Psychothriller "Berlin Syndrom" Der beklemmende Hype

Zwischen Stockholmsyndrom und Klaustrophobie: Regisseurin Cate Shortland versucht in ihrem Film "Berlin Syndrom" Verlorenheit und Aufbruch in der Hauptstadt einzufangen.

Von Carolin Weidner


Kino ist die Erschaffung einer Illusion, die manchmal an die Realität erinnert. Einige Illusionen wirken realer als andere und Ursache dafür ist neben vielem auch die Dichte an Details, die so zusammengeführt wurden, dass der Eindruck einer eigenständigen Welt entsteht. Regisseurinnen und Regisseure haben eine unterschiedliche Begabung darin und auch einen unterschiedlichen Anspruch daran diese Welten zu erzeugen. Beides ist bei der Australierin Cate Shortland spür- und sichtbar stark ausgeprägt.

Shortland ist 48 Jahre alt, hat bisher "nur" drei Spielfilme für das Kino realisiert. Sowohl ihr aktueller Film "Berlin Syndrom", als auch ihre ersten beiden Filme "Somersault" (2004) und "Lore" (2012), die insgesamt zwar thematische Überschneidungen erkennen lassen, ergeben ein eigenes, äußerst fein gearbeitetes System. Im Fall von "Somersault" und "Lore" war dieses sehr stimmig, in "Berlin Syndrom" ist es leider anfälliger. Das liegt vielleicht auch daran, dass "Berlin Syndrom" eine nicht unkomplizierte Zusammenführung aus Vergangenheit und Gegenwart versucht, während sich "Somersault" (Gegenwart in einem australischen Wintersportort) und "Lore" (Deutschland kurz vor und kurz nach der Kapitulation 1945) eindeutiger in einem zeitlichen Referenzrahmen bewegten.

Der viel beschworenen Ort

"Berlin Syndrom" ist ein Filmtitel, der mehrere Phänomene zu fassen sucht. Da wäre zunächst einmal jener Hype, der seit Jahren in und außerhalb der Hauptstadt zelebriert wird und der einem das Gefühl vermitteln könnte, Berlin sei auf heiliger Erde errichtet. Das stimmt zwar nicht, dennoch scheint die Strahlkraft weit genug, dass sich im Film auch die junge Australierin Clare (Teresa Palmer) aufmacht, um ein Abenteuer an diesem viel beschworenen Ort zu probieren.

Mit großem Rucksack spuckt Shortland sie am Kottbusser Tor aus, wo sie ein Hostel bezieht, in dem es so zugeht wie es in einem Berliner Hostel angeblich eben zugeht: Osteuropäerinnen führen angestrengte Telefonate auf den Fluren, Briten und Spanier kiffen auf der Dachterrasse. Eine Stimmung zwischen Verlorenheit und Aufbruch, etwas Hedonismus, viel Anonymität. Clare stakst ziemlich orientierungslos durch Kreuzberger Straßen und flüchtet sich manches Mal in das Dunkel der Antiquariate, wo sie sich Bildbände ansieht. Irgendwann während dieser Streifzüge begegnet ihr Andi (Max Riemelt), der ihr Erdbeeren schenkt. Eine süße Geste, die aber auch an die Erziehungsweisheit gemahnt, man solle keine Süßigkeiten von Fremden annehmen.

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"Berlin Syndrom": Das Gefühl der Enge

Andis Aura umweht zunächst einmal nichts Besonderes, obschon sein Vorschlag, Clare eine Kleingarten-Kolonie zu zeigen, doch skeptisch machen könnte. Na ja, Andi ist vielleicht anders als die anderen, denkt sich Clare womöglich und geht fröhlich mit. Dabei erweisen sich die Schrebergärten auch ein bisschen als Portal zu Andis Berlin-Syndrom, das sehr viel komplexer (und auch irrer) ist als das der Touristin. In Andi verwirbeln sich Bürgerlichkeit und klaustrophobische Tendenzen, Verlustängste und Brutalität.

Cate Shortland, oder besser Melanie Joosten, denn auf ihrem Roman "Berlin Syndrome" basiert Shortlands Film, koppeln an Andi auch das Gewicht Deutsch-Deutscher Geschichte, denn irgendwie spuken in und um Andi noch die Geister der DDR. Oder ist es Berlins ganz eigener Wahnsinn, der sich auf Andi übertragen hat? Denn manchmal scheint es, als sei diese ambivalente und selbstverständlich mit einem eigenen Unbewussten versehene Stadt selbst von einer Krankheit befallen, die sich in unsichtbaren Schlaglöchern offenbart, vor denen kein Hype jemals warnt.


"Berlin Syndrom"
AUS, D 2017
Regie: Cate Shortland
Buch: Shaun Grant, basierend auf dem Roman von Melanie Joosten
Darsteller: Teresa Palmer, Max Riemelt, Lucie Aron, Matthias Habich, Emma Bading, Christoph Franken
Produktion Aquarius Films, DDP Studios, Entertainment One, Film Victoria, Memento Films International, Photoplay Films, Screen Australia
Verleih: MFA Filmdistribution
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 25. Mai 2017


Clare jedenfalls tappt in ein solches Schlagloch, als sie im Verlauf des Kennenlernens Andis schöne, aber auch sehr abgeschlagene Wohnung betritt, die sich - nicht sehr realistisch - in einem Wohnhaus befindet, das ansonsten absolut leer ist. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass Cate Shortlands "Berlin Syndrom" ein Psychothriller ist, denn als die Türe hinter der Backpackerin zufällt, bleibt sie, wenn es nach Andi geht, am besten für immer verschlossen. Cate befindet sich nun im wahrsten Sinne des Wortes hinter einer Mauer, nicht der Mauer, aber es ist anzunehmen, dass Shortland auch auf dieses Bild anspielt.

Hier entwickeln sich außerdem bald Anzeichen eines weiteren Syndroms, nämlich des Stockholm-Syndroms, ein psychischer Twist, bei dem das Opfer sich plötzlich auf die Seite des Täters schlägt. Andi ist gefährlich (Bilder von gefolterten Frauen in der Wohnung zeugen davon), aber er ist auch kindlich und teilweise schrecklich mitleiderregend. Um die Auswirkungen jener Gespaltenheit kümmert sich Shortland in "Berlin Syndrom", sie untersucht die Beziehung zwischen Cate und Andi, die nicht so eindeutig ist, wie es eine einfache Opfer-Täter-Aufteilung vorschlagen würde. Aber es wäre eine Fehlinformation zu behaupten, Cate stellte keine Versuche an, aus der Wohnung in welcher Andi sie gefangen hält, auszubrechen.

Ein seltsames Nichtpassen

Dennoch ist da mehr Psychologie, mehr Konflikt. Bereits in "Somersault" und "Lore" hatte Shortland mit dieser Art von Spannung experimentiert, die immer auch einen starken Einschlag ins Sexuelle hatte. Körperliches Hingezogensein und verstandesmäßige Ablehnung bildeten etwa eine wesentliche Komponente in "Lore", in welchem die Tochter von Nazi-Verbrechern während eines Fußmarsches vom Schwarzwald nach Husum auf einen geheimnisvollen Jungen traf, der sich als Jude entpuppte, gleichzeitig aber das Weiterkommen von Lore und ihren kleinen Geschwistern sicherte. Antisemitische Indoktrinierung und Verliebtheit kamen hier glaubhaft zur Kollision.

In "Berlin Syndrom" aber stellt sich auf mehreren Ebenen ein seltsames Nichtpassen ein. Die Welt, aus der Andi stammt, wirkt zu daneben als dass sie glaubhaft sein könnte, ist womöglich auch zu sehr mit Symbolen beladen. Cate Shortland erweist sich zwar immer noch als Meisterin in Sachen atmosphärischer Gestaltung, trotzdem verfehlt "Berlin Syndrom" jenen Sog, der so bemerkenswert an "Somersault" und "Lore" war. Die Illusion will dieses Mal einfach nicht recht gelingen.

Im Video: Der Trailer zu "Berlin Syndrom"

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insgesamt 2 Beiträge
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salomohn 28.05.2017
1. Alte Symbolsprache
Schnell den Film raushauen! Die Klischees sind abgeritten, lange schon will keiner mehr nach Berlin, im Gegenteil. Fast ein Historiendrama.
kumi-ori 28.05.2017
2.
Das Stockholm-Syndrom heißt deshalb so, weil man das Phänomen der Identifizierung der Gefangenen mit ihren Kidnappern zum ersten Mal bei der Geiselnahme in der Deutschen Botschaft in Stockholm (durch die RAF) beschrieben hat. Warum heißt das "Berlin-Syndrom" jetzt speziell Berlin-Syndrom, oder was hat es mit Berlin zu tun? Das Pärchenbildung besonders häufig dann stattfindet, wenn beide Partner ungebunden sind, kann jeder beobachten, der sich im ersten Semester in einer Universitätsstadt einschreibt. Und Sadisten, die Frauen gefangen halten, findet man leider auch in Amstetten und Höxter.
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