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26. Juni 2014, 08:38 Uhr

Bauerndoku

Ackern für den geliebten Acker

Von Daniel Sander

Ein Schwabe will den Bauernhof seines Vaters übernehmen, aber der ziert sich - trotz Schulden und Knochenarbeit. Tobias Müllers "Sauacker" beschreibt den Überlebenskampf eines kleinen Hofes zwischen Tradition und Moderne.

Sie ziehen und zerren und hebeln und drehen, aber es geht nicht wirklich voran. Philipp Kienle und sein Vater Konrad stehen hinter einer gebärenden Kuh, nur die Vorderhufe des Kalbs haben es bislang nach draußen geschafft, für den Rest braucht es Kraft, Geduld und Nerven. Beide Männer sind erschöpft, aber konzentriert, sie machen das nicht zum ersten Mal. Der Vater trägt nicht mal Handschuhe, wenn er in den Geburtskanal greift, um nachzuhelfen. Es ist eine schwere Geburt, aber das ist es immer. Da muss man einfach durch, Mensch wie Kuh.

Der Filmemacher Tobias Müller hat die strapazenreiche Geburtsszene nicht ohne Grund als Eröffnung für seinen Dokumentarfilm "Sauacker" gewählt, denn der ganze Film erzählt die Geschichte einer schweren Geburt: Der 29-jährige Philipp Kienle will endlich den kleinen schwäbischen Familienbauernhof übernehmen, aber sein Vater, immerhin auch schon 60, hält ihn hin. Er kann sich nicht trennen, obwohl der Hof wirtschaftlich eigentlich am Ende ist.

Schulden, veraltete Geräte, steigende Pachten und komplizierte neue Verordnungen aus Brüssel oder Berlin haben Konrad Kienle an den Rand seiner Existenz gebracht, und trotzdem arbeitet er den ganzen Tag weiter. Und wenn das Geld wirklich nicht reicht, dann trägt er eben auch noch Zeitungen aus.

Die meisten Menschen dürften das für ein Höllenleben halten, doch sowohl für Konrad als auch für Philipp Kienle ist es der Lebenstraum. Der Sohn weiß, wie schwierig das Überleben wird, will den Hof aber unbedingt. Fast 300 Jahre gibt es ihn, immer in Familienbesitz. Philipp hat tausend Rettungsideen, will modernisieren, auf Bio umstellen, verhandelt mit Bankern, und vor allem redet er auf seinen Vater ein: Tu was, es muss sich etwas ändern, es geht so nicht weiter! Dem Vater ist das eigentlich klar, aber er will weitermachen wie bisher. Die Zeiten seien schließlich schon immer nur schwerer geworden, und trotzdem habe es immer irgendwie geklappt. Aber ein bisschen scheint er auch zu denken: Lass gut sein, Junge, tu dir dieses Leben nicht an. Wenn es vorbei ist, ist es eben vorbei.

Tödliche Veränderungsresistenz

Beide Männer haben einen trockenen Humor, und es hat etwas sehr Herzliches und auch Amüsantes, wenn sie sich schwerst schwäbelnd angiften und die immer gleichen Argumente austauschen, dankenswerterweise meist mit Untertiteln.

Gleichzeitig erzählt "Sauacker" aber auch eine tieftraurige Geschichte von Selbstaufgabe, Verzweiflung und blanker Angst. Sie steht exemplarisch für das deutschland- oder gar weltweite Sterben kleiner Bauernhöfe, für die wachsende Chancenlosigkeit gegenüber den großen, industriell produzierenden Landwirten genauso wie für die hartnäckige und tödliche Veränderungsresistenz der kleinen Alteingesessenen.

Es ist die Geschichte von zwei Entwürfen für das gleiche Leben, von denen vielleicht keiner mehr funktioniert. Konrad Kienles loyale, aber sehr erschöpfte Ehefrau steht ihrem Mann eisern bei, aber sie sagt auch ohne Zögern, dass sie auf keinen Fall wieder heiraten würde, hätte sie noch einmal die Wahl. Nicht noch einmal dieses Leben. Philipps Freundin lebt auch auf dem Hof, es gefällt ihr dort, aber viel mehr interessiert sie sich für Kunst, sie träumt von einem Studium. Und bestimmt nicht von einem Mann, der nie Zeit und Urlaub hat und sich trotzdem immer nur am Existenzminimum entlanghangelt.

Regisseur Müller hat die Familie Kienle über Monate hinweg immer wieder besucht und dabei eine Menge Material gesammelt. Problematisch ist: "Sauacker" tut so, als erzähle er seine Geschichte chronologisch (bis hin zu Philipps selbst gesetzter Übernahme-Deadline, seinem 30. Geburtstag), springt aber eindeutig zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Das ist aus dramaturgischer Sicht legitim, stört aber die Authentizität, wenn Sohn Philipp innerhalb von fünf Filmminuten mal mit glattem Gesicht, dann mit Backenbart, dann mit Ziegenbart auftaucht und die Haarlänge seiner Freundin von mittellang zu kurz zu ziemlich lang wechselt.

Spannend ist der Film trotzdem, denn er hat ein Herz für seine beiden stoisch kämpfenden Helden und versinkt nie in Landleben-Sentimentalitäten. Auch ein hartes Leben kann schön sein. Man muss sich nur trauen, es auch zu führen.


Filmangaben:
Sauacker. Start: 26.6. Regie: Tobias Müller.

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