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Berlin-Satire "Zettl": Koma Royal

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Schimmerlos durchs Regierungsviertel: 25 Jahre nach seinem Münchner TV-Sittendrama "Kir Royal" nimmt Helmut Dietl im Kinofilm "Zettl" nun die Hauptstadt ins Visier. Allerdings ohne den alten Hauptdarsteller, ohne den alten Biss - und sogar ohne jeden Berlin-Bezug. Ein Desaster.

Warner Bros.

Einmal, aber wirklich nur ganz kurz, muss man lachen. Da spricht die Berliner Bürgermeisterin in der Hauptstadt-Satire "Zettl" davon, dass sie gleich zur Verleihung des Movers-and-Shakers-Preises muss. Ein lustiger Verweis auf den semi-legendären Medienmacher Ulf Poschardt, der einst als Chefredakteur der deutschen "Vanity Fair"-Ausgabe immer wieder über die "Movers and Shakers" der Hauptstadt schwadronierte; der so lange den Hipness-Faktor des Wirtschaftsstandortes Berlin lobte, bis die Stadt das beinahe für wahr nahm. Leider wollte der Rest des Landes nicht daran glauben. Erst wurde Poschardt als Chefredakteur entlassen, dann "Vanity Fair" mangels Auflage eingestellt, und Berlin war vorher so pleite wie hinterher.

Heute wirkt diese Geschichte einer Hybris wie aus einer längst vergangenen Zeit und führt direkt ins Dilemma der neuen Satire von "Kir Royal"-Schöpfer Helmut Dietl: Ihre einzige Pointe verweist auf ihr Hauptproblem - das meiste an Dietls Film, der vorgibt, ein Zeitporträt des Berliner Medien- und Regierungsbetriebs zu sein, mutet an wie aus dem letzten Jahrzehnt. Einiges wie aus dem letzten Jahrtausend.

Allein das Grundmotiv von "Zettl": Eine neue Zeitschrift soll gegründet werden, eine Art "New Yorker" für Berlin, finanziert von einem reichen Schweizer. Entschuldigung, mag Geld aus Zürich und Genf in den neunziger und nuller Jahren auch ein Großteil bundesdeutscher Lifestyle-Journalisten durchgebracht haben, heute investiert doch kein Schweizer mit Verstand in bundesdeutsche Medien.

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Helmut Dietls "Zettl": Alles eierlose Gesellen!

Wenn das überhaupt noch ein Mensch tut, dann muss es schon ein zu sagenhaftem Reichtum gekommener russischer Geschäftsmann sein - so einer wie der Moskauer Immobilienmillionär Wladislaw Doronin, der gerade in Berlin die deutsche Ausgabe des "Interview"-Magazins herausgebracht hat. Und der tat das wahrscheinlich nicht deshalb, weil er das primär für eine gute Geschäftsidee hielt, sondern weil er seiner Ehefrau, dem Model Naomi Campbell, das als "Editor at Large" fungiert, ein schönes Spielzeug schenken wollte.

Keine Ähnlichkeiten, nicht mal zufällig

So gesehen liefert Berlin doch noch ein wenig Stoff für eine grelle Satire über Geld, Macht und Politik. Doch bei Dietls "Zettl" ist eben leider schon die Prämisse falsch: Gleich am Anfang landet ein Schweizer Investor (Ulrich Tukur) im Hubschrauber am Ufer der Spree, an der Wolkenkratzer stehen, die aussehen wie die in Manhattan. Warum eigentlich? Nur damit man gleich zu Anfang Frank Sinatras "New York, New York" im Soundtrack abspielen kann? Der Großverleger lässt sich zu Sinatras inzwischen recht schalen Anfeuerungsgesängen durch die In-Hotels und In-Restaurants der Stadt fahren, während sein Chauffeur Zettl (Michael "Bully" Herbig, "Hotel Lux") versucht, sich selbst als neuen Chefredakteur ins Spiel zu bringen.

Um seine Pläne umzusetzen, bezieht Zettl reichlich Personen ein, die Rang und Geltungsdrang haben: den schwäbelnden CDU-Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, der so gerne Kanzler wäre (Harald Schmidt), ebenso wie den tatsächlichen Kanzler, der aufgrund seines zerstörerischen und selbstbetrügerischen Lebenswandels kurz vor dem Fall ins Koma steht (Götz George). Die wichtigste Polit-Talkerin des deutschen Fernsehens (Sunnyi Melles), die Wodka statt Wasser in ihrer Show trinkt und auf junge Männer steht, ebenso wie die Berliner Bürgermeisterin (Dagmar Manzel), die eigentlich ein Mann ist und sich im Laufe des Films zu einer Frau umoperieren lässt. Was uns das alles sagen soll? Keine Ahnung.

Gesellschaftssatiren wie "Zettl" werden vom Produzenten ja gerne mit dem Hinweis ausgestattet, dass alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig seien, um Klagen der Vorgeführten abzuwehren. Bei Dietls Film ist das nicht notwendig: Es gibt keine Ähnlichkeiten, nicht mal zufällige.

Angeblich haben Dietl und sein Co-Drehbuchautor Benjamin von Stuckrad-Barre, Gesellschaftsreporter des Springer-Verlags, viele, viele Abende in den wichtigen Treffpunkten rund um das Berliner Regierungsviertel verbracht. Entweder sind sie dort ihren Studienobjekten so nahe gekommen, dass sie diese nicht mehr vorführen wollten, oder sie haben sich im ewigen Wartestand im Grill Royal und Borchardt um ihre Wahrnehmung gesoffen. Vielleicht beides.

Versackt im Grill Royal

Wohlmeinende Kritiker behaupten, Dietl wäre es ja auch gar nicht darum gegangen, dem realen Berliner Betrieb den Spiegel vorzuhalten. Aber was wollte er dann? Da kann man es schon verstehen, dass sich zuerst das Fernsehen weigerte, aus dem Stoff eine Serie zu machen, und dass später die Geldgeber des Kinofilms Dietl und Stuckrad-Barre wieder und wieder ihr Drehbuch überarbeiten ließen. Gebracht hat es nichts. "Zettl" nimmt sich aus, als versuche ein Besoffener, eine komplizierte Polit-Satire zu erzählen: Jede Pointe wird verschluckt, dafür werden wieder und wieder die gleichen Unwichtigkeiten ausgespuckt. Ein Film wie ein Schluckauf; unmöglich nachzuerzählen, wie die Geschichte vom Koma des Kanzlers zu den Hoden des Bürgermeisterin-Darstellers gelangt.

Aber nicht einmal als bizarre Nummernrevue funktioniert "Zettl", dafür fehlt dem Film einfach der wütende Witz. Umso niederschmetternder ist dieser Befund, wenn man sich an Helmut Dietls Fernsehserie "Kir Royal" erinnert, die davon handelte, wie Gesellschaftsreporter in den achtziger Jahren an Macht gewannen. Auf welche Weise da Hauptdarsteller Franz Xaver Kroetz als Baby Schimmerlos in München mit verächtlicher Miene einen scheußlichen Achtziger-Jahre-Drink nach dem anderen runterkippte, um dann eine scheußliche Kampagne nach der anderen auszuhecken, wie dort die Verquickungen medialer und monetärer Macht beschrieben wurden, das bleibt unerreicht.

Darsteller Kroetz sprang schon früh von dem "Zettl"-Projekt ab; vielleicht ahnte er, dass die Machtspielchen unübersichtlicher geworden sind, dass die oft fatalen Ein- und Rückwirkungen von schwächelnden Medien und schwächelnder (oder zumindest schwächelnd wirkender) Politik in der Berliner Republik schwieriger darzustellen sind.

Es gibt eben nicht länger die alte Kraftmeierei zwischen Schreibern und Magnaten, jedenfalls nicht mehr in dieser unverstellten Art. Niederschreiben oder mit Geld "zuscheißen" - eine Redewendung, die in "Kir Royal" geprägt wurde -, so einfach wie es damals im sinnenfrohen und sittenrohen München herging, ist das nicht mehr. Dietl ist ein großer Könner, wenn es darum geht zu zeigen, wie Politik aus dem Unterleib gemacht wird. So aber funktioniert die Berliner Republik mit Angela Merkel als oberster Repräsentantin nun mal nicht.

Für die Beschreibung weiblicher Machtdemonstration, für das Kräftemessen jenseits des Schwanzvergleichs aber fehlt Dietl das Feingefühl. Überhaupt sind die Frauenrollen in diesem Film so flach, dass es eine Schande ist. Zwischen Nutten und Heiligen bleibt da nicht viel Raum.

Möglicherweise fällt dem Regisseur deshalb nicht viel mehr zum aktuellen Polit-Betrieb ein, als alle männlichen Charaktere unter Impotenz leiden oder ihnen gleich die Genitalien amputieren zu lassen. Die Berliner Republik, für den alten Münchner Chauvi Dietl ist das nicht mehr als ein Haufen eierloser Gesellen. Man muss die deutsche Politik wirklich nicht mögen, um ihre Vertreter für ein klein bisschen komplexer zu halten.

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1.
produster 31.01.2012
Zitat von sysopSchimmerlos durchs Regierungsviertel: 25 Jahre nach seinem Münchner TV-Sittendrama "Kir Royal" nimmt Helmut Dietl im Kinofilm "Zettl" nun die Haupstadt*ins Visier. Allerdings ohne den alten Hauptdarsteller, ohne den alten Biss - und sogar ohne jeden Berlin-Bezug. Ein Desaster. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,811487,00.html
Dietl geht es wohl so wie generell den Münchnern und anderen Gaffern: sie verstehen Berlin nicht. Sie verstehen nur Bahnhof.
2. Dass das den eitlen...
tilloquinn 31.01.2012
Zitat von produsterDietl geht es wohl so wie generell den Münchnern und anderen Gaffern: sie verstehen Berlin nicht. Sie verstehen nur Bahnhof.
... in jede Richtung orientierten und selbstvernarrten 'modernen Berlinern' ein Greuel sein muss - keine Frage. Dietl schafft es, 'Zettl' in Berlin spielen zu lassen, und das ganz ohne den Selbstdarstellern des Umverteilungsmeisterlandes eine Bühne zu bieten. Das kann natürlich nicht angehen. Oder doch? Berlin ganz ohne die Champagnerfrühstücker, die universalverkehrenden ältlichen Yuppies und Kunstgeschichtsstudierenden... in... -nen, dass Dietl sich das traut! Ich empfehle dazu die objektive und gehaltvolle Kritik der Frankfurter Zeitung; sozusagen als heilsamen Ausgleich und Blick aus der Republik auf den Film aus Berlin.
3. Huch
Kains Abel 31.01.2012
Da ist aber jemand ziemlich beleidigt, weil die Kunst sich nun partout nicht nach der eigenen Wahrnehmung und den eigenen Prioritäten richten will. Sowas unverschämtes aber auch. Für einen Spiegel-Schreiber schon ziemlich peinlich.
4. absurd
tricker 31.01.2012
Zitat von sysopSchimmerlos durchs Regierungsviertel: 25 Jahre nach seinem Münchner TV-Sittendrama "Kir Royal" nimmt Helmut Dietl im Kinofilm "Zettl" nun die Haupstadt*ins Visier. Allerdings ohne den alten Hauptdarsteller, ohne den alten Biss - und sogar ohne jeden Berlin-Bezug. Ein Desaster. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,811487,00.html
Alleine schon die Annahme, man könnte durch einatmen Berliner Luft (wenngleich aus dem Regierungsviertel) etwas über den Zustand der Republik oder gar deren Politiker erfahren ist dermassen absurd, dass es mich fragend zurücklässt, was der Film eigentlich möchte (wenn er schonmal nicht lustig ist). Ich wohne seit 30 Jahren hinterm Schloss Bellevue, des macht mich aber nicht zu einem Präsidentschaftsexperten.....
5.
krügerrand 31.01.2012
Zitat von produsterDietl geht es wohl so wie generell den Münchnern und anderen Gaffern: sie verstehen Berlin nicht. Sie verstehen nur Bahnhof.
...was gibts da bitteschön zu verstehen? Party machen auf Kosten der Anderen, das ist alles! Mit recht schönen Gruß aus München!
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Video

"Zettl"

Deutschland 2012

Regie: Helmut Dietl

Drehbuch: Helmut Dietl, Benjamin von Stuckrad-Barre

Darsteller: Michael "Bully" Herbig, Karoline Herfurth, Senta Berger, Dieter Hildebrandt, Götz George, Ulrich Tukur, Dagmar Manzel, Harald Schmidt, Hanns Zischler

Produktion: David Groenewold, Gerhard Hegele, Diana Film

Verleih: Warner Bros

Länge: 109 Minuten

FSK: 6 Jahre

Start: 2. Februar 2012

Offizielle Website zum Film


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