Regie-Newcomer Zeitlin: "Feiert das Leben!"

Was für ein Debüt! Mit "Beasts of the Southern Wild" legt Benh Zeitlin einen Film vor, der zugleich ein Märchen und ein "Katrina"-Drama ist. Im Interview erklärt der New Yorker, wie man aus einem Bagel-Bäcker einen Schauspieler macht - und aus sehr wenig Geld ein Meisterwerk.

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Regisseur Benh Zeitlin am Set seines Films "Beasts of the Southern Wild"

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Film "Beasts of the Southern Wild" lebt die sechsjährige Hushpuppy zusammen mit ihrem kranken Vater Wink auf einer Insel nahe dem Golf von Mexiko. Die Gegend wird Bathtub genannt, weil bei einem Sturm alles im Meer verschwünde. Woher stammt die Idee?

Zeitlin: Das Drehbuch wurde von einem Theaterstück von Lucy Alibar inspiriert, eine richtige Adaption ist es aber nicht. Das Original spielt in Georgia, die Charaktere, Hushpuppy und Wink, gab es schon, Hushpuppy war allerdings ein Junge, und alles passierte in Gebäuden in der Stadt. Im Original wird Hushpuppys Vater krank, und seine Krankheit dehnt sich quasi in die Natur aus - eine Apokalypse beginnt. Ich versuchte zu dem Zeitpunkt gerade, über das Bathtub zu schreiben und sah, dass diese Verbindung zwischen der Krankheit des Vaters und der Umgebung eine tolle Art ist, davon zu erzählen, wie eine Gruppe ihre gesellschaftlichen Wurzeln verliert und ein Kind seine Eltern. Quasi eine Verbindung der Themen Umwelt und Liebe.

SPIEGEL ONLINE: Viele Dinge im Film, etwa die Begegnung mit Auerochsen, die ja längst ausgestorben sind, scheinen nur in Hushpuppys Kopf zu geschehen.

Zeitlin: Ich habe mir vorgestellt, dass Hushpuppy den Film macht. Er ist ja aus ihrer Sichtweise erzählt, und wenn man sechs Jahre alt ist, macht man eben keine großen Unterschiede zwischen ausgedachten und realen Erlebnissen.

SPIEGEL ONLINE: Das andere starke Thema ist die Verbindung zwischen Leben und Tod - und zwischen Mensch und Tier.

Zeitlin: Genau. Ich habe mal mit Grundschülern und von ihnen improvisierten Texten gearbeitet. Da gab es eine Szene zwischen einem Löwen und einer Maus. Der Löwe sagte: "Alles ist aus Fleisch, ich bin Fleisch, du bist Fleisch!" Das kam mir sehr typisch für eine kindliche Sichtweise vor, auch sehr poetisch - und sehr passend für diese Gegend bei New Orleans: Dort unten geht man nicht in den Laden, um etwas zu essen zu kaufen. Man holt sich Shrimps aus dem Wasser, knackt sie auf, wirft sie in den Topf, kocht und isst sie. Die Schalen schmeißt man zurück, für die Fische. Man ist dort natürlichen Nahrungsketten viel näher.

SPIEGEL ONLINE: Allein durch die Umgebung?

Zeitlin: Ja. Ich wollte die Verbindung zwischen diesen natürlichen Kreisläufen zeigen. Den kleinen, wo die Menschen die Shrimps essen, den größeren, wo das Wasser die Inseln frisst. Wir denken vielleicht, dass wir die Spitze der Nahrungskette sind. Doch das Wasser ist stärker.

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"Beasts of the Southern Wild": Wo die Urkräfte herrschen
SPIEGEL ONLINE: Sie stammen aus New York und sind vor ein paar Jahren nach New Orleans gezogen - waren Sie immer schon so interessiert an Naturthemen?

Zeitlin: Meine Mutter kommt aus South Carolina, und ich war jedes Jahr mehrmals im Süden, um Hühner zu jagen. Ich war nie ein typisches Stadtkind.

SPIEGEL ONLINE: Und hatten Sie von Anfang an vor, die Rollen in Ihrem Film mit Laiendarstellern zu besetzen?

Zeitlin: Wir wollten so viele Menschen aus der Gegend nehmen wie möglich. Es ist wirklich schwer, den speziellen Akzent dort zu imitieren, und noch schwerer, die Erfahrungen der Menschen dort zu erklären. Sie haben grausame Dinge erlebt, Stürme überlebt, mit der Natur gekämpft - sie haben einen ganz bestimmten Ausdruck, den man nicht einfach replizieren kann. Darum haben wir lokal gecastet. Für ein paar Rollen sahen wir anfangs Schauspieler vor, aber schließlich kamen wir zu dem Schluss, dass die Laiendarsteller die bessere Besetzung sein würden, dass sie mit ihren Rollen wachsen würden. Und das sind sie ja.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihre großartige Hauptdarstellerin gefunden?

Zeitlin: Wir haben monatelang in South Louisiana gecastet, mehrere tausend Mädchen, wir haben Flyer überall hinterlassen. Quvenzhané Wallis kam zum Casting und war komplett anders als alle anderen. Sie hat eine merkwürdige Weisheit, ganz untypisch für ihr Alter. Sie dachte wirklich über die Gefühle nach, die sie spielen sollte. Beim Casting war sie fünf Jahre alt, sie musste also erst einmal sechs werden, damit wir drehen konnten.

SPIEGEL ONLINE: Waren die Menschen denn dort leicht zu überreden?

Zeitlin: Die meisten nicht. Man kann sich als Nichtschauspieler ja auch kaum vorstellen, was es bedeutet, in einem Film mitzuwirken. Der Darsteller von Wink, Dwight Henry, hatte einen Bagel-Laden gegenüber der Casting-Agentur, und als wir uns entschlossen hatten, ihm die Rolle zu geben, war er gerade mit dem Laden umgezogen! Er wollte anfangs keinesfalls mitmachen, er gab uns dreimal einen Korb. Wir alle konnten ja auch nicht ahnen, dass sich überhaupt jemand für den Film interessieren würde!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit einer Mini-Crew gedreht.

Zeitlin: Ja. Mini-Amateurcrew, winziges Budget - wieso sollte ein Bagel-Bäcker dafür sein gut laufendes Geschäft aufgeben?

SPIEGEL ONLINE: Der Film ist visuell unglaublich stark und ideenreich, allein das Setdesign ist herausragend. Wie geht das ohne Geld?

Zeitlin: Meine Schwester war die Setdesignerin, das Lob wird sie freuen! Und wir haben ja schon Freunde mit besonderen Talenten ausgesucht, mit denen wir oft zusammengearbeitet haben; Amateure, was das Filmen betrifft - aber keine Amateurkünstler, sondern großartige Maler, Bildhauer. Für sie war das kein Job, sondern Kunst. Und ihre ganze kreative Energie und Zuneigung ist in die Details geflossen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es die Insel aus dem Film eigentlich wirklich?

Zeitlin: The Bathtub ist fiktiv. Doch die Insel, auf der wir gedreht haben, gibt es, und sie hat die Geschichte inspiriert - sie wurde übrigens kürzlich tatsächlich wegen eines Orkans evakuiert. Das Szenario in meinem Film ist eine Art High-End-Version der Geschehnisse. Dort leben wirklich ein ganz paar Leute hinter den Dämmen und haben ihren eigenen Nahrungskreislauf. Und vor einiger Zeit sind auch tatsächlich Düneninseln nach einem Sturm verschwunden. Wenn ein Golfsturm kommt, wütet er dort als Erstes.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen leben denn dort?

Zeitlin: In den Fünfzigern waren es um die 200 Familien, jetzt sind es nur noch etwa 20. Die Dämme dort sind in Wirklichkeit nicht so riesig, nicht so unüberwindbar wie im Film, und man ist auch nicht ganz so stark von den Ressourcen abgeschnitten. Wir haben das extremer dargestellt, um das Abgeschlossensein herauszustellen. Früher, und das ist das Verrückte, waren das überhaupt keine Inseln, sondern man konnte zu Fuß von Stadt zu Stadt gehen. Wegen der Polarschmelze sind die Städte jetzt von Meer umgeben.

SPIEGEL ONLINE: Die außergewöhnliche Gemeinschaft in Ihrem Film scheint jedenfalls sehr stark zusammenzuhalten.

Zeitlin: Für mich ist Bathtub ein Symbol für Frieden. Man schiebt dort alle Grenzen beiseite: politische, rassische, soziale, wirtschaftliche, Altersgrenzen. Es ist eine ultimative Einheit, die natürlich in der Außenseiterposition begründet ist. Man ist sehr frei dort, muss sich an nichts halten. Ich möchte damit nicht sagen, dass wir alle in die Wälder ziehen und dort leben sollten. Aber ich wünsche mir, dass jeder so leben kann, wie er möchte. Dass man nicht immer wertet, nicht sofort Armut oder Dreck sieht. Sondern das Leben feiert. Und mein Film ist keine Wunschvorstellung. Die Gesellschaften auf diesen Inseln leben ohne Geld oder Technik. Aber in unglaublichem Reichtum.

Das Interview führte Jenni Zylka

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Zur Person
Benh Zeitlin, Jahrgang 1982, wuchs in New York City auf und studierte an der Wesleyan University in Connecticut, bevor er 2008 nach New Orleans zog. Während der Uni gründete er das Filmemacher-Kollektiv Court 13. "Beasts of the Southern Wild", bei dem er neben der Regie auch für Drehbuch und Musik verantwortlich zeichnet, ist sein Debütfilm. Der Film hat bislang 29 Preise gewonnen, u.a. den Hauptpreis von Sundance und eine Goldene Kamera in Cannes.