Berlinale-Tagebuch Auch Sozialarbeiterinnen schießen scharf

Vier deutsche Filme sind im Berlinale-Wettbewerb zu sehen. Der erste lässt schon mal auf wenig Gutes hoffen. Und auch Frankreich enttäuscht trotz Stars wie Harvey Keitel und Forest Whittaker mit dem Remake von "Endstation Schafott". Da schlagen sich die Briten besser.

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Was gesehen? "Jack" von Edward Berger (Deutschland), "La voie de l'ennemi" von Rachid Bouchareb (Frankreich), "'71" von Yann Demange (Großbritannien) (alle Wettbewerb)

Wie war's? Wenn die Berlinale am Donnerstag mit einem Grand Hotel von einem Film begann - internationaler Anspruch, üppigste Ausstattung, penibler Service -, dann startete der erste reguläre Wettbewerbstag mit der Eröffnung einer Provinzpension. Einfachste Möblierung, anspruchslose Ästhetik, nachlässiges Personal - nein, mit der Entscheidung, den deutschen Film "Jack" von Edward Berger in den Wettbewerb zu nehmen, hat sich die Berlinale wahrlich keinen Gefallen getan.

Die Geschichte um den 10-jährigen Jack (Ivo Pietzker), dessen junge, feierlustige Mutter ihn so vernachlässigt, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als sich allein um seinen kleinen Bruder zu kümmern, erreicht nie Kinoformat. Belanglos sind die Bilder, die Kameramann Jens Marant vom Berliner Parcours, durch den die beiden Jungen hetzen, einfängt. Eindimensional sind die Figuren, die die Bedürftigkeit der Kinder so gnadenlos ignorieren, dass nicht ein Panorama sozialer Kälte entsteht, sondern ein Panoptikum von Arschlöchern.

Deutlich mehr Kino wagt da Rachid Bouchareb mit "La voie de l'ennemi". Das Remake von "Endstation Schafott" ist bei ihm im pittoresken US-Bundesstaat New Mexico angesiedelt, und die Breitwandaufnahmen von staubigen Horizonten und glühenden Sonnenuntergängen lässt sich Yves Cape (Kamera) nicht nehmen. Zusammen mit den immer sehenswerten Darstellern Forest Whittaker (in der Rolle von Alain Delon) und Harvey Keitel (in der Rolle von Michel Bouquet) kommt der Film verheißungsvoll daher. Doch zum Moment der Verheißung gesellt sich leider keiner der Eskalation oder gar Erfüllung.

Die Geschichte vom reumütigen Polizistenmörder Garnett (Whittaker), der nicht weiß, ob ihn der rachsüchtige Sheriff (Keitel) oder sein rücksichtsloser Gangsterkollege von einst (Luis Guzman) vor die härtere Probe stellt, schreitet bedächtig ihrem voraussehbaren Ende entgegen. Zwei Mal sieht man Whittaker auf einem Motorrad durch die Wüste von New Mexico brausen. Beim ersten Mal verzieht er seinen Mund zu einem breiten Grinsen, so sehr genießt er das Gefühl von Freiheit nach 18 Jahren im Gefängnis. Beim zweiten Mal haben ihm seine Freunde von damals und seine Feinde von heute so zugesetzt, dass die Fahrt auf dem Motorrad nurmehr einer Flucht gleicht und er vor Verzweiflung schreit. Letzteres möchte man als Zuschauerin zwar nicht machen, aber ein bisschen mehr Esprit und Dringlichkeit hätte man sich doch gewünscht.

Da kommt die Angespanntheit von Yann Demanges Actiondrama "'71" über den Nordirlandkonflikt eigentlich gerade richtig. In seinem Debütfilm erzählt der Franko-Brite von den Erlebnissen des englischen Soldaten Gary Hook, der seinen ersten Einsatz nicht wie erwartet in Deutschland hat, sondern im eigenen Land - im nordirischen Belfast, das immer mehr in den Bürgerkrieg abgleitet.

Mit Jack O'Donnell (Cook aus der TV-Serie "Skins") hat Demange einen Hauptdarsteller, der ziemlich gut die Balance zwischen grobschlächtig und diffus sympathisch trifft. Er hat sich nicht viele Gedanken über den Konflikt gemacht, bevor er das erste Mal vom Truck springt, um ein katholisches Familienhaus nach Waffen zu durchsuchen. Doch wie bei Kriegsfilmen - und das ist "'71" letztlich - üblich, schützt Unwissen vor Schuld nicht. Hook gerät bei dem Einsatz zwischen die Fronten, nicht nur die offiziellen zwischen Loyalisten und Unionisten, sondern auch die inoffiziellen zwischen Doppelagenten, Überläufern und Verrätern. Fast wechseln die Loyalitäten schneller als die Kugeln fliegen. Das verleiht dem Film eine Unübersichtlichkeit, die dem Konflikt angemessen ist. In die Tiefe stößt Demange jedoch nie vor. Grobschlächtig und diffus sympathisch, das trifft auch auf diesen Film zu.

Beste Szene? Aus "La voie de l'ennemi": Als Brenda Blethyns Bewährungshelferin Emily (in einer Variation der Rolle von Jean Gabin)abends auf der Veranda ihres neuen Hauses Chansons hört, ein Bierchen trinkt - und ihre Pistole säubert.

Schlimmste Szene? Wilde Tänzer in Industrieruinen, dazu nackte Frauen und apathische Drogenkonsumenten, die zwei Kinder auf dem Dancefloor partout nicht wahrnehmen: Ja, so stellt sich das deutsche Redakteursfernsehen die Berliner Technoszene vor. Oder lässt sie in "Jack" als solche durchgehen.

Star des Tages Vom Donnerstagabend nachnominiert: Newcomer Tony Revolori aus "Grand Budapest Hotel" - für die charmanteste und irreführendste Jason-Schwartzmann-Parodie.

Was gelernt? Haben hoffentlich die internationalen Casting-Verantwortlichen: Die wunderbare Brenda Blethyn ("Grabgeflüster") sollte man wirklich wieder öfter im Kino sehen können.

Der Berlinale-Wettbewerb im Überblick

The Grand Budapest Hotel
Ein einsames Hotel, irgendwo in den Bergen. Was sich anhört wie die erste Szene in Stanley Kubricks Horrorkultfilm "Shining", wird in den Händen des amerikanischen Weirdo-Regisseurs Wes Anderson zur Fabel über Gesellschaft, Familie und Liebe im Europa der zwanziger Jahre: Als ein Hotelconcierge nach einer Affäre mit einer steinreichen Greisin zu deren Alleinerben erklärt wird, überschlagen sich die Ereignisse. Besetzt u.a. mit einer Tilda Swinton, die mal nicht ihre androgyne Schönheit ausspielt, sondern als steinalte Millionärin vor lauter Hängebacken kaum zu erkennen ist. Anderson eröffnet dieses Jahr die Berlinale, 2002 war er bereits mit "The Royal Tenenbaums" und 2005 mit "Die Tiefseetaucher" im Wettbewerb vertreten, gewonnen hat er noch nicht.

Kraftidioten
Vielleicht drehen Filmemacher aus dem hohen Norden so viele Komödien mit Brutalo-Touch, weil Blut auf weißem Schnee besonders gut aussieht. Der norwegische Regisseur Hans Petter Moland bildet mit seinem Wettbewerbsbeitrag keine Ausnahme: Als Schneepflugfahrer Nils vom Tod seines Sohns erfährt, beginnt er eigene Nachforschungen. Und taucht in die norwegische Unterwelt ab. Regisseur Hans Petter Moland war schon vor vier Jahren mit der Tragikomödie "Ein Mann von Welt" im Berlinale-Wettbewerb. Stellan Skarsgård spielte damals einen schweigsamen Ex-Häftling. Jetzt gibt er den schweigsamen Schneepflugfahrer. Auch dabei: Bruno Ganz als serbischer Mafiaboss.

Zwischen Welten
Vor zehn Jahren gewann Fatih Akin mit "Gegen die Wand" den Goldenen Bären. Seitdem konnte sich kein deutscher Film mehr im Wettbewerb durchsetzen. Dieses Jahr starten mit vier Filmen immerhin so viele deutsche Produktionen im Wettbewerb wie seit 18 Jahren nicht mehr. Einer von ihnen ist Feo Aladags Drama über den Einsatz von Isaf-Soldaten in Afghanistan: Obwohl sein Bruder beim Dienst in Afghanistan ums Leben kam, meldet sich der deutsche Soldat Jesper wieder zum Einsatz, um in dem Land ein abgelegenes Dorf vor den Taliban zu schützen. In den Hauptrollen: Ronald Zehrfeld und der noch unbekannte Mohamad Mohsen.

Die geliebten Schwestern
Seit acht Jahren hat Dominik Graf bei keinem abendfüllenden Kinofilm Regie geführt, erschuf mit der Mini-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" dafür aber das Interessanteste, was der deutsche TV-Krimi in den letzten Jahren zu bieten hatte. Doch auf Genres oder gar aufs Medium festlegen lässt sich der Mann nicht. So geht es in seinem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag um ein polyamouröses Beziehungsgeflecht zur Zeit der Weimarer Klassik: Der Dichter Friedrich Schiller liebt zwei Schwestern. Die unglücklich verheiratete Caroline und ihre Schwester Charlotte teilen sich den Autor. Als Caroline schwanger wird, zerbricht das fragile Gleichgewicht der Dreierbeziehung.

Jack
Jack schmeißt den Haushalt, weckt morgens den kleinen Bruder, macht das Essen. Denn einen Vater hat der Zehnjährige nicht, und die Mutter ist kaum da. Als sie eines Tages ganz verschwindet, macht sich Jack zusammen mit seinem jüngeren Bruder auf die Suche nach ihr. Filmemacher Edward Berger ist ein Neuling im Berlinale-Wettbewerb. Fernsehfans kennen ihn als Regisseur der ZDF-Erfolgskomödie "Mutter muss weg" mit Bastian Pastewka in der Hauptrolle.

Kreuzweg
Maria lebt zwischen zwei Welten: In der Schule ist die 14-Jährige ein ganz normaler Teenager, der entdeckt, dass Jungs mehr als nur Freunde sein können. Zu Hause muss sie den Lehren der erzkonservativen Priesterbruderschaft folgen. Wie viel kann ein Mensch ertragen, bis er am gelebten Gegensatz zerbricht? Regisseur Dietrich Brüggemann ist 2014 zum ersten Mal mit einem Film im Wettbewerb vertreten – seine Tragikkomödie "Renn, wenn Du kannst" lief aber schon vor vier Jahren in der Sektion "Perspektive deutsches Kino".

Macondo
Knapp 45 Minuten entfernt von Wiens Zentrum liegt die Flüchtlingssiedlung Macondo. 3000 Asylsuchende sind hier untergebracht. Diese real existierende Lebenswelt beschäftigt die Regisseurin Sudabeh Mortezai in ihrem ersten langen Spielfilm: Der muslimische Junge Ramasan ist gemeinsam mit Mutter und Schwestern aus Tschetschenien hergekommen, der Vater des Elfjährigen ist im Kampf gegen die Russen gefallen – so lautet zumindest die Version, die Ramasan kennt. Als plötzlich ein Freund des Vaters aus alten Tagen auftaucht, wird Ramasans Weltbild auf eine harte Probe gestellt.

Tui Na
Starker Auftritt für den chinesischen Film im Wettbewerb: Insgesamt drei Filme schickt das Land ins Rennen um den Goldenen Bären. Einer von den chinesischen Hoffnungsträgern: Der Regisseur Lou Ye mit seinem Porträt des blinden Manns Ma, der zusammen mit anderen Blinden in einer Massagepraxis arbeitet. Yes Filme liefen schon auf den Festivals von Cannes und Venedig. Auf der Berlinale ist der Regisseur, der für Tui Na mit sehenden und blinden Schauspielern zusammenarbeitete, aber zum ersten Mal Gast.

Boyhood
Richard Linklater ist ein alter Bekannter auf der Berlinale: Mit seiner zarten Liebesgeschichte "Before Sunrise" gewann er 1995 einen Silbernen Bären für die beste Regie. Für seinen diesjährigen Wettbewerbsfilm versammelte der amerikanische Regisseur sein Schauspielerensemble seit 2002 jedes Jahr für einige Tage Dreharbeit. So konnte er den Hauptcharakter, den er von den schulischen Anfängen bis zum Eintritt ins College begleitet, immer mit demselben Schauspieler besetzen. Neben Ellar Coltrane mit dabei: Ethan Hawke als freakiger Vater und Patricia Arquette als alleinerziehende Mutter.

Aimer, boire et chanter
Vor 16 Jahren wurde Altmeister Alain Resnais auf der Berlinale für sein Lebenswerk mit dem Silbernen Bären geehrt – eine irgendwie verfrühte Auszeichnung, denn der mittlerweile 91-jährige Franzose ist nach wie vor filmisch umtriebig. In seinem diesjährigen Wettbewerbsfilm beschäftigen ihn einmal mehr die Leidenschaften, die hinter der Fassade bürgerlichen Lebens lauern: Mitten in den Proben zu einem Theaterstück erfährt Kathryn, dass ihr alter Freund George todkrank ist. Nicht nur für Kathryn, die mal mit George liiert war, sondern auch für ihre Freundinnen gerät die Alltagswelt aus den Fugen. Getrieben von Begehren und Sehnsüchten entbrennt unter ihnen ein Streit darüber, wer George auf eine letzte Reise begleiten darf.

La voie de l'ennemi
Eine Kleinstadt mitten in der texanischen Wüste: In diesem Niemandsland wird ein Häftling aus dem Gefängnis entlassen. William Garnett will ein neues Leben beginnen. Jedoch wissen die anderen Einwohner um seine kriminelle Vergangenheit. Bald sitzen Garnett ein auf Vergeltung sinnender Sheriff und ein ehemaliger Kumpan aus der Unterwelt im Nacken. In den Hauptrollen des Films von Rachid Bouchareb: Forest Whitaker als Häftling William Garnett und Harvey Keitel als sein Gegenspieler. Bouchareb war bereits dreimal für einen Goldenen Bären nominiert – ob er ihn 2014 mit diesem starken Schauspielerensemble im Rücken mit nach Hause nehmen darf?

'71
Belfast, 1971: Der Nordirland-Konflikt wird immer mehr zum Bürgerkrieg. Mitten in den unübersichtlichen Machtkämpfen auf den Straßen Belfasts wird der junge Rekrut Gary beim Streifegehen von seiner Einheit getrennt. Zwischen paramilitärischen Einheiten, radikalen Streetgangs und Undercoveragenten muss er seinen Weg zurück zum Stützpunkt finden – und erlebt eine Nacht voller Angst und Ungewissheit. Schon 2007 nahm Regisseur Yann Demange am "Berlinale Talent Campus" teil. Dieses Jahr läuft mit "'71" sein erster Spielfilm im Wettbewerb. In der Hauptrolle: Der britische Nachwuchsstar Jack O'Connell, bekannt aus der britischen Teenager-Serie "Skins".

La tercera orilla
Nicolás' Vater führt ein Doppelleben: Der angesehene Arzt in einer Kleinstadt im Nordosten Argentiniens hat zwei Familien – ein Geheimnis, von dem alle wissen, über das aber keiner spricht. Als er Nicolás nahelegt, in seine Fußstapfen als Arzt und Ranchbesitzer zu treten, erwacht in dem Jugendlichen Widerstand gegen den autoritären Machismo des Vaters. Vor zwei Jahren zeigte die argentinische Regisseurin Celina Murga auf der Berlinale in der experimentierfreudigen Nebensektion "Forum" den feinen Dokumentarfilm "Escuela Normal" über die Wahlkampfvorbereitungen der Kandidaten einer Schülervertretung. Jetzt hat sie zum ersten Mal Chancen auf einen Goldenen Bären

Bai Ri Yan Huo
Den Ruf eines cineastischen Krimi-Lands hatte China in Filmkreisen bislang eher nicht – noch nicht. Dieses Jahr schickt Regisseur Diao Yinan ("Night Train") einen klassischen Detektivfilm ins Rennen um den Goldenen Bären: 1999 werden in einer Kleinstadt im Norden Chinas eine Reihe von Leichen gefunden. Bei der Festnahme des mutmaßlichen Mörders kommt es zu einem blutigen Zwischenfall, zwei Polizisten sterben. Als fünf Jahre später wieder mysteriöse Morde geschehen, nimmt ihr ehemaliger Kollege auf eigene Faust die Ermittlungen auf.

Historia del miedo
Ein Polizeihubschrauber kreist über einer Gated Community am Rande einer Großstadt. Etwas muss vorgefallen sein - die Ordnungshüter sind schon zur Stelle. In seinem Spielfilmdebüt arbeitet sich der argentinische Regisseur Benjamin Naishtat an den Ängsten der argentinischen Wohlstandsklasse ab, für die schon ein Loch im Zaun eine lebensgefährliche Bedrohung darstellt. Mit seiner "Geschichte der Angst" schaffte es der erst 27-jährige Naishtat in das Rennen um dem Goldenen Bären.

Praia do futuro
Identitätssuchen sind das Spezialgebiet des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz: Sein Spielfilmdebüt, das 2002 in Cannes gezeigt wurde, beschäftigte sich mit dem Leben eines Brasilianers, der Transvestit, Vater, Verbrecher und Koch zugleich war. Im Berlinale-Wettbewerb präsentiert Aïnouz jetzt die Sinnsuche des brasilianischen Rettungsschwimmers Donato. Als eines Tages zwei Männer in eine gefährliche Strömung geraten, kann er nur einen von ihnen retten: Den deutschen Touristen Konrad. Die beiden verlieben sich, Donato folgt Konrad in dessen Heimat Berlin – um dort im Strudel der Stadt auf der Suche nach sich selbst mehr Fragen als Antworten zu finden.

To Mikro Psari
Nachts arbeitet Stratos in einer Brotfabrik, tagsüber bringt er gegen Bezahlung Menschen um, weil er das Geld braucht. Für Stratos gebietet es die Ehre, dass er die Gefängnisbefreiung seines Kumpels finanziert, weil der ihm mal das Leben rettete. In seinem vierten Spielfilm nutzt Yannis Economides die Kinofigur des Auftragsmörders für einen Blick in eine desolate Welt. Der Regisseur nimmt zum ersten Mal an der Berlinale teil.

Wu Ren Qu
"Das ist eine Geschichte über Tiere", kündigt der Held des Films an, ein aus der Großstadt stammender Rechtsanwalt. Ob damit tatsächlich nur die Falken gemeint sind, die im nächsten Bild zu sehen sind? Denn als der Anwalt für einen Prozess in das felsenreiche Niemandsland in Xinjiang reisen muss, wird er zum Getriebenen von Menschen ohne Moral. "Wu Ren Qu" wurde schon vor vier Jahren fertiggestellt, doch die chinesische Filmbehörde stellte immer wieder neue Schnittauflagen an den staatskritischen Regisseur Ning Hao. Auf der Berlinale läuft eine Version, für die einige Szenen nachgedreht wurden.

Chiisai Ouchi
Ein junger Mann entdeckt durch Zufall das Tagebuch einer verstorbenen Verwandten: Die alte Frau beschreibt darin ihr Leben als Angestellte bei einer reichen Familie aus Tokio. Als Hausmädchen bekommt die junge Frau mit, wie die Hausherrin eine heimliche Liebesaffäre mit einem jungen Kunstschulabsolventen beginnt – und muss eines Tages eine schwere Gewissensentscheidung treffen. Regisseur Yoji Yamada, Schüler des japanischen Meisterregisseurs Ozu Yasujiro, feierte mit dem Film "Tokyo Kazoku" schon im vergangenen Jahr eine internationale Premiere bei der Berlinale.

Aloft
2009 gewann die peruanische Regisseurin Claudia Llosa den Goldenen Bären mit "La teta asustada". Jetzt startet Llosa mit dem Drama "Aloft" im Wettbewerb: Zusammen mit einer jungen Dokumentarfilmerin reist Iván durch eine unbekannte Winterlandschaft. Der Grund der Reise: Iván ist auf der Suche nach seiner Mutter Nana. Llosas Film über die Vereinbarkeit von Verantwortung und Neuanfang ist mit Cilian Murphy und Jennifer Connelly in den Hauptrollen hochkarätig besetzt.

Nymphomaniac Volume I
Nach 20 Jahren kehrt Regisseur Lars von Trier, berühmt und berüchtigt für Provokation und Radikalität, zurück zur Berlinale. 1984 präsentierte er in der Panorama-Sektion seine Abschlussarbeit von der Dänischen Filmhochschule. Jetzt zeigt er im Wettbewerb außer Konkurrenz den ersten Teil seines neuen Epos "Nymphomaniac": Die selbstdiagnostizierte Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg) erzählt einem alten Junggesellen (Stellan Skarsgård) ihre lustvolle, schmerzhafte Lebensgeschichte. Die Berlinale-Besucher sehen die ungekürzte – sexuell explizitere - Fassung des Films.

La belle et la bête
Die Berlinale hat unter den internationalen Filmfestivals den Ruf, den Wettbewerb vor allem mit Gesellschaftsdramen mit hohem sozialkritischen Anspruch zu bestücken. Christophe Gans' Fantasy-Verfilmung des französischen Märchenklassikers "Die Schöne und das Biest" fällt da irgendwie aus der Reihe. Der bekannte Plot: Um ihren Vater vorm Todesurteil zu retten, begibt sich seine Tochter in den Palast eines mysteriösen Gutsbesitzers. Besetzt ist Gans' opulenter Fantasyfilm mit dem Nachwuchsstar Léa Seydoux und Vincent Kassel, Hollywoods Franzosen für alle Fälle – eine Chance auf den Sieg hat der Film aber nicht, weil er außer Konkurrenz läuft

Monuments Men
Im Zweiten Weltkrieg wurde eine amerikanische Sondereinheit von den Alliierten beauftragt, wertvolle Schätze und Kunstwerke vor den Nationalsozialisten zu retten. Nach dem realen Vorbild dieser Kunstschutzoffiziere inszeniert George Clooney die Truppe in seinem vierten Spielfilm als launigen Männerbund. Der Cast bietet mit Matt Damon, Cate Blanchett und selbstverständlich Clooney selbst, handverlesenes Hollywood. Nun hat der spektakuläre Raubkunstfall um den Kunstsammler Cornelius Gurlitt Clooneys neuestem Werk vermutlich schon den Boden für volle Kinokassen bereitet. Aber auf den Goldenen Bären kann der Hollywood-Star nicht hoffen. Sein Film läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz.

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augennichttrauer 08.02.2014
1. Anspruchsvoll
Auch du, mein Freund, kannst Filme machen. Hör' auf mit deinem Minderwertigkeitskomplex. Zu können brauchst du nichts du mischt nur ein paar Sachen Wei Griesgrämigkeit, Langeweile und Sex. Die Handlung: Völlig wurscht und egal, wie beknackt Hauptsache irgendwann kommt darin ein tierischer Akt. Und wenn du selber nicht mehr weißt, was der ganze Schwachsinn soll, dann hast du endlich die Gewissheit, du bist anspruchsvoll. Reinhard Mey: Anspruchsvoll
h.hass 08.02.2014
2. Deutscher Kinomief
Gute deutsche Filme, die international festivalwürdig wären, gibt's doch quasi keine. Entweder wird hierzulande dümmlicher Mainstream wie "Fack Ju Göthe" bzw. die üblichen Schweiger/Schweighöfer-Schmonzetten produziert, oder es gibt, in der unseligen Tradition des neuen deutschen Films, bierernstes Sozialarbeiterkino mit TV-Ästhetik und "inhaltlichem Anspruch". Ohne den Film gesehen zu haben, verwette ich Haus und Hof darauf, dass "Jack" in die letzte Kategorie fällt. Soweit mir bekannt, interessiert sich außerhalb Deutschlands quasi niemand für den deutschen Film. Die letzten internationalen deutschen Kinoerfolge waren doch "Das Boot" und "Lola rennt". Das ist mittlerweile 32 bzw. 16 Jahre her. Dass sich die entsprechenden Regisseure danach baldmöglichst aus dem deutschen Kinomief nach Hollywood geflüchtet haben, spricht für sich. Ich halte jede Wette, dass das 90 % aller anderen deutschen Filmschaffenden nur zu gern ebenfalls tun würden, nicht zuletzt wegen der entsprechenden Verdienstmöglichkeiten. Bloß wartet in Hollywood keiner auf unsere ach so tollen Schauspielgrößen wie Schweiger, Riemann, Schweighöfer, Brühl, Potente, Kekilli, M'Barek. Mit Maximillian Schell ist einer der letzten deutschsprachigen Darsteller gestorben, die wirklich das Format eines internationalen Charakterdarstellers hatten und - beispielsweise - neben Schauspielern wie Marlon Brando, Montgomery Clift, Burt Lancaster, Richard Widmark, Richard Burton, Laurence Olivier, Robert Shaw bestehen konnten.
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