Deutsches Nachwuchskino auf der Berlinale Die Partyspreu trennt sich vom Büroweizen

Lebt es sich in Köln schamloser als in Berlin? Solche Fragen werfen die Filme der Berlinale-Nachwuchsreihe "Perspektive deutsches Kino" auf. Sie erkunden neue Liebeskonzepte, aber auch streng muslimische Milieus.

Tondowski Films/ Berlinale

Man schafft sich ja ein Bild vom eigenen Wirkungsfeld. Und neigt dann dazu, sich in ihm einen Titel zu verpassen. Als "Exzessbetreuer" bezeichnet sich zum Beispiel einer der drei Türsteher in David Dietls Dokumentarfilm "Berlin Bouncer".

Dass junge Menschen, vor allem Großstädter, dieser Tage einer gewissen Betreuung bedürfen, dieser Eindruck stellt sich nach ein paar Filmen der Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino ein. Überall Flatternde. Fast möchte man eine Bekanntschaft herstellen zwischen ihnen und den starken Männern, den Bouncern - wären Letzere nicht selbst viel zu eingenommen von der vermeintlichen Herrlichkeit ihres Seins und Tuns.

Möglicherweise hat Dietl es darauf angelegt, diesen Eindruck entstehen zu lassen. Oder er ist mittels seiner Interview-Schürfmanöver ins Emotionale genau darauf gestoßen. In jedem Fall möchte man lieber doch keine Begegnung beschwören. Aber dort, wo die Bouncer stehen und über das Nachtglück (oder -Unglück) der anderen entscheiden, da sind die Protagonistinnen und Protagonisten der Perspektive-Filme eh nicht.

Sondern in Neukölln. Oder Kreuzberg. Oder Kreuzkölln. Jedenfalls längst nicht mehr in Mitte. Die Straßen dieses Kinos heißen Sonnenallee (es ist selbstredend eine sehr andere als die von Leander Haußmann) und Boddinstraße. Die Spree ist zum Kanal geschrumpft. Dennoch wird dieser Mikrokosmos immer häufiger mit Taxis erschlossen. Was zum einen darauf hinweisen könnte, dass die Berliner Straßen ein anderes Ausmaß besitzen (die Sonnenallee allein kommt auf knappe fünf Kilometer Länge) als die meisten anderen innerstädtischen.

Pascal Houdus und Raha Emami Khansari in "Dreißig"
Simona Kostova/ dffb/ Berlinale

Pascal Houdus und Raha Emami Khansari in "Dreißig"

Es bedeutet aber noch etwas: Es gibt Geld. In "Dreissig" von Simona Kostova wird reichlich Taxi gefahren. Interessanterweise kommt man trotzdem nirgendwo an. Es genügt anscheinend nicht, eine Adresse zu wissen und ein paar Münzen im Portmonee klimpern zu haben.

Kostova hat Regie an der dffb studiert und ist Teil des Kollektivs "Demnächst auf Video". "Dreissig" ist ihr erster Spielfilm. Im Pressematerial kokettiert sie mit einem Zitat von Anton Tschechow: "Wo ist sie, wo ist sie hin, die Zeit, als ich fröhlich war, wach, als ich noch träumte, leuchtende Ideen hatte, als mir Gegenwart und Zukunft als Hoffnung erstrahlten? Warum werden wir, kaum haben wir angefangen zu leben, langweilig, grau, uninteressant, träge, nutzlos, unglücklich..."

Das Lamento steckt auch im Sechs-Personen-Ensemble des Films, das sich in Sachen Alter um die berühmte Dreißig bewegt, der angeblichen Grenze, wo sich die Partyspreu vom Büroweizen trennt. An diesem Abend, in dieser Nacht, fühlen sie sich alle eher als Spreu. Die einen sind kein Paar mehr (Pascal und Raha), die anderen gehören nicht recht dazu (Anja), spüren gar nichts mehr (Övünç) oder zu viel (Kara) oder hampeln einfach rum (Henner).

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Perspektive Deutsches Kino: Die Klasse von 2019

Simona Kostovas Blick auf diese in Berliner Tummelplätzen Gestrandeten ist empathisch, liebevoll und gelegentlich witzig. In der besten Szene des Films sind Raha und Kara in einer Küche, und während Kara zum Thema Femininus monologisiert, steht Raha am Standmixer und unterbricht das "Gespräch" mit einem ausführlichen, ohrenbetäubenden Einsatz des Geräts. Kara, gespielt von Kara Schröder (die man im Auge behalten sollte), lässt sich indes von einem Ventilator umwehen.

Dass in "Dreissig" alle ihre wirklichen Namen behalten, lässt auf eine gewisse Identifikation schließen, vielleicht mit den Figuren, vor allem aber mit der dargestellten Zwischenphase. Einer Phase, in der man nun auch schon ein bisschen angestrengt dabei aussehen mag, wenn man wild und ausgelassen durch Berlin mäandert. "Dreißig" umgibt in dieser Verkrampfung auch etwas Monströses.

"easy love" mit Niclas Jüngermann
Janis Mazuch/ Berlinale

"easy love" mit Niclas Jüngermann

Den eigenen Authentizitätsanspruch vermittelt "easy love" ähnlich, findet letztlich aber doch einen anderen Zugang. Das Verhältnis zwischen Fiktion und Dokumentation fällt in Tamer Jandalis Film stärker zugunsten der Dokumentation aus, auch hier behalten alle ihre Namen aus dem Personalausweis. Die Stadt ist nicht Berlin, sondern Köln, auch wenn man sich darin zunächst nicht sicher wähnt und den Fernsehturm sucht. Der erscheint natürlich nicht, dafür aber sieben Frauen und Männer, die alle an verschiedenen Liebes- und Lebenskonzepten feilen.

Ein Paar versucht es mit einer offenen Beziehung, dann gibt es einen Aufreißer, Nic, der an eine männliche Variante von Bettie Page erinnert und schließlich seine Meisterin trifft; außerdem ein lesbisches Paar sowie Sophia, die sich prostituiert und trotz "Nuttengeld" wieder bei ihrer Mutter einzieht. In "easy love" sind alle so durcheinander wie Sophias mit Kleidung vollgestopfte Schubladen. Die Situation gleicht der in Berlin, aber die Konfrontation wirkt freier und offener, die Scham fehlt. Man sagt halt, wie es ist. Vielleicht nimmt das ein Stück der Dunkelheit.

Gleichzeitig stammt ein besonders abgründiger und ernstzunehmender Beitrag aus dem Rheinland, "Oray", eine Koproduktion von ZDF/Das kleine Fernsehspiel und der Kunsthochschule für Medien Köln. Der Regisseur heißt Mehmet Akif Büyükatalay, und er sagt über seinen Film: "Es gibt wohl kaum ein Thema, das derart umkämpft und gleichzeitig so beharrlich im öffentlichen Interesse zu zirkulieren scheint, als der Islam und Muslim*innen. Ich musste mich als Muslim hierzu verhalten."

Deniz Orta (links) und Zejhun Demirov in "Oray"
Christian Kochmann / filmfaust/ Berlinale

Deniz Orta (links) und Zejhun Demirov in "Oray"

"Oray" handelt von Oray (Zejhun Demirov), einem jungen Muslim aus Hagen, der seiner Ehefrau Burcu (Deniz Orta) im Streit die Scheidungsformel "talaq", "Verstoßung", entgegenschleudert. Nach islamischen Recht folgt darauf eine dreimonatige Trennung - oder sogar die Scheidung? Oray versucht, die Dinge klar zu bekommen, geht nach Köln, festigt seinen Glauben und engagiert sich in einer Moschee; er ist charismatisch und zieht Neulinge, aber er möchte auch zurück zu Burcu.

Büyükatalay gelingt die Darstellung eines Millieus, die gerade aufgrund ihrer Nähe an Komplexität gewinnt. "Oray" bleibt dadurch unvorhersehbar und aufregend, was allerdings auch ein Indiz dafür sein könnte, welch Unbekannte die türkisch-muslimische Welt im deutschen Spielfilm noch immer ist.

Übrigens hat auch Mehmet Akif Büyükatalay einen Namen für sich gefunden: "Sprachrohr".


Das komplette Programm der Reihe "Perspektive deutsches Kino" finden Sie hier.

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olicrom 07.02.2019
1. Na und vor allem aber kreist man um den eigenen Nabel.
Oder welches Körperteil auch immer. Was ist daran jetzt neu? Wen interessiert das? Warum soll ich mir überlange Selfies nun auch noch im Kino ansehen?
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