"Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" Warum soll mich das interessieren?

Philip Gröning ist eine Randgestalt des deutschen Films. Seinen neuen Berlinale-Wettbewerbsfilm sieht er als "Zumutung". Ein Erfahrungsbericht.

Szene aus "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot"
Philip Gröning

Szene aus "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot"


Das zumindest steht fest: Das Schauen von Philip Grönings Film "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot", der am Mittwoch im Berlinale-Wettbewerb lief, ist eine singuläre Erfahrung. 174 Minuten lang erzählt der Film ohne Interesse an Psychologie von einem Zwillingspaar namens Robert (Josef Mattes) und Elena (Julia Zange).

Die beiden liegen im Gras vor einer Tankstelle in einer sonst unbehausten Gegend mit Windrad und Alpenblick und diskutieren zur Vorbereitung von Elenas Abiturprüfung in Philosophie, was Zeit ist. Sie schlagen sich ab und zu, und sie werden sich küssen, wenn sie in der letzten Stunde des Films die Tankstelle zerlegt, den Tankwart Erich (Urs Jucker) erst gefangen genommen, dann erschossen haben.

Gröning ist eine Randgestalt des deutschen Films, und über die Zeit als solche lässt sich bei ihm schon nachdenken, wenn man nur auf seine Filmografie schaut: Grönings letzter Film, "Die Frau des Polizisten", liegt fünf Jahre zurück; zwischen diesem und dem vorletzten, "Die große Stille", sind gar acht Jahre vergangen.

Die Zeit als Gegenstand von Reflektion begegnet einem bei "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" noch auf weiteren Ebenen - der auffälligen Länge des Films von fast drei Stunden einerseits. Und im Ratschlag des Regisseurs, die "Zumutung", als die er seinen "nicht klassisch" erzählten Wettbewerbsbeitrag selbst bezeichnet, wirken zu lassen, andererseits: "Ich war sehr dafür, dass die Pressevorführung am Abend vorher ist. Ich glaube tatsächlich, dass das ein Film ist, über den du, eine halbe Stunde nachdem du rausgegangen bist, nichts Vernünftiges sagen kannst. Weil er sich noch nicht sortiert hat."

Ein Film, der sich "im Zuschauer ein bisschen einnistet"

Geantwortet hat Gröning damit auf den von mir im Gespräch formulierten Zweifel an "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot". Für den Regisseur handelt es sich um einen Film, der sich "im Zuschauer ein bisschen einnistet" und eben Zeit braucht, damit sich die verschiedenen Stücke zusammensetzen. Das ist angesichts der unkonventionellen Erzählweise ein berechtigter Hinweis; allerdings auch ein banaler, weil er letztlich für jeden Kinobesuch gilt. Bilder wirken in der Betrachterin unwillentlich immer fort.

Oder auch nicht. Bei mir hat sich in den immerhin 24 Stunden nach dem Besuch des Films an dem Blick auf ihn nicht viel geändert. Ich halte ihn für nicht gelungen, was zuerst damit zu tun hat, dass das, was die Erzählung zu wollen scheint, zu allgemein bleibt. Den - wir haben es schließlich mit dem Büffeln für eine Abiturprüfung zu tun - seminaristischen Exkursen über die Zeit haftet etwas Kalenderspruchhaftes an ("Der Grund der Zeit ist die Hoffnung"), das sich im Film nicht konkretisiert.

Wenn "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" sich im letzten Drittel aus dem Gras erhebt und den Kopf aus den Büchern nimmt, um durch die Action innerhalb der Tankstelle in eine dynamischere, aus dem Kino geläufigere Narration zu beschleunigen (Gröning: "Die beiden inszenieren Bilder nach, die sie irgendwo gesehen haben"), dann wirkt der Griff ins Register ausgerechnet der Gewalt epigonal. Um nicht zu sagen konventionell: Die Zwillinge werden zum Gaunerpärchen; auf das abstrakte Sinnieren über die Zeit reagiert unerklärte Gewalt.

Natürlich müssen nicht alle Filme psychologisch erzählen. Aber dass Grönings Film sich dieser Möglichkeit der Plausibilisierung verweigert und gleichzeitig in seiner Konzeption keine andere Form von Triftigkeit anbietet, stellt für mich als Betrachter eben die Frage, wie ich mich für die beiden Figuren interessieren soll. Was mich das Drama ihrer bevorstehenden Trennung (Elena wird nach dem Abitur weggehen) vor dem Hintergrund ihrer "symbiotischen" (Gröning) Beziehung angeht, wenn ich auf zwei sozial nicht verortete Menschen treffe, die mir als Zwillinge bloß behauptet werden.

Eine enttäuschende Erfahrung

Das Spiel von Josef Mattes und Julia Zange hat mich jedenfalls nicht derart für den Film gewonnen, dass sich am Ende tragische Gefühle in mir rührten ob der Unausweichlichkeit, als die der Regisseur den Ausbruch der Gewalt verstanden wissen will. Dass die Bilder vom Schwimmen im See oder Heuschrecken in der Nahaufnahme schön sind, befördert für mich den Eindruck von Distanz.

So bleibt "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" für mich bei aller Bereitschaft, mich auf abweichende, eigensinnige Erzählmodelle einzulassen, eine enttäuschende Erfahrung. Ein Film, der aus der Freiheit, die er sich nimmt, umgehend in eine Hermetik ableitet, die sich selbst vielleicht klar sein mag (Gröning hat in der Pressekonferenz eloquent seinen Film erklärt), aber zu mir nicht spricht.

Das hat auch etwas mit der Humorlosigkeit des gesamten Entwurfs zu tun: Die Chance, in und mit der filmischen Erzählung selbst spielerisch über "die Zeit" zu handeln, reduziert "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" auf Verdopplungen von Robert beim Stopptanz-Spiel oder Schwarzblenden als Pause-Illustrationen in Elenas finalen Abiturvortrag über die Melodie. Auf Markierungen also, die zu klein und zu wenig aufregend sind, als dass die Zeit des Schauens für mich dadurch Sinn produzierte.

Und was ist sonst noch sehenswert? Die Berlinale-Favoriten unserer Kritiker*innen

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Berlinale 2018: Die besten Filme des Festivals
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Newspeak 23.02.2018
1. ...
"Sie schlagen sich ab und zu, und sie werden sich küssen, wenn sie in der letzten Stunde des Films die Tankstelle zerlegt, den Tankwart Erich (Urs Jucker) erst gefangen genommen, dann erschossen haben." Kritiker*innen sollten zunaechst einmal lernen, dass es ein Markenzeichen einer guten Filmkritik ist, das Ende, vor allem ein Ueberraschendes, NICHT zu verraten. Ist das so schwer zu begreifen? Gibt es heute eigentlich nirgends mehr gewisse Standards von Professionalitaet? Oder findet man es ok, diese Dinge herauszuposaunen, weil es ja nur wichtig ist, dass man selbst den Film unbeeinflusst sehen konnte? Und warum faellt das sonst niemandem auf? Natuerlich, man macht als Leser von Kritiken heute natuerlich selbst den Fehler, keine Spoiler zu erwarten. Man sollte keine Kritiken mehr lesen. Nie. Nur so kann man sicher sein.
oliver_digel 25.02.2018
2. Spoiler Alarm...
Es hätte, nett gesagt, auch gereicht zu sagen, dass der Film in Gewalt endet. Anstatt die komplette Handlung im zweiten Absatz zu verraten...
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