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Berlinale-Ausklang: Schau an, da fehlt was

Von Olaf Schneekloth

Am vorletzten Berlinale-Tag bewiesen die Wettbewerbs-Filme Mut zur Lücke. Ob iranischer Fußballfilm, deutsches Exorzismus-Drama oder US-Biopic: Alle Beiträge glänzten mit einer Ästhetik der Auslassung - aber nicht jedes Werk überzeugte.

Mut zur Lücke - unter dieses Motto könnte man die drei Filme stellen, die den diesjährigen Wettbewerb beschließen: der iranische Beitrag "Offside" von Jafar Panahi ist eine Fußballkomödie ohne Fußball, der vierte deutsche Wettbewerbsbeitrag "Requiem" von Hans-Christian Schmid ist ein Exorzismus-Drama, das endet, bevor der eigentliche Exorzismus beginnt. Und Bennett Millers "Capote" mit Philip Seymour Hoffman in der Titelrolle ist ein Biopic, dass eben nicht brav alle wichtigen Karrierestationen abhakt, sondern sich auf sieben entscheidende Jahre im Leben des Schriftstellers konzentriert.

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Wettbewerb: Autor, Kicker, Hexenwahn

Dass dieser Film außer Konkurrenz läuft, weil er im letzten Herbst bereits auf dem Filmfestival von Toronto uraufgeführt wurde, ist ein Glück für sämtliche Bären-Mitbewerber. Den Darstellerpreis hätten sich sonst schon mal alle abschminken können. Für sein phantastisches Truman-Capote-Porträt nahm Hoffman bereits einen Golden Globe mit nach Hause, und den Oscar wird er vielleicht - trotz starker Konkurrenz durch schwule Cowboys (Heath Ledger/"Brokeback Mountain") und Country-Legenden (Joaquin Phoenix/"Walk the Line") auch bald in Händen halten.

Kaltblütiges Genie

"Capote" konzentriert sich auf die Jahre von 1959 bis 1966. Damals recherchierte und schrieb Truman Capote seinen berühmten Non-Fiction-Roman "Kaltblütig" über den Mord an der vierköpfigen Farmersfamilie Clutter aus Kansas. Als das Buch schließlich erscheint, ist es eine literarische Sensation, doch Capote bleibt als depressives Wrack zurück, das sich hauptsächlich von Whiskey ernährt. Bis zu seinem Tod 1984 bringt er nichts Wesentliches mehr zustande. "Kaltblütig" hat ihn zwar unsterblich gemacht, aber zermürbende Arbeit und psychische Belastung haben ihn zerstört.

Philip Seymour Hoffman, abonniert auf Außenseiterrollen und gestörte Figuren ("Happiness", "Boogie Nights") ist eine Sensation. Aber denkt man daran, dass die meisten deutschen Kinogänger "Capote" in der Synchronfassung sehen werden, packt einen jetzt schon das "rote Grausen" - so beschrieb Capotes berühmteste Romanfigur Holly Golightly in "Frühstück bei Tiffany" die Panik, die sie von Zeit zu Zeit befällt. Hoffmans antrainiertes, quäkig blasiertes Näseln muss man einfach gehört haben.

Capote, der von sich selbst sagte, "ich bin schwul, ich bin süchtig, ich bin ein Genie", war arrogantes Arschloch und liebenswerter Plauderer zugleich. Partylöwe von New York, eitler Pfau und berechnender Egozentriker, der die beiden Mörder der Clutters, Perry Smith und Richard Hickock, genau so lange unterstützte, bis er aus ihnen die nötigen Informationen für sein Buch herausgeholt hatte und erleichtert war, als sie hingerichtet wurden. Schließlich brauchte "Kaltblütig" noch das passende Ende. Auf der anderen Seite nahm ihn die die Exekution der beiden so mit, dass er sich nie wieder davon erholte. Hoffman lieferte mit seiner superben Truman-Show eines der Highlights der Berlinale.

Erhörte Gebete

"Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte", zitierte Capote die Heilige Theresa von Avila in seinem letzten, fragmentarisch gebliebenen Roman "Erhörte Gebete". In Hans-Christian Schmids "Requiem" werden die Gebete von Michaela (Sandra Hüller) erhört, und damit fängt für die 21-Jährige das Martyrium tatsächlich an.

Das schüchterne Mädchen aus der schwäbischen Provinz hat einen Studienplatz in Tübingen erhalten. Gegen den Willen der Mutter (Imogen Kogge) verlässt sie ihr streng katholisches Elternhaus. Lediglich der Vater (Burghart Klaußner) hält zu ihr, in Sorge wegen ihrer epileptischen Anfälle. Michalea genießt anfangs ihre neue Freiheit, so gut es geht, findet in Hanna eine Freundin und mit Stefan ihre erste Liebe. Doch es dauert nicht lange, da hört sie Stimmen, sieht Fratzen und kann nicht mehr beten. Ein quälender Abstieg in die Psychose beginnt. Sie glaubt, besessen zu sein. Ein Exorzismus scheint der einzige Ausweg.

In Schmids skizzenhaftem Drama nach einem wahren Fall aus den siebziger Jahren müssen erst drei Viertel des Films verstreichen , bis Michaelas Wahn Gestalt annimmt. Schmid verzichtet weitgehend auf Effekthascherei, und als der Exorzismus beginnt, blendet er aus. Solche Szenarien überlässt er lieber Horrorfilmen wie "Der Exorzismus von Emily Rose" (2005), der denselben Fall in die amerikanische Provinz übertrug.

Sandra Hüller, eine 27-jährige Newcomerin, könnte mit diesem stillen, eindringlichen Porträt die Julia Jentsch der diesjährigen Festspiele werden. Ebenfalls Theaterschauspielerin, gibt sie hier ihr Kinodebüt, für das sie bereits mit dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.

You'll Never Wait Alone

Das namenlose, iranische Mädchen, das in "Offside" im Bus sitzt, hat einen viel simpleren Traum als einen Studienplatz. Es will einfach nur das WM-Qualifikationsspiel Iran - Bahrain sehen. Doch Stadionbesuche sind für Frauen im Ayatollah-Staat verboten. Noch am Eingang wird die mit einer Mütze verkleidete Fußballfanatikerin abgefangen und landet mit einer Handvoll Gleichgesinnter in einem Gatter neben dem Stadion. Das Spiel können die Mädchen wie auch die Zuschauer weitgehend lediglich hören. Manchmal kommentiert einer der Wärter, was auf dem Platz passiert, aber das ist nicht dasselbe.

Aus Iran ist man eher Dramen mit minimalistischer Ästhetik gewohnt und keine Feelgood-Movies. Doch Jafar Panahis Fußballkomödie schlägt heitere Töne an. Die festgehaltenen Mädchen verwickeln ihre Aufpasser in Diskussionen über Fußball, hebeln die Argumente der Männer aus, warum Fußballspielbesuche schlecht für Frauen sein sollen (angeblich, weil Männer im Stadion ständig fluchen) und treiben ihre Späße mit den zunehmend hilfloser wirkenden Soldaten. Richtig ernst wird es für die Mädchen nie; Konsequenzen hat ihr nonkonformes Verhalten nicht.

Ob der Film einen der begehrten Preise mit nach Hause nehmen kann? Eher unwahrscheinlich. Dafür ist die Konkurrenz, auch die aus Deutschland, zu groß. Aber wer weiß: Vielleicht haben ja die Juroren ebenfalls Mut zur Lücke - und übersehen exzellente Leistungen wie "Elementarteilchen" und "The Road to Guantanamo". Dann könnte es auch ein Fußballfilm ohne Fußball zum Goldenen Bären bringen.

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