Berlinale 2018 Die besten Filme des Festivals

Was haben ein rumänischer Fußballfan, eine Schweizer Französischlehrerin und ein Rudel wilder Hunde gemeinsam? Sie sind Protagonisten der besten Filme der Berlinale. Die Highlights der SPON-Kritiker*innen .

"Touch Me Not" von Adina Pintilie
Manekino Film, Rohfilm, Pink, Agitprop, Les Films de l'Etranger

"Touch Me Not" von Adina Pintilie


"Touch Me Not"

Wenn Zuschauer aus der Pressevorführung flüchten, weil ihnen der Film zu nahe geht, in diesem Fall mit Sex- und Nacktszenen, dann hat die Berlinale etwas richtig gemacht. In ihrem zwischen Dokumentation und Spielhandlung changierenden Film "Touch Me Not" (Wettbewerb), Ergebnis einer mehrjährigen Forschungsarbeit, erkundet die rumänische Regisseurin Adina Pintilie das Thema körperliche Intimität und wie man eigene Hemmnisse überwinden kann. Ums Aushalten und das Ertasten von Zumutungsgrenzen geht es, wenn ein durch spinale Muskelatrophie schwer behinderter Mann über seine Lust und Sexualität berichtet und man ihn gemeinsam mit seiner Frau auch beim Akt in einem BDSM-Club sieht. Nähe-Verhandlungen mit einem Psycho-Coach und eine selbstbewusste Transfrau helfen der Berührungsphobikerin Laura dabei, private Trauma-Barrieren zu überwinden und durch die Überwindung von sexuellen Normbegriffen zu einem freieren Umgang mit sich selbst zu finden. Formal eigenwilliges und inhaltlich mutiges Kino, das einen im besten Sinne berührt. Andreas Borcholte


"Twarz"

Bartosz Mronzowski

"Jesus" wird der Bauarbeiter Jacek (Mateusz Kósciukiewicz) von seinen Freunden und Kollegen genannt. Mit dem Erlöser hat er außer den langen Haaren aber wenig gemein. Jacek liebt Metallica und seine Freundin Dagmara. Als er beim Bau einer riesigen Jesus-Statur schwer verunglückt, erlebt er jedoch eine Art Wiederauferstehung: Er erhält ein Gesichtstransplantat. Wie Freundin, Familie und nicht zuletzt die Kirche damit umgehen, lässt in "Twarz" (Wettbewerb) ein Panorama des zeitgenössischen Polens entfalten. Das fällt alles andere als schmeichelhaft, dafür aber unglaublich komisch aus. Mit ihrem dritten Berlinale-Film empfiehlt sich die Polin Malgorzata Szumowska endgültig für größte, sprich Goldene Ehren: So schneidend und menschlich zugleich ist Sozialsatire nur in Sternstunden. Hannah Pilarczyk


"Impreza - Das Fest"

DREIFILM

Im jungen deutschen Dokumentarkino hat ein Sujet gegenwärtig Hochkonjunktur: die eigene Familie. Danuta und ihr Ehemann feiern goldene Hochzeit. Und weil die im großen Kreis auch ganz besonders golden gefeiert werden soll, kommt Alexandra Wesolowski von Deutschland nach Polen gereist. Im Vorfeld der blumigen Lebensliebeszeremonie ihrer Tante kreisen die Gespräche um Politik: um das PIS-regierte Polen, um nationalstaatliche Souveränität und Europa, um Gender und Frauenrechte. Mit der Selbstzuschreibung, rechts zu sein, verbinden viele Familienmitglieder nicht nur eine politische Position, sondern einen offenen Stolz. "Impreza - Das Fest" (Perspektive Deutsches Kino) ist eine spannende filmische Verknotung ideologischer Perspektiven, gerade weil diese Verknotung so festgezurrt erscheint - die Familie eben. Lukas Stern


"Überall wo wir sind"

Veronika Kaserer

Einmal sehen wir die Familie von Heiko trauernd auf ihre Trauer schauen. Sie sehen sich ein Video an, auf dem sie selbst zu sehen sind – sie weinen: im Film und im Film im Film. Eine Art Spiegelkabinett der Trauer. Heiko ist letztes Jahr neunundzwanzigjährig und nach einer schweren Krebserkrankung gestorben. "Überall wo wir sind" (Perspektive Deutsches Kino) begleitet seine letzten Tage – aus nächster, aber aus unbestimmbarer Nähe. Dass die Dokumentarfilmerin Veronika Kaserer, deren Kamera immer und überall läuft – ob im Arztgespräch, am Esstisch oder am Sterbebett –, ihre eigene, filmende Subjektivität im diffusen Raum des filmischen Offs belässt, führt maßgeblich dazu, dass während und nach der Sichtung dieses Films jeder normative, jeder begriffliche Reflex unmittelbar ins Leere läuft. Lukas Stern


"Whatever Happens Next"

The StoryBay UG/ Carol Burandt von Kameke

Eine Bewegung ins Blaue. Reise kann man das nicht nennen, was Paul macht, dafür verhalten sich die Routen, auf denen er unterwegs ist, zu konfus, zu planlos zueinander: Aus der sächsischen Provinz fährt er nach Berlin, von dort nach Lodz und wiebodzin und dann nach Kiel. Paul lässt sein mittelständisches Leben, seine Ehe und sein Fahrrad hinter sich und ist fortan ziellos - so ziellos wie nur möglich. Julian Pörksens "Whatever Happens Next" (Perspektive Deutsches Kino) ist ein tolles Road-Movie, das mit dem willkürlichen und spontanen Unterwegsein keine altbackene Gesellschafts-Gschaftlhuberei im Visier hat, sondern eine astrein biblische Heiligengeschichte. Abgesehen davon ist dem Paul ein absolut großartiger Privatdetektiv auf den Fersen. Lukas Stern


"Aggregat"

Kundschafter Filmproduktion

Journalisten stellen sich ihr Publikum vor, Politiker ihr Volk. "Aggregat" (Forum) nennt Marie Wilke ihren Film, für den sie 2015 und 2016 institutionale Szenen eingefangen hat, die Deutschland als eine Sammlung unverbundener Teilchen erscheinen lassen, die jeder Vorstellung spotten. Wahlkampf-Coachings und Bürgernähe-Konzepte brechen spätestens im Direktkontakt in sich zusammen, wenn ein Bürger seine Rente vom Flüchtling gestohlen glaubt und nicht hören mag, dass sie eigentlich erhöht wurde. Menschen, die sich nicht den Mund verbieten lassen möchten, in der Perspektive von Bildungsauftrag und politischer Praxis. Von "abgehängten Zielgruppen" ist die Rede. Der Film sammelt das kommentarlos ein. Lange Schwarzbilder lassen Zeit für den Versuch, das alles im Kopf zu ordnen. Und die Erkenntnis, dass das nicht geht. Jan Künemund


"14 Apples"

Seashore Image Productions

Von der Quelle bis zum Speicher geht man ungefähr sieben Minuten: Der taiwanesische Dokumentarfilmer Midi Z begleitet in einer Szene von "14 Apples" (Forum) Frauen, die ein ländliches Kloster in Myanmar mit Trink- und Waschwasser beliefern - von der Quelle bis zum Speicher. Eine Zeit wird hier sichtbar: die Zeit eines marginalisierten Lebens. "14 Apples" ist ein brutales und erschreckendes Dokument der Armut, der Frauenunterdrückung und der Ausbeutung der ohnehin schon verarmten Bevölkerung durch die Mönchsgemeinschaft unter dem Deckmantel der buddhistischen Glaubenslehre. Zugleich entwirft der Film aber auch eine zutiefst ethische Haltung – es entsteht ein konfrontatives Zeitbild eines vermeintlich zweit- und drittrangigen Lebens. Lukas Stern


"Den Pobedy"

Imperativ Film

Putin-T-Shirts, Bikergruppen-Abzeichen, Antifa-Banner: Am 9. Mai wird das Gelände des Sowjetischen Ehrenmals im Berliner Treptower Park zur Massengedenkwiese, zur Volksfestbühne, zum Forum, auf dem die ehemalige Sowjetunion nachlebt, nachbebt - ihr Sound, ihr Rhythmus, ihr Affektversprechen. Sergei Loznitsa, dessen Kamera die monströs-monumentale Sichtachsen-Symmetrie der Soldatengrabanlage immer wieder zersprengt, entwirft mit "Den Pobedy" ("Victory Day", Forum) ein beeindruckendes Dokument der Erinnerungsformen an den Sieg der Roten Armee über Hitler-Deutschland: zwischen Nostalgie und Aufbruchsgebaren, zwischen Kranzniederlegung und Wodkarausch, zwischen Kameraderie und ideologischem Disput - bis man am Ende die Spitze des Fernsehturms sieht und alles irgendwie wieder beim Alten ist. Lukas Stern


"La Prière"

Les films du Worso/ Carole Bethuel

Der 22-jährige Thomas verletzt und verirrt sich einmal in den Bergen. Ein Gebet, ein Blick in den Himmel, eine kalte Nacht und eine Sterbearie von J. S. Bach. Dann kehrt Thomas zurück in die abgeschiedene Brüder-Gemeinschaft in den französischen Alpen, in der er seit einiger Zeit lebt; eine Gemeinschaft von Ex-Drogensüchtigen, die gemeinsam im Glauben und im Gebet nach Heilung, nach Rettung sucht. Cédric Kahns "La Prière" (Wettbewerb) handelt vom Glauben, vom Zweifel, von Gott. Das Schöne an diesem Film ist aber, dass er sich auffällig wenig mit den Oberflächenerscheinungen, den Ritualen, den Doktrinen des Katholizismus beschäftigt, sondern sehr viel mehr mit der inneren Beschaffenheit der Religiosität selbst. Für Kahn ist das titelgebende Gebet kein aufgesagter Text, sondern die spezifische und selbstverständlich positive Sinnlichkeit seines Vortrags. Lukas Stern


"En attendant Avril"

Woche der Kritik

Die schönste technische Innovation dieser Berlinale-Tage hat "En attendant Avril" (Woche der Kritik) zu bieten: Es ist die Handblende. Regisseur Olivier Godin hält seine zur Faust geballte Hand seitlich vor die Kamera und zieht das Bild auf, in dem er den Kreis, den Daumen und Finger bilden, öffnet. Das ist hands-on-Filmemachen, wie es nur die liebevollsten und durchgeknalltesten Regisseurinnen und Regisseure hinbekommen. Passenderweise verlieben sich in der Krimikomödie um einen singenden Knochen, einen affigen Schauspieler und eine vernebelte Bank auch noch alle dauernd ineinander. Ein Chaos, das nicht ins Gehirn, aber unbedingt zu Herzen geht. Hannah Pilarczyk


"Cobain"

Circe Films/ A Private View BVBVA/ Coin Film/ Frank van den Eeden

Die schönsten Coming-Of-Age-Filme sind die, die noch nicht alles über ihre Protagonisten wissen. In Nanouk Leopolds "Cobain" (Generation) muss deshalb die wunderbar neugierige Kamera das Bild auf den 15-jährigen Titelhelden immer wieder neu scharf stellen, um ihn zu fassen zu bekommen, was gleichzeitig die harte Welt um ihn herum so weich werden lässt wie unseren Blick auf ihn. Würde die drogenabhängige Mutter ihn loslassen, könnte er in seiner Umgebung aufgehen, doch so gibt es für ihn keine Sicherheit und keinen Stillstand. Deshalb ist hier alles in Bewegung, vor allem die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein. Der Film muss sich mitbewegen, und dabei fliegen als Erstes die Vorurteile aus dem Cinemascope. "Cobain ist ein cooler Name", sagt ihm jemand. Aber wer nennt sein Kind schon nach jemandem, der sich umgebracht hat? Jan Künemund


"Waldheims Walzer"

Ruth Beckermann Filmproduktion

Im Kern ist Ruth Beckermanns "Waldheims Walzer" (Forum) ein Film über das süffisante Lächeln, mit dem Kurt Waldheim, im Jahr 1986 Bundespräsidentschaftskandidat in Österreich, den Vorwürfen um seine Nazi-Vergangenheit begegnet. Das Lächeln wird zum Sinnbild einer Entrüstung, die nicht so sehr die erhobenen Anschuldigungen zurückweist, als vielmehr das Recht des Gegenübers, diese Anschuldigungen überhaupt vorzubringen. Konsequent (und angereichert mit antisemitischen Klischees) redet seine Kampagne eine tiefe, persönliche Beleidigung des gesamten Wahlvolks herbei, um im Verborgenen schlummernde Ressentiments politisch nutzbar zu machen. Folgerichtig findet die Affäre ihren Kulminationspunkt auch in dem Schlachtruf all jener, die für das Recht kämpfen, sich nie für irgendwas entschuldigen zu müssen: Jetzt erst recht! Philipp Schwarz


"Transit"

Schramm Film / Marco Krüger

Ein Liebesviereck, in dessen einer Ecke ein Toter steht, entspannt sich in Christian Petzolds herausragendem Wettbewerbsfilm "Transit" nach dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers. Zwei aus diesem Beziehungsgeflecht, Marie (Paula Beer) und Georg (Franz Rogowski), scheinen nur zueinander zu finden, um sich in einem Moment des Wartens und Verzweifelns gegenseitig zu stützen. Zwischen den Zeiten befindet sich auch der Film: Während die Geschichte zu Beginn der deutschen Besatzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs spielt, wurde im Marseille der Gegenwart gedreht. So kippen die Bilder von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück und geben sich manchmal als Noir-Pastiche, manchmal als aktuelles Bild der Flüchtlingsfrage zu erkennen. Ein Vexierspiel von einem Film, das gleichermaßen betört wie verstört. Hannah Pilarczyk


"SPK Komplex"

Berlinale

Im "Deutschen Vorherbst" drehen alle durch. In Heidelberg will der Psychiater Huber die kapitalistische Gesellschaft heilen und nicht den weggesperrten psychisch kranken Einzelnen. Das "sozialistische Patientenkollektiv" steht unter Beobachtung, ein angeblicher innerer Kreis wird als terroristische Vereinigung konstruiert. Bald darauf gehen tatsächlich einige SPKler zur RAF. Gerd Kroske springt in "SPK Komplex" (Forum) mitten rein in die gebrochenen Biografien, forscht bei Zeitzeugen nach, was eigentlich aus dem antipsychiatrischen Ansatz geworden ist und montiert die Splitter zusammen, dass sie funkeln. Aus einer Fußnote der westdeutschen Nachkriegsgeschichte wird eine vielstimmige Recherche gesellschaftlicher Schockbehandlung, die immer größere Erzählkreise zieht. Selten hat man so hautnah nachempfunden, wie man an Deutschland irre werden kann. Jan Künemund


"Dovlatov"

SAGa

Kennen Sie den, wo sich Gogol, Tolstoi und Kafka treffen, um ein Schiff zu taufen? Das ist streng genommen kein Witz, sondern eine Szene aus Alexej German juniors "Dovlatov" (Wettbewerb). Doch der Film und sein Protagonist, der Schriftsteller und Dichter Sergej Dovlatov erzählen die Szene, die sich bei einem Propaganda-Dreh auf der Sowjet-Werft zuträgt, wie einen Witz. Ironie ist auch das, was Dovlatov in seinem Alltag über die Runden hilft, denn als Autor, der in der Breschnew-UdSSR de facto Berufsverbot bekommen hat, bleibt ihm nicht viel übrig. Es ist allerdings kein Einzelschicksal, das der nach seinem frühen Tod berühmt gewordene Dovlatov erleidet: Es ist das Schicksal einer ganzen Generation an Künstlern, die nicht gesehen, gelesen und gehört werden durften. Mit zartem Witz und großer Melancholie erinnert German daran, was Russland an ihnen verloren hat. Hannah Pilarczyk


"Las Herederas"

lababosacine

Ein Film, der (bis auf ein paar Komparsen) komplett ohne Männer auskommt, gedreht von einem Mann. Der aus Paraguay stammende Regisseur Marcello Martinessi entwirft in seinem konzentriert und mitreißend intim inszenierten Spielfilm-Debüt "Las Herederas" eine komplexe Frauengesellschaft, die in der Hauptstadt Asuncion den Bankrott des Macho-Patriarchats verwaltet: Nach 30 Jahren Beziehung sind Chela und Chiquita gezwungen, die Einrichtung ihres herrschaftlichen Anwesens zu veräußern, um Schulden zu begleichen. Als Chiquita ins Gefängnis muss, beginnt für die zarte, zurückgezogen lebende Chela (Ana Brun) eine Phase der Öffnung. Sie setzt sich an Steuer ihres vom Vater geerbten Mercedes, kutschiert andere Frauen durch die Gegend - und entdeckt eine neue Liebe. Ein Außenseiter im Berlinale-Wettbewerb, der zum Favoriten werden könnte. Andreas Borcholte


"Damsel"

Strophic Productions Limited

Es gibt Western, es gibt Anti-Western, und es gibt "Damsel" (Wettbewerb). Letzterer macht Vorderen den Garaus, wie man es noch nicht gesehen hat. Bei den Zellner-Brüdern werden die großen amerikanischen Narrative von der Frontier und den mutigen Männern, die sie bezwungen haben, neu und womöglich zum ersten Mal korrekt als schlechter Witz erzählt. Für weiße Männer wie Samuel (Robert Pattinson, links) oder Parson (David Zellner) gibt es hier im Westen einfach nichts zu holen, kein Frollein will von ihnen gerettet werden, und die "Indianer", die sie um Aufnahme in ihren Stamm bitten, verdrehen auch nur die Augen. Suizid auf dem Scheißhaus ist da nicht die schlechteste Wahl, legt "Damsel" nahe - ein Film, dessen Radikalität man nicht unterschätzen sollte. Hannah Pilarczyk


"The Green Fog"

Berlinale

In "The Green Fog" spürt Guy Maddin (zusammen mit Evan und Galen Johnson, Forum) der gespenstischen Atmosphäre von San Francisco nach, indem er einzelne Szenen aus in der Stadt angesiedelten Filmen, Serien, und Musikvideos zu endlosen Schleifen und Verschachtelungen ineinanderfügt. Man sieht einen Monitor, der eine Leinwand zeigt, auf der ein flackerndes Filmbild zu sehen ist, Figuren treten gleichzeitig körperlich und als Fernsehbild auf, und der Michael Douglas aus "Die Straßen von San Francisco" kommentiert seinen eigenen nackten Hintern aus "Basic Instinct" mit einem jovialen "Gut siehst du aus!". Auf taumelnde wie ironische Weise beglaubigt sich der Film somit immer wieder selbst, entledigt sich jeder Rückkopplung an die reale Welt - und wird zu einem gänzlich eigenständigen Kosmos. Philipp Schwarz


"Ondes de choc: Journal de ma tête"

Bande à Part Films/ Jeanne Lapoirie

In ihrem Unterricht sollen die Schüler ihr Innerstes nach außen kehren und aus ihren Tagebüchern vorlesen. Als Esther (Fanny Ardant) jedoch das Tagebuch ihres Schülers Benjamin (Kacey Mottet Klein, "Mit 17") vorlesen soll, bricht sie fast zusammen: Benjamin hat soeben seine Eltern erschossen. Warum, wollte er gern seiner Französischlehrerin schriftlich erklären. Ist Esther mit ihren Ermunterungen zum Selbstausdruck etwa zu weit gegangen? Nach wahren Begebenheiten präpariert Ursula Meier in "Ondes de choc: Journal de ma tête" eine Geschichte um Verantwortung für das eigene Leben und das anderer heraus, gewohnt präzise, unsentimental und ergreifend menschlich. Von der vierteiligen "True Crime"-Reihe des Schweizer Rundfunks läuft im Panorama noch der Teil "Prénom: Mathieu". Hannah Pilarczyk


"Fotbal infinit"

Berlinale

Immer wieder kehrt Laurentiu im Laufe von Corneliu Porumboius Dokumentarfilm "Fotbal infinit" (Forum) zurück zu einer Tafel mit dem Diagramm eines leicht modifizierten Fußballfelds. Zielstrebig zieht er neue Linien über das Spielfeld, schiebt einzelne Spieler in Form bunter Magnetknöpfe hin und her und erklärt so die neuesten Verfeinerungen einer von ihm entwickelten Fußball-Variante. Laurentius Beharrlichkeit erscheint dabei als ein Akt der Auflehnung gegen die Rohheit des klassischen Regelwerks und gegen die Versehrbarkeit des eigenen Körpers. Doch Porumboius lapidarer Blick nimmt dieser Auflehnung jedes falsche Pathos, jeden wohlfeilen Heroismus. Der Bezirksbeamte Laurentiu bekämpft die eigenen Schwächen und Unsicherheiten schlicht mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen: mit Geometrie und kleinteiliger Verwaltung. Philipp Schwarz


"Classical Period"

Berlinale

Dantes "Göttliche Komödie", so heißt es in "Classical Period", lässt sich nicht einfach so durchlesen, ständig muss man in den Anmerkungen herumblättern, um herauszufinden, wer denn nun dieser florentinische Edelmann oder jener mittelalterliche Gelehrte genau sein soll. Für die jungen Intellektuellen in Ted Fendts Film ist eine solche Vernetztheit jedoch überlebensnotwendig, denn ihre ganze Existenz scheint auf die permanente Wissensanhäufung ausgerichtet zu sein. Doch Fendts Film ist keine bloße Polemik gegen eine gewisse Form der vergeistigten Weltabgewandtheit. Die langen, leidenschaftlichen Monologe zu obskuren Themen machen vielmehr erkennbar, dass das Wissen durchaus einen eigenen, dem Handeln ebenbürtigen Wert besitzt. Denn nur über das Wissen kann sich das Handeln im Erzählen fortsetzen. Philipp Schwarz


"Grass"

Jeonwonsa Film

Das Café im Zentrum von Hong Sangsoos neuem Film "Grass" (Forum) ist wie eine kleine Ausbuchtung am Rand eines breiten Flusses – zwar ein Teil des großen Gewässers, aber dennoch von seiner Strömung unberührt. In diesem befriedeten Raum, versteckt in einer unscheinbaren Seitengasse inmitten einer nur vage zu erahnenden Großstadt, treffen eine Reihe einsamer, aus dem Leben geworfener Menschen aufeinander. Wuchtige Orchestermusik quillt aus versteckten Lautsprechern, hüllt sich schützend um den Reigen unerwarteter Begegnungen und lässt deren tastende, ziellose Rhythmen dennoch völlig unberührt. So hat Hongs ruhiger, melancholischer Film einen geradezu euphorischen Kern: Die Kunst wird in "Grass" zu einer immerwährenden Verheißung - zu einem Versprechen, das nicht eingelöst werden muss, um Halt zu bieten. Philipp Schwarz


"Isle of Dogs"

20th Century Fox

Ein Eröffnungsfilm, mit dem man nicht viel falsch machen kann: Berlinale-Stammgast Wes Anderson ("The Grand Budapest Hotel") startet den Berlinale-Wettbewerb mit seinem ersten Stop-Motion-Animationsfilm "Isle of Dogs". In einem fiktiv faschistischen Japan der Zukunft werden Hunde auf eine Müllinsel deportiert. Dort landet der kleine Atari und beginnt eine Heldenreise mit vierbeinigen Samurai, die ihm helfen, seinen geliebten Spots zu finden. Andersons liebevoll lakonische Fabel zitiert Kurosawa ebenso wie Animé-Legende Miyazaki - und verfügt über das mit Abstand größte Staraufgebot dieser Berlinale (u.a. Bryan Cranston, Scarlett Johansson, Bill Murray, Greta Gerwig), das allerdings nur zu hören, nicht zu sehen ist. Macht nichts: Schrulliger Humor und visueller Charme von Indie-Darling Anderson funktioniert auch im Nippon-Style. Andreas Borcholte



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.