Remake von "Ben Hur" Blockbuster mit nur 4 PS

Wer braucht ein Remake des Sandalen-Klassikers? Evangelikale Christen vielleicht. Ansonsten ist der neue "Ben Hur" der passende Abschluss einer miserablen Blockbuster-Sommersaison.

Von Andreas Busche


Ein Bild mit Symbolcharakter. Diese Woche rauscht Timur Bekmambetovs "Ben Hur" mit der sagenhaften Leistung von vier Pferdestärken ins alljährliche Blockbuster-Sommerloch. Das wohl unwahrscheinlichste Remake einer an unerquicklichen Remakes, Reboots und Franchises nicht gerade armen Kinosaison dürfte selbst beim aufgeschlossenen Publikum keine offenen Türen einrennen.

Immerhin hat die Heilsgeschichte um Ben Hur seit der ersten Verfilmung im Jahr 1907 ihre Langlebigkeit unter Beweis gestellt. William Wylers mit elf Oscars ausgezeichnetes Momumentalwerk von 1959 ist bis heute natürlich die definitive Version. Antike Heldenepen scheinen - im Windschatten dominanter Superhelden-Franchises - eine zyklische Attraktivität zu besitzen. Daran knüpft vermutlich auch die Hoffnung der Filmindustrie an, alle paar Jahre wieder einen Zufallstreffer wie Ridley Scotts "Gladiator" und den HBO-Hit "Rome" zu landen.

Scotts antikes Kostümdrama, bis heute die Referenzgröße für Filme über Männer in zu kurzen Hosen, ist in gewisser Hinsicht ja selbst eine Art Remix aus "Ben Hur" und "Spartacus". Bekmambetovs Verfilmung von Lew Wallace' Historienschinken kommt also nicht ohne Vorläufer in die Kinos. 2003 gab es bereits einen Animationsfilm mit der Stimme Charlton Hestons, 2010 entstand eine Mini-Serie, und seit einigen Wochen stehen die DVDs und Blu-rays der Billigproduktion "In the Name of Ben Hur" in den Regalen deutscher Elektronikfachgeschäfte.

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"Ben Hur": Helden in zu kurzen Hosen

So absurd die Idee, "Ben Hur" in Zeiten von Marvel- und DC-Rudelbildungen zu reaktivieren, auf den ersten Blick wirkt - Bekmambetov erscheint zumindest als der richtige Mann für den Regie-Posten. Der kasachische Regisseur hat sich in den vergangenen Jahren mit Filmen wie "Wanted" oder dem Mash-up "Abraham Lincoln Vampirjäger" den Ruf eines Action-Akteurs von eigenen Gnaden erworben.

Zudem bewies er als Produzent des hirnrissigen wie grandios übergeschnappten Ego-Shooters "Hardcore", dass er auch ohne große Budgets formal das eine oder andere Zeichen zu setzen vermag. Vor dreißig Jahren hätte ein Typ wie Bekmambetov für die größenwahnsinnigen Produzentenbrüder Menahem und Yoram Globus - Besitzer von Cannon-Film, die in den Achtzigerjahren die Bahnhofskinos mit Nachschub versorgten -, Actionreißer am Fließband gedreht. Heutzutage darf er dafür in einem Budgetsegment, in dem Hollywoodstudios normalerweise ihre Abschreibungsobjekte versenken, den Westentaschen-Michael Bay geben.

Aus der Sicht halbnackter Galeerensträflinge

Was Bekmambetov an "Ben Hur" interessiert, liegt auf der Hand: Das legendäre Wagenrennen, das schon William Wylers Bibelepos in den Rang eines Filmklassikers erhob, ist spätestens mit der Ankunft von robusten Minikameras wieder eine Herausforderung für ambitionierte Action-Regisseure. An diesem Meilenstein der Filmgeschichte muss sich jede "Ben Hur"-Verfilmung messen, und zumindest in dieser Hinsicht erfüllt Bekmambetov die Erwartungen.

Das blutige Brot-und-Spiele-Spektakel changiert zwischen kühler Virtuosität und lustvollem Voyeurismus. Die Körperkameras finden in dem hochtourigen Getümmel immer wieder die Zeit, ineinander krachende Streitwagen und zerschundenen Menschenkörper zu zelebrieren. Mit vorbildlich dosierter CGI-Technik (die Bewegungsabläufe sehen realistisch aus) und sparsamen 3D-Effekten setzt "Ben Hur" ähnliche Adrenalinschübe frei wie zuletzt die irren subjektiven Kameraeinstellungen in "Hardcore". "Jetzt sind sie alle Römer," bemerkt am Schluss auch der Statthalter mit zufriedenem Blick auf die geifernde Menge.

Ähnlich konsequent ist das zweite Action-Setpiece des Films, eine Schlacht im Mittelmeer, die Bekmambetov mit maximal brutalistischer Effizienz aus der Sicht halbnackter Galeerensträflinge filmt. Ein surrealer Albtraum. Durch die Sichtluke brüllt ein schemenhafter Flottenkommandant kernige Durchhalteparolen, während unter Deck ein römischer Hüne in Blue-Man-Group-artiger Anmutung einen tribalistischen Todesbeat trommelt. Ein dekorativer Blutfleck auf dem Kameraobjektiv markiert schließlich die spektakuläre Kollision zweier Kriegsschiffe. Bei Bekmambetov sieht Wallace' gottesfürchtiger Bibelkitsch aus wie die Passionsgeschichte eines Extremchristen.

Von den moderaten Erwartungen an eine neuerliche "Ben Hur"-Verfilmung kann allerdings auch Bekmambetovs ambitionierte Regie nicht ablenken. Das beginnt schon bei der bescheidenen Besetzung der Hauptrollen mit Serienstar Jack Huston ("Bordwalk Empire") als Titelheld und dem glücklosen Toby Kebbell (zuletzt Dr. Doom im katastrophalen "Fantastic Four") in der Rolle seines Widersachers Messala.

Christliche Botschaft verdrängt Homoerotik

Diesmal ist Messala der adoptierte Bruder Ben Hurs, der seinen Minderwertigkeitskomplex in der jüdischen Bürgerfamilie mit einer Karriere im römischen Heer kompensiert und als erfolgreicher Feldherr nach Jerusalem zurückkehrt, um den Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen die Besatzung Roms zu brechen. Schließlich verrät Messala seinen Adoptivbruder für eine politische Karriere. Nach fünf Jahren als Galeerensklave kehrt Ben Hur nach Rom zurück, um in der Arena des Circus Maximus Rache zu nehmen.

Dass Bekmambetov das knapp vierstündige Vorbild Wylers auf gut die Hälfte eindampfen musste, ist an allen Ecken und Enden zu spüren. Der Film hetzt durch seine Geschichte, auf religiöse Erbauungseffekte, wie Wyler sie ein allerletztes Mal mit dem ganzen Überwältigungsbombast des sterbenden Studiosystems produzierte, verzichtet Bekmambetov notgedrungen.

Entsprechend sieht dieser "Ben Hur" mehr nach Sandalenfilm als nach Bibelepos aus, obwohl dem Menschensohn hier eine deutlich prominentere Rolle als in den Vorgängern zukommt. Zumindest religiöse Fundamentalisten und Kirchengruppen, die Hollywood schon länger als Zielgruppe entdeckt hat, dürften sich über Bekmambetovs Film freuen.

Nicht zufällig produzierte Mark Burnett das Remake. Er und seine Frau Roma Downey wollen als evangelikale Christen mehr faith based movies ans Publikum bringen. 2014 wurde ihre TV-Serie "Die Bibel" in den USA zum Quotenhit. Nach dem Kinostart von "Ben Hur" in der vergangenen Woche begann dort eine Diskussion darüber, dass die homosexuellen Untertöne zwischen Messala und Ben Hur, für die Wylers Film auch berühmt waren, aus dem Remake getilgt sind.

Allerdings konnten auch gottesfürchtige Zuschauer nicht verhindern, dass "Ben Hur" an den US-Kinokassen eine Bruchlandung erlebte. Wenigstens das Sequel dürfte uns also erspart bleiben.

Im Video: Der Trailer zu "Ben Hur"

"Ben Hur"

    USA 2016

    Regie: Timur Bekmambetov

    Drehbuch: Keith Clarke und John Ridley, basierend auf Lew Wallace

    Darsteller: Jack Huston, Morgan Freeman, Toby Kebbell, Rodrigo Santoro, Nazanin Boniadi, Pilou Asbæk, Ayelet Zurer, Marwan Kenzari

    Verleih: Paramount Pictures Germany

    Länge: 124 Minuten

    Start: 1. September 2016

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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
sneakypete 29.08.2016
1.
Bevor die "Nur noch Remakes, Reboots, Fortsetzungen und Comicverfilmungen"-Kollegen wieder auftreten, versuche ich einfach das mal direkt zu zerstreuen (auch wenn es wahrscheinlich nichts bringen wird). Ja, 40 bis 45 Remakes, Reboots, und Fortsetzungen im Jahr hört sich nach viel an. Bei über 500 Kinostarts im Jahr sind es nicht allzu viel. 6 Comicverfilmungen im Jahr sind auch keine Katastrophe. Also: Chill out! Und geht ins Kino, gerne auch in einen anderen Film.
bobrecht 29.08.2016
2. War von William Wyler bereits perfekt inszeniert.
Naheliegend, dass mit heutiger Wackelkamera und Compuiteranimation nur ein recht maues Filmchen entstehen würde. Aber in Zeiten, da Heidi Klum und Dieter Bohlen als Quotenkönige gefeiert werden ist zu erwarten, dass das leblose Werk eine große - wenn auch abnspruchslose - Zuschauerschaft erfreuen wird.
Geissinger 29.08.2016
3. Es gab und gibt nur einen Judah Ben-Hur!
Weder religiöse Fundamentalisten noch einige christliche Gruppen freuen sich über den Film. Ich kenne keine christlichen religiösen Fundamentalisten, das sind auch nicht die weltweit tätiigen Evangelikalen oder meint der Autor damit die Sientologen? Selbst die sprengen sich nicht in die Luft! Also, es gab und gibt nur einen Prinzen Judah Ben-Hur: Charlton Heston. Und jeder Versuch eine Neuverfilmung des Romans von Lew Wallace, sprich auf Neudeutsch "Remake" ist zum Scheitern verurteilt und das ist auch gut so.
streifenpuppe 29.08.2016
4. Messala
Soweit ich mich erinnere, heißt der "Böse" Messala, https://de.wikipedia.org/wiki/Ben_Hur_(1959); Marsala ist ein Wein, Masala ein Gewürz - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
hegoat 29.08.2016
5. Mann, mann
Ein bisschen mehr Recherche hätte dem Artikel gutgetan. "Gladiator" ist kein Remix aus "Ben Hur" und "Spartacus", sondern ein Remake von "Der Untergang des römischen Reiches". Und Yoram Globus arbeitete nicht mit seinem Bruder Menahem Globus zusammen, sondern mit seinem Cousin Menahem Golan.
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