Berlinale-Filme aus Osteuropa: Mutti, das Monster

Von Simon Broll

Ein polnischer Pfarrer kämpft gegen seine Homosexualität, ein russischer Bauer gegen Korruption und eine rumänische Mutter für ihren Sohn - indem sie den Tod eines anderen Kindes vertuschen will. Die Berlinale-Filme aus Osteuropa setzen auf harte Themen. Und überzeugen.

Wie viel kostet ein Kinderleben? Cornelia, die Hauptfigur in Calin Peter Netzers Berlinale-Beitrag "Child's Pose", ist bereit, den Eltern eines bei einem Verkehrsunfall getöteten Jungen Geld zu geben, viel Geld, damit diese ihre Anzeige gegen den Todesfahrer zurückziehen - Cornelias Sohn Barbu.

Die 60-Jährige liebt ihren Sohn bedingungslos. Über die Jahre hat sich Barbu der Mutterliebe entzogen und hält Abstand. Doch als er auf einer Landstraße vor Bukarest ein Kind überfährt, braucht er Hilfe. Und Cornelia ist zur Stelle. Die Architektin lässt Kontakte spielen, fälscht Aussagen, bietet Geld. Alles mit dem Ziel, Barbu vor dem Gefängnis zu bewahren.

Luminita Gheorghiu spielt diese kühl taktierende Frau aus der rumänischen Oberschicht mit so viel körperlicher Präsenz, dass sie schon jetzt als Favoritin für den Darstellerinnen-Preis gilt. Die Handkamera, längst ein Markenzeichen des rumänischen Kinos, bleibt den gesamten Film über an ihrer Seite. Den Unfall kann der Zuschauer nicht sehen, nur die unmittelbare Reaktion von Cornelia, als sie im Theaterfoyer die Nachricht erhält. Statt nach dem toten Kind oder den Eltern zu fragen, erkundigt sie sich nur nach Barbu. Es ist diese Gefühlskälte, die Cornelia zur wohl unsympathischsten Figur der diesjährigen Berlinale werden lässt.

Dass das rumänische Kino auf Festivals zu überzeugen weiß, ist spätestens seit 2007, als Cristian Mungiu in Cannes mit "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" triumphierte, bekannt. Mittlerweile haben aber auch andere osteuropäische Länder nachgezogen und neue Förderprogramme aufgesetzt. Allein im aktuellen Wettbewerb der Berlinale stammen fünf von 19 Filmen aus dem ehemaligen Ostblock, neben Rumänen aus Polen, Russland, Kasachstan und Bosnien-Herzegowina.

Der Pfarrer, der die Männer liebt

"Das osteuropäische Kino hat Weltniveau erreicht", sagt Nikolaj Nikitin. Er ist als Delegierter der Berlinale für Osteuropa zuständig und wählt Beiträge aus dieser Region für den Wettbewerb aus. In den ehemaligen Sowjetstaaten sei eine neue Generation von Filmemachern am Werk, die sich kritisch mit der Geschichte ihrer Länder, aber auch mit aktuellen Gesellschaftsproblemen auseinandersetzt. "Letztendlich geht es in den betreffenden Wettbewerbsfilmen um den Kampf gegen bestehende Systeme", sagt Nikitin.

Mal ist der Feind die Machtelite, die in "Child's Pose" kritisiert wird. Mal ist es ein religiöses Wertesystem, wie in Malgorzata Szumowskas beeindruckendem Priesterdrama "In the Name of": Die Polin erzählt in ruhigen, fast malerischen Bildern vom katholischen Pfarrer Adam (Andrzej Chyra), der in der Provinz ein Camp für straffällige Jugendliche leitet. Mit seiner besonnenen Art kommt der Geistliche bei seinen Schützlingen gut an, die Dorfgemeinde akzeptiert ihn, die Kirche ist gefüllt. Doch der Gottesmann hat weltliche Verlangen: Er sehnt sich nach Nähe - und nach jungen Männerkörpern.

Mit Ersatzbefriedigungen versucht Adam, den Versuchungen in seiner Umgebung zu widerstehen. Jeden Tag joggt er durch den Wald, den Kameramann Michal Englert in blauen Nebel hüllt und damit mythisch auflädt. "Laufen ist auch beten", erklärt Adam seine Form der Buße für unkeusche Gedanken. Dennoch kommt er mit der Zeit dem introvertierten Lukasz näher, einem Außenseiter, der sich auch zum Geistlichen hingezogen fühlt.

Reifer Pfarrer, junger Mann: Aus dieser Konstellation hätte man leicht auf die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche schließen können, die etwa in Deutschland, den USA oder Polen aufgedeckt worden waren. Doch für Szumowska wäre solch ein Ansatz "zu einfach" gewesen, wie sie auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Filmpremiere erklärte. "Einen Kinderschänder kann man nicht verstehen", sagte Szumowska, die auch das Drehbuch verfasst hat. "Ich wollte einen Pfarrer zeigen, mit dem man mitfühlt."

"High Noon" in Murmansk

Das gelingt. "In the Name of" erzählt eine unaufdringliche, zutiefst traurige Geschichte über einen Menschen, der sich so einsam fühlt, dass er in einem Moment der Schwäche das Gemälde von Papst Benedikt XVI. von der Wand nimmt, um jemanden zum Tanzen zu haben.

Das Kino aus Osteuropa, wie es sich im Berlinale-Wettbewerb präsentiert, setzt auf regional verankerte Geschichten. Es erzählt Einzelschicksale, die zugleich die sozialen Probleme einer Nation aufzeigen. So auch in Boris Khlebnikovs "A Long and Happy Life" aus Russland. Darin will Jungbauer Sascha (Alexander Yatsenko) die Kartoffelfarm seiner Eltern verkaufen und in die Stadt ziehen. Doch die Feldarbeiter überreden ihn, die ehemalige Kolchose zu behalten.

Während Dorfbeamte dem jungen Mann mit Zwangsenteignung drohen, wenden sich immer mehr Arbeiter von Sascha ab. Die Bauerngemeinde, in vielen sowjetischen Filmen als starke Einheit beschworen, zerbricht. Zum Schluss bleibt Sascha alleine zurück und wartet, dass die Polizei ihn auf amtlichen Beschluss von seinem Land vertreibt. Ein einzelner Held im Kampf gegen eine Bande: Erinnerungen an Gary Cooper in "High Noon" werden wach.

Tatsächlich erklärte Regisseur Khlebnikov, dass er den US-Klassiker im Kopf hatte, als er sich an das Drehbuch setzte. Doch trotz Western-Idee ist "A Long and Happy Life" ein russischer Film geworden, der vom Niedergang einer einst prosperierenden Agrargesellschaft erzählt. Dafür sorgen nicht nur die vielen Laiendarsteller, die in sowjetischer Filmtradition das ausgebeutete Arbeitervolk verkörpern. Auch die atemberaubenden Fluss- und Landschaftsaufnahmen, die Kameramann Pavel Kostomarov (2010 mit dem silbernen Bären ausgezeichnet für "How I Ended this Summer") von der Murmansk-Region einfängt, verorten den Film klar in Nordrussland.

Harte Themen, starke Schauspieler und eine fesselnde Filmästhetik: Osteuropas Filmemacher zeigen auf der Berlinale, dass man mit ihnen rechnen muss. Die Chancen stehen gut, dass ihre Arbeiten mit Preisen bedacht werden. Vielleicht sogar schon an diesem Samstag.

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Berlinale-Spezial 2013