"be.angeled" Schamloses Porträt versammelter Zombies

Es gibt Regisseure, die halten sich an nackte Tatsachen, besonders bei der Love Parade. Dort drehen sie Pornos und haben Erfolg. Andere entdecken im pulsierenden Gewühl die perfekte Matrize für einen Kinofilm. So entstand "be.angeled", der neue Film von Roman Kuhn.

Von Cristina Moles Kaupp


DJ Mark Spoon: Muss das sein?
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DJ Mark Spoon: Muss das sein?

Bei 1,5 Millionen Ravern werden Sponsoren schwach, finanzieren kräftig vor, und Filmschaffen wird zum Kinderspiel, erst recht wenn Regisseure aus der Werbung kommen. Roman Kuhn ist so ein Designer, mit Händchen für Trends und Werbe-Spots, nun denn.

Anders als in der heilen Welt der Werbung will ein Spielfilm nichts verkaufen. Weder das Paradies auf Erden, noch die ewige Jugend, schon gar nicht die endlose Party. Er braucht eine Geschichte, Charaktere, will unterhalten, vielleicht ein bisschen verzaubern. Roman Kuhn jedoch wollte mehr: das ganze Leben in einen Tag verpacken und mit größtmöglichster Authentizität zeigen, was alles passieren kann in der alljährlichen Extremsituation - allein unter Millionen.

So hält er drauf, bewaffnet mit 14 Kameras und modernem Gerät. Zeigt den Tanz unter dem Goldenen Engel, all die Vollfertigen und Niedlichen in Cinemascope. Spielt mit Zeitraffer und schnellen Schnitten und gibt acht Unbekannten ein Gesicht. Geschredderte Episoden über den Tag hindurch - was passt besser zu Samples und Loops als Fragmente und Menschen, die wie Trockeneis durchs Bild cruisen?

"Alle Figuren im Film begegnen einer Form der Liebe, genauer gesagt, extrem unterschiedlichen Formen der Liebe", sagt Kuhn in einem Interview. Wie denn nun? Meint er damit die halbnackte Tänzerin Zoe im Drogendelirium, die rüde "Fick mich" röhren wird? Das blonde Girlie, das mit aller Macht ins Bettchen will, aber bitte, bitte nur zu dem fetten Mark Spoon? Hat die Plattenfirma BMG denn keine attraktiveren DJs unter Vertrag? Nichts wie weiter.

Unter den Schwingen des Goldenen Engels...
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Unter den Schwingen des Goldenen Engels...

Die nächsten Schreckgestalten warten schon: ein HIV-positiver Drogendealer, der ständig ein Kettensägenmassaker herbeibeschwört, um dann von einer Unbekannten geschlachtet zu werden - er hat sie im Jahr zuvor mit dem Virus infiziert. Dann ein lausiger Moderator, der die hochschwangere Freundin sitzen lässt und hilflose Frauen vergewaltigt. Alles eine Form der Liebe? Aber nein, es gibt noch den zornigen Blinden, dem eine Asiatin verfällt, den traumatisierten U-Bahnschaffner und den "Vakuum Cleaner", ein Schutzengel der besonderen Art. Woher der plötzlich angeflattert kommt und warum - keiner weiß es. "be.angeled" eben - total real.

Am überzeugendsten sind noch die drei zugedröhnten Jungs aus Manchester. Sie haben sich bei Buxtehude total verfranst und erfinden sich ihre eigene Party. Die ist allemal kreativer als Kuhns 110 lärmende Minuten. Vielleicht aber war sein schamloses Portrait der versammelten Zombies auch nur ein Versuch, der ewig affirmativen Promotion zu entkommen. "Unter den Schwingen des Goldenen Engels findet jeder sein Schicksal, das er finden muss", faselt Kuhn weiter im Info. Ein Versuch war's wert. Aber Kino muss es für Kuhn nun wirklich nicht sein.

"be.angeled" Deutschland 2001; Regie: Roman Kuhn; Darsteller: Anatole Taubman, Sólveig Arnarsóttir, Mark Spoon, Lexy, Wiebke Bachmann, Joanne grant, Martin Glade, Marius Frey, Peter Stock; Cinemascope und digital, Länge: 110 Minuten; Start 14.Juni 2001



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