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Ai Weiwei als Regisseur: Am Wochenende wird Berlin aus Peking ferngesteuert

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Künstler Ai Weiwei (am Mittwoch via Skype): Regie-Anweisungen aus Peking Zur Großansicht
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Künstler Ai Weiwei (am Mittwoch via Skype): Regie-Anweisungen aus Peking

Weltpremiere während der Berlinale: Der chinesische Kunststar Ai Weiwei will eine autobiografische Episode des Kinofilms "Berlin, I Love You" drehen - per Fernregie aus Peking, mit Til Schweiger. Und alle können live dabei zugucken.

Natürlich versagt erst mal die Technik. Claus Clausen, Regisseur und Produzent von "Berlin, I Love You", versucht per Skype an seinem Laptop, eine Verbindung zu dem Künstler Ai Weiwei in China herzustellen. Bei Clausen auf dem Rechner scheint das zu klappen, nur hinter ihm auf dem großen Fernseher ist nichts zu sehen. Belustigtes Schnauben unter den knapp 20 Journalisten in dem Konferenzraum des Berliner Intercontinental Hotels.

Clausen hatte am Mittwochvormittag zusammen mit seinen Produzentenkollegen Edda Reiser und Josef Steinberger zu einem Pressetermin geladen. Auf dem Programm stand eine kleine Sensation: Erstmals würde Ai, 57, bei einem Kinofilm Regie führen. Da er China nicht verlassen darf, wird er für die Dreharbeiten via Satelliten-Uplink mit mehreren Kamera-Feeds verbunden, die Clausen als Co-Regisseur in Berlin nach Ais Vorgaben dirigieren wird. Klingt kompliziert? Ob ihr ferngesteuertes Regie-Experiment wirklich funktioniert, werden die Filmemacher erst am kommenden Wochenende wissen, wenn in Berlin gedreht wird.

Eine Weltpremiere ist das Projekt allemal, ehrgeizig sowieso - nur will Ai keinen abendfüllenden Spielfilm aus seinem Pekinger Studio filmen, sondern ein rund acht Minuten langes Segment für den Episoden-Film "Berlin, I Love You". Nach den populären Omnibus-Produktionen "Paris, je t'aime" (2006), "New York, I Love You" (2009) und "Rio, Eu Te Amo" (2014) ist nun die deutsche Hauptstadt als Schauplatz an der Reihe.

Geteilte Familie, ehemals geteilte Stadt - das leuchtet ein

Wie üblich sollen sich namhafte Regisseure mit befreundeten Schauspielern austoben können. Angefragt, verrät Produzentin Reiser, seien unter anderem Marjana Satrapi, Oren Moverman - dessen Film "The Messenger" Clausen einst coproduzierte -, Jan-Ole Gerster ("Oh Boy") und Giuseppe Tornatore ("Cinema Paradiso"). Man wolle die Franchise aber auch Künstlern öffnen, die nicht ausgewiesene Filmexperten oder Regisseure sind, fügt Steinberger hinzu. Auch Karl Lagerfeld habe man für ein Segment gewinnen wollen, der Designer habe jedoch bereits abgesagt.

Ai erscheint dann endlich auf dem großen Bildschirm und winkt den Journalisten fröhlich zu. Er freue sich "über die tolle Gelegenheit", ruft er aus Peking. "Es wird ein großer Spaß." Der Darling der internationalen Kunstszene warte seit über vier Jahren darauf, dass die Behörden ihm seinen Pass zurückgeben, sagt er mit obligatorischem Galgenhumor über die staatlichen Repressalien, die ihn daran hindern, persönlich nach Berlin zu kommen.

Um eine persönliche Facette seines Schicksals wird es in Ais "Berlin, I Love You"-Segment gehen: Er wird nicht nur Regie führen, sondern sich selbst spielen - wiederum als ferne Figur auf einem Computerbildschirm. Hauptdarsteller von Ais Film ist sein sechs Jahre alter Sohn Lao, der seit einem halben Jahr mit seiner Mutter Wang Fen, einer früheren Lebensgefährtin Ais, in Berlin lebt. Wang ist Dokumentarfilmerin und schrieb auch das Drehbuch für die Filmepisode. "Es geht um einen Newcomer, einen kleinen Jungen, der eine neue Stadt für sich entdeckt und gleichzeitig versucht, mit seinem Vater in Kontakt zu bleiben", sagt Ai. Geteilte Familie, ehemals geteilte Stadt: Klar, das leuchtet ein.

Ähnlich ergehe es ja nicht nur ihm und seinem Sohn, ergänzt Ai, sondern sehr vielen Menschen, die "aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen" getrennt voneinander leben müssten. "Aber mit der modernen Technik, mit dem Internet und natürlich auch durch die Kunst können wir trotzdem kommunizieren." Das sieht Clausen auch so. "Liebe überwindet alle Grenzen", formuliert der Produzent empathisch, "und Film auch". Trotzdem sei ihm bewusst, dass "das nicht so einfach wird, was wir uns da vorgenommen haben".

Live-Schalte ins Berlinale-Getümmel

Publikums- und medienwirksam wird am ersten Berlinale-Wochenende gedreht, wenn die Stadt voller ausländischer Filmjournalisten ist. Über einen extra aufgebauten Monitor auf der Südseite des Potsdamer Platzes, dem zentralen Ort der Filmfestspiele, kann jeder live mitverfolgen, ob das Acht-Minuten-Experiment gelingt - oder an den Tücken der Technik scheitert.

Per Split Screen sollen sowohl Ai in seinem Studio als auch Set-Geschehen und Kamerabilder gezeigt werden. Laut Plan werden im Herbst dann die restlichen zehn Episoden gedreht. Fertig werden soll "Berlin, I Love You" am liebsten zur Berlinale 2016. Parallel entsteht auch eine Dokumentation über die Dreharbeiten, die Ai vermutlich später in seinen Ausstellungen verwenden wird.

Wo und wann genau am Samstag, Sonntag und Montag in Berlin gedreht wird, will das Produzententrio aus Sicherheitsgründen jedoch geheim halten. Zu nah soll das Publikum der Produktion bei allem Willen zur Transparenz dann doch nicht kommen, schon gar nicht als schaulustige Menschenmasse - denn am Dienstag wurde bekannt, dass auch Til Schweiger einen kleinen Part in der Ai-Episode übernehmen wird. Für viel mehr als einen Mini-Auftritt wird es bei acht Minuten Film wohl kaum reichen. Aber der PR-Effekt steht wohl für sich.

Zur Pressekonferenz erschien Schweiger allerdings nicht. Ob denn der deutsche Superstar in China überhaupt ein Begriff sei, wollte eine Journalistin von Ai wissen. "Ich glaube nicht, dass man ihn in China kennt", antwortete der vom Fernseher aus, vorerst stabil mit Berlin verbunden, "und ich glaube, es ist China auch egal."

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1. Gibt's aktuell keinen...
gott777 05.02.2015
...Medienpreis, dem wir diesem ach so tollen Künstler aus Prinzip schenken können? Anscheinend braucht er mal wieder ein paar Euros für was auch immer, anders kann man sich so einen Schmu nicht erklären, dabei ist der "arme" Kerl inzwischen schon Millionenschwer... Diese "staatlichen Repressalien" wie ein weggenommener Reisepass muss er übrigens "erleiden", da gegen ihn wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird, wäre in anderen Ländern wohl nicht anders. Bitte liebe deutsche Elite, sucht euch einen neuen Held der Unterdrückten den ihr mit Preisen für was auch immer überhäufen könnt, dieser Mann ist schon lange kein Symbol mehr.
2. Oh Gott, Sie wissen wahrscheinlich nicht,
humptata 07.02.2015
dass Sie von dem "Star der internationalen Kunstszene" sprechen. So steht es jedenfalls in der Ankündigung, dass Till S. (ebenfalls Star...) mit diesem aufgeblasenen Fatzke ein gemeinsames Werk plant.
3. ich glaube, es ist China auch egal
gantern 07.02.2015
Ai Weiwei, der Stühlestapler, Hochstapler - nein, wir lassen uns ja darauf ein. Natürlich wird er in China nicht immer mit Glacee-Handschuhen angefasst, aber diese Tatsache weiß er in der westlichen Welt geschickt in Bares zu tauschen.
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