Debatte über Berlinale Überrascht uns!

Wer sind die Berlinale-Zuschauer - und was wollen sie? Am Vorabend der Filmfestspiele wurde auf der "Woche der Kritik" über den Begriff des Publikums diskutiert.

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Von der "Champions League der Filmfestivals" sprach Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) kürzlich in ihrer Begrüßungsrede zum Auftakt einer Podiumsdiskussion zur Zukunft der Berlinale im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Die Internationalen Filmfestspiele - so der implizite Gag dieses Bildes - sind ein großer Player. Und ganz explizit, so schob es Grütters hinterher, wünschten wir uns doch alle, dass das so bleibt.

Bleibt man aber vorerst noch im des Fußballgeschäfts, dann lässt sich aus ihm mindestens noch eine andere Implikation herauslesen. Denn wenn man Champions League sagt, denkt man sofort auch an ausverkaufte Stadien, an ein Massenereignis.

Mit zuletzt 334.478 verkauften Tickets ist die Berlinale zwar das weltweit größte Publikumsfestival und das Berliner Olympiastadion ließe sich damit viereinhalb Mal vollmachen, aber die Masse vereinzelt sich auf die 350 gezeigten Filme. Auf der Berlinale sehen nicht alle dasselbe Programm, jeder sieht sein eigenes. Das ist, wenn man so will, das Problem der Vielfalt - und das besteht auch jenseits der Berlinale im regulären Filmstartkalender.

Die Filmförderanstalt (FFA) hatte im Juni letzten Jahres in ihren Leitlinien deshalb bekanntgegeben, grundsätzlich nur noch solche fiktionalen Langfilmprojekte zu fördern, die ein ordentlich sportliches Besucherpotenzial von 250.000 versprechen - was für deutsche Verhältnisse exorbitant hoch ist. Träumt man also hierzulande, wenn man vom Publikum träumt, nur von einer zählbaren Besuchermenge? Und wenn ja, wie erträumt man sich dann die Verrechnung dieser Menge mit der Vielfalt der Filme, die im Laufe eines Jahres in die Kinos oder im Laufe von zehn Tagen auf die Berlinale drängen?

Natürlich gibt es für die Erörterung solcher Fragen keinen besseren Zeitpunkt als den Vorabend der Berlinale. Und so stand die bereits zum dritten Mal ausgerichtete Konferenz der Woche der Kritik (WdK) - eine unabhängige Programmreihe, die zeitgleich zum Filmfestival stattfindet - unter dem Titel: "Malen nach Zahlen? Über Ideen vom Publikum und ihre Auswirkungen auf das Kino". Ort der Veranstaltung war, in Erinnerung an die Anfänge der Massenkultur, das Cabuwazi-Zirkuszelt auf dem stillgelegten Tempelhofer Flugfeld in Berlin.

Auf einen wesensgleichen Begriff vom Kinopublikum kann man sich selbstverständlich nur schwer einigen. Insofern ist den Diskutanten der Veranstaltung auch nicht der Vorwurf zu machen, sie hätten sich diesen Begriff nicht produktiv genug zurechtgestritten. Eine sinnvolle Perspektivverschiebung führte Marie-Pierre Duhamel, Kuratorin und ehemalige Direktorin des Festivals Cinéma du Reel, leider erst gegen Ende des Abends ein, als sie vorschlug, zwischen Publikum und Zuschauer zu unterschieden.

Interessant ist diese Unterscheidung nicht nur, weil hier den Individuen, die letztlich ein Publikum bilden, mehr Rechnung trägt, als es Besucherstatistiken oder Verkaufszahlen möglich machen. Interessant ist dieser Perspektivwechsel, weil er eine induktive Methode vorschlägt, einen Begriff vom Publikum denkbar zu machen. Was den einen interessiert oder affiziert, interessiert oder affiziert vielleicht auch einen anderen - vielleicht auch 20 andere. So wird der Publikumsbegriff zu einem offenen, im besten Sinne experimentellen.

Neuer Zugang zur Audiovisualität

Sich von solch einem Begriff leiten zu lassen, kann sich aber nicht jeder Vertreter der Branche leisten - das ist auch legitim und verständlich. Im ersten der beiden Panels, die auf der Konferenz abgehalten wurden, wurde das spürbar. Vier Vertreter aus der deutschen Filmwirtschaft diskutierten den Publikumsbegriff gemeinschaftlich aus der Satellitenperspektive.

Christian Bräuer, Leiter der Berliner Programmkinokette Yorck-Kinos und Mitinitiator der FFA-Leitlinien verwies auf das Problem, dass sich mit steigender Anzahl produzierter Filme auch immer weniger Filme publikumswirksam durchsetzen könnten. Maria Köpf, Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, argumentierte mediensoziologisch, indem sie von einem neuen Zugang zur Audiovisualität sprach, der immer weniger auf Konfrontation und mehr auf Affirmation aus sei. Stephan Wagner, Regisseur und Drehbuchautor, zeichnete ein Bild von Zuschauerströmen hin zu neuen Unterhaltungsangeboten.

Worauf sich am Ende dann alle - ohne je groß gestritten zu haben - einigen konnten, war ein Begriff, den die Produzentin Anna de Paoli ins Spiel brachte: die Überraschung. Das Urverlangen des Filmpublikums sei es, überrascht zu werden. Damit kann man aus produktioneller oder förderpolitischer Sicht wahrscheinlich sogar ganz gut arbeiten, ob das dann zielführend ist, müsste sich beweisen.

Das zweite Panel des Abends - es diskutierten Filmemacher und Kuratoren - stand durchaus im Kontrast zum ersten. Das hatte vor allem damit zu tun, dass hier der Publikumsbegriff sehr viel stärker aus dem Wesen des Kinos selbst herausgemeißelt wurde. Und das Kino ist in erster Linie der Raum einer geteilten Erfahrung. Der Filmkritiker und ehemalige künstlerische Leiter des Edinburgh International Film Festival, Chris Fujiwara, kam gegen Ende der Veranstaltung dann nochmal auf das Problem der Angebotsvielfalt der Berlinale zu sprechen, darauf, dass jeder Festivalbesucher sein eigenes Programm sähe. Implizit schlug er mit dieser Kritik den vielleicht brauchbarsten Publikumsbegriff des Abends vor.

Ein Filmpublikum wäre aus dieser Perspektive keine zählbare Besuchermenge, nichts, was sich gut oder schlecht, oder richtig oder falsch auf eine bestimmte Anzahl von Filmen verteilen ließe. Ein Filmpublikum wäre dann eine Erfahrungsgemeinschaft; das heißt, Menschen, die dasselbe erleben, mit allen Differenzen, die das mit sich bringt. Ein Filmpublikum wäre das Ereignis eines Gemeinsinns. Und in einem gewissen Sinne müsste erst dieses Ereignis zugrunde liegen, bevor man sinnvoll von der Berlinale als Champions League Player sprechen kann.



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DocKnow 15.02.2018
1. also....
Klar sehen alle auf der Berlinale ihr eigenes Programm. Würden alle gezwungen dieselben Filme zu sehen, würde kaum noch jemand hingehen. Und die am Ende erdachte Erfahrungsgemeinschaft bezweifle ich. Das würde vielleicht mit Hollywood-Blockbustern funktionieren, niemals aber mit Festivalfilmen. Sie haben Leute aus aller die die ganzen intensiven Bilder und Geschichten sehr verschieden erleben. Selbst Menschen ähnlichen Alters und aus demselben Kulturkreis werden manche Festivalfilme niemals gleich erleben, wahrnehmen und verstehen. Ich kenne Filme da ist trotz hoch emotionaler stundenlanger Debatte und Jahre später die Perzeption des Films noch 100% gegensätzlich! Es ist unmöglich Festivalfilme mit unpassenden kommerziellen Kriterien fassen zu wollen. Das ist auch deshalb unsinn, weil ausserhalb des Wettbewerbs 99 % niemals in regulären Kinos laufen wird.
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