Regiedebüt von Josef Hader Auf der Achterbahn

Großstadtneurotiker und liebenswerte Misanthropen: Josef Haders erste Regiearbeit "Wilde Maus" wurde gleich in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen. Eine Ehre, die dem Film nicht unbedingt guttut.

Prost
WEGA Film/ Berlinale

Prost


Dieser Text lief zunächst im Februar, als "Wilde Maus" im Wettbewerb der Berlinale Premiere feierte.

"Arschloch! Beschissenes Arschloch! Deutsche Sau!" Nein, ein gefestigter Charakter ist er ganz bestimmt nicht, der Wiener Musikkritiker Georg in Josef Haders Regie-Debüt "Wilde Maus", das am Samstagabend seine Premiere im Wettbewerb der Berlinale feierte. Dass ihm aber vom deutschen Chefredakteur seiner Tageszeitung aus Spargründen einfach so gekündigt wird, wirft ihn vollends aus der Bahn. Und setzt eine Kette der Wirrnisse und absurden Situationen in Gang, an deren Ende Georg nackt inmitten einer Schneewehe im Gebirge sitzen und irre vor sich hin kichern wird.

Mit seiner Rolle als Simon Brenner in den bisher vier Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis (zuletzt "Das ewige Leben") ist der Österreicher Josef Hader vom auch in Deutschland äußerst beliebten Kabarettisten zu einem äußerst beliebten Schauspieler geworden. Haders meist derangierte Figuren sind auf der Leinwand unmittelbar wiedererkennbar, und sei es nur, weil das Leben ihnen in Form von aufgeschlagenen Lippen oder blutenden Stirnwunden mal wieder mächtig eins mitgegeben hat.

In seinem ersten Film als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller in Personalunion spielt er wieder mit dieser Leinwand-Persona und der Lust an der permanenten Konflikteskalation, die schon die Simon-Brenner-Filme auf eine ganz eigene Weise zugleich nachtschwarz und befreiend komisch machten. Allein - diesmal will das Konzept nicht ganz aufgehen.

Geld für die "Wilde Maus"

Dabei wecken allein schon der großartige Titel und der nicht minder wild klingende Plot große Erwartungen. Hader spielt also Georg, den Musikkritiker, der seinen Rauswurf seiner Freundin Johanna (Pia Hierzegger), einer Therapeutin, verheimlicht und morgens so tut, als führe er in die Redaktion. Stattdessen lungert er zwischen den tagsüber so deprimierend wirkenden Karussellen des Praters herum. Zunächst zeitunglesend, dann zunehmend biertrinkend. Er macht die Bekanntschaft von Erich (Georg Friedrich), dem er Geld für die Pacht der altersschwachen Achterbahn "Wilde Maus" leiht.

Während er seine Zeit mit Erich totschlägt, schläft Georg pflichtschuldig pünktlich zum Eisprung mit Johanna, die sich ein Kind wünscht, und versucht überhaupt krampfhaft, die Fassade seines alten Lebens aufrechtzuerhalten. Parallel verbeißt er sich in einen Kleinkrieg mit Waller (Jörg Hartmann), jenem deutschen Chef, der ihn hinausgeworfen hat. Dessen Auto zu zerkratzen und ihm ans Haustor zu pinkeln, reicht Georg bald aber nicht mehr. Erst besorgt er sich ein Messer. Dann eine Pistole. Dass Johanna zunehmend irritiert auf Georgs Eskapaden reagiert, trägt nicht gerade dazu bei, den Lauf der Dinge in eine weniger unheilvolle Richtung zu lenken.

Damit schlittert auch Haders Film immer mehr ins Drama. Georg wird beim Randalieren vor Wallers Villa erwischt und von der Polizei abtransportiert. Johanna ertappt ihn mit lächerlicher Mozart-Perücke dabei, wie er auf dem Prater Werbung für die "Wilde Maus" macht. Ein japanischer Musiker, der dank einer seiner Kritiken seinen Job verlor, zertrümmert Georgs Auto mit einer Bratpfanne. Und die Begegnungen von Georg und Waller kippen ins Bedrohliche.

Zurück ins Kabarettprogramm

Diese in ihren Egoismen gefangenen Figuren in immer neuen erniedrigenden Situationen zu sehen, lässt zeitweise schon an die abgründigen Dramen von Haders Landsmann Michael Haneke denken. Die Produktionsfirma Wega Film, die Hanekes Arbeiten von "Der siebente Kontinent" bis "Das weiße Band" produzierte, steht auch hinter "Wilde Maus". Aber so weit lässt es Hader dann doch nicht kommen.

Josef Hader in "Wilde Maus"
WEGA Film/ Berlinale

Josef Hader in "Wilde Maus"

Und das ist Teil des Problems seines Films. Hader macht scheinbar Ernst, beeilt sich dann aber doch, die Geschichte wieder in seichtere Gewässer zu steuern. Das macht sich vor allem in der enttäuschenden Schlusssequenz bemerkbar. Steht im Verlauf von "Wilde Maus" zumindest die Möglichkeit im Raum, dass Haders Georg eine echte Entwicklung durchläuft, fällt sie hier wieder zurück auf den aus seinen Kabarettprogrammen bekannten Großstadtneurotiker und liebenswerten Misanthropen, dem man seine Schrullen verzeihen muss.

Dazu kommt, dass zu viel im Drehbuch Skizze bleibt. Der Sound der Gegenwart ist zwar da, in Form von TV-Berichten über die Flüchtlingskrise oder Gesprächen über vegane Ernährung. Die Figuren aber bleiben größtenteils Behauptungen. Wenig erfährt man über Georgs Liebe zur Musik, seine Arbeit und die Auswirkungen der Medienkrise. Und Johannas Kinderwunsch wirkt wie ein leicht durchschaubares dramaturgisches Mittel. Wie die Konflikte der Figuren überhaupt eher Eskalationsketten befeuern, als in eine substanzielle Geschichte zu münden.

Eine streckenweise haarsträubende und vergnügliche Achterbahnfahrt ist "Wilde Maus" trotzdem durchaus. Vielleicht haben die Berlinale-Macher Haders Film einen, nun ja, Bärendienst erwiesen, als sie seinen Film in den Wettbewerb hievten und damit Erwartungen weckten, die der gar nicht erfüllen will.

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