Berlinale 2013: Wir machen uns jetzt breit
Oh, guck mal da, die Jolie! Und da! Der...äh...Til Schweiger. Na ja. An Glamour kann es die Berlinale nicht mehr mit Cannes oder Toronto aufnehmen. Macht aber nichts. Die Berliner Filmfestspiele strecken ihre Fühler in viele andere, aufregende Bereiche aus - zum Beispiel ins Fernsehen.
Wenn sich am Nachmittag des 15. Februars Nicolas Cage ("Lucas, der Ameisenschreck", "G-Force - Agenten mit Biss") auf einer Pressekonferenz darüber auslassen wird, wie es so war, in dem Animationsfilm "The Croods" einem prähistorischen Höhlenmenschen namens Grug seine Stimme zu geben, werden sich vielleicht ein paar Berlinale-Besucher im Stillen denken, dass sie sich das mit dem Hollywood-Glamour bei einem sogenannten A-Festival dann doch anders vorgestellt haben.
Die Diskussion darüber, warum es der Berlinale immer weniger gelingt, die aufregendsten Filme und Schauspieler anzuziehen (und an sich zu binden), dauert fast schon so lang, wie Dieter Kosslick das Festival leitet - und das sind immerhin 13 Jahre. Kosslick hat als Grund die Vorverlegung der Oscars genannt, die zur Folge hatte, dass internationale Großproduktionen für ihre Weltpremieren nicht mehr auf die Berlinale warten konnten; er hat auf das nasskalte Berliner Februar-Wetter im Vergleich zur Sonne von Cannes im Mai verwiesen und auf die Konkurrenz durch das Filmfestival von Toronto, das für viele US-Stars räumlich näher liegt und so von Jahr zu Jahr mehr glamouröse Premieren zu bieten hat.
Sehr viel deutet daraufhin, dass sich die Berlinale von diesem brain drain nicht mehr erholen wird. Eine Terminverschiebung ist aufgrund des engen internationalen Event-Kalenders zum Beispiel gar nicht denkbar. Und noch mehr, nun ja, "Arrangements" wie etwa in diesem Jahr, in dem Jury-Präsident Wong Kar-Wai gleich auch noch den Eröffnungsfilm beisteuern darf, kann sich ja auch niemand wünschen. Dennoch ist die Berlinale gut für die Zukunft gewappnet. Immer stärker zeichnet sich eine Strategie ab, wie die Berliner Filmfestspiele zwar nicht in die aufsehenerregende Anspruchs-Höhe, aber in die populäre Weite wachsen und interessante Diskussionen anschieben können.
Das passiert vor allem durch Crossover-Ansätze, die das Kino neu in der Stadt und in Themenfeldern positionieren. Selbst der neue Kräftekampf zwischen Kino und Fernsehen wird dabei zum Thema. Offensichtlichstes Beispiel für das Kino-Crossover ist sicherlich Kosslicks Initiative "Berlinale goes Kiez". In deren Rahmen werden publikumswirksame Filme auch jenseits des hermetisch abgeschlossen wirkenden Festivalzentrums am Potsdamer Platz gezeigt - zum Beispiel Thomas Arslans Wettbewerbsbeitrag "Gold" in Weißensee oder der mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Panorama-Film "Maladies" von Carter in Schöneberg.
Eine neue thematische Verortung bietet dagegen beispielsweise die Programmierung des sehr sehenswerten Porträts des brasilianischen Installationskünstlers Hélio Oiticica (1937 - 1980). In der Forums-Reihe präsentiert der Neffe Oiticicas, Cesar Oiticica Filho, seine Collage aus neu entdeckten Super-8-Aufnahmen und Archivmaterial. Ihm gelingt so ein sinnlich überwältigender Bilderreigen, der das Rauschhafte in den Auftritten und Werken seines Onkels betont. Wie repräsentativ das ist, lässt sich direkt vor Ort überprüfen. In zwei begleitenden Ausstellungen - im Hamburger Bahnhof sowie im Liquidrom - sind Installationen von Oiticica zu sehen. Wie sich das in den Galerien Gezeigte zu dem auf der Leinwand Gezeigtem verhält, dürfte interessant werden.
Auch der Panorama-Special-Film "The Broken Circle" lädt zu einem Mediensprung ein: In dem belgischen Liebesdrama spielen die Hauptfiguren Didier (Johan Heldenbergh) und Elise (Veerle Baetens) in einer Bluegrass-Band - und die wird im Anschluss an die erste Aufführung des Films am kommenden Sonntag in Berlin auftreten.
Qualitätsfernsehen orientiert sich immer mehr am Kino - sowohl in der Ästhetik als auch im Produktionsaufwand. Aber gehört TV deshalb auch ins Kino? Kann es auf der Leinwand bestehen? Dieser Diskussion nahm sich die Berlinale bereits 2010 an, als sie Dominik Grafs Krimi-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" in zwei Blöcken zeigte - und die Kritiker begeisterte. Auch in diesem Jahr ist eine Fernsehserie auf den Filmfestspielen zu sehen. Oscar-Preisträgerin Jane Campion zeigt ihre Arbeit "Top of the Lake" über eine junge, neuseeländische Polizistin, die eine schwangere Zwölfjährige finden muss. Entsprechend des Nutzungverhaltens des durchschnittlichen Serienfans wird auch "Top of the Lake" im binge-Modus präsentiert: alles auf einmal, alle sechs Folgen am Stück. Dass danach wieder die Diskussion aufflammen wird, ob das Fernsehen nicht längst die interessanteren Erzählperspektiven bietet, kann als gesichert gelten.
Natürlich können solche Programmierungen auch die Grenze zum Eventspektakel überschreiten. So kommt die Nebenreihe "Kulinarisches Kino" mit ihrer Kombination aus Filmen, die das Thema Ernährung behandeln (oder streifen), und Menüs von Sterneköchen eher wie ein Privatanliegen des Gourmets Kosslick daher. Dennoch ist die neue Beweglichkeit des Kinos, die die Berlinale vielleicht nicht freiwillig, aber dennoch überzeugend vorantreibt, ein Gewinn. Die Frage nach der Relevanz des Kinos in Zeiten von DVD-Boxen und Streaming-Plattformen stellt sich drängender denn je - und sie stellt sich nicht zuletzt jenseits der Festivalzentren, in denen sich die ohnehin Kinobegeisterten einfinden. Dass die Berlinale im besten Sinne ausfranst, lässt deshalb darauf hoffen, dass ihr bald eine neue Bedeutung zukommt. Eine, die nicht von Stars getragen wird, sondern von einem Publikum, das sich ernst genommen fühlt.
"Gold" von Thomas Arslan ist am 10.2. im Toni & Tonino in Weißensee zu sehen.
"Maladies" von Carter läuft am 12.2. im Odeon in Schöneberg.
"Hélio Oiticica": Filmpremiere am 11.2. um 16.45 Uhr im Delphi Filmpalast. Installationen: Vom 8. bis 17.2 im Hamburger Bahnhof sowie am 12.2. ab 22 Uhr im Liquidrom.
"The Broken Circle" ist unter anderem am 10.2. um 17.45 Uhr im CineStar sowie am 12.2. im Friedrichstadtpalast zu sehen.
"Top of the Lake" läuft am 10.2. um 15 Uhr im Haus der Berliner Festspiele und am 15.2. um 18 Uhr im CineStar.
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