Berlinale Und die Kerle? Lauter Nullen

Wenn Sehnsüchte mit der Lebenswirklichkeit kollidieren: Drei Festival-Beiträge in Berlin erzählen von den Nöten ganz unterschiedlicher Frauen - enden dabei aber nicht automatisch in Tragödien.

Ia Shugliashvili,Tsisia Qumsishvili im georgischen Film "Chemi bednieri" ("My Happy Family")
Tudor Vladimir Panduru/ Berlinale

Ia Shugliashvili,Tsisia Qumsishvili im georgischen Film "Chemi bednieri" ("My Happy Family")


"Wusstest du schon, dass Männer und Frauen jetzt gleiche Rechte haben? Der König hat ein neues Gesetz erlassen, ich habe es im Fernsehen gesehen", erklärt die 16-jährige Khadija ihrer Schulfreundin. "Ach ja?", antwortet die, sichtlich irritiert. "Und ich habe im Fernsehen gesehen, dass die Männer das gar nicht gut finden und dagegen demonstrieren."

Stimmt nicht, sie will Khadija nur auf den Arm nehmen. Aber dass Männer und Frauen gleiche Rechte haben und Frauen eigenständig über ihr Leben entscheiden könnten, ist im marokkanischen Atlasgebirge eine Vorstellung, über die man sich nur lustig machen kann. Die Filmemacherin Tala Hadid beobachtet in ihrer Doku "Tigmi n Igren" ("House in the Fields", Forum) den letzten Sommer, den Khadija und ihre 19-jährige Schwester Fatima gemeinsam verbringen, bevor letztere verheiratet wird und das heimatliche Bergdorf mit ihrem Mann Richtung Casablanca verlassen muss.

Welche Stellung haben Frauen in der Gesellschaft, was sind ihre Träume und Sehnsüchte, und was bleibt davon im Alltag übrig? Drei Filme auf der Berlinale beobachten dieses Thema in drei Kulturkreisen, anhand von Frauenfiguren unterschiedlichen Alters und mit je eigenen filmischen Mitteln. Legt man die Filme wie Folien übereinander, ergibt sich ein faszinierendes Prisma, das zeigt, wie Träume und Lebenswirklichkeiten auf das Heftigste kollidieren.

Die 16-jährige Khadija aus dem Dokumentarfilm "Tigmi n Igren" ("House in the Fields")
Tala Hadid/ Berlinale

Die 16-jährige Khadija aus dem Dokumentarfilm "Tigmi n Igren" ("House in the Fields")

Im Atlasgebirge scheint die Zeit still zu stehen. Khadija liebt das Lernen, sie will Anwältin werden. "Aber das ist nicht meine Entscheidung", sagt sie. Es ist die Entscheidung der alten Männer, die auch dafür gesorgt haben, dass Fatima die Schule schon vor Jahren verlassen musste und jetzt einen Mann heiratet, den sie nicht kennt.

"Es ist meine Pflicht", sagt Fatima mit Tränen in den Augen. Tala Hadid fällt in ihrem Film kein Urteil. "Tigmi n Igren" begeistert als künstlerisch herausragende Kinodokumentation, die mit Nahaufnahmen von Gesichtern, naturgesättigten Bildern und einer suggestiven Montage beinahe schwerelos wirkt. Hadid spürt inneren Gefühlswelten nach, die sich aus dem Leben an diesem Ort in der Berber-Kultur ergeben: Nähe und Intimität finden genauso statt wie der Schmerz des Loslassens und der des Verlusts.

Loslassen muss ebenfalls Rosa (Maria Ribeiro) aus São Paulo, auch wenn sie in einer völlig anderen Welt lebt. Rosa ist Ende dreißig, verheiratet, hat zwei Töchter. Ihre Mutter eröffnet ihr, dass sie Krebs im Endstadium und nicht mehr lange zu leben hat. Kurz davor hat sie ihr schon ziemlich brutal ins Gesicht gesagt, dass sie nicht die leibliche Tochter ihres Vaters ist, sondern bei einem Seitensprung mit einem mittlerweile hochrangigen Politiker gezeugt wurde. Das alles geschieht in dem brasilianischen Spielfilm "Como Nossos Pais" ("Just Like Our Parents", Panorama Special) von Laís Bodanzky innerhalb des ersten Drittels. Die Regisseurin verschwendet keine Zeit darauf, die Aufdeckung von Familiengeheimnissen aus dramaturgischem Kalkül zu verschleppen.

Bodanzky interessiert nicht das seifige Melodram, sondern die Lebenswirklichkeit einer gut ausgebildeten, neugierigen Frau, die nicht dort angekommen ist, wo sie hinwollte. Anstatt Theaterstücke zu schreiben, verdingt sie sich als Werbetexterin für Badarmaturen, versorgt die Kinder und schmeißt den Haushalt. Währenddessen jettet ihr Mann Dado immer wieder in den Dschungel, um im Auftrag einer NGO Indigene am Amazonas zu unterstützen. Ein ehrenwerter Job.

Als Ehemann und Vater aber ist Dado eine Null - wie übrigens (fast) ausnahmslos alle Männer in diesem energischen, lebensprallen und von der Regisseurin mit geradliniger Dringlichkeit erzählten Drama einer Emanzipation. Ein Thema, das den Brasilianerinnen offensichtlich unter den Nägeln brennt. Schon 2015 erzählte Anna Muylaert in ihrem Film "Sommer mit Mamã" eine ungleich leichtere, aber thematisch verwandte Geschichte. Rosa jedenfalls kontert das Machismo der Männer erst konsequent, als sie - widerwillig - Parallelen zwischen ihrem Leben und dem ihrer Mutter erkennt.

Maria Ribeiro und Felipe Rocha in dem brasilianischen Spielfilm "Como Nossos Pais" ("Just Like Our Parents")
Priscila Prade/ Berlinale

Maria Ribeiro und Felipe Rocha in dem brasilianischen Spielfilm "Como Nossos Pais" ("Just Like Our Parents")

Von einer Emanzipation ganz eigener Art erzählt der berauschende georgisch-deutsche Forumsbeitrag "Chemi bednieri ojakhi" ("My Happy Family"). Es ist der zweite Spielfilm des Regie-Duos Nana & Simon, dessen Erstling "Die langen hellen Nächte" 2013 auf der Berlinale Premiere feierte und danach auch in den deutschen Kinos lief.

Damals erzählten Nana Ekvtimischwili und ihr deutscher Lebensgefährte Simon Groß - die beiden finanzieren ihre Filme zum Teil mit einem Eisdielen-Imperium, das sie in Tiflis aufgezogen haben - von zwei jugendlichen Mädchen zur Zeit des georgischen Bürgerkrieges in den frühen Neunzigerjahren. "Chemi bednieri ojakhi" spielt in der Gegenwart und handelt von der 50-jährigen Lehrerin Manana (Ia Shugliashvili), die ihrer Familie eines Tages abrupt eröffnet, dass sie eine eigene Wohnung gemietet hat und ausziehen wird.

Mutter, Vater, Bruder, Onkel, Tante, der Ehemann, die zwei Kinder und der Schwiegersohn sind wie vor den Kopf geschlagen. Sie können nicht begreifen, warum Manana ihnen das antut. Zumal die auch keine Erklärung parat hat, beteuert, niemand habe sie verletzt, sie habe eben nur immer schon alleine leben wollen. Ein Bruch mit der georgischen Tradition des engen Familienzusammenhalts, der hier aber aller Radikalität zum Trotz nicht in einer Tragödie mündet, sondern in einem melancholisch-lebensfrohen und rauschhaft inszenierten Drama.

"Chemi bednieri ojakhi" zeigt die Freiräume, die Manana sich erobert, aber auch den Preis, den sie dafür zahlen muss. Nana & Simon hüten sich davor, schnelle Schlüsse zu ziehen und schenken ihrem Film ein abruptes, wunderbar offenes Ende. Traditionen zeichnen sie nicht nur negativ, im Gegenteil: Im Georgien von "Chemi bednieri ojakhi" wird gefeiert und getrunken, mehrstimmig gesungen und Gitarre gespielt, was das Zeug hält. In virtuos mit der Handkamera inszenierten Plansequenzen von Familienfesten und Klassentreffen bersten die Bildräume fast vor Menschen - aber immer klingelt noch jemand an der Tür und drängelt sich hinein.

Man kann Mananas Sehnsucht nach Ruhe und Entfaltung sofort nachvollziehen. Aber man würde doch gern mal nach Georgien fahren, um das alles aus nächster Nähe zu erfahren. Oder wenigstens, um in Tiflis mal ein Eis zu essen.

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