Beziehungsfilm "Beat Beat Heart" Mein ist mein ganzes Herz

Luise Brinkmanns gelungener Debütfilm "Beat Beat Heart" stellt die Frage nach der Liebe in Zeiten von Tinder und Beziehungsmarketing. Dabei kommt Beunruhigendes ans sommerliche Tageslicht.

Daredo Media/ Darling Berlin

Von Johannes Bluth


Easy to enter, easy to exit. Auf diese Formel bringt Roberto Simanowskis Buch "Facebook-Gesellschaft" den Charakter heutiger sozialer Beziehungen. In einer Welt, die radikale Veränderung zu ihrem Lebensmodus macht, passen sich auch zwischenmenschliche Töne an, so scheint es.

Mit dem Wort "beziehungsunfähig" gescholten, ziehen immer mehr Menschen ihren Glauben an feste Bindungen in Zweifel, suchen andere Formen des Umgangs, stellen Fragen: Wie gehen die Menschen heute miteinander um? Was darf ich vom anderen verlangen, was nicht? Wo suche ich Nähe und Zuneigung? Simple Fragen, die schwer zu beantworten sind.

"Beat Beat Heart" sucht die Antworten dort, wo es sein Titel vermuten lässt: am schlagenden Herzen. Regisseurin Luise Brinkmann hat einen Film über die Liebe gedreht. Und darüber, ob die Menschen heute zu ihrer eigenen Empfindsamkeit noch bereit sind.

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"Beat Beat Heart": Die Liebe in Zeiten von Tinder

Kerstin (Lana Cooper) lebt ein von außen betrachtet harmonisches Leben. In einer baufälligen Dorfschänke hat sie sich in eine illustre Mädchen-WG eingemietet. Ihre große Liebe Thomas (Till Wonka) ist für ein paar Monate unterwegs, will den Kopf freibekommen. Das sagt er zumindest. Kerstin will die beiläufige Trennung nicht wahrhaben und flüchtet sich in ausufernde Tagträume.

Ganz im Gegensatz zu ihren beiden Mitbewohnerinnen: Während Maya (Christin Nichols) unbekümmert mit jedem ins Bett steigt, der ihr auch nur ein bisschen gefällt, versteigen sich Franzi (Caroline Erikson) und ihr Freund Paul (Aleksandar Radenkovic) in kalkulierten Streitereien und machen sich gegenseitig das Leben schwer. Eines Morgens steht unversehens Kerstins Mutter Charlotte (Saskia Vester) vor der Tür: Die Best-Agerin hat gerade ihrem Freund den Laufpass gegeben und braucht nun dringend Ablenkung.

Emotionale Ratlosigkeit

Auf einmal ist Wirbel in der WG, und entlang der vier Frauen entfaltet sich ein so unbedarfter wie uneindeutiger Liebesreigen. Die Konstellation klingt zwar nach komplexer Story, hat aber den Charme eines chaotischen Happenings. Denn "Beat Beat Heart" vertraut auf die Kraft des Ungeplanten: Es wurde bewusst ohne Drehbuch gearbeitet, die Szenen fühlen sich mitunter an wie gefilmtes Improtheater. Gespräche verlaufen im Sand, ergeben beizeiten erstaunlich wenig Sinn, und es wird seltsam herumgedruckst - ganz echt gespielt, wie im wirklichen Leben?

Dieser Mumblecore-Stil gilt derzeit als innovativer, deutscher Genre-Export. Für die Initialzündung sorgte "Love Steaks", ebenfalls mit Lana Cooper in der Hauptrolle. Auch hier ist die Liebe und das (Sich-)Liebenlassen Dreh- und Angelpunkt aller Spontaneität. Doch wo "Love Steaks" durch pointierte Montage und das erfrischende Ungehorsam seiner konträren Hauptfiguren hervorsticht, konzentriert sich "Beat Beat Heart" ganz auf die zögernd-zaudernde Emotionalität seiner Figuren. Ein "Kaleidoskop der Sehnsucht", sagt Brinkmann.


"Beat Beat Heart"
D 2016

Regie und Drehbuch: Luise Brinkmann
Darsteller: Lana Cooper, Saskia Vester, Till Wonka, Aleksandar Radenkovic, Christin Nichols, Jörg Bundschuh, Caroline Erikson, Hans-Heinrich Hardt
Produktion: ifs internationale filmschule köln
Verleih: Daredo Media
Länge: 87 Minuten
FSK: frei ab 12 Jahren
Start: 27. April 2017


Es erfordert etwas Bereitschaft, sich auf die mäandernde Filmsprache einzulassen. Denn der Film will nicht unbedingt Antworten auf seine Fragen geben, sondern macht sich die profunde emotionale Ratlosigkeit auch erzählerisch zu eigen. Das ist mutig und durchaus unkonventionell. Fraglich ist hingegen, warum fast der gesamte Film mit musikalischen Dauerschleifen unterlegt ist. Die daraus erwachsende, bonbonhafte Verniedlichung trägt zu dick mit einem unschuldigen Indiecharme auf, den "Beat Beat Heart" im Grunde nicht nötig hat.

Denn gerade die Unsicherheit des Films ist seine Stärke: "Ich denke immer, du schaust mich an, aber das sind Ameisen", sagt Franzi zu Kerstin. Gäbe es eine Botschaft, sie könnte lauten: Liebe gibt es nicht als verschreibungspflichtiges Rezept, auch nicht im Film! Brinkmann inszeniert kein klassisches talkin' bout my generation mit entsprechendem Cast, sondern feilt in einer ganz eigenen Nische womöglich an dem, was der französische Regisseur Robert Bresson mit der Besetzung von Laiendarstellern, sogenannte Modelle, angestrebt hat: "Der Sicherheit der Schauspieler setze den Charme der Modelle entgegen, die nicht wissen, was sie sind."

Gesellschaftskritische Wasserzeichen

Die nachhaltige Verunsicherung der Liebesbeziehungen tragen die Figuren zweifellos in sich. Das ist so etwas wie "Beat Beat Hearts" gesellschaftskritisches Wasserzeichen: Es wird andauernd idealisiert und alles infrage gestellt, nur um der möglichen amourösen Ödnis zu entkommen. Allein Kerstin scheint gegen die grassierende Verbitterung gefeit zu sein. Doch ihre Selbstgenügsamkeit sorgt auch für Missgunst, weil sich der entnervte Paul durch die entspannte Geisteshaltung Kerstins angezogen fühlt. Was Franzi natürlich umso mehr in Rage bringt.

Zwei Elemente stechen bei Brinkmanns Versuchsanordnung noch hervor: Zum einen die Umgebung. "Beat Beat Heart" wurde innerhalb von vier Wochen on location in der Uckermark gedreht. Die gleichmütige, sommerlich-milde Landschaft ist inmitten der aufwallenden Leidenschaften ein Fixpunkt und entwickelt eine schwelgerische Präsenz. Ein besonderer Sinn scheint zum anderen auch den männlichen Figuren im Film zuzukommen: Ihnen fehlen emotionale Tiefe und Eigenart, zumindest bekommen wir Zusehende davon nichts mit. Sie treten vielmehr als Medien auf, offerieren zeitweilige Zuneigung, können emotional aufgeladen werden und verschwinden dann wieder von der Bildfläche.

Eine Szene zeigt Mutter Charlotte im Wald: In einem etwas schrägen Reenactment der Dating-App Tinder lehnt an jedem Baum ein Vertreter der Herrenwelt, zur freien Auswahl. Männer aus dem digitalen Sortiment, konfektioniert zur kurzzeitigen Ablenkung? Auch diese soziale Mode lässt "Beat Beat Heart" wohlwollend zu.

Wie ist dieses Panorama zum gegenwärtigen Stand der Liebe auf den Punkt zu bringen? Ein Zitat aus dem Film hallt lange nach, weil es in schönster Lüge alles in lediglich drei Worte fasst: "Sehnsucht macht unfrei."

Im Video: Der Trailer zu "Beat Beat Heart"

Daredo Media/ Darling Berlin
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