Filme über Karl Marx und James Baldwin Geistesblitze nach durchzechter Nacht

Mit Karl Marx und James Baldwin widmet sich Regisseur Raoul Peck auf der Berlinale in zwei sehr unterschiedlichen Filmen zwei sehr unterschiedlichen Denkern - nur eines der Porträts ist rundum gelungen.

Frederic Batier/ Berlinale

Die erste große Ehre, die der Regisseur Raoul Peck dem Schriftsteller James Baldwin erweist, ist, Baldwin zum Drehbuchautor seines Dokumentarfilms "I Am Not Your Negro" zu erklären. Das ergibt eigentlich keinen Sinn, denn Baldwin ist 1987 gestorben, und von dem Buch, das angeblich die Grundlage für den Film bildet, hat er zeitlebens nur 30 Seiten geschrieben.

Dennoch ist es schlüssig, denn Baldwins Stimme und seine Worte durchdringen jedes Bild von "I Am Not Your Negro". Sie durchdringen die Bilder von 1957 aus Little Rock, als ein weißer Mob versucht, neun schwarze Schüler vom Besuch ihrer High School abzuhalten. Sie durchdringen die Bilder von 1965 aus New York, als der schwarze Bürgerrechtler Malcolm X ermordet wird. Und sie durchdringen die Bilder von 2014 aus Ferguson, als der schwarze Schüler Michael Brown von weißen Polizisten erschossen wird. "To be a Negro in this country and to be relatively conscious is to be in a rage almost all the time", schrieb Baldwin einmal (in etwa: "In diesem Land schwarz und halbwegs bei Verstand zu sein, bedeutet, fast immer in Aufruhr zu sein.")

James Baldwin im Dokumentarfilm "I Am Not Your Negro"
Berlinale

James Baldwin im Dokumentarfilm "I Am Not Your Negro"

Der gebürtige Haitianer Raoul Peck hat schon viele pointierte Filme über race relations und das gewaltsame Erbe von Sklaverei und Kolonialismus gedreht. Doch mit "I Am Not Your Negro" erreicht er eine neue Wucht. Diese schöpft sich in erster Linie aus den vielen Archivaufnahmen, die es von Baldwin gibt. Obwohl Baldwin aus einer armen Familie aus Harlem stammte und nie studierte, stieg er Ende der Fünfzigerjahre zu einem der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen der USA auf. Er trat in Talkshows auf und wurde für Debattenduelle nach Cambridge eingeladen.

Obwohl sein Denken radikal war, schreckte Baldwin das weiße Establishment nicht ab. Mit seiner überlegten Wortwahl und seiner schneidenden Artikulation genügte er den Ansprüchen an eine bürgerliche Fassade, gleichwohl beides von kalter Wut befeuert war: Für jeden höflichen Satz, den Baldwin öffentlich äußerte, schien er sich vier aufwieglerische Sätze zu verkneifen. So schaffte er es, zivilisiert und bedrohlich zugleich zu wirken.

Samuel L. Jackson beruhigt

Diesem einmaligen Duktus setzt Raoul Peck die Stimme von Samuel L. Jackson entgegen, der unter anderem aus dem oben erwähnten, unvollendeten Buch liest, das sich den Morden an Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King Jr. widmen sollte. Jackson ahmt dabei Baldwin nicht nach, sondern interpretiert dessen Texte zum inneren Monolog eines Mannes um, der genauso von Trauer und Enttäuschung wie von Wut getrieben ist. So bringt Peck eine Ruhe in den Film hinein, die trotzdem nicht besänftigt: Wie Baldwin schafft es auch Peck, sich bei allem Furor zu beherrschen und der Gewalt des Rassismus die Kraft des Intellekts entgegenzusetzen.

"I Am Not Your Negro" ist übrigens für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert. Neben ihm sind gleich zwei weitere Filme über Rassismus in den USA unter den Kandidaten: Ava DuVernays "13th" über die Zusammenhänge zwischen Sklaverei und Masseninhaftierungen unter Schwarzen sowie Ezra Edelmans "O.J.: Made in America" über den Mordprozess gegen O.J. Simpson. Es ist wohl kein Zufall, dass die US-Filmbranche gerade so von diesem Thema ergriffen ist, denn wie sagte Baldwin einst: "The story of the Negro is the story of America."

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Berlinale 2017: Die Filme im Wettbewerb

Auf der Berlinale läuft "I Am Not Your Negro" in der Panorama-Reihe, die große Ehre einer Special-Gala wird einem anderen Film von Raoul Peck zuteil: seinem Spielfilm "Der junge Karl Marx" mit August Diehl in der Titelrolle. Diese Gewichtung ist schwer verständlich, denn was Peck bei seinem Baldwin-Film bravourös gelingt, missrät ihm bei Karl Marx vollends.

Zwar beschränkt sich das üppig ausgestattete Filmporträt auf wenige Jahre im Leben von Marx, speziell die Zeit im Pariser Exil, wo er auf Friedrich Engels (Stefan Konarske) trifft. Dennoch bleibt der Film fahrig und unkonzentriert. Peck und sein Co-Autor Pascal Bonitzer finden keinen dramaturgischen Zugang zu Marx - womöglich, weil der einfach keine geeignete Filmfigur ist.

Geistesblitz nach durchzechter Nacht

Außer dem Umstand, dass er mit der Haushälterin ein Kind zeugte, findet sich nichts in Marx' Biografie, das den Konventionen eines Biopics genügt. Das Radikale in seinem Leben waren seine Gedanken und Schriften, und um das filmisch zu erschließen, bräuchte es einen ganz anderen Erzählansatz als die unbeholfene Verdichtung in vermeintlichen Schlüsselszenen. Der Film ist sich nicht zu schade, Marx nach der ersten durchzechten Nacht mit Engels frühmorgens durch die Gassen torkeln zu lassen und ihn dann mit einem Geistesblitz zu versehen: "Friedrich, mir wird erst jetzt klar: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern."

Dass Marx keine ertragreiche Figur ist, scheint dem Film immerhin im Verlauf bewusst zu werden: Bald schon nimmt er andere Figuren in den Fokus, zum Beispiel Engels, der mit seinem großbürgerlichen Hintergrund viel mehr dramatisches Potenzial bietet. Dessen Aufbegehren gegen den Kapitalismus ist auch ein Aufbegehren gegen den despotischen Vater, der in England eine Textilfabrik führt und Engels so Einblicke in den Alltag von Arbeitern gewährt, die Marx nie haben konnte.

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Berlinale-Filme von Raoul Peck: Zwei Vordenker, zwei Filme, ein Regisseur

Oder zum Beispiel Jenny Marx, die sich gegen ein komfortables Leben im Kleinadel Triers entschied, um ihre intellektuelle Erfüllung in den kommunistischen Zirkeln Europas zu finden. Vicky Krieps, die Darstellerin der Jenny Marx, ist es denn auch, die ihrer Figur historische Glaubwürdigkeit verleiht. Während Stefan Konarske mit Zylinder arg verkleidet und August Diehl mit künstlichem Schmerbauch arg unglücklich aussehen, gelingt Krieps eine kluge Natürlichkeit, die sie zu den wenigen sehenswerten Dingen in "Der junge Karl Marx" macht.

Fast könnte man meinen, dass zwei so unterschiedliche Filme nicht vom selben Regisseur stammen können - würde sich nicht in beiden dasselbe Stilmittel finden: In "I Am Not Your Negro" zeigt Peck Porträtaufnahmen von zeitgenössischen People of Color. Keine bekannten Gesichter, sondern anonyme Menschen, über deren Leben man nur spekulieren kann. Ist es anders als zu Baldwins Zeiten? Was hat sich gebessert, was ist so unerträglich wie damals geblieben?

In "Der junge Karl Marx" zeigt Peck kurz vor Schluss Aufnahmen von Kindern, die offenbar in Fabriken arbeiten. Dabei handelt es sich aber nicht um dokumentarische Aufnahmen, sondern um Kinderstatisten, die als Lumpenproletariat verkleidet wurden und für zusätzlichen Ausdruck etwas Ruß über die Wangen geschmiert bekamen. Hier werfen die Bilder keine Fragen auf und ziehen keine zeitgenössische Ebene ein. Hier stellt sich der Film nur selber aus und beweist ein letztes Mal seine Ratlosigkeit.


"Der junge Karl Marx" läuft ab dem 2. März in den deutschen Kinos, "I Am Not Your Negro" ab dem 30. März.



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