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Belafonte auf der Berlinale: "Ich war ein Dieb"

Drogen, Gewalt, Kriminalität: Oft stand Harry Belafonte am Abgrund - und schlug manche Schlacht für die Menschenrechte. Der Sänger und Schauspieler stellt in Berlin seine Filmbiografie "Sing Your Song" vor. Im Interview spricht er über die Früchte seines Zorns und das Glück der Ruhelosigkeit.

Harry Belafonte: "Erst kam ich, dann Elvis" Fotos
AP

SPIEGEL ONLINE: Mr. Belafonte, in "Sing Your Song" sieht man Sie unablässig mit den wichtigsten Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts zusammentreffen: King, Kennedy, Mandela. Wie geht das, 50 Jahre im Zentrum der Menschenrechtskämpfe zu stehen?

Belafonte: Ganz ehrlich, ich weiß es auch nicht. Ich sehe mir diesen wunderbaren Film von Susanne Rostock an - und mein Leben erscheint mir danach umso mehr als einziges Mysterium. Warum hat mich Eleanor Roosevelt, die kluge und kämpferische Präsidentenwitwe Mitte der fünfziger Jahre in ihren kleinen Kreis von Mitstreitern aufgenommen? Warum kam Jack Kennedy ausgerechnet auf mich zu, um Kontakt zur schwarzen Bevölkerung zu gewinnen? Dass sie aus allen anderen gerade mich, den Calypso-Sänger und Schauspieler auserwählt haben, um ihre gesellschaftspolitischen Visionen zu realisieren, ist für mich auch ein Wunder.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Popularität dürfte nicht unschuldig gewesen sein. Sie waren 1956 der erste Künstler, der eine Million Exemplare eines Albums abgesetzt hat. Sie waren bei der gleichen Plattenfirma wie Elvis und legten zeitgleich mit ihm eine Popkarriere von bis dahin unbekannten Ausmaßen hin...

Belafonte: Entschuldigung, bleiben wir genau: Erst kam ich, dann Elvis.

SPIEGEL ONLINE: Dem ist seine Karriere dann nicht gut bekommen. Sie haben mal gesagt, dass auch Sie auf dem besten Weg waren, ein drogenabhängiges Wrack zu werden - dann aber sei die Bürgerrechtsbewegung zur Ersatzdroge geworden. Was meinten Sie damit?

Belafonte: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein armer Junge aus Harlem, der Rassismus und Ausgrenzung kennengelernt hat. Auf einmal fliegt Dir alles zu: Geld, Drogen, Mädchen. Und zwar in einem absurden Ausmaß. So sieht die Hölle aus - in Verkleidung des Himmels. Die Bürgerrechtsbewegung und mein Mentor Martin Luther King haben mir dann die Möglichkeit gegeben, meine Kräfte zu bündeln und auf ein Ziel zu richten. Der Kampf war meine Rettung.

SPIEGEL ONLINE: In "Sing Your Song" sieht man Sie mit Gefängnisinsassen rappen. Standen Sie selbst schon mal davor, im Knast zu landen?

Belafonte: Mehr als einmal. Als ich vor einigen Jahren begann, mit jungen Häftlingen in amerikanischen Gefängnissen zusammenzuarbeiten, sah ich in vielen von ihnen mich selbst. Ich hatte in jungen Jahren durchaus eine kriminelle Energie. Ich klaute, was nicht niet- und nagelfest war.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren ein Dieb?

Belafonte: Ja, ich war ein Dieb. Ich ließ nichts Großes mitgehen, aber alles, was schön aussah und glänzte. Und dann gab es da in meinem Leben eine Menge Momente, in denen ich nur haarscharf an einer Katastrophe vorbei schlidderte.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Belafonte: Als wir in den fünfziger Jahren durch den Süden der USA tourten, hatte ich ein brenzliges Erlebnis: Ich ging auf die Toilette und wollte pinkeln. Auf einmal hörte ich hinter mir eine Stimme: "Wenn du nur einen Tropfen deiner Pisse verspritzt, bist du tot, Nigger!" Hinter mir stand ein Polizist, er hatte eine Waffe gezogen. Ich war so voller Zorn und Hass, ich hätte den Polizisten umbringen können. Wäre ich ihm an die Gurgel gegangen, wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Und ich sage Ihnen: Von solchen Erlebnissen habe ich einige parat. Deshalb bin ich Martin Luther King so dankbar, dass er mich lehrte, die Wut in andere Energien umzuwandeln und in friedliche Bahnen zu lenken.

SPIEGEL ONLINE: Dafür hat er Ihnen auch Einiges abverlangt. In "Sing Your Song" erzählen Sie, wie er Sie auf Bobby Kennedy angesetzt hat.

Belafonte: Ja, Dr. King kam zu mir und sagte: "Du musst Bobbys moralisches Zentrum finden, um ihn für unsere Sache zu gewinnen." Es war ja nicht so, dass Kennedy in den Fünfzigern und frühen Sechzigern eine Linie vertrat, die der Bürgerrechtsbewegung zuarbeitete. Schließlich war er bei McCarthy und dessen Hexenjagd auf Kommunisten involviert. Wir brauchten ihn, wussten aber nicht, was wir wirklich von ihm zu halten hatten.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb bauten Sie eine enge Beziehung zu ihm auf - sind solche strategischen Freundschaften nicht anstrengend?

Belafonte: Nein, nicht wenn sie einem höheren Zweck dienen. Um die Seele von jemandem zu erreichen, musst du sozialen Kontakt herstellen. Wer die Welt verändern will, kann das nur, indem er die Menschen ändert. Als Bobby und ich die schwarzen Armenviertel besuchten, entwickelte er ein scharfes sozialpolitisches Profil. Er wurde zum Kämpfer für die gerechte Sache. Du darfst nie aufhören an die Menschen zu glauben. Wer Hoffnung hat, hat Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Südafrika gegen die Apartheid gekämpft, in Ruanda Kinder vor dem Genozid gerettet, organisierten überall in Afrika Hilfslieferungen an die Hungernden. Sind Sie manchmal erschöpft?

Belafonte: Nein, niemals.

SPIEGEL ONLINE: Ach kommen Sie, jeder ist mal müde!

Belafonte: Ich nicht. Du darfst nicht müde werden. Wenn Du müde wirst, haben die anderen gewonnen.

Das Interview führte Christian Buß

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Das ist ...
semolina 15.02.2011
...ein ganz Großer. Muss mir den Film unbedingt anschauen.
2. Harry Belafonte
Coroner 15.02.2011
ein mutiger Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Er hatte Colin Powell, der sich dafür hergab für die Bush-Regierung vor der UN kriegsvorbereitende Lügen zu erzählen, einen "House-Nigger" der Bush-Regierung genannt.
3. Ein sehr ehrenwerter Mann...
heinz.mann 15.02.2011
mit viel Engagement. Hut ab vor Ihm und seinen Leistungen.
4. .
juerv1, 15.02.2011
Belafonte ist eine Persönlichkeit, vor der man einfach Respekt haben muss und deren Lebensleistung als Künstler und Aktivist nicht diskutabel ist. Da können sich viele Pseudo-Superstars einige Scheiben abschneiden.
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Zur Person
Harry Belafonte, geboren 1927, war einer der ersten schwarzen Popstars. Singles wie "Banana Boat" oder "Island In The Sun" machten ihn zu einem der berühmtesten Sänger der USA, in Filmen wie Otto Premingers "Carmen Jones" (1954) oder Robert Wise' "Wenig Chancen für Morgen" (1959) etablierte er sich als Kino-Größe. Sowohl für schwarze als auch für weiße weibliche Fans war der Mann mit seinem bauchnabeltief aufgeknöpften Hemd ein Sexsymbol - was wiederum die Verfechter der Rassentrennung auf den Plan rief. Unter dem Einfluss von Martin Luther King avancierte Belafonte zum prominentesten Gesicht der Bürgerrechtsbewegung. Sein radikaler kämpferischer Gestus ist ihm bis heute erhalten geblieben. Während des Irak-Kriegs verdammte er George W. Bush als "größten Terroristen", die Homeland Security verglich er mit der Gestapo. Auf der Berlinale 2011 ist er nicht nur in dem Porträt "Sing Your Song" zu sehen, sondern auch in den Musikdokus "Mama Africa" und "The Black Power Mixtape 1967-1975".


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