Berlinale-Wettbewerbsfilm "Utøya 22. Juli" Fast unerträglich

Realer Terror als Thriller, geht das? Regisseur Erik Poppe hat das Geschehen auf der Insel Utøya in Echtzeit verfilmt. Damals tötete Anders Breivik 69 Menschen. Die Vorführung auf der Berlinale sorgte für Diskussionen.

Andrea Berntzen in " Utøya 22 Juli"
Agnete Brun

Andrea Berntzen in "Utøya 22 Juli"

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Die ersten Schüsse klingen noch wie Feuerwerk. Hört auf mit dem Quatsch, ruft Kaja den anderen Teenagern entgegen, die auf den Zeltplatz gelaufen kommen. Doch die Kids im Sommercamp der norwegischen Arbeiterpartei auf der kleinen Insel im Tyrifjord, rund 40 Kilometer von Oslo entfernt, haben keinen Schabernack im Sinn, sie haben Angst. Es ist der 22. Juli 2011, der Tag, an dem der rechtsextreme Attentäter Anders Breivik 77 Menschen tötet, 69 davon auf Utøya.

Das Datum und den Namen der Insel trägt sieben Jahre danach auch der erste Film, der sich mit diesem für Norwegen traumatisierenden Ereignis befasst. "Utøya 22 Juli" hat am Montag Premiere im Wettbewerb der Berlinale und sorgte am frühen Morgen bei der Pressevorführung für Verstörung, während er gezeigt wurde - und für irritierte Diskussionen danach. Denn Regisseur Erik Poppe ("The King's Choice"), einer der angesehensten Filmemacher Norwegens, wählte ausgerechnet für dieses hochsensible Thema ein experimentelles, radikal immersives Thriller-Format.

Nach dokumentarischem Zusammenschnitt der Explosion im Osloer Regierungsbezirk am Nachmittag des 22. Juli etabliert Poppe in wenigen Szenen seine Hauptdarstellerin Kaja, ein aufgeschlossenes und populäres Mädchen, das, erfährt man später, gern Politikerin werden würde, um die Welt besser zu machen. Mit einigen ihrer Freunde führt sie angeregte Gespräche bei heißen Waffeln über das Weltgeschehen und die Nachricht vom Anschlag, der sich wenige Stunden zuvor in Oslo ereignet hat.

Als der Terror mit den erst fernen, dann ohrenbetäubend nahen Schüssen das Lager erreicht, heftet sich die Kamera für einen einzigen langen Take an Kaja. Für 72 Minuten, so lange dauerte es, bis eine Spezialeinheit Breivik stellen und festnehmen konnte, wird der Zuschauer zum Mitläufer.

Kajas kleine Gruppe flüchtet sich zunächst in ein Waldstück. Aneinander gekauert versuchen die Jugendlichen herauszufinden, was passiert. Die Polizei? Geht nicht ans Telefon. Der Handy-Empfang? Miserabel. Immer wieder fallen Schüsse, sind Schmerzensschreie zu hören. Die Kids wissen nicht, was der Zuschauer längst weiß, das macht das Miterleben der Hilflosigkeit, der wachsenden Verzweiflung, des panischen Suchens nach Schutz auf dem winzigen Eiland fast unerträglich.

Die Erzählung den Opfern widmen

Die Nachwuchsschauspielerin Andrea Berntzen ist als Kaja eine Sensation. Immer wieder verlässt sie vermeintlich sichere Unterschlüpfe, watet erschöpft durchs Wasser, krallt sich in Matsch und Felsen, verliert mehr und mehr Halt und Fassung. Ihr Spiel macht die Extremsituation emotional nachspürbar. Und darum geht es natürlich in diesem Film: Er will die Erzählung von Utøya den Opfern widmen, nicht Anders Breivik, über den so viel berichtet und geschrieben wurde. Er ist hier nur einmal kurz als entfernte Figur auf einer Klippe zu sehen. Er ist die Blair Witch, das unsichtbare Monster im Wald in diesem Horrorfilm.

Ein Thriller-Kitzel will sich, zumindest für den nicht aus Norwegen stammenden Betrachter, der abseits des kollektiven Traumas in die Rolle des Voyeurs gedrängt wird, in "Utøya 22. Juli" jedoch ebenso wenig einstellen wie eine tiefere Erkenntnis jenseits der bekannten Fakten. Dabei sind Kaja und ihre Leidensgenossen allesamt fiktive Figuren. Das sei wichtig gewesen, sagte Regisseur Poppe auf einer Pressekonferenz am Montag, damit sich Überlebende und Hinterbliebene von Opfern beim Anschauen des Films nicht fragen müssen, ob sie gerade ihren Angehörigen bei der Flucht durch den Wald zusehen.

Mehr als ein Dutzend Mal hat Poppe seinen Film vor Betroffenen gezeigt, um sicherzugehen, dass er behutsam und respektvoll genug vorgegangen ist bei seiner riskanten Echtzeit-Inszenierung. In Norwegen, wo er gerade verheilende Wunden wieder aufreißen wird, läuft der Film am 9. März an. Im Berlinale-Wettbewerb bleibt er ein zumindest interessanter Versuch, Zeitgeschichte mit filmischen Mitteln aufzuarbeiten, der aber ethische und formale Fragen offenlässt.

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