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Bauerndoku: Ackern für den geliebten Acker

Von Daniel Sander

Ein Schwabe will den Bauernhof seines Vaters übernehmen, aber der ziert sich - trotz Schulden und Knochenarbeit. Tobias Müllers "Sauacker" beschreibt den Überlebenskampf eines kleinen Hofes zwischen Tradition und Moderne.

Sie ziehen und zerren und hebeln und drehen, aber es geht nicht wirklich voran. Philipp Kienle und sein Vater Konrad stehen hinter einer gebärenden Kuh, nur die Vorderhufe des Kalbs haben es bislang nach draußen geschafft, für den Rest braucht es Kraft, Geduld und Nerven. Beide Männer sind erschöpft, aber konzentriert, sie machen das nicht zum ersten Mal. Der Vater trägt nicht mal Handschuhe, wenn er in den Geburtskanal greift, um nachzuhelfen. Es ist eine schwere Geburt, aber das ist es immer. Da muss man einfach durch, Mensch wie Kuh.

Der Filmemacher Tobias Müller hat die strapazenreiche Geburtsszene nicht ohne Grund als Eröffnung für seinen Dokumentarfilm "Sauacker" gewählt, denn der ganze Film erzählt die Geschichte einer schweren Geburt: Der 29-jährige Philipp Kienle will endlich den kleinen schwäbischen Familienbauernhof übernehmen, aber sein Vater, immerhin auch schon 60, hält ihn hin. Er kann sich nicht trennen, obwohl der Hof wirtschaftlich eigentlich am Ende ist.

Schulden, veraltete Geräte, steigende Pachten und komplizierte neue Verordnungen aus Brüssel oder Berlin haben Konrad Kienle an den Rand seiner Existenz gebracht, und trotzdem arbeitet er den ganzen Tag weiter. Und wenn das Geld wirklich nicht reicht, dann trägt er eben auch noch Zeitungen aus.

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Bauerndoku "Sauacker": Schwäbelnd am Abgrund
Die meisten Menschen dürften das für ein Höllenleben halten, doch sowohl für Konrad als auch für Philipp Kienle ist es der Lebenstraum. Der Sohn weiß, wie schwierig das Überleben wird, will den Hof aber unbedingt. Fast 300 Jahre gibt es ihn, immer in Familienbesitz. Philipp hat tausend Rettungsideen, will modernisieren, auf Bio umstellen, verhandelt mit Bankern, und vor allem redet er auf seinen Vater ein: Tu was, es muss sich etwas ändern, es geht so nicht weiter! Dem Vater ist das eigentlich klar, aber er will weitermachen wie bisher. Die Zeiten seien schließlich schon immer nur schwerer geworden, und trotzdem habe es immer irgendwie geklappt. Aber ein bisschen scheint er auch zu denken: Lass gut sein, Junge, tu dir dieses Leben nicht an. Wenn es vorbei ist, ist es eben vorbei.

Tödliche Veränderungsresistenz

Beide Männer haben einen trockenen Humor, und es hat etwas sehr Herzliches und auch Amüsantes, wenn sie sich schwerst schwäbelnd angiften und die immer gleichen Argumente austauschen, dankenswerterweise meist mit Untertiteln.

Gleichzeitig erzählt "Sauacker" aber auch eine tieftraurige Geschichte von Selbstaufgabe, Verzweiflung und blanker Angst. Sie steht exemplarisch für das deutschland- oder gar weltweite Sterben kleiner Bauernhöfe, für die wachsende Chancenlosigkeit gegenüber den großen, industriell produzierenden Landwirten genauso wie für die hartnäckige und tödliche Veränderungsresistenz der kleinen Alteingesessenen.

Es ist die Geschichte von zwei Entwürfen für das gleiche Leben, von denen vielleicht keiner mehr funktioniert. Konrad Kienles loyale, aber sehr erschöpfte Ehefrau steht ihrem Mann eisern bei, aber sie sagt auch ohne Zögern, dass sie auf keinen Fall wieder heiraten würde, hätte sie noch einmal die Wahl. Nicht noch einmal dieses Leben. Philipps Freundin lebt auch auf dem Hof, es gefällt ihr dort, aber viel mehr interessiert sie sich für Kunst, sie träumt von einem Studium. Und bestimmt nicht von einem Mann, der nie Zeit und Urlaub hat und sich trotzdem immer nur am Existenzminimum entlanghangelt.

Regisseur Müller hat die Familie Kienle über Monate hinweg immer wieder besucht und dabei eine Menge Material gesammelt. Problematisch ist: "Sauacker" tut so, als erzähle er seine Geschichte chronologisch (bis hin zu Philipps selbst gesetzter Übernahme-Deadline, seinem 30. Geburtstag), springt aber eindeutig zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Das ist aus dramaturgischer Sicht legitim, stört aber die Authentizität, wenn Sohn Philipp innerhalb von fünf Filmminuten mal mit glattem Gesicht, dann mit Backenbart, dann mit Ziegenbart auftaucht und die Haarlänge seiner Freundin von mittellang zu kurz zu ziemlich lang wechselt.

Spannend ist der Film trotzdem, denn er hat ein Herz für seine beiden stoisch kämpfenden Helden und versinkt nie in Landleben-Sentimentalitäten. Auch ein hartes Leben kann schön sein. Man muss sich nur trauen, es auch zu führen.


Filmangaben:
Sauacker. Start: 26.6. Regie: Tobias Müller.

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1. Ein Mann von 60 ist heute aber noch kein "Altes Eisen"
Koda 26.06.2014
---Zitat von sysop;16008865 Der 29-jährige Philipp Kienle will endlich den kleinen schwäbischen Familienbauernhof übernehmen, aber sein Vater, immerhin auch schon 60, hält ihn hin. [url--- http://www.spiegel.de/kultur/kino/bauerndoku-sauacker-a-977462.html[/url] ---Zitatende--- Von daher kann ich schon verstehen, dass der "alte Bauer" den Betrieb noch nicht übergeben will. Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen wären nicht schlecht. Es gibt ja städt. Familien die ihren Kindern wenigstens einmal eine echte Kuh zeigen wollen.
2. Nostalgischer Schmonzes a la Gartenlaube
albert schulz 26.06.2014
Zitat von sysopTeichoskopEin Schwabe will den Bauernhof seines Vaters übernehmen, aber der ziert sich - trotz Schulden und Knochenarbeit. Tobias Müllers "Sauacker" beschreibt den Überlebenskampf eines kleinen Hofes zwischen Tradition und Moderne. http://www.spiegel.de/kultur/kino/bauerndoku-sauacker-a-977462.html
Ach Gottchen. Kleinbauern haben ihre Höfe schon in den Fünfzigern reihenweise aufgegeben, um bei Bosch zu arbeiten. Später kamen die großen Höfe in den Mittelgebirgen dazu und im Alpenvorland. Da ist heute niemand mehr, keine Inhaber, Bewohner, Gäste. Seit Jahren gehen die Aussiedlerhöfe im (höchst fruchtbaren) Strohgäu ein, keiner unter hundert Hektar und fünfzig Kühen und Technik ohne Ende. Also allesamt keine „kleinen“ Höfe. Bestenfalls in Stadtnähe kann man noch was mit Gäulen für die pubertierende Mädchenschaft reißen, Urlaub auf dem Land ist Schnee von gestern, es gibt ein Riesenangebot, aber keine Interessenten, es sei denn in landschaftlich reizvoller Umgebung, aber Massen nehmen das Angebot nicht war, es ist ein Nischenprodukt mit absehbarem Verfallsdatum. Fakt ist, daß die Bauern reihenweise pleite sind, keine Kinder haben, die den Hof übernehmen wollen, und daß es keinerlei Aussicht auf Besserung gibt. Verkaufen kann man auch nichts, weil niemand den Kram haben will, der mal Millionen wert war. Diese Form von märchenhaften Schmonzetten gab es in den Fünfzigern reihenweise, wahlweise mit einem Förster oder Großbauern, damals schon schwer romantisch, sozusagen der Western auf deutsch. Auch damals wollten Die „Alten“ ihre Obliegenheiten nicht an ihre Nachkommen weitergeben, aber das Phänomen ist aus allen Sparten der Wirtschaft bekannt, zuweilen haben die „Alten“ recht. Bei Bauern ist die Sache klar geregelt. Sie müssen mit sechzig aufs Altenteil (abhängig vom Bundesland).
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