Berlinale 2019 Die lohnen sich!

Wie hat man Sex auf staatlichen Befehl? Wie sehr mag ich meine beste Freundin? In welchem Archiv finde ich das Leben meiner Großmutter? Die Berlinale hat aufregende Filme zu bieten - das sind die Highlights.


Nicola Honor / Berlinale

Das Souvenir in "The Souvenir" (Panorama) ist der Film selbst: Aus blassen, fast pudrigen Bildern und einer beklemmenden Geschichte fertigt Joanna Hogg ein wenig schmeichelhaftes Andenken an ihre eigenen Anfänge als Filmemacherin an. Ihr Alter Ego, die Londoner Filmstudentin Julie (Honor Swinton Byrne in einem beeindruckenden Debütauftritt), lässt sich auf unbedarfte Filmprojekte und toxische Beziehungen ein, ohne zu fassen zu bekommen, welche Rolle ihr reiches, konservatives Elternhaus dabei spielen könnte. Beziehungsdrama und Sittengemälde der Thatcher-Jahre überblenden so brillant zu einer Reflexion über Privileg, Kreativität und Emanzipation. Am Ende bleibt offen, wie viel Julie hinzugelernt hat. Auch deshalb sehnt man der bereits angekündigten Fortsetzung dieses unvergleichlichen Films entgegen. Hannah Pilarczyk


© UNIT DE PRODUCTION/ ARTE Fra

Sie waren jung, schön und in Besitz einer magischen Box, gezimmert aus Holz, die es ihm, Vincent (Gaspard Ulliel) vielleicht erlauben würde, sich und sie, Louise (Freya Mavor), vor dem unausweichlich anmutenden Ende ihrer kurzen, aber intensiven Liebesbeziehung zu erretten. Die Idee von Regisseur Guillaume Nicloux ("Die Entführung des Michel Houellebecq", "Valley of Love") ist höchst romantisch und gleichwohl philosophisch. Sie handelt davon, mittels Zeitreisen eine turbulente Vergangenheit glattzustreichen. Über vier Episoden, insgesamt 192 Minuten, erstreckt sich in "Il était une seconde fois" (Berlinale Series) der wahnsinnige Versuch, der nicht nur Vincent einiges abverlangt, sondern auch seinen Beobachtern. Ein Mann, getrieben immer wieder durch ein unscheinbares Portal im Keller zu krabbeln, hoffend, gequält, nicht selten an beiden Enden scheiternd. Carolin Weidner


© Carlos Andrés Lopéz & Amerikafilm

Max Linz hat aus dem zwischen Drittmittelwahn und Evaluierungszwang gefangenen Universitätsbetrieb eine wahnsinnig komische, weil zutreffende (und deshalb bittere) Satire gemacht. Vor fünf Jahren knöpfte Linz sich an gleicher Stelle mit "Ich will mich nicht künstlich aufregen" den Kunstbetrieb vor. In "Weitermachen Sanssouci" (Forum) nun ist vieles ähnlich. Wieder sprechen die Darsteller betont unecht, kippt das Geschehen gern ins Absurde bis Surreale, steuert die Erzählung auf einen eskalierenden Endpunkt zu. Der Film scheint etwas beflissener in seinem Anspruch, jeden Aspekt seines Themas mit ins Boot holen zu wollen, ist in Form und Inhalt aber zum Glück nicht weniger anarchisch. Und umkreist zielsicher sein Leitmotiv: Virtual Reality ist hier nicht nur das spezifische Forschungsfeld der Protagonisten, sondern scheint als kritische Beschreibung von Academia mittlerweile um einiges passender als das Bild des Elfenbeinturms. Till Kadritzke


©lenafingerle/ Stephan Geene

In der Geschichte des deutschen Schlagers gab es eine ausgesprochen ruhmreiche Zeit für einen jungen Libanesen, den es über Umwege durch Italien letztlich in ein von einfachen Texten und eingängigen Melodien weichgekochtes Deutschland verschlagen hatte: Ricky Shayne. In den Siebzigerjahren an Popularität durch das Jugendzentralorgan "Bravo" befeuert, fand der attraktive Shayne seinen Weg in Ohren und Herzen unzähliger Hörer. Auch Stephan Geene ist es so ergangen, der seine Bewunderung für Ricky Shayne vor einigen Jahren in einem selbstgebastelten Fan-Album wiederentdeckt und beschließt, der Faszination filmisch nachzuspüren. Ergebnis ist "Shayne" (Forum) eine in sechs Episoden gebrochene Reise in das Reich des unbändigen Musikers, ein Anti-Porträt, ein Exzess, eine Inszenierung. Carolin Weidner


Fünferfilm/ Berlinale

Ein Film geht in die Pilze. Zweieinhalb Stunden begleitet Bernd Schoch eine Saison lang Frauen, Kinder und Männer, die in den steilen Hängen der rumänischen Karpaten Steinpilze, Pfifferlinge und Blaubeeren sammeln. Man sieht sie mit Kiepen und Schulranzen bei ihren beschwerlichen Gängen durch den Wald oder wie sie, allein von den schmalen Lichtkegeln der Stirnlampen erhellt, unter Plastikplanen auf die Morgendämmerung warten. Man spürt die Kälte, die Nässe – und die Zeit. Erwartungen an einen rhizomatischen Film über die Kreisläufe der Nahrungsmittelproduktion werden enttäuscht - die Betrachterin wird auf ihre eigene Verwertungslogik zurückgeworfen. "Olanda" (Forum) verpflichtet sich mit unbedingter Konsequenz den arbeitenden Menschen in diesem ersten "Akt" der Verwertungskette. Am Ende des Films ziehen sie weiter: zur Ernte nach Spanien oder Holland. Esther Buss


Lene Berg/ Berlinale

Der neue Film der norwegischen Künstlerin Lene Berg zeichnet anhand von Fotografien, Gerichtsmaterial und den Schilderungen des Protagonisten nach, wie Bergs Partner, ein afroamerikanischer Verleger, zum Straftäter wird, ohne eine Straftat begangen zu haben. Absurde Anschuldigungen finden ihren Weg in einen Gerichtsprozess, der absurde juristische Dynamiken entfacht. Fassungslos beobachtet man, wie durch eine Mischung aus aggressiv vorangetriebener Gentrifizierung in Harlem, tradierte Wahrnehmungsmuster und ein rassistisches Justizsystem ein unschuldiger Verurteilter produziert wird, der sein Wahlrecht verwirkt hat. "False Belief" (Forum Expanded) liefert das erschreckende Fallbeispiel für jene systematischeren Analysen des institutionellen Rassismus, die Filme wie Raoul Pecks "I Am Not Your Negro" oder Ava DuVernays Netflix-Doku "Thirteen" in den letzten Jahren leisteten. Till Kadritzke


CASQUE film/ Berlinale

Maria und Niels durchstreifen Berlin, als wäre es ein riesiger Spielplatz. Doch anstatt im Sandkasten zu buddeln, gehen sie gemeinsam auf Aufreißtour, suchen nach Männern oder Frauen, die ebenfalls Lust haben, ein wenig mit ihnen herumzutollen. Ein wagemutiges Paar, das so manche Konvention hinter sich gelassen hat. Eines Tages erspähen sie in den Öffentlichen die britische Doktorandin Chloe. Mit Radieschen im Körbchen und einer Weltgewandtheit, die beiden abgeht, löst sie vor allem in Maria (Paula Knüpling) etwas aus. Die Anziehung beruht auf Gegenseitigkeit, und so öffnet sich das Gespann diesen Sommer für einen ausgiebigeren amourösen Besuch. Regisseur Thomas Moritz Helm hat gemeinsam mit Paula Knüpling in "Heute oder morgen" (Perspektive) eine Frauenfigur erschaffen, die "in einem unverschämten Verhältnis zu sich selbst" lebt und sich nimmt, was sie will. Carolin Weidner


Liman Film/ Komplizen Film/ Circe Films/ Horsefly Productions/ Berlinale

Der Wind heult um die Häuser in den Bergen Anatoliens, und in den Nächten knackt es im Unterholz, dass selbst der Schafhirte sich graust. Die Natur ist übermächtig in "Kiz kardesler", dem Wettbewerbsbeitrag des türkischen Regisseurs Emin Alper, und mit ihr scheint auch das Schicksal der Menschen unabänderlich. Drei Schwestern hatten schon den Ausweg geschafft, sie lebten als Besleme, eine Mischung aus Dienstmagd und Adoptivkind, bei wohlhabenden Leuten in der Stadt. Jetzt sind sie aus unterschiedlichen Gründen wieder zurück in der ärmlichen Hütte ihres Vaters. Die Stimmung schwankt zwischen Zuneigung und Eifersucht, durchs Dorf steifen Banditen. Aber doch ist nicht alle Hoffnung umsonst. Alper erzählt eine Geschichte über Armut und soziale Gegensätze als Märchen mit Figuren, die halb im Mythos, halb in einer harschen Wirklichkeit stehen. Betörend schön, verstörend intensiv. Oliver Kaever


Desvia/ Berlinale

Im Brasilien der nahen Zukunft ist die Beamtin Joana für die Bearbeitung von Scheidungsanträgen zuständig. Heimlich verweist sie dabei die scheidungswilligen Paare an eine christliche Sekte, in der zerrüttete Beziehungen durch rituellen Beischlaf gekittet werden sollen. Gabriel Mascaros "Divino Amor (Panorama) entwickelt seine eigentümliche Spannung ganz aus der unklaren Mischung von utopischen und dystopischen Elementen innerhalb seiner Zukunftsvision. So ist die sexuelle Enthemmung eingebettet in eine ganz auf die Reglementierung der Fortpflanzung ausgerichtete Gesellschaft und so reibt sich eine biedere Staatsreligion an Momenten des genuinen Wunders. Auch die neonsatten Farben des Films sind mal Ausdruck lebensfrohen Überschwangs, mal das Emblem behördlicher Überwachung - eine flimmernde Instabilität, von der schließlich der gesamte Film erfasst wird. Philipp Schwarz


Lisa Pictures/ Berlinale

Wenn im Kino Briefe geschrieben oder gelesen werden konzentriert sich alle Aufmerksamkeit auf die so transportierte Botschaft und im Rückblick auf die Geschichte: den "Raum aus Zeit" (Thomas Heise). Sofia Bohdanowicz, die "MS Slavic 7" (Forum) gemeinsam mit der Schauspielerin Daregh Campbell entwickelt hat, interessiert sich für einen anderen Aspekt: die vielfachen Trennungen, die ein Brief als materielles Objekt markiert (Räume, emotionale Abstände). Konkret geht es um den im Exil geschriebenen Briefwechsel zwischen Bohdanowicz' Urgroßmutter, der polnischen Dichterin Zofia Bohdanowiczowa und dem Autor Józef Wittlin. Immer wieder begibt sich eine von Campbell verkörperte Frau in die Bibliothek, um das unter der Signatur "MS Slavic 7" katalogisierte Material nicht nur zu sichten, sondern vor der Kamera knisternd zu entfalten. Zofias Worte tauchen als Untertitel, Abschriften, Projiziertes, im Bett Vorgelesenes auf. Eine Annäherung an die eigene Familiengeschichte in frei schwebender Form. Esther Buss


Christopher Messina/ Berlinale

Die gute Seele dieses bittersüßen US-Indie-Films: Mara ist klein, hat äußerst tolle Klamotten an, ihre schwarzen Haare umschließen ein eher rundes Gesicht mit sehr runden Augen. Jo ist ihre beste Freundin aus Highschool-Zeiten: größer, schlanker, blonder, hübscher, und bedürftiger. Mara kommt klar aufs Leben und ist immer da für Jo, die manchmal nicht so richtig klarkommt. Dan Sallitts "Fourteen (Forum) erzählt die Geschichte einer ungleichen Freundschaft, aber auch davon, wie sich in keiner Beziehung das Geben und Nehmen perfekt austarieren lässt. Mit seinen großzügigen Auslassungen, in denen mal Monate, mal ganze Jahre verschwinden, mutet der Film wie eine fiktionale Langzeitbeobachtung an. Er lebt dabei vor allem von der Spannung aus der beiläufigen, intimen Form und durchaus riskanten dramatischen Zuspitzungen, in denen Sallitt aber stets den richtigen Ton trifft. Till Kadritzke


Goldie Films, Inc./ Berlinale

Am Sonntag wurde der Hauptverband für Cinephilie gegründet. Er ist unter anderem von der Sorge um den Kinonachwuchs getrieben. Doch diese Sorge erscheint zumindest in den Vorführungen der Generationen unbegründet. Immer wieder erreichen hier Filme ein großes junges und begeisterungsfähiges Publikum. Und das wird in schönster Weise angelernt: "Goldie", die neueste Arbeit von Sam de Jong ("Prins"), wirkt wie ein Dardennes-Film mit Snapchat-Filter. Die sozialen Härten, die vergeblichen Träume, das alles wird in der Geschichte vom prekär lebenden Teenager Goldie (Slick Woods) und ihren zwei kleinen Schwestern, um die sie sich plötzlich kümmern muss, erzählt. Knallbunte Animationen und eine extrem charismatische Hauptdarstellerin pumpen ihn jedoch mit einer Lebendigkeit auf, die jeder Genre-Starre entgegenwirken. Hannah Pilarczyk


Berlinale

Der Liebe wegen zog Frank Beauvais einst ins Elsass. Als die weg ist, ist der Regisseur noch immer dort. Und mit ihm Hunderte Filme, Bücher, Platten. Verbarrikadiert in einer depressiven Gleichförmigkeit, die unter anderem aus dem Gucken mehrerer Filme täglich besteht, begleitet Beauvais das Weltgeschehen aus seinem Schneckenhaus, verfolgt diverse Terroranschläge und versinkt in sich selbst. An die vierhundert Filme verschlingt er zwischen April und Oktober 2016; sie liefern das Bildmaterial dieser aufbereiteten Lebensphase. Unterlegt mit einem tagebuchartigen Essay, öffnet Beauvais in "Ne croyez surtout pas que je hurle" die Türen in eine tieftraurige, sensible und reiche Welt, die immer wieder von kurzen, freundschaftlichen Besuchen erhellt wird. Dann, endlich, kündigt sich ein Umzug an. Frank Beauvais geht zurück nach Paris. Carolin Weidner


Edition Salzgeber/ Berlinale

"Buddies" (Panorama 40) ist ein Film, der keine Zeit zu verlieren hatte. Arthur J. Bressan verfilmte in neun Tagen sein schnell geschriebenes Zweipersonenstück über einen isolierten Aids-Kranken und einen ehrenamtlichen Pfleger ("Buddy") und stellte es 1985 inmitten einer gelähmte Schwulenszene und einem ignoranten Politikfeld vor, zwei Jahre, bevor er selbst der Krankheit zum Opfer fiel. Er glaubte daran, dass nur ein Spielfilm für das Thema sensibilisieren kann und vertraute auf Musik, gute Schauspieler, melodramatische Zuspitzungen und eine sensible Filmsprache, die das Verhältnis der beiden Männer erotisiert und ihnen damit Bewegungsfreiheit verschafft. 33 Jahre lang fehlten Geld und Gelegenheiten, "Buddies" zu digitalisieren, für den sich in Deutschland 1985 ein Filmverleih gründete, um ihn schneller als die Berlinale unter die Leute zu bringen. Als Meisterwerk des zärtlichen Männerfilms ist "Buddies" jetzt eine Wiederentdeckung - und ein aktueller Aufruf zur Solidarität und Berührbarkeit. Jan Künemund


Wang Quan'an/ Berlinale

In der mongolischen Steppe liegt die nackte Leiche einer Frau, eiskalt fegt der Wind darüber hinweg. Ein junger Polizist wird abgestellt, um den Tatort zu bewachen, und ihn wiederum bewacht eine Hirtin: Sie vertreibt mit ihrem Gewehr eine Wölfin, die sich das Fleisch holen will, um ihre Jungen durchzubringen. Alles ist hier miteinander verbunden, und die zwei Parkbänke, die bizarr in der endlosen Weite stehen, unterstreichen nur, dass die Natur das Sagen hat. "Öndög" vom chinesischen Regisseur Wang Quan-an ("Tulas Hochzeit", Wettbewerb) ist eine denkbar lakonische Meditation über Leben und Tod, Geburt und Wiedergeburt. In der Steppe erklingt Death Metal, es gibt Sex am Lagerfeuer, ein Lamm wird geschlachtet, ein Kalb geboren, ein Kind gezeugt. Ein Kreislauf vom Mesozoikum bis heute. Ein Kreislauf allerdings, dem man geschickt unter die Arme greifen kann, wie die Hirtin, diese starke, stille Heldin, beweist. Oliver Kaever


Old Chilly Pictures/ Berlinale

Der Filmemacher Hassan Fazili wird von den Taliban mit dem Tod bedroht. Mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern flüchtet er aus Afghanistan zunächst nach Tadschikistan, dann über die Ostbalkanroute Richtung Deutschland. Die Familie hält ihre mehrjährige "Reise an den Rand der Hölle" auf Mobiltelefonen fest. Ihr Film "Midnight Traveler" (Panorama) zeigt Bilder, die es im abstrakten Geflüchtetendiskurs bislang nicht gibt, und hält mit filmischer Intelligenz menschliche Reaktionen auf unmenschliche Zustände fest: Warten, Menschenschmuggel, Nazi-Angriffe. Wie diese Familie auf nichts als auf sich selbst zurückgeworfen wird und im Bildermachen einen Rettungsanker findet, ist erschütternd und berührend anzusehen. Nicht erst, wenn der Vater die Tochter filmt, die im Wohnheim zu Michael Jackson tanzt: "They don't really care about us." Jan Künemund


Basilisco Filmes/ Berlinale

"Tandaradei ...". An der Schwelle zum Erzählrahmen rezitiert Ingrid Caven gurrend ein Gedicht von Walther von der Vogelweide. Manchmal singt sie auch. Oder sie heult mit dem Wolf. Rita Azevedo Gomes erklärt in "A Portuguesa" (Forum), ihrer farbintensiven Adaption der gleichnamigen Novelle von Robert Musil, allen Handlungsraum zur Bühne, zum Diorama und Gemälde – mit Anklängen an niederländische Malerei, etwa von Vermeer und van Eyck. Während Herr von Ketten Jahr um Jahr Krieg führt, verbringt seine aus Portugal weggeheiratete Frau die Zeit auf einem abgewrackten Schloss mit Lesen, Zeichnen, Singen und dem Töpfern von merkwürdigen Skulpturen. Dabei festigt sie durch buchstäbliches "Aussitzen" stetig ihren Platz. "A Portuguesa" ist reine Bildbetrachtung, die Figuren staffeln sich in die Tiefe, jedes Ding hat seinen Platz, auch die Sprache steht objekthaft im Raum. Nur die Tiere machen, was sie wollen. Esther Buss


bathysphere/ Berlinale

Zehnjährige Schulkinder proben für die große Theatervorführung vor den Ferien. Sie tanzen, singen, rezitieren Gedichte. Der Lehrer ist ambitioniert, die eingeforderten Gesten und Gefühle sind viel zu groß, die Nervosität steigt. Mittendrin findet eine Übung für den Fall eines Terrorangriffs statt. Ängste werden geschürt und übersetzen sich in eine fiebrige Traumstimmung, die sich mit dem erotischen Erwachen von Daniel verbindet. Er hat eine Mitschülerin nackt gesehen und schämt sich. Sein Freund will mit ihm Tango tanzen. Am Ende singt Fischer-Dieskau Schuberts Litanei auf das Fest aller Seelen. In "Daniel fait face" (Generation), dem faszinierenden Spielfilmdebüt von Marine Atlas, steht die Zeit still, und das Bewusstsein wird so scharf wie die scheinbar so nüchternen Bilder. Ein Film, der sich sehr sicher auf Zehenspitzen bewegt, um Gefühle zu umkreisen, für die man mit zehn Jahren noch keine Worte hat. Jan Künemund


ton und bild/ Berlinale

Nach der Hälfte von "African Mirror" (Forum) sind die Zweifel, warum man sich das ansehen sollte, handfest. Warum sollte man immer weiter die rassistischen Bilder René Gardis aus Afrika, die der Schweizer in den Fünfzigern und Sechzigern gedreht hat, betrachten? Warum weiter seinen Ausführungen zum "edlen Wilden" zuhören? Zwei Minuten später, wenn einen schockhaft eine entscheidende Information über Gardi erreicht hat, weiß man es umso deutlicher. In seiner brillanten Montage aus Gardis eigenem Archivmaterial, Texten wie Bildern, verzichtet Mischa Hedinger auf jeglichen Kommentar und lässt stattdessen das Material über und gegen seinen Macher sprechen. Ein auf so vielen Ebenen souveräner Film. Hannah Pilarczyk


Jayhawker Holdings/ Berlinale

Skateboards, Gangsta Rap, Camcorder: Jonah Hills Regiedebüt "Mid90s" (Panorama) strotzt vor Zeitmarkern, blickt aber nicht nostalgisch auf das eigene Heranwachsen im L.A. der Neunziger zurück. Persönliche Erinnerungen sind für den 35-jährigen Schauspieler nur lose Leitfäden, um seine Geschichte um Wuschelkopf Stevie zu erzählen, der seinen Platz im neuen coolen Freundeskreis finden muss. Und cool sein ist harte Arbeit, erklärt uns dieser Film, beweist dabei einen genauen Blick nicht nur für das spezifische Milieu, sondern auch allgemein für die subtilen Codes und Mechanismen, mit denen der Junge zum Mann wird. Zugleich, und das macht den besonderen Charme des Films aus, scheint Hill in jede seiner Jungsfiguren gleichermaßen verknallt - und lässt seinen Laiendarstellern alle Freiheiten, die Konventionen des Coming-of-Age-Genres mit neuem Leben zu füllen. Till Kadritzke


Pakkawat Tanghom/ Berlinale

Mit großer Geste auf großes Kinos einstimmen, das sollen wohl Eröffnungsfilme. Die unabhängige Woche der Kritik widersetzt sich dieser Erwartungshaltung, verzichtet aufs Laute und Eindeutige und programmiert gerade deshalb den um Längen schöneren Eröffnungsfilm als das Spektakel am Potsdamer Platz. "Nakorn-Sawan" nähert sich den brüchigen Konzepten von Erinnerung und Trauer in angemessen hybrider Form: Filmemacherin Puangsoi Aksornsawang lässt erst dokumentarisches Material von ihrem alleinstehenden Vater in Thailand laufen, dann fängt sie an, eine fiktive Familie bei der Beerdigung der Mutter als zweiten Erzählstrang zu inszenieren. Der Verlust der Mutter ist real, Aksornsawang hat ihn selbst erlebt. Wahrhaftig ist ihr Erzählen aber auf beiden Ebenen, denn die Fiktion springt hier der Dokumentation bei, unterstützt sie beim schmerzhaften Sagen und Zeigen und bietet so eine Art von Trost - im Film, aber auch durch den Film. Hannah Pilarczyk


Newcity Chicago Film Project/ Berlinale

Irgendwo im Mittleren Westen ist die Teenie-Welt fast so, wie wir sie aus Filmen kennen: High School, pubertäre Verklemmtheiten, neurotische Eltern, Triebstau. Dann verschwindet eine Schülerin, und "Knives and Skin" (Generation) wird zu einem knallbunten Alptraum, wie man ihn noch nicht gesehen hat. Make-up wird aufgetragen, Figuren setzen Masken auf und werfen sich in beunruhigende Kostüme, das Schauspielerinnen-Ensemble setzt sich als Chor zusammen und bastelt sich Dialoge aus Achtzigerjahre-Songs. Irgendwann merkt man, wie unfassbar detailverliebt auch dieser Film gebastelt ist, der keine Fixierungen zu kennen scheint und in dem eher Farben miteinander kommunizieren als Menschen. Und wer nach der Berlinale sich den Namen der Regisseurin nicht merkt, hat vom Kino nichts verstanden: Jennifer Reeder. Jan Künemund


Early Day Films/ Berlinale

Die abstrakte Rede vom "Strukturwandel" findet in "Bait" (Forum) zu konkreten Bildern einer unversöhnlichen Konfrontation. In einem pittoresken Fischerdorf in Cornwall knüpfen Fischer dicke Knoten, während wohlhabende Städter Feinperliges im Kühlschrank verstauen. Es gibt Streit um einen Parkplatz und einen Hummer, ein Hipster, rein äußerlich vom Einheimischen kaum zu unterscheiden, flippt aus wegen Maschinenlärm am Morgen. "Sie haben ja nicht mal ein Boot", dünkelt einer und trifft Martin an seiner empfindlichsten Stelle - sein Bruder hat es für Ausflugsfahrten zweckentfremdet. Mark Jenkin sucht nicht die Analyse, sondern den Ausdruck: Verletzung, Wut, Ressentiment, Unverständnis. Auch die Montage ist voll auf Krawall gebürstet. Der beklagte Traditionsverlust findet seine Form in grobkörnigen, von Hand entwickelten Schwarzweiß-Bildern auf 16mm. Film- und Fischereihandwerk als Komplizenschaft. Esther Buss


Automatic Moving/ Berlinale

An den Camcorder-Look von Peter Parlows Forumsbeitrag "The Plagiarists" muss man sich erstmal gewöhnen, alles scheint so direkt und unmittelbar. Der Look des Films ist zugleich Teil einer allgemeinen Reflexion über die Frage, wie sich Leben in Kunst verwandelt, woher Menschen den Stoff nehmen, aus dem sie Filme und Romane machen. Dabei erzählt "The Plagiarists" (Forum) in seinem ersten Teil eine recht banale Geschichte von einem hippen Pärchen, das nach einer Autopanne eine Nacht bei einem Fremden verbringt. Ein halbes Jahr später macht Alison ausgerechnet bei Karl Ove Knausgård eine Entdeckung, die eben diesen Abend in etwas anderem Licht erscheinen lässt. Ein Plagiatsvorwurf steht im Raum, letztlich auch die Frage, ob nicht hinter jeder Wahrheit ein Plagiat steckt - und hinter jedem noch so unmittelbaren Camcorder-Bild ein ausgeklügeltes Drehbuch. Till Kadritzke


Envie de Tempête Productions/ Berlinale

Was ist eine Gewerkschaft? Wofür lohnt es sich zu streiken? Jean-Gabriel Périot richtet in "Nos défaites" (Forum) diese Fragen an den Filmkurs eines Gymnasiums in Ivry-sur-Seine. Die Antworten fallen höchst unterschiedlich aus. Nur einer weiß, was eine Gewerkschaft ist, vom Streiken hält ungefähr die Hälfte etwas. Das innere moralische Pendel, das zwischen "Richtig" und "Falsch" schwingt, scheint vor lauter Komplexität zum Stillstand gekommen zu sein; die jungen Gesichter wirken mitunter genauso sympathisch wie apathisch. Als Experiment infiltriert Périot die Schüler mit politischem Kino, lässt sie Szenen von Godard bis Tanner nachspielen, drückt ihnen das kommunistische Manifest in die Hand, und obendrein die Kamera. Der Effekt ist verblüffend: Aus Erschlafften werden Radikale, die, die nichts mit Politik zu tun haben wollten, rufen plötzlich zum Aufstand auf. Carolin Weidner



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