Datenanalyse zum Filmgeschäft Auch Frauen bringen Kohle

Wer braucht schon Schwarzenegger, Stallone und Konsorten? Eine Untersuchung widerlegt ein altes Vorurteil und zeigt: Filme mit starken Frauen machen nicht weniger Kasse als solche mit Macho-Helden. Umso dümmer, dass Hollywood weiterhin alte Rollenklischees bedient.

Tobis

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Drei Punkte muss ein Film erfüllen, um den sogenannten Bechdel-Test zu bestehen.

  • Erstens: Er muss mindestens zwei weibliche Charaktere mit Namen enthalten.
  • Zweitens: Die Frauen müssen miteinander sprechen.
  • Und zwar, drittens, über etwas anderes als einen Mann.

Die Comic-Zeichnerin Alison Bechdel hat diese drei Kriterien 1985 - über eine ihrer Figuren - eingeführt. Mit ihrer Hilfe lässt sich abschätzen, ob ein Film womöglich traditionelle Geschlechterklischees bedient und sexistisch ist - oder eben nicht. Die Kritierien zu erfüllen, ist gar nicht mal so einfach. "Casablanca", "Dirty Dancing", "Harry Potter": alle durchgefallen.

Das Datenjournalismus-Blog des US-Fernsehsehnders ESPN, "FiveThirtyEight", hat jetzt mehr als 1600 Filme mit Hilfe des Bechdel-Tests analysiert und räumt mit einem hartnäckigen Vorurteil der Kinobranche auf: Filme mit starken Frauenrollen - darunter "Hunger Games", "Argo" und "Frozen" - sind mitnichten Kassengift.

So setzten Produktionen, die den Bechdel-Test bestehen, im Durchschnitt 2,68 Dollar Bruttogewinn pro investiertem Dollar in den USA und Kanada um. Filme, die beim Test durchfallen, liegen 23 Cent darunter. Und auch international machen Frauenfilme mit einem Netto-Plus von 17 Cent pro investiertem Dollar im Vergleich zu Filmen, in denen die weiblichen Charaktere nur über Männer sprechen, 11 Cent mehr Gewinn.

In einem weiteren Schritt setzten die Datenexperten den Brutto-Gewinn beziehungsweise die Rendite sowie die Bechdel-Kompatibilität in Relation zueinander und fanden keinen unmittelbaren Zusammenhang. Im Klartext: Starke Frauenrollen bringen entgegen dem Vorurteil nicht weniger Geld - aber auch nicht zwingend mehr.

Nagellack-Talk: bestanden

Dennoch: "In den Daten haben wir für die Annahme, dass Frauenfilme sehr viel schlechter an den Kinokassen abschneiden als solche ohne starke Frauenrollen, keine Beweise gefunden", heißt es in dem "FiveThirtyEight"-Bericht. "Mehr noch. Die Filme mit starken Frauen haben die Erwartungen oftmals noch übertroffen."

Das Bechdel-Rating sagt freilich weder etwas über die Qualität der Filme aus noch darüber, ob sie ein modernes Frauenbild transportieren. So hat etwa "Gravity", der zum großen Teil allein von Hauptdarstellerin Sandra Bullock getragen wird, nicht alle drei Punkte des Tests erfüllt. "American Hustle" hingegen schon - weil sich die Charaktere von Jennifer Lawrence und Elisabeth Röhm in einer Szene über Nagellack unterhalten.

Der Anteil der Filme, die zwischen 1970 und 2013 erschienen sind und unabhängige weibliche Charaktere zeigen, liegt der Analyse zufolge trotz der teils hohen Gewinne bei gerade einmal 53 Prozent. Zudem ist ihr Budget deutlich geringer; im Durchschnitt 31,7 Millionen Dollar. Filme mit Frauenfiguren, die nicht miteinander sprechen, stehen hingegen knapp 56,6 Millionen Dollar zur Verfügung.

"Tatsächlich, sie bringen Geld"

Das irritiert auch deshalb, weil Frauen - zumindest in den USA und Kanada - die Mehrheit der Kinogänger ausmachen, wenngleich mit 52 Prozent nur knapp. Einer Studie der Motion Picture Association of America zufolge kaufen sie auch die Hälfte der Tickets. Dennoch sind die Frauen in den Filmen, die sie sich dann ansehen, deutlich unterrepräsentiert. Gerade 15 Prozent der Hauptrollen sind weiblich, nur ein Drittel der Sprechrollen waren 2013 weiblich besetzt, hat die Universität von San Diego in "It's a Man's (Celluloid) World" herausgefunden. 13 der 100 erfolgreichsten Filme des vergangenen Jahres haben demnach eine ausgeglichene Anzahl von weiblichen und männlichen Rollen.

Michael Schamberg, Produzent von "Pulp Fiction" und "Django Unchained", erklärt das so: "Frauen gehen viel eher auch in einen Männerfilm als Männer in einen Frauenfilm." In einem sind sich viele Experten einig: Die Tatsache, dass Frauen in vielen Filmprojekten deutlich unterrepräsentiert sind, liegt auch - wenn nicht sogar vor allem - daran, dass sie ebenfalls vergleichsweise selten in verantwortungsvolle Posten aufrücken. 16 Prozent der Schlüsselpositionen in US-Kinoproduktionen waren 2013 der "Celluloid"-Studie zufolge mit Frauen besetzt. Im Jahr zuvor waren es noch zwei Prozent mehr, der Höchststand von 19 Prozent liegt 13 Jahre zurück. Bei nur 15 der 250 finanziell erfolgreichsten Filme haben Frauen Regie geführt.

In Schweden hat die Branche schon reagiert, zumindest ein halbes Dutzend Arthouse-Kinos wie das Bio Rio. Sie zeigen nur noch Filme, die den Bechdel-Test bestehen. Das staatlich finanzierte Swedish Film Institute unterstützt die Initiative, der sich auch der schwedische Kabelsender Viasat Film angeschlossen hat. Dort waren im November an einem Tag nur geprüfte Filme zu sehen, zudem ist die Bechdel-Konformität in den Filmrezensionen vermerkt. Das Publikum habe positiv auf die Aktion reagiert, sagte eine Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE.

Für mehr Präsenz starker Frauen im Film tritt auch die diesjährige Oscar-Gewinnerin Cate Blanchett ("Blue Jasmine") ein. Als sie ihren Preis als beste Hauptdarstellerin entgegennahm, sagte sie: "Denjenigen von uns, die immer noch der idiotischen Idee nachhängen, dass Frauenfilme Nischen-Experimente sind - sie sind es nicht." Und weiter: "Das Publikum will sie sehen und, tatsächlich, sie bringen Geld ein. Die Welt ist rund, Leute." Ihr Film "Blue Jasmine", der alle drei Bechdel-Kriterien erfüllt, hat mehr als 95 Millionen Dollar eingespielt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, "Blue Jasmine" habe bisher 700 Millionen Dollar eingespielt. Ganz so viel ist noch nicht zusammengekommen - es waren gut 95 Millionen.



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insgesamt 36 Beiträge
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chwe 05.04.2014
1. Tolle Erkentnisse
gefuehlte 100 Jahre nach Filmerfolgen von Bridget Bardot oder Marilyn Monroe kommt diese Erkentnis ? Ist schon Sommerlochzeit ? Und kann es sein dass die Zielgruppe von Rambo3 und "Ploetzlich Prinzessin" eine andere ist und man daher Maenner und Frauen braucht um den ganzen Markt abzudecken ?
Ishibashi 05.04.2014
2. Hoffnung ?
beim lesen des Artikels keimte etwas Hoffnung in mir auf. Vielleicht kann ich mir ja in ferner Zukunft wieder Hollywood Filme anschauen. Im Moment bin ich aber nicht maoistisch genug um mir die Aneinanderreihung von Klischee`s anzutun.
Derax 05.04.2014
3. ....
Zitat von sysopTobisWer braucht schon Schwarzenegger, Stallone und Konsorten? Eine Untersuchung widerlegt ein altes Vorurteil und zeigt: Filme mit starken Frauen machen nicht weniger Kasse als solche mit Macho-Helden. Umso dümmer, dass Hollywood weiterhin alte Rollenklischees bedient. http://www.spiegel.de/kultur/kino/bechdel-test-fuer-kinofilme-frauenfilme-bringen-mehr-geld-ein-a-962473.html
"Argo" hat wohl die amerikansichen Patrioten angesprochen und ich erinnere mich nur an Ben Affleck. Hunger Games ist gerade wegen Jennifer Lawrence bei Jungendlichen/(sieh 9gag) sehr beliebt, bei Mädchen wegen ihres nicht anorexisch aussehenden Körpers, bei Jungs wegen ihrer "weiblichen Proportionen". Frozen kenn ich net, scheint aber gerade ziemlich trendig zu sein. Trotz allem sind in 2/3 gelisteten Filmen ein großer Teil nicht wegen der starken Frauenrolle reingegangen. Die meisten Kinogänger/DVD Käufer sind immer noch männlich/jung, daher also auch das auf sie ausgerichtete Angebot - deal with it.
Bananenblatt 05.04.2014
4. Umgekehrter Bechdel-Test?
Der Bechdel-Test ist selbst sexistisch, da er sich nur mit einem der beiden Geschlechter überhaupt befasst. Wieviele Filme würden einen "umgekehrten Bechdel-Test" (oder einen symmetrischen Bechdel-Test) bestehen? "Umgekehrt": Mindestens zwei benamste Männer-Rollen, die sich miteinander über etwas anderes als Frauen unterhalten? "Symmetrisch": Mindestens zwei benamste Männer- *und* Frauenrollen, die sich sowohl über kreuz als auch untereinander über etwas anderes als Männer (Frauen) unterhalten? Gerade Gravity zeigt, dass der Bechdel-Test vielleicht etwas zu oberflächlich ist. Auch "Warten auf Godot" oder Faust fällt mit Pauken und Trompeten durch - na und?
Nahleben-Erfahrung 05.04.2014
5. .
Zitat von sysopTobisWer braucht schon Schwarzenegger, Stallone und Konsorten? Eine Untersuchung widerlegt ein altes Vorurteil und zeigt: Filme mit starken Frauen machen nicht weniger Kasse als solche mit Macho-Helden. Umso dümmer, dass Hollywood weiterhin alte Rollenklischees bedient. http://www.spiegel.de/kultur/kino/bechdel-test-fuer-kinofilme-frauenfilme-bringen-mehr-geld-ein-a-962473.html
Der "Bechdel-Test" gehört schon seit langem erweitert: Sterben mehr als drei Menschen, so sind unter den Toten auch Frauen. Denn auch das ist eines der Film-Klischees: stirbt eine Frau, ist es eine Tragödie und meist ein großer Plotpoint wenn nicht sogar das Hauptmotiv. Männer hingegen sterben links und rechts und keine Sau interessiert es, wir sind es so sehr gewöhnt, dass Männer wie aus Bequemlichkeit in Filmen verletzt oder getötet werden, dass es kaum noch Reaktionen hervorruft. Beispiel? Im letzten Batman gab es, bevor die böse Macht übernommen hat, etliche Frauen bei der Polizei von Gotham City. Als dann die Polizisten nach feindlicher Übernahme erst eingesperrt und dann regelrecht abgeschlachtet wurden, war unter den Polizisten plötzlich keine einzige Frau mehr. Das hätte das Publikum vielleicht zu sehr verstört? Es wäre ja sowas wie Gleichstellung, wenn man auch Frauen in Actionfilmen umbringen könnte, wie es gerade beliebt bzw. weils bequem für die Geschichte ist. Im Übrigen ist die "starke Frau" schon lange zum Klischee verkommen, insbes. in Action-Filmen: Die Frauen, die als stark dargstellt werden sollen, sind einfach nur lächerlich übertrieben, was Kampfkraft, Intelligenz, Überlegenheit angeht. Sie sind perfekt, stärker als jeder andere Mensch auf Erden, dazu noch übercool und supersexy. Was neben anderen Dingen schon dazu geführt hat, dass Filme, die versuchen, den albernen Bechdel-Test zu bestehen, als "sexistisch" bezeichnet werden, weil sie "unerfüllbare Erwartungen bei Frauen wecken". Kino lohnt sich nicht.
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