"Baywatch" im Kino Ein hasselhoffnungsloser Fall

Wenn sie ihre Shirts ausziehen, kriegt man es mit der Angst zu tun: Der "Baywatch"-Film mit Dwayne Johnson und Zac Efron ist leider alles andere als ein schön dämlicher Sommerspaß.

Paramount Pictures

Von


Das Problem mit "Baywatch" ist nicht, mit welchen Erwartungen man reingeht. Ein Film, in dem Dwayne "The Rock" Johnson mitspielt, ist nie ganz schlecht, auch dieser nicht. Das Problem ist die Erkenntnis, mit der man rausgeht. Bis zum Schluss weiß man nämlich nicht, ob die Beteiligten die Serie, die sie hier mit einigem Aufwand verfilmen, auch nur ansatzweise mögen.

Klar, es ist eine romantische Vorstellung, dass die Macher einer 69-Millionen-Dollar-Studio-Adaption von Schrottfernsehen für diese nennenswert Herzblut verschüttet hätten. Doch zumindest hätte man erwarten können, dass sie vorher klären, ob sie eine Hommage oder eine Satire drehen wollen.

Regisseur Seth Gordon ("Kill the Boss") konnte sich aber scheinbar zu keinem von beiden durchringen, weshalb bis zum Schluss eine desinteressierte Distanz zur Quatschvorlage spürbar ist. Warum es dann überhaupt machen? Menschen dabei zuzuschauen, wie sie ungern ihrer Arbeit nachgehen, gehört schließlich zu den entmutigendsten Dingen im Leben. Vor allem, wenn man zehn Euro dafür bezahlt hat.

Fotostrecke

10  Bilder
"Baywatch": Ein Rock in der Brandung

Fast könnte man deshalb meinen, "Baywatch" hätte einen kapitalismuskritischen Kern - so sehr lässt der Film die Versprechen des Unterhaltungskinos auf ein paar vom Alltag ablenkende Minuten in die Leere laufen. Doch dann ist da eben Dwayne Johnson.

The Rock ist bei jedem seiner Filme mit jeder Faser seines irren Körpers dabei. Wie in "Fast & Furious", "G.I. Joe" und "Central Intelligence" spielt er auch in "Baywatch", als wäre es ihm nicht nur ein Vergnügen, sondern eine Ehre. Das muss man generell erst einmal hinbekommen, aber insbesondere bei einer Rolle aus dem Nachmittagsprogramm, die zuvor David Hasselhoff innehatte.

Vater-Sohn-Konflikt in der Sonne

Johnsons Charme macht einfach jeden Zynismus zunichte, und deshalb bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als sich mit ihm zu freuen, dass er nun Mitch Buchannon spielen darf, den väterlichen Oberrettungsschwimmer von Malibu. Wie bei Buchannon wurden auch andere Rollennamen aus der Serie übernommen. CJ Parker (vormals Pamela Andersons Rolle) wird von Kelly Rohrbach verkörpert, Stephanie Holden von Ilfenesh Hadera, Summer Quinn von Alexandra Daddario.

Ein kleiner Modernisierungsversuch ist in der Besetzung der altbekannten Rollen versteckt: Wie Johnson, der gebürtige Kalifornier mit afrokanadischen und polynesischen Wurzeln, ist sein Team nun multiethnisch. Der beste Witz des ganzen Films zielt denn auch darauf ab, dass selbst die tiefste Sonnenbräunung einen noch nicht zu einer Person of Color mache.


"Baywatch"
USA 2017

Regie: Seth Gordon
Drehbuch: Damian Shannon, Mark Swift
Darsteller: Dwayne Johnson, Zac Efron, Priyanka Chopra, Kelly Rohrbach, Ilfenesh Hadera
Produktion: Paramount Pictures, Flynn Picture Company et al.
Verleih: Paramount
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 1. Juni 2017


Tracks von Vince Staples, Run the Jewels und Desiigner unterstreichen den neourbanen Anspruch des Films. Doch im Grunde erzählt "Baywatch" (Buch: Damian Shannon und Mark Swift) einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt. Matt Brody (Zac Efron) ist ein Olympiaschwimmer, der wegen Partyexzessen in Ungnade gefallen ist und nun sein zweites Glück als Rettungsschwimmer sucht. Hierbei muss er sich als teamfähig und verantwortungsbewusst erweisen, um von Mitch akzeptiert und in dessen leicht bekleidete Wahlfamilie aufgenommen zu werden.

Am Anfang ist Brody offiziell Mitchs Gegenspieler: Wo der Senior Weitblick und gefestigte Werte beweist, kennt der Junior nur Eigensinn und Protzerei. Das ändert sich im Verlauf des Films natürlich, weil Brody lernt, Verantwortung für das Leben von sich und anderen zu übernehmen. Unterschwellig bleibt er jedoch Mitchs Gegner, denn mit seinem bis an die Grenzen des Gesunden getunten Körpers unterläuft Efron alles, wofür The Rock mit seinem mühelos familienfreundlichen Grinsen steht.

Als dürfte Efron dem Horror darüber, dass er wieder nur einen Berg Muskeln spielen darf, keinesfalls Ausdruck verleihen, sind die Gesichtszüge des 29-jährigen ehemaligen "High School Musical"-Stars unerträglich straff gespannt. Man erwischt sich dabei, stellvertretend für ihn die Augen zusammenzukneifen - einfach weil er es nicht mehr zu können scheint.

Kein Gramm Körperfett

Besonders erschreckend ist eine Szene, in der sich Mitch und Brody einen Kletterwettkampf liefern. Während sich Efron kopfüber an einem Gitter entlanghangelt, scheint die Haut über seinen überdefinierten Oberkörpermuskeln fast zu platzen. Er habe für "Baywatch" auch den letzten Rest an Körperfett loswerden wollen, gab Efron gegenüber "Men's Fitness" zu Protokoll. Dieses Ziel in seinem Leben hat er offenbar erreicht.

Das Tollste an "Baywatch" sei die Objektifizierung der Männer, hat Priyanka Chopra, die die Bösewichtin im Film spielt, in Interviews gesagt. "Es ist eine Art Payback für all die Jahre, in denen Frauen ausgenutzt wurden." Das könnte nur ein von Low Carb unterzuckertes Gehirn als zivilisatorischen Fortschritt feiern.

Aber es stimmt noch nicht einmal, denn natürlich müssen auch die Frauen ihre hard bodies pausenlos und in Zeitlupe ausstellen. Entsprechend hat Pamela Anderson in der letzten Szene ihren erwartbaren, aber trotzdem grauenhaften Kurzauftritt: Ihr verdruckstes Auftreten und ihr zugerichtetes Gesicht lassen sie wie einen Bankräuber mit Pamela-Anderson-Gummimaske wirken.

An "Baywatch" scheinen wirklich Karrieren zugrunde zu gehen, erst im Fernsehen und jetzt im Kino. Deprimierter ist man selten aus einem Blockbuster-Film gegangen. Und das, obwohl Dwayne Johnson mitspielt.

Im Video: Der Trailer zu "Baywatch"

Paramount Pictures
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.