Bekanntester Film der Welt Das Jesus-Video

Fünf Milliarden Zuschauer in 24 Jahren - weder "Star Wars" noch "Vom Winde verweht" konnten ein so großes Publikum anlocken. Ein Film dagegen hat es geschafft: "Jesus". Dank missionierender Lobby-Arbeit einer christlichen Organisation ist das fromme Historien-Drama von 1979 der angeblich meistgesehene Film aller Zeiten.


"Jesus"-Film (mit Brian Deacon): Über den Ozean in alle Winkel der Erde
Campus für Christus

"Jesus"-Film (mit Brian Deacon): Über den Ozean in alle Winkel der Erde

London - Uyghur, Karakalpak, Nosu Yi - was sich zunächst nach den Namen tumber Ork-Anführer aus dem "Herrn der Ringe" anhört, sind asiatische Dialekte aus entlegenen Regionen. Sie haben eines gemeinsam: Jesus hat schon in diesen Sprachen gesprochen, und zwar auf der Leinwand.

1979 von den Amerikanern John Krish und Peter Sykes produziert und gedreht, ist "Jesus" der bisher meistgesehene Film aller Zeiten. Angeblich haben bereits mehr als fünf Milliarden Menschen auf der ganzen Welt den Jesus-Darsteller Brian Deacon in seinen Ledersandalen bewundert, in rund 800 verschiedenen Sprachen. Daneben wirken selbst ewige Kassenschlager wie "Star Wars", "Titanic" oder "Vom Winde verweht" wie "special interest"-Programme. Genau wie seine schriftliche Vorlage kann sich der Film außerdem damit rühmen, in die meisten Sprachen übersetzt worden zu sein.

176 Millionen durch "Jesus" zum Christentum bekehrt

Der Erfolg des Films liegt weder am überraschenden Plot noch an krachenden Action-Szenen. Hauptverantwortlich für die weltweite Verbreitung, zumeist per Video-Cassette oder neuerdings DVD, ist die evangelische Organisation Campus Crusade for Christ in Kalifornien. Sie hat es sich zur Mission gemacht, die christliche Lehre in alle noch so versteckten Winkel der Welt zu bringen. Hunderte von freiwilligen Helfern und Mitgliedern reisen mit verschiedenen Formaten des Films, Projektoren und Leinwänden bewehrt in die hintersten Winkel der Welt, um die christliche Botschaft in Form eines frommen Leinwand-Abenteuers unter die Völker zu bringen.

Schauspieler Brian Deacan als Jesus: Dialoge aus dem Lukas-Evangelium
Campus für Christus

Schauspieler Brian Deacan als Jesus: Dialoge aus dem Lukas-Evangelium

Die Drehbuchautoren Barnet Bain und Barnet Fishbein gaben sich deshalb einst alle Mühe, ihrem knapp zweistündigen Historien-Drama keine regionalen Eigenheiten zuzuschreiben. Das "Jesusfilm-Projekt", von Campus Crusade geplant und von dem US-Milliardär Bunker Hunt finanziert, war von vornherein als eine Art Missionsfilm gedacht. Wer das Lukas-Evangelium in der Bibel aufschlägt, findet beinahe passgenau Szenen und Dialoge aus dem Film.

Campus Crusade for Christ, 1951 von dem im Juli diesen Jahres verstorbenen Geschäftsmann William R. Bright gegründet, begann als Mini-Projekt an der University of California, um Studenten mit dem christlichen Glauben in Berührung zu bringen. Inzwischen beschäftigt die Organisation 26.000 Mitarbeiter in 191 Ländern und setzte im vergangenen Jahr 374 Millionen Dollar um.

Auf ihrer Website behauptet Campus Crusade, dass mittlerweile 176 Millionen Menschen auf Grund des Films zum Christentum übergetreten sind. Die modernen Missionare wollen sich nun auch verstärkt auf islamische Länder konzentrieren. Speziell für den Dialog mit Muslimen ließ sich die Vereinigung ein überzeugendes Werkzeug einfallen: Sie beauftragte den britischen Regisseur Andi Hunt, einen 15 Minuten langen Film zu drehen, der die Gemeinsamkeiten der beiden Weltreligionen Islam und Christentum hervorhebt.

"Keine dogmatischen Plattitüden"

Kreuzigungsszene in "Jesus": Stolpern über die einzige große Wahrheit
Campus für Christus

Kreuzigungsszene in "Jesus": Stolpern über die einzige große Wahrheit

"Jesus kommt im Koran vor, er ist ein wichtiger Teil des islamischen Glaubens", erklärte Hunt gegenüber BBC. Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen sei allerdings durch den momentanen Irak-Konflikt sehr viel empfindlicher geworden. Hunts Kurzfilm feierte trotz allem in einem streng muslimischen ägyptischen Dorf Premiere, in das Helfer dafür extra eine Leinwand und einen 16 Millimeter-Projektor geschleppt hatten.

"Das sind keine Christen mit blasierter Ausdrucksweise oder dogmatischen Plattitüden", beschreibt Deep Sehgal die Campus-Crusade-Mitarbeiter. Sehgal ist Dokumentarfilmer und begleitet die Neuzeit-Missionare im Auftrag der BBC. "Das sind fürsorgliche Menschen, die glauben, über die einzig große Wahrheit gestolpert zu sein und nun dafür sterben würden, diese Erkenntnis mit anderen zu teilen." Das ist jedoch kein ganz ungefährlicher Job. Im Jahre 2001 zum Beispiel wurden zwei amerikanische Frauen von den Taliban verhaftet, weil sie einer afghanischen Familie den "Jesus"-Film gezeigt hatten. Sie wurden kurz darauf von US-Truppen befreit.

Susanne Polig



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