"Before Midnight"-Star Delpy "Die Männer sind schuld"

Alle neun Jahre wieder - in "Before Midnight" setzt Julie Delpy an der Seite von Ethan Hawke die Romanze um das Liebespaar Jesse und Céline fort. Im Interview spricht die Französin über den neuen Film, Zeitreisen und ihre Lust am Streiten.


SPIEGEL ONLINE: Madame Delpy, mit welchem Gefühl im Bauch sind Sie Ihrer Filmfigur Céline nach neun Jahren wieder begegnet?

Delpy: Das ist doch typisch! In Frankreich wird man als Erstes gefragt, wie es war, oben ohne zu spielen, und in den USA kommt meistens die Frage, wie es war, mit Ethan Hawke zu drehen. Hier in Deutschland wird man immer gleich so metaphysisch, das gefällt mir. Um die Frage zu beantworten: Es war schon ein bisschen gruselig. Genauso wie Céline bin ich ja auch selbst älter geworden. Wenn man sich wieder mit der Rolle beschäftigt, begegnet man also nicht nur der Leinwandfigur von damals, sondern auch ein wenig seinem früheren Ich.

SPIEGEL ONLINE: Was genau ist daran gruselig?

Delpy: Nun ja, man kommt sich vor, als würde man dabei durch einen Kanal in die Vergangenheit geschickt und stünde dort plötzlich sich selbst gegenüber. Und ohne dass dieses Gegenüber sprechen könnte, konfrontiert es einen ja mit seinen eigenen Träumen und Zielen von damals und fragt ganz automatisch: Bist du glücklich und zufrieden, wie alles gelaufen ist?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Antwort darauf?

Delpy: Ja, ich bin ganz ohne Zweifel zufrieden. Ich bin Mutter geworden in der Zwischenzeit, und das stellt alles andere in den Schatten. Trotzdem bereitet es mir Unbehagen, mich überhaupt mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Ich glaube, ich werde in der Zukunft kein Fan vom Zeitreisen sein. Von mir aus kann der Fortschritt gerne warten.

SPIEGEL ONLINE: Wann war Ihnen klar, dass es nach neun Jahren einen dritten Teil der "Before"-Reihe geben könnte?

Delpy: Das war mir eigentlich erst vor etwa zwei Jahren Jahr klar, als ich mit Ethan telefonierte und er irgendwann halb scherzhaft sagte: Hey, weißt du was, jetzt sind bald schon wieder neun Jahre vergangen - was ist wohl in der Zwischenzeit aus unseren alten Freunden Jesse und Céline geworden? Dann wurde aus dieser flapsigen Bemerkung für uns beide schnell ein so ernsthafter Gedanke, dass wir direkt Richard Linklater angerufen haben, der ja auch bei den letzten Teilen schon Regie führte.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat der reagiert?

Delpy: Als hätte er nur darauf gewartet. Es stellte sich heraus, dass Rick den gleichen Gedanken offenbar schon lange vor uns in sich trug. Er fand die Idee verlockend, ein Leinwandpaar zu verschiedenen Abschnitten ihres Lebens zu besuchen und zu sehen, wie sich die Chemie zwischen ihnen entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema Zeit spielt ja in fast allen Linklater-Filmen eine Rolle.

Delpy: Das stimmt tatsächlich! Ich persönlich glaube, er ist ein bisschen besessen davon. Aber im Ernst: Viele Leute denken, wir hatten es immer auf einen dritten Teil angelegt, weil das Ende des zweiten Teils so offen war. Doch ehrlich gesagt, war das kein Kalkül - wir fanden diesen Schluss damals einfach am stärksten.

SPIEGEL ONLINE: Der Film endete mit der Frage, ob Jesse Céline zuliebe seine Familie verlassen und in Paris bleiben wird.

Delpy: In der Zwischenzeit bin ich so vielen Leuten begegnet, die ihre ganz eigene Vorstellung davon hatten, wie es mit den beiden weitergegangen ist. Ich schätze, das ist das große Problem bei unserem jetzigen Film: Die Erwartungen sind gigantisch, und wir können es nicht allen recht machen. Viele werden vielleicht enttäuscht sein, wenn wir jetzt die Antwort geben: Ja, er ist bei ihr geblieben, die beiden sind ein Paar, haben Kinder - und plötzlich auch Probleme miteinander.

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"Before Midnight": Abschied von Jesse und Céline
SPIEGEL ONLINE: Damit unterscheidet sich "Before Midnight" von seinen beiden Vorgängern. Es geht nicht mehr um Projektionen und den Reiz des Augenblicks, sondern um die Realität einer Beziehung.

Delpy: "Before Sunrise" war im Grunde noch ein Coming-of-Age-Film. Damals wollten wir vor allem eine bittersüße Liebesgeschichte erzählen, die von den Möglichkeiten des Jungseins handelt. In "Before Sunset" ging es schon eher um das Gefühl, an den falschen Stellen abgebogen zu sein und die ersten großen Entscheidungen im Leben zu bereuen. In beiden Fällen führen sich Jesse und Céline ihre Wünsche und zugleich ihre verpassten Chancen gegenseitig vor Augen, obwohl sie nur ein paar Stunden miteinander verbringen. Jetzt wollten wir wieder einen Schritt weitergehen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sagen, dass "Before Midnight" der ehrlichste Teil der Reihe ist, da er nicht nur Luftschlösser kreiert, sondern von einer gemeinsamen Wirklichkeit handelt?

Delpy: Das ist ein interessanter Gedanke, der mir auch schon gekommen ist. Der Film spielt ja nicht mehr mit der leichten Frage "Was wäre wenn?", sondern mit dem, was tatsächlich ist. Das ist immer eine Herausforderung, der man sich erst einmal stellen muss. Im wahren Leben haben leider viele Leute Angst davor. Vielleicht ist dieser Film also der mutigste.

SPIEGEL ONLINE: Gehören Sie zu denen, die glauben, dass die Vorstellung von etwas immer besser ist als die Wirklichkeit?

Delpy: Nein, ganz im Gegenteil. Wer seine Luftschlösser nicht real werden lässt aus Angst, sie könnten in sich zusammenfallen, der läuft nur vor etwas weg, was er eigentlich doch will.

SPIEGEL ONLINE: Ein Proustscher Gedanke.

Delpy: Genau, es führt wie bei Proust letztlich nur zu Unglück und Entfremdung. Ich bin der Meinung, man muss immer alles wagen und sein Glück beim Schopf packen - so wie es im Film Jesse und Céline irgendwann getan haben, weil sie sich über Jahre hinweg nicht aus dem Kopf gegangen sind. Jetzt sind sie zwar ein gealtertes Paar, haben Routine, Kinder und einen gemeinsamen Haushalt. Das strotzt nicht immer vor Romantik. Trotzdem bleiben sie für mich im Umgang miteinander ein sehr romantisches Paar.

SPIEGEL ONLINE: In der längsten und vielleicht stärksten Szene des Films sieht der Zuschauer die beiden nun dennoch zum ersten Mal streiten. Wie oft haben Sie das geprobt?

Delpy: Ehrlich gesagt: Bis zum Erbrechen. Die Szene dauert ja fast 30 Minuten und könnte als Film im Film genommen ja fast schon für sich allein stehen. Und obwohl jeder anscheinend denkt, wir würden in der "Before"-Reihe so viel improvisieren, ist tatsächlich überhaupt nichts improvisiert. Jedes Wort, jede Silbe, jede Betonung ist hart erkämpft.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zusammen mit Ethan Hawke wieder am Drehbuch mitgeschrieben. Wie demokratisch lief das ab?

Delpy: Da wir uns ja in Griechenland getroffen haben, ziemlich demokratisch. Wobei man darunter ja auch einfach nur die Tyrannei der Mehrheit verstehen kann. Wir haben uns gemeinsam mit Rick zehn Wochen lang dort eingeschlossen und von morgens bis abends an jedem Satz gefeilt. Beim ersten Film waren wir alle drei noch höflich miteinander und haben gegenseitig allenfalls vorsichtige Kritik geübt, wenn uns etwas nicht gefiel. Diesmal war davon nichts mehr zu spüren. Gerade Ethan und ich haben uns beim Schreiben manchmal selbst gestritten wie ein altes Ehepaar. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Jean-Luc Godard, der Sie ja einst entdeckte, prägte den Satz: "Kino heißt streiten." Das dürfte gerade in diesem Fall doch sehr inspirierend gewesen sein.

Delpy: Das war es. Und ich glaube, nur deshalb ist die große Streit-Szene auch so intensiv geworden. Allerdings muss man sagen, dass die Rollen ein wenig verkehrt herum verteilt waren: Ich habe allgemein das meiste für die Figur Jesse geliefert, während Ethan vor allem die Sätze von Céline ins Drehbuch schrieb und für ihren Charakter verantwortlich war.

SPIEGEL ONLINE: Céline ist immer noch eine überzeugte Feministin...

Delpy: Schauen Sie mich nicht so an, als hätte ich etwas damit zu tun. Die Männer sind schuld. Ich fand es wirklich interessant zu sehen, welche Vorstellungen die beiden hatten, was Frauen so sagen und denken.

SPIEGEL ONLINE: Wer lieferte denn beim Streiten für das Drehbuch die besseren Argumente?

Delpy: Nun, die besseren Argumente hatten vielleicht die anderen beiden, aber ich hatte definitiv den längeren Atem, und nur darauf kommt es an. Ich glaube wirklich: Wenn ich die Maschine zum Zeitreisen noch mal anschmeißen könnte und mein Ich von 1995 mir die Frage stellen würde, was ich seitdem vor allem gelernt habe - dann ist es, wie man am besten laut und endlos streitet.

Das Interview führte Claas Relotius



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lift_off 04.06.2013
1. Beinahe langweilig.
Der Film wurde in Frankfurt als Sneak Preview gezeigt. Teilweise gibt es sehr unterhaltsame Dialoge (sie spielt das Dummchen, dass vom Macho beeindruckt ist) und auch die eine oder andere Lebensweisheit (Freunde sind wichtiger als Partner) kann man durchaus so stehen lassen. Jedoch dreht sich der gesamte Film in allen verbleibenden Facetten nur um das Problem, dass der eine (er) glaubt. alles (sein Leben) für die Beziehung gegeben zu haben und der andere (sie) sich dennoch scheinbar eingeschränkt, vernachlässigt und unterschätzt fühlt. Es ist nie wirklich langweilig, wirkt aber irgendwann doch sehr langatmig. Gutes Sitzfleisch ist gefragt, um da 90 Minuten am Ball bleiben zu können.
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