Weltgeschehen auf der Berlinale Die Highlights aus 385 Filmen

Fast 400 Filme bei der Berlinale - aber keine Angst, wir haben für Sie die wichtigsten Werke vorsortiert. Hier gibt es den Kompass durch das Filmfest. Welche Themen und Stars erwarten Sie?

Von links: "Bixa Travesty", "Ryiuichi Sakamoto: async at the Park Armory" und "Ang Panahon ng Halimaw"
Nubia Abe; SKMTDOC; Giovanni D. Onofrio

Von links: "Bixa Travesty", "Ryiuichi Sakamoto: async at the Park Armory" und "Ang Panahon ng Halimaw"

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Am Donnerstag beginnt die 68. Berlinale - während die Diskussion um die Zukunft des Festivals anhält, erinnert der Eröffnungsfilm dezent an beste vergangene Zeiten: Wes Anderson gibt mit seinem Animationsfilm "Isle of Dogs" den Startschuss für den Wettbewerb um die Goldenen und Silbernen Bären, in dem diesmal 19 Filme antreten (ein Glossar und eine Übersicht in Zahlen finden Sie am Ende des Textes). 2014 war er an selber Stelle mit der furiosen Tragikomödie "Grand Budapest Hotel" vertreten, die ihm später vier Oscars einbrachte. Ob Anderson 2018 ein ähnlicher Triumph gelingt? Sicher ist zumindest, dass die Berlinale noch nie flauschiger begann: "Isle of Dogs" (deutscher Titel: "Ataris Reise") ist ein Stop-Motion-Film über eine Truppe von Hunden, die gegen ihr Exil auf einer japanischen Insel ankämpfen müssen. Und sonst? Reicht die Themen- und Stilbreite der 14 Sektionen des Festivals von Geflüchteten über philippinische Musicals bis zum 50. Jubiläum der '68er-Revolte mindestens einmal um die Welt.

Drei in Doppelfunktionen

Von links: David Zellner, Paula Beer, James Benning
EPA; DPA; Getty Images

Von links: David Zellner, Paula Beer, James Benning

Regisseure, die in ihren eigenen Filmen mitspielen, sind Hollywood-Tradition (siehe Woody Allen oder Clint Eastwood). Brüder, die gemeinsam Indie-Filme drehen, haben erst seit einigen Jahren Konjunktur (siehe Duplass- oder Safdie-Brüder). Beide Phänomene verbindet David Zellner: Er hat mit seinem Bruder Nathan die Western-Kolportage "Damsel" (vertreten im Wettbewerb) gedreht und sich selbst an der Seite von Robert Pattinson und Mia Wasikowska besetzt. Bei der Weltpremiere in Sundance sorgte "Damsel" noch für verblüfftes Kopfkratzen, auf der Berlinale könnte das skurrile Roadmovie samt Miniaturpferd nun genau das richtige für den grauen Berliner Februar sein.

Wer in François Ozons grandiosen Versöhnungsdrama "Frantz" von Hauptdarstellerin Paula Beer nicht genug bekommen konnte, bekommt auf der Berlinale seinen/ihren Wunsch erfüllt: Der 23-jährige Shootingstar ist sowohl in dem historischen Migrationsdrama "Transit" von Christian Petzold (vertreten im Wettbewerb) zu sehen als auch in der Miniserie "Bad Banks" (aus der Sonderreihe Berlinale Special). Letztere Produktion, in der Beer eine ehrgeizige Bankerin spielt, die an die Grenzen ihrer persönlichen Integrität geführt wird, ist ab 22. Februar auch schon in der Arte-Mediathek abrufbar.

Wie für einen Filmveteranen nur angemessen, muss der 75-jährige James Benning nichts weiter mehr tun, als zwei Filme nach Berlin zu bringen: Die experimentierfreudige Sektion Forum zeigt mit "11 x 14" seinen ersten Langfilm von 1977 in der restaurierten Fassung. Im Rahmen der flankierenden Ausstellungsreihe "Forum Expanded" in der Akademie der Künste läuft seine neue Arbeit "L. Cohen", vom Festival passend lakonisch mit dem Satz "Ein Feld in Oregon an einem ganz besonderen Tag" zusammengefasst.

Drei Annäherungen an '68

Von links "Farbtest Rote Fahne", "SPK Komplex", Jean-Luc Nancy
Deutsche Kinemathek; ddp images

Von links "Farbtest Rote Fahne", "SPK Komplex", Jean-Luc Nancy

Zum Jahreswechsel haben sie schon begonnen, die Bilanzen und Neubewertungen von 50 Jahre '68er-Revolte. Auch im Programm der Berlinale hat das Jubiläum Spuren hinterlassen: Am deutlichsten im Kurzfilmprogramm, das unter dem Titel "Rote Fahnen für alle" zwölf filmische Dokumente vom Aufbruch in Kunst und Gesellschaft bündelt. Unter anderem mit dabei: Arbeiten von Ula Stöckl, Marquard Bohm und Helmut Herbst sowie Valie Export.

In Folge der Studentenbewegung gründete sich 1970 das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) in Heidelberg. Von den Ideen der Antipsychiatrie angetrieben, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und psychischen Erkrankungen sah, engagierte sich das Kollektiv für die Abschaffung der "krankmachenden privatwirtschaftlich-patriarchalischen Gesellschaft". Da etliche SPK-Mitglieder kurze Zeit später bei der RAF aktiv wurden, fungiert die Geschichte des SPK wie ein Scharnier zwischen '68 und Deutschem Herbst - in dem Dokumentarfilm "SPK Komplex" (Forum) von Gerd Kroske, einem der klügsten und besonnensten Filmemacher Deutschlands, eingefangen.

Und wie geht es weiter mit dem Widerstand, 50 Jahre später? Der Experimentalfilm "The Rare Event" von Ben Rivers und Ben Russell (gezeigt in der die Berlinale flankierenden Ausstellungsreihe Forum Expanded) versammelt Denker*innen und Künstler*innen wie Jean-Luc Nancy, Manthia Diawara und Elizabeth Povinelli in einem Pariser Aufnahmstudio, um sie unter Leitung eines grünen Mannes Ideen zu "Resistance" formulieren lassen, die die Zukunft für neue Möglichkeiten öffnen.

Drei Abstecher in die Schule

Von links: "Madame Hyde", "Ondes de choc: Journal de ma tête", "Das schweigende Klassenzimmer"
Les Films Pelleas; Bande à part Films/ Jeanne Lapoirie;Studiocanal

Von links: "Madame Hyde", "Ondes de choc: Journal de ma tête", "Das schweigende Klassenzimmer"

Hübscher als in "Madame Hyde" ist die Strenge von Isabelle Huppert selten eingesetzt worden: Als Marie Géquil verkörpert sie eine verhärmt-verklemmte Lehrerin, die weder ihre Schüler noch ihre Kollegen ernst nehmen - bis ein Physikexperiment schief geht und ihr feurige Kräfte verleiht. Der Publikumshit aus Locarno läuft passenderweise in der Woche der Kritik (WdK), der von Filmkritiker*innen parallel zur Berlinale organisierten unabhängigen Filmreihe - Regisseur Serge Bozon hat nämlich selber als Kritiker gearbeitet. Am 18. Februar ist er zudem Gast bei einer WdK-Gesprächsrunde zu Humor und Brüchigkeit.

Für "Winterdieb" gewann die Franko-Schweizerin Ursula Meier 2012 einen Silbernen Bären. Damals als Schauspielentdeckung gefeiert: der 13-jährige Kacey Mottet Klein. Mit ihm zusammen hat Meier auch ihren neuen Film "Ondes de choc: Journal de ma tête" (Sektion Panorama) gedreht. Klein spielt darin einen Schüler, der ein Gewaltverbrechen begeht, zu dem er allein gegenüber seiner Französischlehrerin (Fanny Ardant) Zeugnis ablegt. Trägt sie dadurch eine Mitschuld? Ein beklemmend genaues Psychodrama nach wahren Begebenheiten.

Nach "Der Staat gegen Fritz Bauer" widmet sich Lars Kraume mit "Das schweigende Klassenzimmer" (Berlinale Special) erneut Menschen, die sich gegen den Zeitgeist wenden und Zivilcourage beweisen. Nach dem gleichnamigen Buch von Dietrich Garstka erzählt der Film von einer DDR-Schulklasse, die sich 1956 mit den Aufständischen in Ungarn solidarisiert und damit sogar bis ins Volksbildungsministerium provoziert. Am 1. März startet der Film dann regulär in den deutschen Kinos.

Drei musikbegeisterte Filme

Von links: "Bixa Travesty", "Ryiuichi Sakamoto: async at the Park Armory" und "Ang Panahon ng Halimaw"
Nubia Abe; SKMTDOC; Giovanni D. Onofrio

Von links: "Bixa Travesty", "Ryiuichi Sakamoto: async at the Park Armory" und "Ang Panahon ng Halimaw"

Als "tranny fag" (in etwa: Trans-Schwuchtel) bezeichnet sich Linn da Quebrada. Die brasilianische Musikerin, die zu minimalen Beats gegen Machismo und Rassismus ansingt, hat sich in ihrer Heimatstadt São Paolo ein intimes Netzwerk aus Wahlverwandten und Fans aufgebaut. Wie sie es zu ihrer Art von Geborgenheit - auch in der eigenen schwarz-schwulen Trans-Identität - gebracht hat, zeichnet der Dokumentarfilm "Bixa Travesty" (Panorama) nach. Bei der Teddy-Preisverleihung für die besten LGBTQ*-Filme gibt Linn Da Quebrada zudem ihr Berlin-Debütkonzert.

Dem japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto kann man in den kommenden zehn Tagen entweder in seiner Tätigkeit als Juror begegnen: Als Mitglied der internationalen Jury unter der Leitung von Tom Tykwer entscheidet er mit, an wen die Goldenen und Silbernen Bären am 24. Februar gehen. Oder man begutachtet sein Genre sprengendes Werken in dem Konzertfilm "Ryuichi Sakamoto: Async at the Park Avenue Armory" (Berlinale Special), der gleichzeitig auch Sakamotos Weg aus einer schweren Krebserkrankung heraus zeigt.

Lav Diaz, bekannt für seine Aufarbeitungen der Kolonialgeschichte seines Heimatlandes Philippinen, hat ein Musical gedreht. "Ang Panahon ng Halimaw" ("In Zeiten des Teufels", Wettbewerb) heißt es. Fans des Star-Regisseurs dürften allerdings etwas anderes viel exotischer finden: Mit 234 Minuten Laufzeit kommt er einem Kurzfilm in Diaz' Oeuvre gleich. 2016 hatte sein Film "Hele sa hiwagang hapis" noch acht Stunden Konzentration im Wettbewerb verlangt. Jurypräsidentin Meryl Streep hatte damals einen Zeitplan mit Pinkelpausen für ihre Co-Juroren festgelegt - ob ihr Nachfolger ähnlichen Handlungsbedarf sieht?

Drei Perspektiven auf Geflüchtete

Von links: "Zentralflughafen THF", "Fortuna", "Eldorado"
Juan Sarmiento; VEGA Production/ Colin Lévêque; Majestic/ zero one film/ Peter Indergand

Von links: "Zentralflughafen THF", "Fortuna", "Eldorado"

Apropos Meryl Streep: Als sie 2016 den Goldenen Bären an "Seefeuer" überreichte, nannte sie Gianfranco Rosis Lampedusa-Doku "das Herzstück der Berlinale". Wird einer der Filme über Geflüchtete, die sich überall im Programm finden, einen ähnlichen Stellenwert erlangen? Für Berlin dürfte ungeachtet von Preisen "Zentralflughafen THF" (Panorama) ein wichtiger Film werden: Karim Ainouz hält in seiner Langzeitbeobachtung den stillgelegten Flughafen Tempelhof in seiner schizophrenen Hybridfunktion als Notunterkunft für Geflüchtete und als Naherholungsgebiet für Berliner und Touristen fest.

Die Titelheldin aus dem Spielfilm "Fortuna" (aus der Sektion Generation 14plus für jugendliche Filminteressierte) kann nur hoffen, dass ihr Leben einmal ihrem Namen gerecht wird: Die 14-jährige Äthiopierin (Kidist Siyum Beza) hat seit der gefährlichen Überquerung des Mittelmeers ihre Eltern nicht mehr gesehen. In einem Kloster im schweizerischen Simplon findet sie eine Unterkunft. Doch können die katholischen Ordensbrüder auch etwas für ihren Seelenfrieden tun?

Als Europa 2015 durch den Syrienkrieg aufgerüttelt wird und sich mit der Flüchtlingsfrage beschäftigen muss, werden bei dem Schweizer Dokumentaristen Markus Imhoof ("More Than Honey") ganz persönliche Erinnerungen wach: Als er Ende der Vierzigerjahre noch ein kleiner Junge war, nahmen seine Eltern ein italienisches Flüchtlingsmädchen auf. In "Eldorado" (Wettbewerb) forscht er den Schicksalen nach, die junge Geflüchtete heute in Europa erleiden - und wie vermeintliche Hilfsorganisationen und -Strukturen von eben diesen Schicksalen profitieren.


Die Berlinale in Zahlen

  • 385 Filme in 14 Sektionen
  • 24 Filme treten im Wettbewerb an (davon 5 außer Konkurrenz)
  • Berlinale Special: 12 Filme und 7 Serien (kuratiert vom Direktor des Festivals, präsentieren außergewöhnliche Neuproduktionen von Spiel- und Dokumentarfilmen sowie Filme von oder über herausragende Filmpersönlichkeiten)
  • Berlinale Shorts: 36 Filme (innovative kurze Filme von Filmemachern und Künstlern, Preise durch eine Internationale Jury)
  • Panorama: 47 Filme (neue Arbeiten renommierter Regisseure sowie Debütfilme und Neuentdeckungen. Überblick zu Tendenzen des Arthouse-Kinos)
  • Forum: 44 Filme (neue Strömungen des Weltkinos, unverbrauchten Erzählformen und neue Stimmen, Spielfilme jenseits des Mainstreams, Dokumentationen und Regiedebüts)
  • Forum Expanded Filmprogramm: 34 Filme (Grenzbereich von Kunst und Kino)
  • Generation: 65 Filme (Kinder und Jugendliche, die Wettbewerbe Kplus und 14plus umfassen herausragende Kinder- und Jugendfilme)
  • Perspektive deutsches Kino: 14 Filme (deutschen Filmemachern gewidmet, die noch am Beginn ihrer Regielaufbahn stehen)
  • Kulinarisches Kino: 10 Filme (kuratierte Auswahl von Filmen aller Kategorien zu kulinarischen und ökologischen Themen)
  • NATIVe: 3 Filme (kuratierte Auswahl indigener Filme aller Kategorien)
  • Hommage: 10 Filme
  • Berlinale Classics: 7 Filme
  • Retrospektive: 4 Filme

Die Berlinale läuft vom 15. bis 25. Februar. Mehr Informationen zum Programm finden Sie hier



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