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Berlin-Komödie "Schwarze Schafe": Schule der Schnoddrigkeit

Von Bert Rebhandl

Superlocker, superlustig: Die Berlin-Groteske "Schwarze Schafe" strengt sich mächtig an, in jeder Sekunde richtig schräg rüberzukommen - und wirkt dabei so verkrampft wie der grassierende Hauptstadt-Hype.

Seit Deutschland sich wiedervereinigt hat, liegt ja Berlin auch wieder halbwegs mitten im Land. Vom Surrealismus der Mauer-Stadt ist aber immer noch einiges übrig geblieben, denn was zum Beispiel der Film "Schwarze Schafe" von Oliver Rihs aus der Hauptstadt zeigt, ist zumindest grenzwertig, um nicht zu sagen: Borderline. Das liegt sicher auch daran, dass es sich hier um eine schwarze Komödie (in Indie-Schwarzweiß) handelt. Alle Geschichten, die hier lose miteinander verknüpft werden, kommen irgendwann an einen Punkt, an dem es mit gutem Geschmack nicht mehr weitergeht.

Die Kellnerin Charlotte (Julie Böwe) zum Beispiel versucht so lange wie möglich, das Gesicht zu wahren. Sie tut Dienst auf einem Ausflugsschiff auf der Spree. Das Unheil beginnt, als sich unter den Gästen eine Freundin von früher zu erkennen gibt. Man hat zusammen studiert, und noch sind die Erinnerungen nicht wieder aufgefrischt, da macht sich der Freund der Freundin (ein Münchner!) schon hinterrücks an Charlotte heran. Die Bedrängnis wird noch größer, als Charlottes richtiger Freund Peter (Milan Peschel, einmal mehr in einer Rolle am Rande der Verwahrlosung) an Bord kommt: Er hat schon einiges getankt, nun will er seiner Freundin seine Liebe bezeugen, legt sich aber stattdessen bald mit den Schiffspassagieren an, und vor allem mit dem Münchner.

Wie Charlotte sich aus dieser Affäre zieht, das ist klassische Berliner Schule der Schnoddrigkeit, und entspricht allen Klischees von Boheme und Schwerenot, die über die Stadt im Umlauf sind. Oliver Rihs, zugewandert aus der Schweiz, versucht in "Schwarze Schafe", mit diesen Klischees ein wenig Stimmung zu machen. Er vertraut auch bei der Besetzung der Rollen auf erprobte Szenekräfte wie Marc Hosemann, der einen Aufreißer spielt, der sich später zum Zwecke eines Versicherungsbetrugs eine Hand abhacken möchte. Robert Stadlober an der Seite von Tom Schilling gibt einen jungen Mann, der einem anderen jungen Mann quer durch die Stadt nachfährt und dabei unter dem Siegel einer "Wohnzimmertheaterproduktion" als Umzugshelfer ausgebeutet wird.

Satanisten und Drogenpartys

Drei junge Türken jagen ebenfalls quer durch die Stadt einer schnellen Nummer nach, sie folgen jedem Tipp, und landen am Ende weit im Osten bei einer Drogenparty mit eher postsexueller Stimmung. Das hindert sie nicht, am nächsten Morgen noch einmal richtig baden zu gehen. Die wahrscheinlich strapaziöseste Figur ist der Satanist Fred (Kirk Kirchberger), der für ein entscheidendes Ritual auf die komatöse Großmutter seines besten Freundes zurückgreift. Aleister Crowley würde sich angesichts dieser Schandtaten vermutlich im Grabe umdrehen. Aber nicht deswegen, weil das alles so schrecklich böse ist, sondern weil es doch auch immer wieder unfreiwillig komisch wirkt.

Oliver Rihs strengt sich mächtig an, damit "Schwarze Schafe" in jeder Sekunde superlocker rüberkommt, aber es reicht irgendwie nicht. Die meisten Geschichten wirken recht ausgedacht und sind immer sehr schnell auf die Skandalpointe hin inszeniert. Nur gelegentlich, zum Beispiel in den verblasenen Dialogen zwischen Robert Stadlober und Tom Schilling, kommt eine ziellose Stimmung auf, sodass auch der Film selbst etwas von dieser Entspanntheit gewinnt, die er seinen Figuren ständig ein wenig verkrampft unterstellt.

Hinter dem ganzen grotesken Treiben steckt ja doch noch immer ein Stück von dieser Berliner Utopie, die derzeit republikweit vermarktet wird: dass man hier auch ohne Karriere ganz gut durchkommt, dass es ein richtiges Leben ohne Hartz IV, aber auch ohne Porsche geben kann. Die Schlagworte, die darüber zirkulieren (von der digitalen Boheme bis zur Nullökonomie), haben sich wie ein dichter Nebel über das Berliner Überlebensmodell gelegt.

"Schwarze Schafe" erscheint dabei wie ein stark entstelltes Sequel zu "Jeans" aus dem Jahr 2001, auch so einem Low-Budget-Schwarzweißfilm aus Berlin, bei dem Nicolette Krebitz Regie führte und in dem auch schon Marc Hosemann mitspielte. Was damals noch eindeutig romantisch aufgelöst wurde (das Lebensgefühl einer offenen Stadt), wird bei Oliver Rihs zu einer anstrengenden Groteske. Filme wie "Schwarze Schafe" zeigen, dass Berlin gerade im Begriff ist, auf seinen eigenen Mythos hereinzufallen.

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Forum - Kino - was lohnt es zu sehen?
insgesamt 829 Beiträge
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1.
Diddl, 30.08.2007
Ich finde bis jetzt war es ein recht erfreuliches Kinojahr mit vielen unterhaltsamen Filmen. Bei mir liegt hier tatsächlich die Betonung auf unterhaltsam, Filme ohne Action und/oder Humor haben für mich keinen Unterhaltungswert und werden demzufolge auch nicht gesehen. Der Alltag ist auch ohne solche "Problemfilme" deprimierend genug. Meine Favoriten dieses Jahr: Fluch der Karibik 3, Little Miss Sunshine, Hot Fuzz (herrlicher schwarzer Humor). Auch Transformers und Rush Hour 3 waren auch überraschend gut (im Sinne von witzig-unterhaltsam, nicht von "Filmkritiker gut")
2.
DJ Doena 30.08.2007
Kino ist dazu gemacht, die Leinwand auszufüllen. Komödien und Romanzen kann ich mir genausogut au DVD angucken. Ist aber nur eine Leitlinie, keine unumstößliche Regel. Dieses Jahr hab ich im Kino gesehen: Déjà vu Flags of Our Fathers Letters from Iwo Jima (japanischer O-Ton, deutsche UT) Ghost Rider Pathfinder 300 Shooter Spider-Man 3 Pirates of the Carribean: Am Ende der Welt (O-Ton) Ocean's 13 Shrek der Dritte Stirb Langsam 4.0 (furchtbarer Titel! "Live Free or Die Hard" ist viel besser) Harry Potter und der Orden des Phönix (O-Ton) Death Proof Die Simpsons Transformers Beim ersten Mal Geplant sind bisher für dieses Jahr noch: Bourne Ultimatum Chuck und Larry Ratatouille Planet Terror Superbad Beowolf Mal sehen, was man sich noch so angucken kann. Schlimmer ist das Angebot nicht geworden (wer behauptet, Kino wäre früher intelligenter geworden, ist nur nostalgisch vernebelt). Seit ich aber viele Filme auf DVD - im O-Ton - gucke, klingen die deutschen Synchronstimmen ungewohnt und manchmal auch demotiviert. Mir ist es schon passiert, dass der Film auf deutsch öde war und im englischen klasse. Nicht weil falsch übersetzt wurde (das passiert aber auch), sondern weil die Schauspieler viel emotionaler und passionierter sprechen als der Synchronsprecher (wobei das kein Angriff auf die ganze Gilde sein soll). Ich finde es trotzdem schade, dass es viel zu wenig O-Ton-Kino gibt und - obwohl technisch kein Problem mehr - auch im TV wenig im Zweikanalton ausgestrahlt wird.
3.
DJ Doena 30.08.2007
Zitat von DJ DoenaKino ist dazu gemacht, die Leinwand auszufüllen. Komödien und Romanzen kann ich mir genausogut au DVD angucken. Ist aber nur eine Leitlinie, keine unumstößliche Regel. Dieses Jahr hab ich im Kino gesehen: Déjà vu Flags of Our Fathers Letters from Iwo Jima (japanischer O-Ton, deutsche UT) Ghost Rider Pathfinder 300 Shooter Spider-Man 3 Pirates of the Carribean: Am Ende der Welt (O-Ton) Ocean's 13 Shrek der Dritte Stirb Langsam 4.0 (furchtbarer Titel! "Live Free or Die Hard" ist viel besser) Harry Potter und der Orden des Phönix (O-Ton) Death Proof Die Simpsons Transformers Beim ersten Mal Geplant sind bisher für dieses Jahr noch: Bourne Ultimatum Chuck und Larry Ratatouille Planet Terror Superbad Beowolf Mal sehen, was man sich noch so angucken kann. Schlimmer ist das Angebot nicht geworden (wer behauptet, Kino wäre früher intelligenter geworden, ist nur nostalgisch vernebelt). Seit ich aber viele Filme auf DVD - im O-Ton - gucke, klingen die deutschen Synchronstimmen ungewohnt und manchmal auch demotiviert. Mir ist es schon passiert, dass der Film auf deutsch öde war und im englischen klasse. Nicht weil falsch übersetzt wurde (das passiert aber auch), sondern weil die Schauspieler viel emotionaler und passionierter sprechen als der Synchronsprecher (wobei das kein Angriff auf die ganze Gilde sein soll). Ich finde es trotzdem schade, dass es viel zu wenig O-Ton-Kino gibt und - obwohl technisch kein Problem mehr - auch im TV wenig im Zweikanalton ausgestrahlt wird.
das zweite "geworden" durch "gewesen" ersetzen.
4. Sterben für Anfänger
hauro 30.08.2007
lange Zeit habe ich nicht im Kino wie verrückt gelacht. Diesen Film muss man nicht verpassen..
5.
Mittelfeldmotor, 30.08.2007
Zitat von sysopBlockbuster, Autorenkino, Dokumentationen: Wofür gehen Sie ins Kino, was können Sie sich nur auf der Leinwand ansehen? Hat sich das Filmangebot verbessert oder eher verschlechtert?
Also ich würde mich jetzt mal ganz frech als absoluten "Kino-Junkie" bezeichnen. An mir verdienen die Filmtheater-Besitzer `ne ganze Menge!!! Gehe allerdings nie alleine ins Kino, sondern immer mit Freunden bzw. meiner Freundin. Wobei sich dann natürlich auch die Filmauswahl unterscheidet. Würde meinen Schatz natürlich nie in solch- ja, ich muss es so deutlich sagen- Sch****-Film wie "Transformers" schleppen, war aber mit ihr z.B. neulich in "Mitten ins Herz" mit Hugh Grant!!! Ansonsten gucke ich alles reihum: Action, Komödie, Thriller, durchaus gerne mal Horror und auch "Anspruch". Ein anspruchsvoller Film in 2007, den ich sah, war z.B. der Film (mir ist der Titel kurzfristig entfallen?) über das Leben des Wärters von Nelson Mandela! Hier eine kurze Auswahl von Filmen, die ich 2007 sah: Blood Diamant Rocky SAW III Hannibal Rising Neues vom Wixxer Verführung einer Fremden (mit Freundin) Spiderman 3 Shooter Zodiac Oceans 13 Sirb langsam 4.0 Death Proof Die Simpsons Transformers Rush Hour3 Aufgrund der vielen Tricks, den technischen Möglichkeiten würde ich sagen, dass sich das Angebot sicher verbessert hat. Kino wird auch zukünftig ein Hobby bleiben!
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