Doppelspitze für die Berlinale Zwei für das Monster

Die Berlinale ist ein gigantisches Festival, eine Person kann es kaum allein leiten, Dieter Kosslick war dafür ein Beispiel. Nun übernehmen Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Das könnte klappen, auch wenn ihre Wahl heikel ist.

Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek
Getty Images

Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek

Von


Eine Doppelspitze kann eine feine Sache sein. Der eine legt den Ball so perfekt vor, dass ihn der andere nur noch über die Linie schieben muss. Oder er zieht den Gegner auf sich und ermöglicht so seinem Partner, Richtung Tor zu marschieren. Schwierig wird's, wenn sich beide den Raum streitig machen und gegenseitig auf die Füße treten. Alles eine Frage der Abstimmung und Aufgabenverteilung.

Die Berlinale bekommt eine Doppelspitze. Künstlerischer Leiter wird Carlo Chatrian, 46, bislang Chef des Filmfestivals von Locarno. Die Geschäftsführung übernimmt Mariette Rissenbeek (Jahrgang 1956). Sie stand bislang German Films vor, einer Organisation, die sich um die Verbreitung und das Ansehen des deutschen Films im Ausland kümmert. Die Entscheidung über die zukünftige Berlinale-Leitung gab der Aufsichtsrat der KBB - der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH - Freitagnachmittag bekannt.

Es war ein langes, beschwerliches Auswahlverfahren. Kulturstaatsministerin Monika Grütters rief eigens eine Findungskommission ins Leben, um über die Nachfolge des bisherigen Festivalchefs Dieter Kosslick, 70, zu entscheiden, dessen Vertrag 2019 endet. Die Suche nach einer geeigneten Neubesetzung wurde von einer hitzigen, bisweilen erbitterten Debatte um Kosslick und die Zukunft der Berlinale begleitet.

Ende November vergangenen Jahres hatten etwa 80 Filmschaffende auf SPIEGEL ONLINE in einem offenen Brief ein transparentes Auswahlverfahren für die Besetzung der Berlinale-Leitung und eine Neuorientierung des Festivals gefordert. Das Programm solle "entschlackt" werden. Man konnte dies als Kritik an Kosslick verstehen, unter dessen Leitung das Festival immer mehr gewachsen war.

Der Vertrag von Dieter Kosslick läuft 2019 aus
EPA

Der Vertrag von Dieter Kosslick läuft 2019 aus

Tatsächlich war die Berlinale bis vor Kosslicks Amtsantritt im Mai 2001 ein ziemlich ungemütlicher Ort. Ein protestantisches Arbeitsfestival, bei dem alle so finster dreinblickten, als kämen sie gerade von Fassbinders Beerdigung. Ist Cannes der Luxusliner unter den großen Festivals, so war Berlin die Galeere. Die Frohnatur Kosslick gab der Berlinale, was sie noch dringender brauchte als gute Filme: Lebensfreude.

Zweifel an Kosslicks Filmauswahl

Die Berlinale war in den Achtziger- und Neunzigerjahre auch eine Schlachtbank des deutschen Films. Kosslick machte daraus ein Schaufenster. Und hatte sich Oliver Stone auf dem Festival einst heftiger antiamerikanischer Ressentiments erwehren müssen, als er seinen Vietnam-Film "Platoon" zeigte, rollte Kosslick für Hollywood-Stars den roten Teppich aus und ließ sie feiern.

Allerdings wirkte seine Filmauswahl nicht selten so, als sei sie per Zufallsgenerator ermittelt und auf die Sektionen des Festivals verteilt worden. Es gab berechtigte Zweifel, ob Kosslick und sein Auswahlgremium einen guten Film erkennen können. Mehrfach lehnten sie spätere Oscar-Gewinner wie "Das Leben der Anderen" oder "Son of Saul" ab und zeigten im Wettbewerb ein beträchtliches Quantum Murks. Es wäre ein lohnendes Geschäft gewesen, Überlebenstraining für Berlinale-Eröffnungsfilme anzubieten.

Im Gegensatz zu Kosslick ist Chatrian ein Cinephiler, der sich im dunklen Kinosaal vermutlich wohler fühlt als im Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich. Der frühere Filmjournalist hat Bücher über Regisseure wie George Cukor, Nanni Moretti und Wong Kar-wai geschrieben, kennt sich in der Filmgeschichte und im Weltkino der Gegenwart sehr gut aus. Kosslicks Fähigkeiten als Pausenclown bringt er vielleicht nicht mit. Aber jeder kann ja mit seinen Aufgaben wachsen.

Ein Monster von Festival

Chatrian wird mit Rissenbeek eine Frau zur Seite gestellt, die wohl den geschäftlichen, organisatorischen Part übernehmen soll. Die Berlinale ist mit etwa 400 Filmen pro Jahr und fast 500.000 Kinobesuchen das größte Publikumsfestival der Welt. Dieses Monster von Festival stellt an die Leitung viele verschiedene Anforderungen. Eine Person, die all diesen Aufgaben gerecht wird, kann es kaum geben. Kosslick war dafür ein Beispiel.

Rissenbeek besitzt viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Filmemachern, allerdings eher aus PR-Sicht. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben bei German Films bestand darin, weltweit Sichtungen von deutschen Filmen zu organisieren und dafür zu sorgen, dass sie auf großen Festivals gezeigt wurden. Tatsächlich ist Locarno ein gutes Pflaster für deutsches Kino. Seit Jahren hat Rissenbeek offenbar gut mit Chatrian zusammengearbeitet; ihre Besetzung soll sein Wunsch gewesen sein.

Was die Entscheidung heikel macht, ist die Tatsache, dass Rissenbeek selber in der Findungskommission saß, die das Personal für die neue Berlinale-Leitung suchen sollte. Es waren auch andere Frauen im Gespräch gewesen, Maria Köpf etwa, zurzeit noch Leiterin der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holtstein, oder Anne Leppin, Geschäftsführerin der Deutschen Filmakademie.

Nun also trifft Chatrian, der in Locarno nicht nur Hardcore-Autorenkino gezeigt, sondern bei den abendlichen Freiluft-Vorführungen auf der Piazza Grande auch Abend für Abend Tausende von Zuschauern angelockt hat, auf eine erfahrene Lobbyistin. Auf dem Papier scheint es, dass sie sich gegenseitig gut ergänzen könnten, weil beide einen Sinn für die künstlerische wie für die kommerzielle Dimension des Kinos haben.

An einer Doppelspitze für die Berlinale führt ohnehin kein Weg vorbei. Ob sie zum Erfolg führt, wird nicht zuletzt davon abhängen, dass sich Chatrian und Rissebeek nicht den Raum streitig machen und gegenseitig auf die Füße treten. Möglicherweise hat sich Chatrian gezielt jemanden gesucht, der ihm als Spielmacher immer den Rücken freihält.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.