leise Kritik am radikalen Spiel der neoliberalen Kräfte zieht sich durch den Film, zum Beispiel wenn Rutger Hauer schön eiskalt als Shareholder-freundlicher Boss des Wayne-Imperiums auftritt. Am Ende freilich versinkt alles in einem abstrusen Finale aus Bombast, Lärm und Getöse.

Man muss Christopher Nolan, dem jungen, innovativen Regisseur, vorwerfen, dass er den Verlockungen Hollywoods erlegen ist - und das 120 Millionen schwere Budget mit seinem künstlerischen Anspruch bezahlen musste. Das Studio wiederum muss sich die Frage gefallen lassen, warum ein Filmemacher wie Nolan gebraucht wurde, um ein Stück gesichtslose Massenware zu inszenieren. Wenn das so weitergeht, könnte man glatt eine Batman-Phobie bekommen.


Batman Begins

USA 2005. Regie: Christopher Nolan. Buch: David S. Goyer. Darsteller: Christian Bale, Michael Caine, Liam Neeson, Gary Oldman, Katie Holmes, Tom Wilkinson, Cilian Murphy, Ken Watanabe. Produktion: Warner Bros., Di Bonaventura Pictures, Syncopy. Verleih: Warner Bros.. Länge: 141 Minuten. Start: 16. Juni 2005



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