Rassismusdrama "Beale Street" Selbst die Liebe kann sie nicht schützen

Nach seinem Oscartriumph "Moonlight" gelingt Barry Jenkins das nächste poetische Meisterwerk: In "Beale Street" zersetzt Rassismus das Glück eines jungen, schwarzen Paares - unser Film der Woche

Tatum Mangus/ Annapurna Pictures/ DCM

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Als Bildhauer Fonny mit seiner neuesten Skulptur fertig ist, tritt er zur Betrachtung seines Werks einen Schritt zurück und bläst langsam Zigarettenrauch aus. Während der Rauch im Uhrzeigersinn feine Schwaden zieht, beginnt die Kamera, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Der Eindruck von Räumlichkeit ist verblüffend: Im Bild entsteht eine zweite Skulptur, ein Gefüge aus Raum, Zeit und Licht, das Fonny und sein Kunstwerk umhüllt, und dessen Konturen nun vom Rauch und von der Kamera beschrieben werden.

Immer wieder setzt sich James Laxtons Kamera im Verlauf von "Beale Street" in Bewegung und gleitet um ihre Protagonisten, das Liebespaar Fonny (Stephan James) und Tish (KiKi Layne), herum. Sie tut das nicht so dynamisch wie in der unvergesslichen Anfangssequenz von "Moonlight", dem Film, für den Laxton für den Oscar nominiert wurde, sondern zarter, behutsamer. Als wollte sie einen Schutzschild um das junge, schöne, schwarze Paar ziehen.

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"Beale Street": Ikonen der Liebe

Doch Tish und Fonny kann niemand schützen, jedenfalls nicht im Harlem Anfang der Siebziger. Ein weißer Polizist schiebt Fonny eine Vergewaltigung unter, das Opfer, eine Latina, macht unter Druck eine Falschaussage und flieht im Anschluss in ihre Heimat Puerto Rico. Auch ein wohlmeinender weißer Anwalt kann nichts gegen die Ungerechtigkeit bewirken: Kaum 22 Jahre alt geworden, wird Fonny verurteilt. "Ich hoffe, dass niemand jemals einen geliebten Menschen durch eine Glasscheibe betrachten muss", sagt Tish nach dem Besuch im Gefängnis.

Es ist einer von vielen Sätzen, die Barry Jenkins direkt aus James Baldwins Roman "If Beale Street Could Talk" in sein Drehbuch übernommen hat. Das entstand im Sommer 2013, in dem Jenkins zusammen mit Tarel Alvin McCraney auch das Skript zu "Moonlight" verfasste. Der triumphierte bekanntlich 2017 bei den Oscars, und nach acht Jahren zwischen Jenkins' erstem und zweitem Film ging es mit dem drittem Werk nun ganz schnell.

Gehetzt wirkt hier allerdings nichts. Vielmehr ist "Beale Street", so der knappe deutsche Titel, von einer wunderbaren Vertrautheit mit Baldwins Werk und Sprache geprägt. Baldwin ist - auch dank Raoul Pecks oscarnominierten Porträtessays "I Am Not Your Negro" - in den vergangenen Jahren auf beiden Seiten des Atlantiks verstärkt wiederentdeckt worden, sowohl als Schriftsteller als auch als antirassistischer Vordenker.


"Beale Street"
Originaltitel: "If Beale Street Could Talk"
USA 2018

Buch und Regie: Barry Jenkins
Darsteller: KiKi Layne, Stephan James, Regina King, Colman Domingo, Brian Tyree Henry
Produktion: Annapurna Pictures, Pastel, Plan B
Verleih: DCM
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 7. März 2019


Dass Baldwin in beiden Rollen reüssierte, dürfte an seiner einzigartigen Rhetorik gelegen haben, die stets das Intime und Persönliche mit dem Abstrakten und Politischen, die Agitation mit der Ästhetik zu verbinden wusste - siehe das Zitat von Tish, die aus ihrer eigenen Erfahrung heraus direkt an ein allgemeines Mitgefühl appelliert.

In seiner Filmadaption setzt Barry Jenkins seine Figuren ganz ähnlich hybrid zusammen. Sie sind einerseits Urgestalten, gezeichnet in klaren, leuchtenden Farben, allen voran Fonny und Tish, die ewig Liebenden, die sich seit Kindheitstagen kennen. Manchmal filmt die Kamera sie und ihre glänzenden Augen ganz leicht von unten, sodass sie wie sozialistische Ikonen der Jugend frohgemut in die Zukunft zu blicken scheinen.

Auch die vielen Nebenfiguren tragen archetypische Züge. Da ist der jüdische Vermieter Levy (Dave Franco), der als Einziger Fonny und Tish eine Wohnung geben mag; der mexikanische Kellner Pedrocito (Diego Luna), der den beiden ihr Essen auch auf Pump serviert; und nicht zuletzt Tishs Mutter (Regina King, für diese Rolle soeben mit dem Oscar als beste Nebendarstellerin prämiert), die für das Glück ihrer Tochter sogar nach Puerto Rico reist, um die Zeugin zur Richtigstellung ihrer Aussage zu bewegen.

Sie alle entheben den Film aber nicht eines spezifischen Settings, sondern verorten ihn vielmehr genau: Hier, so macht Jenkins in seiner präzisen Inszenierung klar, wird von keinem Einzelschicksal erzählt, sondern es werden eine spezifische Zeit und ihre vorherrschenden Denkmuster und Figuren aufgefächert.

Im Video: Der Trailer zu "Beale Street"

Tatum Mangus/ Annapurna Pictures/ DCM

"Beale Street" wird auf diese Weise zu einem Film, der ebenso schwelgerisch wie politisch ist, der gleichermaßen von der Liebe und vom Rassismus erzählen kann, weil er Rassismus als eine Kraft darstellt, vor der nichts sicher ist. Nicht einmal die Liebe.



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