Berlinale-Highlights Das Recht auf Film-Glück

434 Filme in 10 Tagen: Die Berlinale beginnt, auf die Filmfans wartet ein ausuferndes Programm. Wir stellen 15 Highlights vor und tippen auf mögliche Wettbewerbs-Gewinner.

Entscheidet als Jurypräsidentin über die Bärenvergabe: Meryl Streep
Brigitte Lacombe/ Berlinale

Entscheidet als Jurypräsidentin über die Bärenvergabe: Meryl Streep

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Meryl Streep hat es gut. Sie muss nur 18 Filme ansehen und sich für keinen davon in die Hundert Meter langen Schlangen stellen. Für alle anderen, die nicht der internationalen Jury vorstehen und über die Vergabe der goldenen und silbernen Bären entscheiden, kann die Berlinale dagegen leicht in Stress ausarten: 434 Filme in 14 Sektionen gibt es ab Donnerstag zu sehen.

Das Spektrum reicht von den Coen-Brüdern, die das Festival mit ihrer Hollywood-Farce "Hail, Caesar!" eröffnen, bis zu japanischen 8-mm-Filmen aus den Achtzigerjahren, die das Forum in der Sonderprogrammierung "Hachimiri Madness" vorstellt.

Ein Überblick über die Filme und Menschen, über die man bei der 66. Berlinale sprechen wird.

Drei (fast) neue Gesichter

Von links: Logan Lerman, Teyonah Parris, Anja Plaschg
DPA; Parrish Lewis; Ruth Beckermann Filmproduktion/ Berlinale

Von links: Logan Lerman, Teyonah Parris, Anja Plaschg

Ja, ja, wer in der Jugend-Action-Reihe "Percy Jackson" die Hauptrolle gespielt hat, ist womöglich kein ganz neues Gesicht. Aber so wie in "Indignation" (Panorama) hat man Logan Lerman noch nicht gesehen: Er besticht als jüdischer Student Marcus, der in den USA der Fünfzigerjahre mit seiner Mischung aus Hochbegabung und Verbohrtheit eine fatale Kette von Ereignissen auslöst. Hinter der Kamera steckt übrigens ein ähnlich neu-altes Gesicht: Produzent James Schamus, Jury-Präsident von 2014, gibt mit dieser Philip-Roth-Verfilmung sein Regiedebüt.

Hätten Sie Dawn, Don Drapers erste schwarze Sekretärin, erkannt? Müssen Sie auch nicht. Seit Spike Lees Polit-Musical "Chi-Raq" im Dezember in den USA angelaufen ist, ist Teyona Parris viel berühmter für ihre Rolle der Lysistrata, die einen Sex-Streik in Chicago anzettelt, um die Männer vom Bandenkrieg abzuhalten. Von der US-Kritik als ein Highlight in Lees Karriere gefeiert, wurde "Chi-Raq" von den Oscars wie so viele andere Werke von Afroamerikanern in diesem Jahr komplett ignoriert. Bei der Berlinale, die sich als politisches Festival versteht, dürfte der Auftritt im Wettbewerb (außer Konkurrenz) umso umjubelter werden.

Von Anja Plaschg dürfte ihre eindringliche Stimme am bekanntesten sein: Als Soap&Skin hat die österreichische Sängerin über die Jahre eine beachtliche Fangemeinde hinter sich vereint. Nun wagt sie sich in den Bereich Film vor. Unter der Regie von Ruth Beckermann und zusammen mit Laurence Rupp spielt Plaschg den Briefwechsel des Liebespaares Paul Celan und Ingeborg Bachmann nach. Wenn ihre Konzerte halbwegs Aufschluss über ihre Leinwandpräsenz geben, sollte Plaschg mit "Die Geträumten" (Forum) einen fulminanten Auftritt hinlegen.

Drei Altbekannte

Von links: Monika Treut, Danis Tanovic, James Franco
imago; Almin Zrno; Getty Images/ Berlinale

Von links: Monika Treut, Danis Tanovic, James Franco

Der Teddy-Award, der Preis für den besten queeren Film des Festivals, wird 30 Jahre alt, weshalb ihm die Berlinale ein Spezial mit etlichen Highlights des New Queer Cinema widmet. Selbstverständlich mit dabei: "Gendernauts", Monika Treuts bahnbrechende Erkundung der Transgender-Szene von San Francisco aus dem Jahr 1999. Ganz im Nostalgie-Modus sind Berlinale und Treut aber nicht verfangen: Ihr neuester Film, "Zona Norte", für den Treut nach Rio de Janeiro gereist ist, um die Menschenrechtlerin Yvonne Bezerra de Mello aus "Kriegerin des Lichts" erneut zu treffen, ist in der Panorama-Sektion zu sehen.

Vom Silberner-Bär-Gewinner zum Asylbewerber: So erging es Nazif Mujic, dem Hauptdarsteller von "Aus dem Leben eines Schrottsammlers", dem vorherigen Wettbewerbsfilm des Bosniers Danis Tanovic. Das halbdokumentarische Drama über ein Roma-Paar, dessen Kind noch im Bauch der Frau stirbt, aber für keine ärztliche Behandlung zahlen kann, wühlte die Berlinale 2013 auf - und sorgte mit dem unbestimmten Schicksal Mujics in der Folge noch für Schlagzeilen. Mit "Death in Sarajevo" (Wettbewerb) nimmt sich Tanovic nun auf satirische Weise des Ereignisses an, das 1914 den Ersten Weltkrieg auslösen sollte.

Mit drei Filmen im Programm, darunter zwei im Wettbewerb ("Queen of the Desert", "Every Thing Will Be Fine"), wurde James Franco 2015 von etlichen Medien zum "König der Berlinale" gekürt. Wie für Könige üblich hat sich Franco den Titel nicht gerade durch harte Arbeit verdient - wenn man Dauerpräsenz auf Partys und Empfängen nicht als Arbeit wertet. Doch irgendeines seiner unzähligen Film-, Buch- oder Performance-Projekte passt immer ins Programm. Diesmal ist es "Goat" (Panorama), ein Indie-Drama über die brutalen Initiationsriten an US-amerikanischen Unis, das Jonas-Brother Nick seinen schauspielerischen Durchbruch beschert hat.

Drei Mal Flüchtlingsfrage

Von links "Valentina", "Havarie", "Fuocoammare"
Luise Schröder; pong/ Berlinale

Von links "Valentina", "Havarie", "Fuocoammare"

"Das Recht auf Glück" hat Berlinale-Chef Kosslick als Motto des diesjährigen Festivals benannt. Wer könnte für den Kampf um dieses Recht nachdrücklicher stehen als Flüchtlinge und verfolgte Minderheiten? Ihre Geschichten werden über die Sektionen hinweg erzählt: Im Mittelpunkt des knapp einstündigen Dokumentarfilms "Valentina" (Perspektive deutsches Kino) steht das titelgebende zehnjährige Roma-Mädchen, das in einer Armensiedlung in Skopje wohnt. Sie führt durch ihren entbehrungsreichen Alltag, man sieht ihren Vater beim Sperrmüllsammeln, ihre Mutter beim Betteln. Trotzdem scheint die Familie mit sich im Reinen zu sein. Reicht familiärer Zusammenhalt manchmal doch einfach aus, um glücklich zu sein?

Ein dreiminütiger YouTube-Clip auf 93 Minuten ausgedehnt: Visuell konzentrierter als in Philip Scheffners "Havarie" (Forum) kann man kaum erzählen. Hoch komplex ist dagegen, was sich auf der Tonspur des Dokumentarfilms abspielt. Es sind die Stimmen eines algerischen Paares, von dem die Frau in Frankreich lebt, während ihr Mann noch übers Mittelmeer zu ihr zu kommen versucht; von russischen und ukrainischen Frachtarbeitern; von einem irischen Touristen auf Kreuzfahrt; vom Funkverkehr zwischen einem Schiff und der Seenotrettung. So setzt sich akustisch ganz langsam zusammen, was die ganze Zeit zu sehen ist: Das Schicksal von einem Dutzend von Menschen, die in einem Schlauchboot auf offener See den Weg eines Kreuzfahrtschiffes kreuzen.

Noch vor einem Jahr ließ sich die Flüchtlingskrise mit einem Wort auf den Punkt bringen: Lampedusa. Mittlerweile stehen unzählige Namen und Orte für die Not und die Gewalt, die Geflüchtete auf ihrem Weg nach Europa erfahren. In seinem Dokumentarfilm "Fuocoammare" (Wettbewerb) forscht Gianfranco Rosi dem Leben auf der italienischen Insel nach, die mittlerweile untrennbar mit dem Schicksal Hunderttausender Migranten und dem politischen Streit um sie verbunden ist. Was bedeutet Alltag noch auf Lampedusa?

Drei Mal Binge-Watching

Von links: "Hele Sa Hiwagang Hapis", "The Night Manager", "Chamissos Schatten"
Bradley Liew; Des Willie; Ulrike Ottinger/ Berlinale

Von links: "Hele Sa Hiwagang Hapis", "The Night Manager", "Chamissos Schatten"

Eine Ehre ist Lav Diaz schon sicher: Mit "Hele Sa Hiwagang Hapis" liefert der gefeierte philippinische Autorenfilmer den längsten Wettbewerbsfilm der Berlinale-Geschichte. 482 Minuten dauert sein Schwarz-Weiß-Epos über Andrés Bonifacio y de Castro, den berühmtesten Kämpfer gegen die spanische Kolonialherrschaft auf den Philippen, an. Gut möglich, dass an ihrem Ende noch die Ehre eines goldenen Bären hinzukommt.

Binge-Watching kommt eigentlich vom Serienfernsehen, wo es das Verschlingen ganzer Staffeln an einem Stück beschreibt. Serienpremieren gibt es auf dieser Berlinale auch wieder: Sechs internationale Produktionen stellen sich im Rahmen des "Special Series" vor. Mit größter Spannung dürfte "The Night Manager" erwartet werden. Hugh "House" Laurie kehrt ins TV zurück, mit Tom Hiddleston und Olivia Colman an seiner Seite und unter der Regie von Oscar-Gewinnerin Susanne Bier ("In einer besseren Welt").

Gegen Ulrike Ottingers Mammutprojekt "Chamissos Schatten" (Forum) stinkt aber noch jede Serie und jedes Special ab: In drei Kapiteln mit insgesamt 720 Minuten Laufzeit, also rund 12 Stunden, begibt sich die legendäre Künstlerin und Regisseurin auf die Spuren von Adalbert von Chamisso. Diese führen sie von Alaska über Tschukotka bis nach Kamtschatka, immer begleitet von den Tagebüchern Chamissos, denen Ottinger ihr eigenes Logbuch über die einzigartige Reise entgegensetzt.

Drei Trendländer

Von links: "Crosscurrent", "Tempestad", "Zjednoczone stany milosci"
Pimienta Films; Oleg Mutu/ Berlinale

Von links: "Crosscurrent", "Tempestad", "Zjednoczone stany milosci"

Keine Berlinale ohne Trendland: 2014 beeindruckte das chinesische Kino mit exzellentem Genre-Kino. Ein Auftritt, der vom Goldenen Bären für den Neo-Noir-Thriller "Feuerwerk am helllichten Tag" gekrönt wurde. Auch 2016 ist China im Wettbewerb vertreten. Yang Chaos "Chang Jiang Tu" ("Crosscurrent") folgt einem jungen Kapitän den Jangtse flussaufwärts. Von der Trauer um den verstorbenen Vater betäubt, verschieben sich Zeit und Raum in der Wahrnehmung des Mannes, bis sich ein magisch aufgeladenes Panorama des historischen und zeitgenössischen Chinas ergibt.

2015 bestimmte Chile das Festival: "El Club" und "Der Perlmuttknopf" gehörten zu den unbedingten Highlights des Wettbewerbs und markierten gleichzeitig die Vielfältigkeit des chilenischen Kinos. In diesem Jahr setzt Mexiko nach: Das Land ist im Wettbewerb, bei den Kurzfilmen, der Generationenreihe und im Forum vertreten. In letzterer Sektion läuft "Tempestad", Tatiana Huezos Dokumentarfilm über eine Gruppe von Menschen, die als Sündenböcke für den verfehlten Kampf gegen die organisierte Kriminalität herhalten müssen und zu Unrecht des Menschenhandels angeklagt werden.

Zwei Mal war die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska bereits im Wettbewerb vertreten: 2013 mit dem feinfühligen Pädophilen-Drama "Im Namen des..." und 2015 mit der grandiosen Tragikomödie "Body", für die sie mit dem silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichneten. 2016 ist Szumowska Mitglied der internationalen Jury, aber ihr Tomasz Wasilewski dürfte Polen mehr als würdig vertreten: Sein Wettbewerbsspielfilm "Zjednoczone stany milosci" ("United States of Love") porträtiert vier Frauen in der Provinz, die stellvertretend für die polnische Gesellschaft die Umbrüche Anfang der Neunzigerjahre erleben.


Das gesamte Programm der Berlinale finden Sie hier.

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