Neue Fernsehserien bei der Berlinale Nie sah die DDR besser aus

In einer Nebenreihe präsentiert die Berlinale neue europäische Fernsehserien: eine Huldigung an das längst auch von verbohrten Cineasten respektierte Erzählformat - und ein Ort für Entdeckungen.

Bernd Schuller/ Berlinale

Ein bisschen Abstand muss sein: Den Fernsehserien-Schwerpunkt der Berlinale hat man sicherheitshalber weit weg vom Festivalzentrum am Potsdamer Platz in einem Charlottenburger Theaterbau untergebracht, im Haus der Berliner Festspiele. Dort kann man im Rahmen der Reihe "Berlinale Special" nun auf der großen Leinwand Führungkräften des deutschen Schauspielerhandwerks wie Tom Schilling, Lars Eidinger und Frederick Lau bei ihrer Arbeit im angeblichen wichtigsten Erzählformat unserer Gegenwart zugucken.

Schilling spielt in der Miniserie "Der gleiche Himmel" einen DDR-Spion im Deutschland der Siebzigerjahre, Eidinger in "SS - GB" einen dämonischen Nazioffizier im London der Vierziger, Lau in "4 Blocks" den Jugendfreund eines Araberclan-Anführers im Neuköllner Kiez der Jetztzeit.

Drei mit einiger Spannung erwartete Kurzserien, von denen man dem Berlinale-Publikum nun je zwei Anfangsfolgen zur Begutachtung vorführt - mit eher geringem Risiko. Selbst jene Freunde des Kunstkinos, die das Fernsehen früher mal als volksverdummendes Teufelswerk verdammten, reden heute schlaumeierisch von den fürs filmische Erzählen revolutionären Vorzügen des Serienformats; inzwischen wird auch auf dem europäischen Markt an derart vielen Serienproduktionen gewerkelt, dass schon von einem Überangebot die Rede ist.

"Ich werde der deutscheste Deutsche sein"

Als Berlinale-Zuschauer kann einem dieses Branchengemurmel natürlich herzlich egal sein - und man darf sich am Tempo, am Krawall und der fröhlichen Unverschämtheit freuen, mit der sich zum Beispiel der Regisseur Marvin Kren in der Berliner Gangstersaga "4 Blocks" austobt.

Kren ist zuvor durch das Horrorwerk "Rammbock" und ein paar "Tatort"-Folgen aufgefallen, "4 Blocks" ist ein sechsteiliges Renommierprojekt des Senders TNT, der die Serie wohl von Anfang Mai an zeigen will. Das angeblich schwer authentische Porträt einer arabischen Großfamiliengang in Neukölln beginnt mit donnerndem Rap und schönen Drohnenkamerabildern, die Berlins Großstadtschluchten wirken lassen wie einen bösen Irrgarten.

Drunten im Sozialwohnungsbaubeton gibt es eine Drogenrazzia, bei der eine Polizistin und ein Polizist plötzlich ziemlich allein rumstehen, als sie von Kindern und Kiezjungs beschimpft und mit Flaschen beworfen werden. Und schon sprinten Dealer und Cops hintereinander her auf einer Verfolgungsjagd quer durch die Hochhauspampa; große Kokstüten fliegen aus einem Fenster; Polizisten stürmen eine Wohnung, in der die Frau und die Tochter des Gesuchten sich fast zu Tode ängstigen.

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Fernsehserien bei der Berlinale: Böse-Buben-Bilderbuch

"4 Blocks" ist ein Böse-Buben-Bilderbuch. Der Schauspieler Kida Khodr Ramadan, wie meist mit gewaltigem Rauschebart und bärigem Charme, spielt den Clan-Chef Toni, der sich eigentlich schon halb in ein bürgerliches Leben abgesetzt hat, aber wieder ins schmutzige Geschäfte zurückkehrt. Veysel Gelin ist als Tonis Bruder Abbas ein stets zu Gewalt und auch zu Polizistenmord bereiter Schlägertyp. Und der allzeit zerknautschte Frederick Lau ist Vince, der nicht arabische Underdog, der im Kiez mit den Araberjungs aufgewachsen ist. Vince war lange weg (angeblich bei der Bundeswehr "im Ausland") und wird als argwöhnisch beäugter Rückkehrer zum Vertrauten des Paten Toni - klar ist Frederick Laus Figur in einer geheimen Mission unterwegs.

Überhaupt ist "4 Blocks", soweit man das nach den ersten Folgen sagen kann, frei von Überraschungen und maximal erwartbar. Stripperinnen turnen um Metallstangen; auf der Klubtoilette fliegen die Fäuste; der Hipsterwirt eines Szenelokals wird zwecks Schutzgelderpressung Kopf voran ins Abspülwasser gedrückt - und beim Gedanken an den deutschen Pass, der ihm demnächst nach unfassbar langer Wartezeit zuerkannt werden soll, verspricht der Obergangster Toni ganz lammfromm: "Ich werde der deutscheste Deutsche sein." Trotz der exzessiven Brutalität, die an das Mafia-Kino von "Der Pate" bis "Gomorrha" anknüpfen will, ist "4 Blocks" stets darum bemüht, es allen Zuschauern recht zu machen.

Manisch adrette Schauspieler

Das gilt ähnlich für "Der gleiche Himmel", eine Ufa-Produktion fürs ZDF, in der Oliver Hirschbiegel Regie führt. Die dreiteilige Miniserie präsentiert ein Puzzleporträt der DDR des Jahres 1974; angeblich wurde sie zur gleichen Zeit konzipiert wie die auch international viel gelobte Produktion "Deutschland 83", die logisch ein Jahrzehnt später spielt. Tom Schilling drückt als angehender Romeo-Spion die Schulbank und wird über die Kunst der postkoitalen Ausforschung künftiger Geliebter unterwiesen. Dann darf er zum ersten Praxistest losziehen, in dessen Verlauf er einer schönen, für den US-Geheimdienst arbeitenden Fremden (Friederike Becht) über den Weg läuft. In Parallelhandlungen muss sich die Nichte des Agenten, ein junges Mädchen, von ihrem Schwimmtrainer mit Hormonen vollstopfen lassen, und ein regimekritischer Physiklehrer (Hannes Wegener) und sein Freund (Daniel Zillmann) erdulden üble Stasi-Schikanen.

In "Der gleiche Himmel" sehen nicht bloß die Schauspieler manisch adrett aus, sondern auch die DDR und die Bundesrepublik strahlen verblüffend blitzeblank vor sich hin: Die Serie ist eine Ausstattungs- und Kostümorgie und sieht oft aus wie ein Werbespot für die Siebzigerjahre. Angesichts der leider echt biederen Handlungsführung beschleicht einen auch hier sehr bald das Gefühl, man könne bis ins Detail voraussagen, wie die Chose weitergeht.

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Berlinale 2017: Die Filme im Wettbewerb

Eidinger mit Beelzebub-Charme

Kann schon sein, dass der Mut zu maximaler Klischeesättigung zum Seriengeschäft gehört. Die Kraft des Genres aber entsteht nicht aus Ausstattungspracht und drastischer Menschenzeichnung, sondern aus erzählerischen Coups und kühnen Wendungen - und im besten Fall auch aus einem formalen Stilwillen. Der Regisseur Philip Kadelbach hat für die BBC die fünfteilige Serie "SS - GB" gedreht, in der das London des Jahres 1941 von den Nazis besetzt ist, ein bisschen nach dem Muster der Erfolgsserie "The Man in the High Castle", in der Japaner und Nazideutsche die USA besetzt halten.

In "SS - GB" spielt Sam Riley einen smarten englischen Kommissar, der dauernd beteuern muss, dass er nicht für die Deutschen, sondern für Recht und Ordnung und gegen das Verbrechen kämpft. Lars Eidinger ist sein wichtigster Gegenspieler als schurkischer superschlauer deutscher Offizier und beölt sich in einem deutlich an Christoph Waltz geschulten Beelzebub-Charme.

Kadelbach entwirft in "SS - GB" eine höchst artifizielle, düstere Welt, in der immer wieder merkwürdige Dinge geschehen. Einmal hüllt eine schöne Frau ihren Leib in eine Naziflagge und tritt auf einen Balkon, von dem aus sie auf die Straßen Londons hinabblickt. In einer anderen Szene sieht man aufrechte britische Bürger, die ihre Trübsal vertreiben, indem sie im Pub einem Bluesmusiker zuhören, während draußen in der Nacht die Gestapo Widerständler und Juden jagt.

Die in Großbritannien gerade gestartete, in Deutschland wohl bei RTLCrime laufende Serie "SS - GB" erzählt von einem Land, in dem keiner dem anderen traut, in dem hinter jeder Ecke ein Verhängnis droht oder eine Überrumpelung wartet - und gerade deshalb will man unbedingt wissen, wie es in den künftigen Folgen weitergeht.

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hatem1 18.02.2017
1. Aber wer hat's erfunden?
Es ist ja unbestritten, dass Regisseure einen starken Einfluss auf das fertige Werk haben - demzufolge werden sie auch alle namentlich genannt. Warum aber werden hier ebenso konsequent wie, mit Verlaub, ignorant, die Namen der Autoren verschwiegen, die sich die Geschichten ausgedacht und die Drehbücher geschrieben haben?
Peter Boots 18.02.2017
2. Die BBC muss sich nicht bei Amazon umsehen.
Alternative Geschichte gibt es schon lange im UK, angefangen mit dem erstaunenderregenden Film 'It Happened Here,' der zwischen 1957 und 1964 im Dokumentarfilm Stil von den Amateurfilmern Kevin Brownlow und Andrew Mollo gedreht wurde. Es handelt sich hier um Partisanen die sich in einem von Deutschland besetzten UK ihre Freiheit zurueckerkaempfen wollen. Weil der Film ungeschoent mit Englischer Anpassung -- wie es sie ja auf den Deutsch besetzten Inseln im Aermelkanal gab, und die noch gut in Erinnerung war -- der Brutalitaet der Besetzer, und den manchmal zweifelhaften Methoden der Partisanen umgeht, wurde er bei der Premiere 1964 beides hoch gelobt, und hoch verrissen. In DE wurde er angeblich nie gezeigt. Man kann ihn in voller Laenge auf YouTube finden, sollte aber keinen Thriller erwarten. Als Roman von Len Deighton wurde SS GB 1979 herausgebracht, und dann gibt es ja auch noch Robert Harris's 'Fatherland' als Roman und Film in den fruehen 1990'er Jahren, und zahlreiche ander Romane und Geschichten. Bei Amazon musste als die BBC bestimmt nichts lernen,
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