"Beijing Bicycle" Gutmenschentum in Berlinalien

Na so was: In Peking leben junge Menschen! Deren Alltag wird nicht nur vom Regime dirigiert, das rückt "Beijing Bicycle" ins rechte Bild. Und ist deswegen noch lang keine verharmlosende Momentaufnahme...

Von Nataly Bleuel


Einige Leute können sich nicht vorstellen, dass es in einem kommunistischen Regime auch ein normales Leben gibt. Alltag, Liebeleien, Streit, Freude - und sogar richtige Jugendkultur. Diese Leute wedeln dann gern mit Menschenrechts-Zeigefinger oder Zensur-Fragezeichen und finden Filme, die Alltag, Liebeleien, Feten oder das Fahrrad zum Thema machen verharmlosend, unkritisch, uncouragiert und langweilig. "Sonnenallee" war so ein Fall, über das junge Leben in der Ex-DDR.

Zeigen das chinesische Alltagsleben: Schauspieler Li Bin, Gao Yuanyuan und Cui Lin (v.l.)
DPA

Zeigen das chinesische Alltagsleben: Schauspieler Li Bin, Gao Yuanyuan und Cui Lin (v.l.)

Zur Berlinale versammeln sich solche Leute besonders gern in chinesischen Filmen, um danach dem Regisseur mit ihrer überlegenen politischen Moral zu winken. Dann kommt die notorische Frage nach den Produktionsbedingungen, denn allüberall wird äußere oder innere Zensur gewittert. Diese Leute halten sich für die besseren Menschen, übersehen, dass in ihren eigenen Ländern auch nicht jeder frei und glücklich ist - und haben in der Regel kein Verständnis für die alltägliche Kultur des anderen Landes. Dafür müsste man sich ja einlassen und seine eigene Position in Frage stellen.

So können sie auch kaum verstehen, weshalb der Kompromiss weiser ist als die Konfrontation, warum Schweigsamkeit mehr sagen kann als tausend laute Worte oder wieso "Beijing Bicycle" bewusst an Vittorio de Sicas Klassiker "Fahrraddiebe" erinnert - aber doch ein ganz eigenes Lebensgefühl transportiert. Nämlich das einer Jugend in Peking heute.

Interesse für den kleinen Mann

Der Junge Guei kommt vom Land nach Peking und heuert als Fahrradkurrier an. Wenn er hart genug arbeitet, verspricht ihm sein Boss, dann wird das gemietete Mountainbike bald ihm gehören. Das Rad ist für Guei das überaus reale Vehikel für seine Überlebenschance in der Großstadt. Natürlich ist es auch ein Symbol, sagt der Regisseur Wang Siaoshuai, wie bei dem Neorealisten de Sica im Italien von 1948: Bewegung und Unabhängigkeit. "Ich glaube,", sagt der Regisseur, "gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs ist das Interesse für den kleinen Mann besonders groß, das war so im italienischen Neorealismus, das ist so im China von heute." Vor allem aber ist das Fahrrad nach wie vor das Fortbewegungsmittel der meisten Menschen in China.

Das Rad wird geklaut und Guei findet es mit der ihm eigenen schweigsamen Sturheit wieder: Der Junge Jian hatte es auf einem Flohmarkt gekauft, von dem von seinem Vater geklauten Geld. Für Jian ist das schnittige Rad Symbol für Status und Akzeptanz: Damit kann er dem Mädchen Qin und seinen Kumpeln als Rad-Artist imponieren. Zwei Typen treffen aufeinander: der Junge vom Land und der Großstädter - und sie werden kämpfen, jeder auf seine Art - und sich auch arrangieren. Indem sie Rad wie Freundschaft teilen.

Lauter kleine Alain Delons

Die Bilder, die der Kameramann Liu Jie nahezu gemalt hat, sind sanft, stimmungsvoll und so musikalisch, dass es kaum der Musik bedarf; der Wind weht durch die Gassen der Altbauviertel, genannt Hutongs, die es in Peking kaum noch gibt, weil sie den modernen Hochhausvierteln weichen mussten. Die Straßen sind voller Radfahrer und die pubertierenden Jungs tragen mal Hiphopperklamotten und getönte Sonnenbrillen, wie alle coolen Kids auf der ganzen Welt - und mal ihre Schuluniform, die sie wirken lässt wie lauter kleine Alain Delons in einem Film Noir. Jian hat Konflikte mit seinem Vater, wie fast alle Söhne. Guei ist verschossen in ein hübsches Mädchen, wie alle Jungs. Und immer gibt es einen Typen, der noch mehr her macht als man selbst.

Auch "Beijing Bicycle" ist eine filmisch stimmungsvoll gemachte Momentaufnahme von der Jugend in einer asiatischen Stadt. Wie "Betelnut Beauty" aus Taiwan gehört der Film zur Trilogie der taiwanesischen Produzentin Peggy Chiao, die das explizite Projekt initiiert hat, zeitgenössische Filme aus drei chinesischen Städten zu drehen. Jugendliche in Peking, Taiwan, Hongkong heute. Die denken nicht dauernd an Zensur und Unterdrückung, sondern auch und vor allem ans Jetzt, an den Alltag und die persönliche Zukunft, die nicht nur von den Herrschenden abhängt. Sondern eben auch von Liebe, Freunden oder einem Fahrrad.



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