Berlinale-Eröffnungsfilm "Django" Virtuos am Abgrund

Er erkennt Hitler nicht und spielt vor Nazis: Der Eröffnungsfilm der Berlinale zeigt den legendären Jazzmusiker und Sinto Django Reinhardt als einen Künstler, der viel zu lange verdrängt, in welcher Gefahr er ist.

DPA/ Berlinale

Von Jan Künemund


Pittoresk sind die Wagen der Sinti in die Landschaft gesetzt. Die Männer sitzen im sanften Schein des Lagerfeuers und spielen ihre Gitarren, die Frauen arbeiten, die Kinder suchen Holz im Wald. Ein Ort und ein Datum werden eingeblendet, Ardennen 1943. Dann sieht man Pistolen und hört Schüsse. Den blinden Sänger erwischt es zuletzt, sein Lied verstummt.

So eröffnet der Wettbewerb der diesjährigen Berlinale mit einem Bild, das von der Gefahr des Verstummens der Kunst durch politische Gewalt erzählt. Oder von der Blindheit der Künstler, die diese Gefahr zu spät begreifen.

"Django", der erste Film des bisher als Produzent und Drehbuchautor in Erscheinung getretenen Étienne Comar, ist kein klassisches Biopic. Die schillernde Biografie seines Protagonisten, des bis heute kultisch verehrten Gitarristen Django Reinhardt (1910-1953), der sich und seine Musik mehrfach neu erfand, ein in vielerlei Hinsicht nicht fixierbares Leben führte und den europäischen Jazz quasi im Alleingang erfand, interessiert ihn nur am Rande.

Seine Musik reißt von den Sitzen

Stattdessen konzentriert Comar seine Erzählzeit auf die Jahre zwischen 1943 und 1945 und verbindet so Reinhardts Freiheitsimpuls und sein musikalisches Genie mit der nationalsozialistischen Besetzung Frankreichs, mit dem Rassendiskurs und der Angst vor synkopierter Musik: Noch 1943 füllt Reinhardt mit seinem Quintett die Veranstaltungshallen in Paris, spielt Jazz für ein vergnügungssüchtiges Publikum, das die US-amerikanischen Jazzmusiker vermisst. Comar hat Reinhardts Musik vom Rosenberg Trio neu einspielen lassen, und in einer langen Konzertszene zu Beginn überträgt sich ihre Energie, die das Pariser Publikum 1943 von seinen Sitzen reißt, direkt in den Kinosaal.

Reda Kateb ("Die schönen Tage von Aranjuez") simuliert als Django dessen hochvirtuose Gitarrenkunst perfekt. Er ist der "Dreifingerblitz", den kleinen und den Ringfinger der Greifhand hält er gekrümmt, wir wissen: Folgen eines Wohnwagenbrands, den Reinhardt 1928 nur knapp überlebte. Und er ist das Künstlergenie, das nicht mitbekommen will, dass die deutschen Besatzer im Saal den Blues, die Synkopen und die schnellen Tempi offiziell ablehnen (auch wenn ihre Körper unter den Uniformen mitzucken). Er zählt darauf, dass er genug Fans unter ihnen hat, die ihn schützen.

Reda Kateb in der Titelrolle des Django
Roger Arpajou/ Berlinale

Reda Kateb in der Titelrolle des Django

Sogar eine Tour in Deutschland wird ihm in Aussicht gestellt. Ihn reizt die Gage, nicht der Ort, es ist nicht sein Krieg. Hitler, vor dem er auftreten soll, erkennt er in Wochenschau-Ausschnitten gar nicht - kein schöner Schnurbart, findet er, anders als der von Clark Gable, den er selbst kopiert.

Doch "Django" zieht das Netz der Gefahr immer enger um seinen Helden. Nach einer Razzia landet er bei einem rassenhygienisch schwadronierenden Arzt, der seinen Schädel vermisst und die verkrüppelte Hand für die Folge rassentypischer Inzucht hält. Louise, eine fiktionale Figur, von Cécile de France mit undurchdringlicher Intensität gespielt, hat Kontakte zu den Nazis und zur Résistance, sie besorgt Djangos Familie falsche Pässe und damit Hoffnung auf Flucht in die Schweiz. Ihr ist klar, dass die Identifizierbarkeit als Sinto für ihren Geliebten lebensbedrohlich ist und ihn seine jazzbegeisterten deutschen Freunde nicht mehr lange schützen können. Und hier findet "Django" sein Thema und vergisst seinen Swing.

Mit nur einem Schnitt versetzt er seinen Helden an den Genfer See. Die versprochene Fluchthilfe durch die Résistance lässt auf sich warten, das Genie sitzt fest. Der Film tut so, als hätte Reinhardt Angst um seine bürgerliche Existenz, wo ihm das Unterwegssein doch zeitlebens als ihm gemäße Lebensform galt. Dafür findet der Film aber kein Bild.

Dur ist Pflicht

Die in Ocker- und Brauntönen gehaltenen Parisszenen werden von ebenso eingetrübten Bildern des Unbehaustseins beim Warten auf die Flucht abgelöst, die der Film als unhaltbaren Zustand präsentiert. Sein Talent, die Menschen von ihren Sitzen zu reißen, die Nazis zum Tanzen zu bringen, wird für einen Plan der Résistance gebraucht, wie historisch akkurat auch immer diese Idee sein mag: Ein Konzert soll er geben, vor allen wichtigen Militärs der Gegend, er soll sie verzaubern und beschwören, damit ein englischer Pilot unbemerkt über den Genfer See geschmuggelt werden kann.

Diese Szene ist tatsächlich großartig inszeniert. Alex Brendemuhl spielt den Obernazi, der eigens einen Leutnant abkommandiert, um die Einhaltung der Reinheit der gespielten Musik zu überwachen: Leise soll sie sein während des Essens, in Dur, ohne Synkopen, bloß kein Blues und kein schnelles Tempo. Vom Leutnant unbemerkt, bindet sich Django ein kleines klirrendes Schellenband ans Fußgelenk - und nicht viel später ist es um die Abendgesellschaft geschehen. Die Tänze werden wild, die Damen verlieren ihre Kleidungsstücke, die Tonart wechselt in laszives Moll, die Wachen wippen draußen mit, der Pilot ist über den See. Nur der Gitarrist muss nun selbst sehen, wie er sich aus dieser Szene in Sicherheit bringt.

Von links: Beata Palya, Bim Bam Merstein und Reda Kateb in "Django"
Roger Arpajou/ Berlinale

Von links: Beata Palya, Bim Bam Merstein und Reda Kateb in "Django"

Der Film braucht dafür wieder nur einen Schnitt. Dann ist Paris befreit, ein Sohn geboren, ein neues Stück komponiert. Die Entstehung dieses Stücks, eine Messe für die Sinti, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, dient dem Film als roter Faden durch die Geschichte, wie ein blinder Künstler plötzlich das Sehen lernt, und seine Musik als politische Waffe einzusetzen versteht, anstatt sie nur zum Vergnügen zu spielen.

Und das letzte Bild Djangos, der plötzlich Streicher und Chor dirigiert, wirft endgültig ein merkwürdiges qualitätskinotrübes Licht auf das Programm des Films: Hier wird nicht nur ein sprichwörtlicher, in anderen Kontexten romantisch verklärter Bohemien zu einem Widerstandshelden stilisiert, sondern auch ein Vertreter einer bis heute in Frankreich diskriminierten Minderheit in die bürgerliche Hochkultur integriert. Reda Kateb gibt dieser Figur die Präsenz eines Heiligen, die Kamera rutscht in Untersicht, der Chor singt in Moll, aber Synkopen? Fehlanzeige.

Bei allem Verständnis für diese Ehrerbietung: Nur zwei Jahre später verpasst derselbe Django Reinhardt fast sein eigenes Carnegie-Hall-Konzert mit Duke Ellington, weil er lieber mit einem französischen Boxer plaudert. Und erst kurz vor seinem Tod kauft er sich ein Haus, direkt an der schnell fließenden Seine, was einige damit erklären, dass der Fluss ihn an die Bewegung seines Wohnwagens auf der Landstraße erinnert. Um dies zu erzählen, braucht es einen anderen Film, der seinen Helden nicht als Beinaheopfer der Geschichte festsetzt. Das Moll von "Django" ist leider das des Betroffenheitskinos, nicht das der Schlangenbeschwörer.

Wer tritt noch im Wettbewerb an? Die Bärenkandidaten im Überblick

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Taiga_Wutz 09.02.2017
1. Danke spon ,
...dafür, dass Sie korrekt "kultisch" schreiben, statt wie leider fast jeder Mensch heutzutage falsch (sic!) "kultig" - uurghh... Freue mich auf den Film wie hulle !
RedEric 10.02.2017
2.
Zitat von Taiga_Wutz...dafür, dass Sie korrekt "kultisch" schreiben, statt wie leider fast jeder Mensch heutzutage falsch (sic!) "kultig" - uurghh... Freue mich auf den Film wie hulle !
kultig ist keine falsche Schreibweise von kultisch, sondern hat eine etwas andere Bedeutung.
Franz August Leyendecker 10.02.2017
3. Anderer Film
Es stimmt, dass es wohl noch einen anderen Film braucht, um Django Reinhardt und seiner Musik gerecht zu werden.
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