Erotik-Anime "Belladonna of Sadness" Freiheit, Gleichheit, Nacktheit

Der heißeste Film dieses Sommers kommt aus Japan und ist 43 Jahre alt. In dem farbenfrohen Anime "Belladonna of Sadness" verbindet sich die Freizügigkeit des Pop mit dem Geist der französischen Revolution.

Von Jörg Schöning


Ein Kind von Traurigkeit ist diese junge schöne Frau nun wirklich nicht: Ihr lustvolles Seufzen und Stöhnen durchzieht diesen Film, als hätte man für seine Tonspur den französischen Sechzigerjahre-Hit "Je t'aime ... moi non plus" gesampelt. 1973, nur wenige Jahre nach dem skandalträchtigen Song von Jane Birkin und Serge Gainsbourg, entstand der japanische Zeichentrickfilm "Belladonna of Sadness", und der Geist der sexuellen Libertinage befeuert auch ihn.

Jeanne heißt die Unschuld vom Lande, die der Manga-Künstler Osamu Tezuka und (als Regisseur des Films) der Anime-Spezialist Eiichi Yamamoto auf einen Trip der erotischen Ausschweifungen schicken. Angesiedelt ist ihre Geschichte in einem kleinen französischen Fürstentum zu Zeiten einer noch absolutistischen Herrschaft, und das Mädchen, das sich nach einer Gewalterfahrung an die Spitze einer sozialen Bewegung stellt und damit den Zorn ihres Herrschers provoziert, erinnert in den Grundzügen an Jeanne d'Arc - zumal die Heldin am Ende das gleiche Schicksal wie ihre berühmte Namenspatronin erleidet.

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"Belladonna of Sadness": Das Laster triumphiert

Doch sie folgt, anders als das historische Vorbild, keinem göttlichen Heilsplan, sondern lässt sich vielmehr mit den Mächten der Hölle ein. Zudem hat sie keine übersinnlichen Eingebungen, aber jede Menge sinnlicher Erfahrungen - weshalb der Plot zuweilen wirkt wie eine scharfe Satire auf die "Jungfrau von Orleans". Die Tugend wird verhöhnt, und das Laster triumphiert! Die Geschichte von der verfolgten Unschuld, die sich im Verlauf sexueller Hingabe eine "satanische" Machtposition erobert, hätte gut und gern aus der Feder des Marquis de Sade geflossen sein können.

Tatsächlich aber stammt die Drehbuchvorlage von dem französischen Historiker Jules Michelet. In seinem 1862 erschienenen Roman "La Sorcière" ließ der radikale Republikaner und Autor einer "Geschichte der Revolution" seinem Hass auf die Kirche und den Adel freien Lauf. Mit Jeanne, der titelgebenden "Hexe", erfand er eine kämpferische Protagonistin der am stärksten unterdrückten Klassen, die sich im Besitz "geheimen Wissens" zur Vertreterin einer emanzipativen Volks- und Frauenbewegung macht.

Teufelchen in Penisgestalt

Dem Zeitgeist der frühen Siebzigerjahre folgend, haben die japanischen Filmemacher die Geschichtsunterweisung in ein farbenfrohes Pop-Märchen umgewandelt. Es stellt Jeanne und Jean, ihren Liebsten, als ein Paar aus einem bukolischen Hippie-Traum vor: Das ländliche Idyll, das Yamamoto und Tezuka in zartesten Aquarellfarben auf die Leinwand zaubern, wird jäh zerstört, als bei der Eheschließung der beiden der lokale Fürst sein "Recht der ersten Nacht" geltend macht und gemäß der Gesetze der Leibeigenschaft die zarte Elfe Jeanne vergewaltigt.

Jean wird depressiv und Alkoholiker, die geschändete Jeanne aber schließt Bekanntschaft mit der eigenen Lust. "Ich bin du selbst!", verrät ihr ein Teufelchen in Penisgestalt mit beträchtlichem auto-erektivem Potenzial. Während ihr Gatte schweigend zugrunde geht, erliegt Jeanne den diabolischen Einflüsterungen ihres stetig wachsenden Galans. Zur vollen Größe angeschwollen, nimmt er von ihrem Leib Besitz - und belohnt die zusehends enthemmte Frau mit Kenntnissen in Sachen Geldverkehr und Drogen. Als Geldverleiherin und "Hexe", die Kräuter wie die Tollkirsche "Belladonna" mischt, macht Jeanne eine Karriere, die ihr zum Verhängnis wird.

Im Gefolge erotischer Comics der Sechzigerjahre, wie "Barbarella" und "Phoebe Zeit-Geist", bietet "Die Geschichte der Belladonna" eine zeittypische Mixtur aus Emanzipation und Sexploitation. Und so wie sich die holde Nymphe unversehens in ein langbeiniges Mannequin im pinkfarbenen Hosenanzug und mit blonder Langhaarfrisur verwandelt, hält auch zeichnerisch die Moderne Einzug im Film.

Vaginale Ornamentik trifft auf phallische Metaphorik

Angeregt von den Jugendstil-Künstlern Aubrey Beardsley und Gustav Klimt, aber auch mit Motiven, die an Heinz Edelmanns "Yellow Submarine"-Film gemahnen, entfacht die Collage rund um einen immer entfesselter inszenierten Frauenkörper auf der Leinwand einen wilden Bilderrausch, in dem vaginale Ornamentik auf phallische Metaphorik trifft. Untermalt wird dieses hinreißende Camp-Feuerwerk von gefälligen Pop-Melodien und einem Soft-Jazz, der sich dem Soft-Sex vortrefflich anschmiegt.

Zum Zeitpunkt seiner Premiere, bei der Berlinale 1973, war der filmische Comic-Strip ein exaltierter Beitrag zum Diskurs um Sexualität und Herrschaft. Ein Jahr später erschien in Deutschland eine Neuausgabe von Michelets Roman "Die Hexe" mit Essays der französischen Vordenker Roland Barthes und Georges Bataille. Der Film aber fiel dem Vergessen anheim. Mehr als 40 Jahre später erlebt er nun auch in Deutschland in einer digital restaurierten Fassung seinen regulären Kinostart. Spät, doch nicht zu spät! Denn die Mixtur aus Psychedelik und Kunstgeschichte übertrifft das Gros heutiger Animationsfilme bildkünstlerisch noch immer.

Ihre umfassende Erotisierung der Historie rechtfertigen die Filmer im Übrigen mit dem allerletzten Bild ihres bilderreichen Werks. Es zeigt Eugène Delacroix' berühmtes Gemälde "Die Revolution führt das Volk", entstanden nach den Barrikadenkämpfen vom Juli 1830. Die Jakobinermütze auf dem Haupt und die Trikolore in der Faust, so schritt die Revolution damals schon barbusig voran!

Im Video: Der Trailer zu "Belladonna of Sadness"

"Belladonna of Sadness"
    Japan 1973

    Originaltitel: Kanashimi no Beradonna

    Regie: Eiichi Yamamoto

    Drehbuch: Eiichi Yamamoto, Yoshiyuki Fukuda; basierend auf Jules Michelet

    Darsteller: Tatsuya Nakadai, Katsuyuki Itô, Aiko Nagayama

    Verleih: Rapid Eye Movies

    Länge: 86 Minuten

    FSK: ab 16 Jahren

    Start: 1. September 2016

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
wanderer777 01.09.2016
1. Wie Zeiten sich doch ändern...
Heute versteht man unter "Emanzipation" und "Gleichheit", das Männer sich ebenso erotisch präsentieren dürfen. Tja, Emanzipation ist eben ein Bumerang :-)
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