Batman-Film "The Dark Knight Rises": Blockbuster am Abgrund

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Apokalyptisch und politisch brisant: Christopher Nolans dritter Batman-Film ist als Sommer-Blockbuster ein schwerer Brocken. "The Dark Knight Rises" beendet die Superhelden-Trilogie mit bildgewaltiger Sozialkritik. Zwangsläufig überschattet wird das düstere Kino-Event von den Morden im Kinosaal in Aurora.

"The Dark Knight Rises": Kampf gegen die Dämonen Fotos
Warner Bros.

Die Tat von James Holmes in einem Kino in Aurora, Colorado ist an Abscheulichkeit nicht zu überbieten. Zwölf Menschen fielen ihr zum Opfer, Dutzende wurden verletzt, ein Land traumatisiert. "The Dark Knight Rises" wird wohl für immer das düstere Kino-Epos bleiben, in dessen Vorführung ein offensichtlich verstörter Killer schwer bewaffnet und maskiert ein Blutbad angerichtet hat.

Damit hat Holmes, welche Motive er auch gehabt haben mag, auch einen Anschlag auf die Freiheit der Kunst verübt. Denn man kann nur hoffen, dass sich mutige Filmemacher wie Christopher Nolan künftig nicht beschränken müssen oder sich vorauseilend selbst zügeln, wenn sie überzogene, drastische Gewalt und Brutalität im Kino als Vexierspiegel unserer Gesellschaft zeigen wollen. Kunst lebt durch Metaphern und Verstärkungen, man kann sie betrachten und bewerten, manchmal tut sie weh, aber man wird nicht körperlich verletzt, wenn man sich einem Werk nähert.

Der Attentäter, der seinen Anschlag offensichtlich seit Monaten geplant hatte, konnte diesen Film nicht einmal gesehen haben. Die Vorführungen in Aurora gehörten zu den landesweit ersten Premieren in den USA. Vermutlich hat sich Holmes das Mitternachts-Screening nur deshalb ausgesucht, weil ihm ausverkaufte Kinosäle ebenso garantiert waren wie weltweite mediale Aufmerksamkeit. Selbst wenn sich James Holmes einigen Angaben zufolge "Joker" nannte, wie ein besonders wahnsinniger Gegner des Comic-Detektivs, so trägt der Regisseur keine Verantwortung für die Hirngespinste eines psychisch kranken Menschen.

Es ist schade, dass man nun nicht mehr unbefangen über den Abschluss von Nolans Batman-Trilogie schreiben kann, denn der Intellektuelle unter Hollywoods Spektakel-Regisseuren erzählt im Abschluss seiner Batman-Trilogie, unter dem Deckmantel des Superhelden-Blockbusters, mehr über die Gesellschaftsordnung in unserem Jahrhundert als so mancher kluger Autorenfilm - und erreicht damit auch noch ein Massenpublikum.

Zerfressen von Gier und Korruption

Seine Batman-Filme sind rasante, pathetische Action-Reißer, aber auch melancholischer Kommentar zu einem System, das so verdorben ist, dass die einzige Hoffnung auf einem maskierten Outlaw ruht, der zwar nie töten würde, aber moralisch dennoch stets am tiefsten Abgrund taumelt. Nolan, könnte man sagen, illustriert den seit dem 11. September 2001 herrschenden Zeitgeist der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit und Angst mit nihilistischen Bildern.

Mit dieser Interpretation der 1939 von Bob Kane erdachten Batman-Saga trifft er einen Nerv. "The Dark Knight" (2008) gehört zu den 20 erfolgreichsten Filmen der Welt, und bereits seit Monaten trommeln Fans und PR-Agenten die gleiche Botschaft: "The Dark Knight Rises", oder "TDKR", wie er popkulturell smart abgekürzt wird, soll nichts Geringeres als der Film des Jahres sein, das Kino-Event aller Kino-Events, knalliger als "The Avengers", größer als "Prometheus". Eine Hypothek, die selbst auf dem souveränen Filmemacher Nolan (zuletzt erfolgreich mit dem kunstvollen Thriller "Inception") schwer lasten musste. Vielleicht zu schwer. Denn "The Dark Knight Rises" ist ein fast drei Stunden langer, monströser und ungewöhnlich erdrückender Brocken für einen Sommer-Blockbuster geworden.

Schauplatz der Handlung ist Gotham City, eine prototypische Metropole des Westens, zerfressen von Gier und Korruption, zerrissen zwischen obszönem Luxus und erschütternder Armut. In "Batman Begins" und "The Dark Knight" diente vor allem Chicago als Kulisse für den Moloch. Nun ist es deutlich erkennbar New York City, die im Kino schon so oft als dystopische Metapher gebrauchte Insel Manhattan, die als winterlich vereister Schauplatz für das vorerst letzte Gefecht des Rächers im Fledermaus-Kostüm herhalten muss.

Viele, wenn nicht sogar alle losen Fäden, die Nolan in den ersten beiden Filmen unverbunden ließ, werden in "The Dark Knight Rises" verknüpft. Die spirituelle Suche des als Kind verwaisten Milliardärssohns Bruce Wayne findet ebenso ihr Ende wie der einst von Waynes diabolischem Mentor R'as al Ghul erdachte, finale Anschlag auf Gotham. Ein Akt der Anarchie, um die Metropole - stellvertretend für die westliche Welt - für ihre Dekadenz zu strafen.

Ein modernes "Aux armes!"

Antreiber des Umsturzes ist der Superschurke Bane, ein brutaler Koloss, der in einem unterirdischen Dritte-Welt-Gefängnis aufwuchs und als einziger Insasse jemals fliehen konnte. Mit Hilfe seiner Guerilla-Truppe zerstört Bane die Börse ebenso wie ein Football-Stadion, sperrt sämtliche Polizisten Gothams unter Tage ein und ruft das Volk zur Selbstermächtigung auf. Das Sternenbanner hängt zerfetzt vor den Ruinen der Handelskammer, die dem Kapitalismus inhärente Ungleichheit soll mit Gewalt abgeschafft werden. Die Brücken, die Gotham mit dem Festland verbinden, werden spektakulär gesprengt, nachdem Bane mehr als 1000 Häftlinge aus einem Hochsicherheitsgefängnis entlässt. Wie in John Carpenters "Die Klapperschlange" wird die isolierte Stadt zum rechtsfreien Raum.

Es ist ein modernes "Aux armes!", ein Sturm auf die Bastille, der Motive aus Dickens' Sozialdrama "Geschichte aus zwei Städten" aufnimmt und so eindrucksvoll wie unheimlich an eine denkbare Eskalation der gerade erlebten Occupy-Proteste gemahnt. Was die angestachelten Bürger dennoch zu Geiseln macht: Durch die Straßen ihrer Stadt kurvt ein Laster mit einer Neutronenbombe, die, wenn es nach Bane geht, so oder so explodieren wird - Revolution hin oder her.

Seit den Ereignissen des Film-Vorgängers "The Dark Knight" sind acht Jahre vergangen, die Bruce Wayne als verkrüppelter Eremit in seinem Anwesen verbrachte. Allein Butler Alfred (Michael Caine) hält ihm die Treue. Um es mit Bane aufzunehmen, muss Wayne zunächst seiner wohlständigen Herkunft entsagen, das rich kid muss auf Augenhöhe mit dem Pöbel. Durch einen Trick des Gangsters verliert er sein gesamtes Vermögen, und in einem ersten Zweikampf bricht ihm der körperlich überlegene Gegner buchstäblich das Rückgrat.

Handwerklich ist das tiptop. Doch bevor alles in einem fulminanten Finale mündet, bremsen aufwendig und langwierig erzählte Sequenzen den Film immer wieder aus, machen ihn über weite Teile des zweiten Akts sehr unübersichtlich und zerfasert.

Tolle Nebenfiguren wie die moralisch sympathisch flexible Catwoman Selina Kyle (gewieft: Anne Hathaway), der ewig treue Polizei-Commissioner Gordon (Gary Oldman) und der bedächtige Gadget-Erfinder Lucius Fox (Morgan Freeman) müssen aus ihren wenigen Szenen das Beste herausholen, bevor der Sturm der Handlung sie fortwirbelt. Auch Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard muss als reiche Philanthropin Miranda Tate über zwei Stunden warten, bis ihre Rolle endlich einen Sinn bekommt.

Holpriger Weg zum Finale

Thomas Hardy, der den Bane mit eindrucksvoller Physis gibt, wird optisch durch eine Maulkorb-Apparatur, die zu gleichen Teilen an Hannibal Lecters Maulkorb und Darth Vaders Atemmaske erinnert, am Charakterspiel gehindert. Die Folge: Dem Bösewicht fehlt der Punch. Die deutsche Synchronisation nimmt ihm zudem noch das letzte Stilmittel: Während Bane seine Hassreden im Original in bisweilen unverständlichem Gemurmel schwingt, was zum genauen Zuhören zwingt, gibt ihn die überakzentuierte deutsche Stimme der Lächerlichkeit preis.

So fehlt dem Film über weiten Strecken die Emotionalität, um fesseln zu können. Denn auch der ewig verschlossene und unterkühlte "Batman" Christian Bale, ob mit oder ohne Kostüm, taugte noch nie zur Identifikationsfigur. Wie schon in den beiden vorherigen Filmen bleibt er ein Zeichen, ein reines Symbolbild. Zusammen mit Gordon, der angeschossen wird, und dem entstellten Bane bildet ein körperlich wie seelisch geplagter Bruce Wayne ein Triumvirat der Versehrten, das dem Untergang geweiht ist. Es gibt kaum einen Gag, kaum comic relief, das die bleischwere Atmosphäre des Films lockert.

Die eigentliche Hauptrolle übernimmt der couragierte Polizist John Blake (Joseph Gordon-Levitt). Wie Wayne ein Waisenkind, kümmert sich der junge Bursche um bedrohte Heimkinder und versucht sie aus der sterbenden Stadt zu bringen wie ein Hüter über Zukunft und Unschuld.

Mitten im Getöse donnernder Uzis und futuristischer Fluggeräte lässt Nolan seinen sozio-philosophischen Überbau durch diese Volte komplett implodieren und kommt letztlich zu einer versöhnlichen Botschaft, die bei aller Systemkritik auch Hollywood gefallen dürfte: Der wahre Held seiner Saga ist kein ambivalenter Übermensch mit Maske, sondern ein aufrechter Gesetzeshüter in Uniform. Wer braucht noch einen hochgerüsteten "Dark Knight", wenn jedermann den Mut fassen kann, mit kleinen Gesten ein weißer Ritter zu sein?

Christopher Nolan, der die Drehbücher seiner Batman-Trilogie selbst schrieb, geht es bei aller gezeigten, überproportionalen Hässlichkeit immer auch um die Hoffnung. Die Hoffnung auf eine Welt, die ohne maskierte Männer zurechtkommt, die sich im Schutz ihrer Anonymität Lösungen außerhalb der zivilen Ordnung überlegen.

Ein zynischer Satz aus "The Dark Knight Rises" - der Schurke Bane sagt ihn zu Batman - bleibt daher mit Blick auf die sinnlose Bluttat von Aurora ganz besonders lange hängen: "Es gibt keine echte Verzweiflung ohne Hoffnung." Und so mag man an der Hoffnung verzweifeln, dass Amerika seine Waffengesetze nach diesem neuerlichen Gewaltakt überdenkt - und Kunstwerke wie dieser Kinofilm auch weiterhin ohne Furcht angeschaut werden können.

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insgesamt 62 Beiträge
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1. Genau, hofft mal alle schön,
eisbaerchen 23.07.2012
Zitat....Denn man kann nur hoffen, dass sich mutige Filmemacher wie Christopher Nolan künftig nicht beschränken müssen oder sich vorauseilend selbst zügeln, wenn sie überzogene, drastische Gewalt und Brutalität im Kino als Vexier-Spiegel unserer Gesellschaft zeigen wollen..... inzwischen weiss man doch, dass Gewaltdarstellungen zur Nachahmung auffordern, für verdrehte Gehirne Realität und Spiel(film) verschmelzen...damuss man man natürlich unbedingt weitermachen...damit die Freiheiten nicht eingeschränkt werden, gehts´noch?. Toller Artikel!
2.
Andr.e 23.07.2012
Zitat von eisbaerchenZitat....Denn man kann nur hoffen, dass sich mutige Filmemacher wie Christopher Nolan künftig nicht beschränken müssen oder sich vorauseilend selbst zügeln, wenn sie überzogene, drastische Gewalt und Brutalität im Kino als Vexier-Spiegel unserer Gesellschaft zeigen wollen..... inzwischen weiss man doch, dass Gewaltdarstellungen zur Nachahmung auffordern, für verdrehte Gehirne Realität und Spiel(film) verschmelzen...damuss man man natürlich unbedingt weitermachen...damit die Freiheiten nicht eingeschränkt werden, gehts´noch?. Toller Artikel!
Ich verstehe richtig? Weil "Gewalt" gezeigt wirkt, ticken verdrehte Hirne aus. Das ist mal eine Einstellung - nah an der Realität...
3.
stormking 23.07.2012
Zitat von eisbaercheninzwischen weiss man doch, dass Gewaltdarstellungen zur Nachahmung auffordern, für verdrehte Gehirne Realität und Spiel(film) verschmelzen...
Ach, weiß man das?
4. Batman-Film "The Dark Knight Rises": Blockbuster am Abgrund
PrettyHateMachine 23.07.2012
"Thomas Hardy, der den Bane mit eindrucksvoller Physis gibt, wird optisch durch eine Maulkorb-Apparatur [...] am Charakterspiel gehindert. Die Folge: Dem Bösewicht fehlt der Punch.Während Bane seine Hassreden im Original in bisweilen unverständlichem Gemurmel schwingt, was zum genauen Zuhören zwingt, gibt ihn die überakzentuierte deutsche Stimme der Lächerlichkeit preis." Schade, auf Tom Hardy als Bane hatte ich mich ehrlich gesagt ziemlich gefreut. Was ich leider zu spät mitbekommen habe: Anne Hathaway als Catwoman? Und das funktioniert?! Trotz der Rehaugen?! Im großen und ganzen klingt das erst mal, als sei der Film noch überladener als TDK, wir werden sehen, muß ja nichts schlechtes heißen.
5.
moev 23.07.2012
Zitat von sysopEs ist schade, dass man nun nicht mehr unbefangen über den Abschluss von Nolans Batman-Trilogie schreiben kann,
Man mag jetzt davon halten was man will, aber ca. 99,9% der Millionen die ab dieser Woche weltweit in die Kinos strömen werden an dieses tragische Ereignis keine einzigen Gedanken verschwenden. Innerhalb der USA wohl ein klitzekleinwenig mehr als außerhalb, aber auch da nicht viele.
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The Dark Knight Rises

USA 2012

Originaltitel: The Dark Knight Rises

Regie: Christopher Nolan

Buch: Christopher Nolan, Jonathan Nolan, David S. Goyer

Darsteller: Christian Bale, Tom Hardy, Anne Hathaway, Marion Cotillard, Joseph Gordon-Levitt, Michael Caine, Gary Oldman, Matthew Modine, Morgan Freeman, Liam Neeson

Produktion: DC Entertainment, Legendary Pictures, Syncopy, Warner Bros.

Verleih: Warner

Länge: 164 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 26. Juli 2012