"Batman"-Regisseur Nolan "Jede neue Generation will zerstören"

Der neue "Batman"-Film ist Christopher Nolans Meisterstück - und schon jetzt einer der erfolgreichsten Blockbuster der Kinogeschichte. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Regisseur über Künstlerpanik, Terrorangst - und den verstorbenen Heath Ledger als ultimativen Schurken.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Nolan, wie fühlt man sich, wenn man einen der erfolgreichsten Blockbuster aller Zeiten gedreht hat?

Nolan: Der Erfolg liegt jenseits all meiner Erwartungen. Es ist aufregend, mir vorzustellen, dass so viele Menschen den Film gesehen haben. Als er in den USA startete, ging ich in ein Vorortkino in Chicago, eine Mitternachtsvorführung mit richtigem Publikum. Ich schlich mich durch die Hintertür, und es war umwerfend die Reaktionen der Zuschauer zu beobachten. Einige waren geschminkt und trugen Joker-Kostüme.



SPIEGEL ONLINE: Sie müssen high sein angesichts der Einspielrekorde in den USA.

Nolan: Der Prozess, einen Film zu veröffentlichen, funktioniert nach sehr seltsamen Mechanismen. Ich befinde mich immer in einem seltsamen Ausnahmezustand, da ich mir ständig Sorgen machen muss, was am nächsten Tag passiert. Dieses Gefühl verschwindet nie wirklich. Früher dachte ich: Irgendwann muss doch der Punkt kommen, an dem du sorgenfrei deinen Erfolg genießen kannst. Gerade dann, wenn ein Film derartige Summen einspielt. Aber ich bin immer noch Pessimist. Und ich zerbreche mir weiter den Kopf: Wie wird der Film in Europa laufen? Wie schlägt er sich im Rest der Welt?

SPIEGEL ONLINE: Gegen große Widerstände gaben Sie Heath Ledger die Rolle des Jokers. Zunächst traute ihm niemand die Rolle des Schurken zu.

Nolan: Es gab eine Menge Skeptiker, was diese Wahl anging. Und das ist großartig. Denn jetzt fühle ich mich sehr clever, weil ich ihn besetzt habe. Aber das ist ja letztlich mein Job als Regisseur: Ich muss jemanden finden, der so etwas vorher noch nie gespielt hat. Für mich war die Wahl eigentlich ganz einfach. Ich hatte Heath im Laufe der Jahre mehrmals im Rahmen verschiedener Projekte getroffen, von denen dann aber keines realisiert wurde. Er hat mir erzählt, dass ihm seine Rolle als Filmstar und die damit verbundene Aufmerksamkeit sehr unangenehm war. Er meinte, er habe das, was er als Schauspieler erreichen wollte, noch gar nicht geschafft. Das habe ich von vielen jungen Schauspielern in Hollywood gehört. Aber von allen war Heath am nächsten dran, seinen Ansprüchen gerecht zu werden, und wir haben es alle auf der Leinwand gesehen, in "Brokeback Mountain".

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie an Ledgers Darstellung in "Brokeback Mountain" beeindruckt?

Nolan: Es war eine extrem riskante Arbeit. In seiner Figur suchen Sie vergebens nach irgendeiner Art von Eitelkeit. Er macht keinen Versuch, den Charakter dem Publikum zu öffnen. Diese Figur ist einsam und introvertiert. Das spielt er ohne Kompromisse und riskiert dabei, das Publikum zu verlieren. Aber die schiere Aufrichtigkeit seines Spiels zieht den Zuschauer dann doch mit. Und er war überzeugt, den Joker spielen zu können. Er hatte dabei eine ganz ähnliche Idee wie ich: einen jüngeren, punkorientierten Joker. Ich habe es in seinen Augen gesehen: Er hatte das Selbstbewusstsein, diesen Charakter mit Leben zu füllen.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr Anteil am Porträt des Jokers als Psychopathen, was hat Ledger dazu beigetragen?

Nolan: Es ist natürlich alles das Verdienst des Regisseurs. Nein, im Ernst: Heath war in erster Linie dafür verantwortlich, was aus der Figur wurde. An der Grundidee des Schurken haben wir zusammengearbeitet: pure Anarchie, chaotische Gewalt in einer Figur, die dem Publikum auf elementare Weise bedrohlich vorkommt. Der Terror hat kein materielles Ziel. Deswegen wird es für die Helden in dieser Geschichte so schwer, Helden zu bleiben.



SPIEGEL ONLINE: Nachdem Heath Ledger bereits tot war, haben Sie ihn jeden Tag im Schneideraum in Ihrem Film gesehen. Wie verkraftet man so eine Totenwache?

Nolan: Der Vorteil war, dass die Figur so sehr das vollkommene Gegenteil vom tatsächlichen Menschen Heath Ledger war. Und das machte es für mich leichter. Aber ich empfand es als große Verantwortung, seine Leistung so gut wie möglich im Film zu präsentieren. Damit der Zuschauer ihn so sieht, wie er es sich vorgestellt hatte. Und ich war sehr erleichtert und glücklich, als ich sah, dass die Zuschauer in ersten Vorführungen genauso reagierten, wie er es sich gewünscht hatte. Ich glaube, er wäre heute sehr stolz.

SPIEGEL ONLINE: Viele Kritiker sehen in Ihrem Film eine Parabel auf die Lage Amerikas nach dem 11. September 2001: Der Joker fungiert als Stellvertreter des islamistischen Terrors.

Nolan: Mit dem Joker haben wir einen Anarchisten kreiert, einen Verrückten und sicherlich auch eine Art Terrorist. Aber er ist kulturell und politisch eher unspezifisch und steht allgemein für unsere Angst, dass unsere Gesellschaftsordnung zerstört werden könnte. Für mich hat der Joker noch einen anderen dominierenden Charakterzug: Er repräsentiert Jugend, den rebellischen Geist der Teenager. Er hat einen Punk-Einfluss. Jede neue Generation hat dieses scheinbar sinnlose Verlangen, die Welt und Gesellschaft ihrer Eltern zu zerstören.

Hintergrund: Christopher Nolans Filme
Die Lust am kriminellen Verwirrspiel treibt Christopher Nolan, Jahrgang 1970, schon lange an: Bereits sein Debütfilm "Following" (1998) erzählt von Kriminellen, die sich die Lebensläufe anderer aneignen.
Mit "Memento", der Geschichte eines Mannes ohne Kurzzeitgedächtnis, die rückwärts erzählt wird, läutete Christopher Nolan 2001 eine kleine Revolution des Thriller-Kinos ein: Von da an war es cool, Kriminalfilme auch für den Zuschauer zu vertrackten Ermittlungsübungen zu machen.
Zwei Jahre später drehte Nolan das Drama "Insomnia", ein Remake des gleichnamigen Thrillers aus Norwegen von 1997. Es ist der bisher einzige Film, für den Nolan nicht auch als Autor verantwortlich zeichnet. In der Hauptrolle: Al Pacino als schlafloser Detective.
2005 folgte "Batman Begins" - die Neuschaffung des Superhelden-Mythos aus dem Geiste von Terror und Gewalt. Nolans düsteres Setting und sein zerquälter Superheld, gespielt von Christian Bale, begeisterte die Fans des Comics und sorgte für eine Belebung des Genres.
Mit dem Magier-Film "Prestige" gelang dem gebürtigen Londoner dann 2006 ein beklemmende Studie über Identitäten - und wie man sie loswird.
Eintritt in Hollywoods Ruhmeshalle: Rund eine Milliarde Dollar spielte Nolans zweiter Batman-Film ein, der mit großer Bildgewalt die Geschichte der beiden Erz-Gegner The Joker und Two Face erzählt. Überschattet wurde der Triumph des Actionkinos von Heath Ledgers Tod. Der Joker-Darsteller verstarb kurz nach dem Ende der Dreharbeiten.


SPIEGEL ONLINE: Als Regisseur sind Sie jetzt in Hollywood die Nummer eins. Zerstören Sie nun die Generation Ihrer Kinoeltern?

Nolan: Erst einmal ist ein Traum wahr geworden. Ich habe seit meiner frühen Kindheit davon geträumt, Filme zu machen. Und ich habe immer Filme gemacht, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung standen. "The Dark Knight" war mein bisher größtes Projekt. Und für bestimmte Szenen konnte ich sogar Imaxx-Kameras benutzen. Das habe ich mir seit 15 Jahren gewünscht.

SPIEGEL ONLINE: Wie sahen Ihre Erstlingswerke aus?

Nolan: Das waren Kriegsfilme, die ich mit Actionfiguren als Hauptdarstellern drehte. Ich klebte die einzelnen Szenen einfach zusammen. Nach dem ersten "Star Wars"-Film wechselte mein Themenschwerpunkt dann allerdings ziemlich drastisch zu Raumschiffen und Außerirdischen. Da hatte ich dann auch richtige Schauspieler: meine Brüder und sonstige Familienmitglieder.

SPIEGEL ONLINE: Mit "Batman" kehren Sie sozusagen zu Ihren Anfängen als Genre-Regisseur zurück.

Nolan: Ehrlich gesagt, waren die Filme ziemlich primitiv, auch wenn ich mich hier jetzt gerne als junges Genie stilisieren würde. Das Lustige ist: In meiner Erinnerung kamen mir meine ersten Filmversuche sehr anspruchsvoll und wichtig vor. Vor ein paar Jahren machte ich dann allerdings den Fehler, mir die Filme noch einmal anzusehen - und war schockiert. Allerdings war ich ja auch erst sieben, als ich losgelegt habe.

Das Interview führte Christian Aust


Christopher Nolans "The Dark Knight" läuft am 21. August in den deutschen Kinos an .



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