"Before Sunset": Im Gespräch und aus der Welt

Von Daniel Haas

Vor neun Jahren schickte Regisseur Richard Linklater Ethan Hawke und Julie Delpy auf einen romantischen Spaziergang durch Wien. Jetzt hat er eine Wiederbegegnung der beiden inszeniert: Als melancholisches Nonstop-Gespräch frustrierter Mittdreißiger und als kluge Reflexion über das Verhältnis von Wirklichkeit und Sprache.

Hawke, Delpy: Plaudern und zaudern mit Mitte dreißig
Warner Bros.

Hawke, Delpy: Plaudern und zaudern mit Mitte dreißig

"Ist nicht alles Schreiben autobiografisch?", antwortet der junge Schriftsteller lakonisch auf die Frage einer Journalistin, ob sein Roman auf persönlich Erlebtem beruhe, und man hat fast ein wenig Mitleid mit dem Autor, der seine Kunst mit der eigenen Vita legitimieren muss. Dabei weiß man doch, dass Bücher nicht selten aus Büchern gemacht werden, Zeichenwelt und Realität aus zweierlei Holz geschnitzt sind. Die Frage, was ein Autor mit seinen Texten sagen wollte, ist sowieso nur eine Falle: Sie überfordert den Künstler, der als Sinnsouverän seiner Kreationen in Haft genommen wird, und beschneidet den Leser - er darf als Interpret nur in Maßen kreativ sein.

Richard Linklater ("School of Rock") weiß natürlich, dass man die Texte nicht als Spiegel ihrer Schöpfer verkennen darf und Filme auch nicht unbedingt der Realität abgeguckt sind, sondern wiederum anderen Filmen. Deshalb ist "Before Sunset", diese überaus zarte, kluge und traurige Romanze, auch kein realitätsgesättigtes Statement zur Liebe in den Zeiten des flexiblen Kapitalismus oder anderen schrecklichen Umständen, denen Thirtysomethings heute ausgesetzt sind, sondern ein Kommentar, ein Neben- und Beitext zu jener Geschichte, die 1995 ihren Anfang nahm.

 Filmfranzösin Delpy: In ganz Paris von der Liebe sprechen
Warner Bros.

Filmfranzösin Delpy: In ganz Paris von der Liebe sprechen

Damals, in "Before Sunrise", lernten sich der Texaner Jesse (Ethan Hawke) und die Pariserin Céline (Julie Delpy) in einem Zugabteil kennen, man fuhr nach Wien, redete eine Nacht lang über Gott und die Welt, um dann, nach romantischem Schlendern durch die Donaustadt, miteinander zu schlafen. Jetzt sind aus den Twens zwei Mittdreißiger geworden: Er besagter Schriftsteller, der in Paris eine Lesereise absolviert, sie Umweltaktivistin mit Projekten in Europa und Übersee. Der Zufall will es, dass Céline zur Lesung Jesses kommt. Es folgen: Wiedersehensfreude, Spaziergang und 80 Minuten Konversation nonstop.

Man spricht über alles: New York, amerikanische Waffengesetze, französische Männer, Sex und Religion. Céline lebt unglücklich in einer festen Beziehung, Jesse versauert in seiner lieblosen Ehe. Es sind zwei vom eigenen Lebensdesign Frustrierte, die hier ihr Herz ausschütten. Konsequent also, wenn jene Liebesnacht, damals vor neun Jahren, zum Zentrum weitläufiger Spekulation geworden ist: Was wäre gewesen, wenn man sich wieder getroffen oder wenigstens Telefonnummern ausgetauscht hätte? Eine Verabredung gab es ja: Sechs Monate nach dem Tête-à-Tête wollte man sich in Wien wieder sehen; Jesse war am Treffpunkt erschienen, Céline nicht.

Das Motiv des vagen Rendezvous-Versprechens gibt es schon, sehr schön in Szene gesetzt mit Cary Grant und Deborah Kerr, die sich in "Die Liebe meines Lebens" (1957) verpassen. Es ist ein Zitat, wie alles in dieser Begegnung zitiert, sekunduär, dem Leben nachgeordnet wirkt: Die Gespräche, die so jedes andere Mittelklassepaar der Welt führen könnte; die touristischen Kulissen mit dem Charme zweitklassiger Reiseführer.

Regisseur Linklater: Unendliche Geschichte statt Entwicklungsroman
AP

Regisseur Linklater: Unendliche Geschichte statt Entwicklungsroman

Was Jesse und Céline miteinander verhandeln, in ihrem höchst selbstreflexiven und manchmal zutiefst melancholischen Geplänkel, ist nicht ein individuelles Liebesglück oder -unglück - dafür sind die beiden als Charaktere jenseits der gängigen Identitätsschablonen von urbanen Mittelschichtlern viel zu vage gestaltet. Stattdessen entfaltet sich hier in atemlos vor sich hin plaudernder Konsequenz das Dilemma einer Gesellschaft, deren Aktivität sich vom Handeln ins Reden, von der Tat zum Wort hin verschoben hat, kurz: von Menschen, die mit Texten, mit Medien leben und hinter den Zeichenschichten, in die sie eingewoben sind, die Substanz des Realen suchen.

Es ist also kein Film über das Älterwerden, auch wenn Hawke und Delpy tatsächlich gealtert sind. "Habe ich mich verändert?", fragt Céline, und Jesse witzelt: "Dafür müsste ich dich nackt sehen." Der Scherz macht deutlich, was hier gespielt wird: Entwicklung und Reife zeichnen sich, wenn überhaupt, am Körper ab, die Rede, das Diskursive bleiben sich letztlich immer gleich. So wenig, wie sich am Ende von Linklaters Film die einzelnen Erzählinhalte rekapitulieren lassen - zu viel wird hier besprochen -, so wenig kann sich die Begegnung fortentwickeln und auf ein Ziel hin bewegen. Aus der Story einer unerfüllten Liebe wird kein Entwicklungsroman, sie bleibt eine unendliche Geschichte.

Hierin liegt die melancholische Klugheit von "Before Sunrise": Die Lust am Sprechen ist ohne einen Verlust an konkreter Wirklichkeit nicht zu haben, die Rede erhält ihren Sinn immer auch aus dem, was nicht da ist und deshalb mit Worten umworben werden muss: Erfüllung, Ganzheit, Glück.


Before Sunset


USA 2003. Regie: Richard Linklater. Drehbuch: Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke. Darsteller: Julie Delpy, Ethan Hawke, Vernon Dobtcheff, Louise Lemoine Torres, Rodolphe Pauly. Produktion: Castle Rock Entertainment, Detour Filmproduction. Verleih: Warner. Länge: 80 Minuten. Start: 17. Juni 2004.

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