Junges deutsches Kino auf der Berlinale Einsteigen, ausreißen

Mobilität als Heilmittel, als Freiheitsstifterin: Das junge deutsche Kino zeigt sich auf der Berlinale äußerst rastlos. Ob man am Ende in einem besseren Leben ankommt?

"Rückenwind von vorn" mit Daniel Zillmann und Victoria Schulz
Von Oma gefördert

"Rückenwind von vorn" mit Daniel Zillmann und Victoria Schulz


Deutschland ist ein Autoland - das zeigen die Absatzzahlen genauso wie die jüngeren Abgasskandale. Auch im deutschen Nachwuchskino ist das Auto noch überwiegend mit altväterlichem Optimismus besetzt - einmal, nämlich in Ben Brummers Komödie "Feierabendbier", sogar mit geradezu erotischer Emphase.

Magnus (Tilmann Strauss) ist ein grantiger Barkeeper einer dunstigen Schnapsbude in einem Münchner Industriestreifen. Er fährt einen tollen, ollen Mercedes mit einer tollen Farbe; jedenfalls so lange, bis er ihm geklaut wird. Die Pointe dieses Films beruht auf der plötzlichen Abwesenheit des Autos: Magnus muss erst immobil werden, erst die emotionale Bindung an sein Auto kappen, bevor er zu den wichtigen Dingen im Leben zurückfindet: zur Liebe etwa, oder zu seinem Sohn.

Tillmann Strauß in "Feierabendbier"
GAZE Film/ Jakob Wiessner

Tillmann Strauß in "Feierabendbier"

"Feierabendbier" ist sicher nicht der interessanteste Beitrag der diesjährigen Filmauswahl der "Perspektive Deutsches Kino", jener Berlinale-Programmreihe, in der junge deutsche Filme präsentiert werden, aber er ist vielleicht der aufschlussreichste. Denn um welche Themen dieses Kino in seiner Breite auch kreisen mag, auf eines kommt es so gut wie immer und so gut wie immer mit einiger Prägnanz zurück: Mobilität.

"Rückenwind von vorn" mit Daniel Zillmann und Victoria Schulz
Von Oma gefördert

"Rückenwind von vorn" mit Daniel Zillmann und Victoria Schulz

Das Herzstück etwa des Eröffnungsfilms "Rückenwind von vorn" von Philipp Eichholtz zeigt eine Autofahrt: Gerry (Daniel Zillmann) will seine Lieblingskollegin Charlie (Victoria Schulz) und deren Oma einmal zu den besten Knödeln der Welt ausführen, erzählt ihnen aber erst im Auto, dass dieser spontan anberaumte Restaurantbesuch sie von Berlin in die Slowakei bringen wird.

900 Kilometer einfache Fahrt für einen Knödel mit Soße - das ist freilich ein absurder Einfall. Wir sehen Charlie auf dem Beifahrersitz; sie hält das Ganze zunächst für einen Scherz. Ihr ungläubiges Gesicht wechselt aber bald in einen Zustand der Versunkenheit, dann in einen der Zufriedenheit, dann in einen der Entspannung.

Ihr 30-Jährigen-Kopf ist ansonsten voller 30-Jährigen-Probleme: Wohnung, Beziehung, Kinderkriegen. Im Auto wird der Kopf aber frei; das können wir an ihrem Gesicht ablesen. Das Auto schafft Abstand, überwindet Grenzen, verschiebt die Perspektive. Mobilität als Heilmittel, als Freiheitsstifterin. Am Ende des Films steigt Charlie nochmal zu Gerry ins Auto; sie fahren einmal um den Block, dann steigt sie wieder aus. Ein Augenblick Freiheit?

Sebastian Rudolph in "Whatever Happens Next"
The StoryBay UG/ Carol Burandt von Kameke

Sebastian Rudolph in "Whatever Happens Next"

Ähnliches hat auch Julian Pörksen mit "Whatever Happens Next" im Sinn. Sein Film erzählt die Geschichte von Paul (Sebastian Rudolph), der eines Tages von seinem Fahrrad steigt, über einen Weidezaun klettert und verschwindet - aus seiner Ehe, seiner Routine, seinem mittelständischen, ja, weltlichen Leben. Auf dem Parkplatz eines Baumarkts steigt er ungebeten ins Auto eines Friedhofsgärtners und lässt sich mitnehmen, ganz egal wohin.

Paul sitzt im Verlauf des Films in verschiedenen Autos, landet an verschiedenen Orten: in der sächsischen Provinz, in Berlin, im polnischen Lodz, in Kiel. Seine Frau hat einen Privatdetektiv engagiert, um den verschollenen Gatten aufspüren zu lassen. Der kann sich aber auch keinen Reim auf diesen seltsamen Aussteigerentschluss machen. An die Wand hat er eine Karte geklebt, auf der er Pauls unergründliche Wege durch Europa nachverfolgt - kreuz und quer verlaufen die, ohne ablesbare Intention, wie die Wege eines Heiligen.

Für Pörksen - und das unterscheidet seinen Film von dem ziemlich abgestandenen Einfach-mal-machen-Optimismus aus "Rückenwind von vorn" - ist die Mobilität ein ungerichtetes Geschehen: Sie verspricht eine Bewegung ins Blaue. Und genau deshalb ist "Whatever Happens Next" auch die spannendste Arbeit unter den 10 fiktionalen Filmen des Programms. Nicht nur, weil sie uns an Orte bringt, an die das deutsche Kino ansonsten so gut wie nie vordringt - an einen Bahnsteig in Wiebodzin, an den Hafen von Kiel -, sondern vor allem, weil sie am freisten, spielerischsten und konzentriertesten einem Impuls nachgeht, der das junge deutsche Kino momentan im Innersten zu betreffen scheint: die Mobilisierung eines neuen Lebens.

Daniel Roth in "Storkow Kalifornia"
Filmakademie Baden-Württemberg/ Jieun Yi

Daniel Roth in "Storkow Kalifornia"

Dieser Grundimpuls zieht sich durch das ganze Programm: Im mittelangen Spielfilm "Kineski Zid" von Aleksandra Odic steigt das junge Mädchen Ljilja am Ende in ein Auto, verlässt ihre bosnische Heimat und fährt nach Berlin - in ein vermeintlich besseres Leben. In "Storkow Kalifornia" von Kolja Malik, ebenfalls ein mittellanger Film, geschieht exakt das Gleiche: Ein junger Mann steigt in ein Auto und fährt nach Berlin - in ein vermeintlich besseres Leben.

Etwas anders gestaltet es sich in "Verlorene", einem düsteren Drama von Felix Hassenfrantz über zwei Schwestern (Maria Dragus und Anna Bachmann), die unter dem beklemmenden Druck der schwäbischen Provinz und ihres verwitweten Vaters (Clemens Schick) leiden. In keinem Film des Programms gestaltet sich der Aufbruch in ein neues Leben so schwierig und schmerzhaft wie in diesem.

Maria Dragus (links) in "Verlorene"
VIAFILM/ Bernhard Keller

Maria Dragus (links) in "Verlorene"

Bezeichnenderweise endet "Verlorene" nicht mit einer Autofahrt; er beginnt mit einer. In der ersten Einstellung sehen wir die Schwestern auf der Rückbank eines Jeeps. Ihr Blick ist steif, ihre Haltung passiv. Von Beginn an wird deutlich: Diese beiden Mädchen haben keinen Einfluss auf ihre Mobilität, sie sind die Beifahrer eines fremden Willens.

Am Auto entscheiden sich die Hoffnungen und Nöte, die Veränderung und der Stillstand im jungen deutschen Kino - immer wieder neu und sehr oft mit identischem Ausgang. Das Auto ist dabei mehr als nur Symbol; es ist das Vehikel, auf das die poetischen Agenden junger deutscher Filmemacherinnen und Filmemacher regelrecht aufgeschnallt werden: Freiheit, Lebendigkeit, Veränderung. Ein Kino, das ausreisen, ausreißen will, das vom argen A ins bessere, meist berlinische B strebt.

Interessant ist dieses junge Mobilitätskino aber vor allem dann, wenn es auch beweglich und regsam bleibt, wenn es eben nicht einfach nur von A nach B gurkt, sondern zwangsbefreit und richtungsoffen quer durchs Alphabet - beispielsweise auch nach Kiel.

Und was läuft sonst? Das sind die Berlinale-Favoriten unserer Kritiker*innen

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