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Bergsteiger-Drama "Nanga Parbat": "Das ist nicht die Wahrheit"

Er gehörte der Expedition an, bei der 1970 Reinhold Messners Bruder Günther umkam: SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Kameramann und Bergsteiger Gerhard Baur über Joseph Vilsmaiers Film, den er für einseitig hält, seinen Streit mit Messner und die offene Schuldfrage.

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"Nanga Parbat": Tod eines Bergsteigers
SPIEGEL ONLINE: Herr Baur, Sie haben den Film Joseph Vilsmaiers über die Tragödie am Nanga Parbat gesehen. Sie waren 1970 Mitglied der Expedition Karl-Maria Herrligkoffers an dem 8125 Meter hohen Eisriesen in Pakistan und der Letzte aus dem Expeditionsteam, der die Messner-Brüder lebend sah. Nun ist der Film in Teilen der Kritik glatt durchgefallen. Zu Recht?

Baur: Ja. Das ist eine konstruierte Geschichte, das ist nicht die Wahrheit über den Nanga Parbat. Es sind ein paar schöne Landschaftsaufnahmen zu sehen, allerdings viel zu kurz. Gelungen ist auch die Darstellung der schwierigen Verhältnisse, unter denen die Messners im Südtiroler Villnösstal aufwuchsen, das ist der beste Teil. Der Film kommt als Spielfilm daher, erhebt aber den Anspruch, dokumentarisch zu sein. Was die Zuschauer sehen, entspricht in wesentlichen Punkten nicht den Fakten. Reinhold Messner war ja Berater des Regisseurs Vilsmaier, und der hat Messners stark umstrittene Sicht der Dinge offenbar völlig distanzlos übernommen. Das ist für mich eine fragwürdige Methode.

SPIEGEL ONLINE: Messner war Berater, aber Sie sind doch auch ein wichtiger Zeitzeuge. Sie haben mit den Messner-Brüdern an jenem 26. Juni 1970 auf einer Höhe von 7000 Metern in der Rupalwand des Nanga Parbat in einem Biwak übernachtet. Am frühen Morgen ist Reinhold Messner allein zum Gipfel aufgebrochen, sein Bruder Günther folgte ihm. Sie hatten Halsschmerzen und sind umgekehrt. Hat Vilsmaier sich für Ihre Erinnerungen überhaupt nicht interessiert?

Baur: Nein. Er hatte offensichtlich kein Interesse daran, eine andere Meinung als Messners zu hören.

SPIEGEL ONLINE: Was stellt der Film falsch dar?

Baur: Die Stimmung, die ich damals am Nanga Parbat erlebt habe, gibt der Film nicht im geringsten wieder. Bis zur bösen Karikatur überzeichnet ist beispielsweise die Figur unseres Expeditionsleiters Karl-Maria Herrligkoffer. Der erscheint hauptsächlich als alter Tyrann. Ich habe ihn völlig anders erlebt, und ich finde diese Darstellung einfach unseriös.

SPIEGEL ONLINE: Es gab ja einen erbitterten Streit zwischen Reinhold Messner und ehemaligen Expeditionskollegen wie Ihnen über die Umstände, die zum Tod seines Bruders führten. Schlägt sich der Film auf eine Seite?

Baur: Ja, auf Messners. Es hat mir sehr weh getan, dass diejenigen aus der Mannschaft, die nicht mehr leben, sich gegen den Vorwurf, keine Hilfe geleistet zu haben, nicht mehr wehren können.

SPIEGEL ONLINE: Stimmen die Fakten des Films denn?

Baur: Wichtige Einzelheiten sind angreifbar. Der Film gibt wieder, was Reinhold Messner behauptet: sein Bruder sei höhenkrank geworden, auf Vorschlag von Günther Messner seien beide aus purer Not heraus über die gegenüberliegende Seite des Nanga Parbats, die Diamirwand, abgestiegen. Dabei sei sein Bruder von einer Eislawine begraben worden. Der Film übernimmt diese Begründung Messners für den Abstieg über die Diamirflanke. Und ich nehme sie ihm bis heute nicht ab.

SPIEGEL ONLINE: Messner beharrt darauf, dass er die Überschreitung des Nanga Parbat zur Diamirseite hin nicht geplant habe.

Baur: Ich war dreimal dabei, als Reinhold Messner mit leuchtenden Augen davon sprach, dass man da doch hinkommen müsse, dass die Überschreitung der nächste Sprung im Alpinismus sei. In seinen Büchern hat er das unterschlagen. Die Eindeutigkeit, mit der er mit mir über das Vorhaben geredet hat, hat damals einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Messner sagt, und der Film suggeriert das auch, dass der Rückweg über die Aufstiegsroute wegen der Höhenkrankheit seines Bruders zu gefährlich gewesen wäre.

Baur: Das halte ich für vorgeschoben. Zumindest Günther wusste doch, dass die Expeditionsteilnehmer Felix Kuen und Peter Scholz über die Aufstiegsroute folgten und helfen könnten. Darüber haben wir beide gesprochen. Darüber hinaus waren drei weitere aus dem Expeditionsteam schon hoch in der Wand. Es ist für mich immer noch suspekt, warum Reinhold Messner diese Möglichkeit zur Hilfe nicht in Anspruch genommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen auf den Dialog an, als Reinhold Messner allein in die Rupalwand hinab sah, während sein Bruder laut seinen Angaben schon schwer höhenkrank war, und mit Kuen und Scholz sprach, die höchstens hundert Meter unter ihm waren?

Baur: Ja, das ist eine Schlüsselszene. Es ist unbestritten, dass Messner gefragt wurde, ob alles in Ordnung sei, und es ist unbestritten, dass er Kuen und Scholz zurief: Ja, alles in Ordnung. Obwohl Günther Messner schon schwer höhenkrank gewesen sein soll. Das will einfach nicht zusammenpassen.

SPIEGEL ONLINE: Daraus schlossen Kritiker, dass Reinhold Messner keine Hilfe haben und stattdessen über die Diamirflanke absteigen wollte.

Baur: Das wäre eine Erklärung. Aber es sind so viele weitere Fragen offen. Etwa die, wo und wie Günther Messner umgekommen ist. Im Film wirkt es so, als seien alle Fragen geklärt.

SPIEGEL ONLINE: Aber Günther Messners Leiche wurde doch auf der Diamirseite gefunden. Das stützt Messners Version.

Baur: Keineswegs. Ungefähr auf gleicher Höhe und nahe des Fundorts von Günther Messners Leichnam wurden auch die Überreste eines anderen Bergsteigers gefunden, der Jahre später und viel höher in der Wand verunglückt war. Der Fundort ist kein Beweis dafür, wie weit die Brüder Messner gemeinsam abgestiegen sind.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt nur einen Zeugen: Reinhold Messner.

Baur: Wir haben lediglich auf die vielen Widersprüche in seiner Darstellung hingewiesen, weil er uns unterlassene Hilfeleistung unterstellt hat.

SPIEGEL ONLINE: Messner zog mit Top-Bergsteigern auf Achttausender und zerstritt sich nicht selten mit ihnen. Aber selbst seine Gegner waren sich einig darin, dass er am Berg nie jemanden im Stich lassen würde. Welche Schuld trifft ihn am Tod seines Bruders aus Ihrer Sicht?

Baur: Das weiß er allein. Der einzige Vorwurf, den ich ihm persönlich mache, ist, wie er im Nachhinein mit Günthers Tod umgegangen ist und andere beschuldigte.

Das Interview führte Carsten Holm

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
yomow 17.01.2010
Gut zu wissen, dass man die Aussagen des Films nicht einfach für die Wahrheit halten soll. Was nun stimmt, kann hier wohl keiner sagen.
2. Die...
mcmurdo, 17.01.2010
...Diskussion ist müßig. Die Wahrheit, die der Film verkündet - geht man nach Herrn Baurs Resumeè - ist Messners Wahrheit, genauso, wie andererseits Baur nun, einmal mehr, auch seine Wahrheit begründet. Weiss der Teufel, was der Aufenthalt in der Todeszone in des Menschen Wahrnehmung bewirkt. Einen finalen Beweis für diese oder jene Schilderung, sei es so herum oder anders, kann wohl keiner der Involvierten erbringen. Punkt! Man kann jedem in diesem Fall nur raten, sich nicht die Zunge zu verbrennen.
3. Nur einer kann für Auklärung sorgen
HarlekinReloaded 17.01.2010
Ausser Reinhold Messner wird hier wohl keiner Licht ins Dunkel bringen können...
4. Messners Gewissen weiß in jedem Fall, was Sache ist
MonaM 17.01.2010
Zitat von HarlekinReloadedAusser Reinhold Messner wird hier wohl keiner Licht ins Dunkel bringen können...
Das ist richtig. Und wenn er's nicht tut, obwohl es - möglicherweise - ein böses Geheimnis gibt, dann muss er damit leben (und musste es schon in den vergangenen Jahrzehnten) - und das wäre eigentlich schon Strafe genug. Seinem Gewissen entkommt niemand.
5. Was soll Messner denn verschweigen?
Roller, 17.01.2010
Zitat von MonaMDas ist richtig. Und wenn er's nicht tut, obwohl es - möglicherweise - ein böses Geheimnis gibt, dann muss er damit leben (und musste es schon in den vergangenen Jahrzehnten) - und das wäre eigentlich schon Strafe genug. Seinem Gewissen entkommt niemand.
Was soll der Messner denn eigentlich verbergen? Was soll denn an seiner Geschichte nicht wahr sein? Warum sollte er sein gepeinigtes Gewissen noch mehr mit Luegen belasten?
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